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In den 1930er
Jahren verfasste Walter Benjamin den Vortrag "Der
Autor als Produzent", in welchem er fordert, den
Produktionsapparat nicht zu beliefern, sondern ihn zu
verändern. Künstlerische Arbeiten sollen sich auf die
Umgestaltung von Institutionen konzentrieren und
"den Funktionszusammenhang zwischen Bühne und
Publikum, Text und Aufführung, Regisseur und
Schauspieler (...) verändern".
Diese Forderung erfährt eine praktische Umsetzung, wenn
ProduzentInnen
zur Produktion anleiten und KonsumentInnen die
Position von ProduzentInnen einnehmen. Als Beispiele für
diese "Umfunktionierung" des
Produktionsapparats zieht Benjamin das epische Theater
von Bertolt Brecht und den Komponisten Hanns Eisler
heran, da beide versuchen, den Gegensatz zwischen
ProduzentInnen und Publikum aufzulösen und den
Produktionsapparat nicht zu beliefern.
Dieser Artikel ist
der Versuch, Momente der Umfunktionierung in der Popularkultur
zu beschreiben. Dabei möchte ich weder der kulturpessimistischen
Adorno’schen Lesart von Popularkultur folgen, noch einem
affirmativen Cultural-Studies-Ansatz das Wort reden.
Vielmehr diskutiere ich im Folgenden einige Momente
in der Geschichte der Popularkultur, die als Ansätze
für eine Umfunktionierung im Sinne von Benjamin gelesen
werden können. Dazu greife ich zunächst auf Pierre Bourdieus
Begriff des Feldes
zurück. Bourdieu definiert die Felder der kulturellen
Produktion als soziale Räume und dynamische Konzepte.
Das erlaubt, AkteurInnen als aktiv Handelnde zu begreifen.
Sie versuchen Funktionsgesetzen zu folgen und Machtbeziehungen
zu etablieren, die sich von jenen der Politik und der
Ökonomie unterscheiden. Bei diesen Versuchen, die als
Selbstermächtigungsprozesse verstanden werden können,
entstehen sowohl Konflikte mit dem herrschenden System
als auch zwischen den Handelnden in den Feldern der
kulturellen Produktion. Die Handelnden nehmen dabei
Positionen ein und verfolgen Strategien, die Momente
ermöglichen, um den Funktionszusammenhang zwischen
ProduzentInnen und KonsumentInnen aufzubrechen. In diesen
Momenten wird die Belieferung des Produktionsapparats
unterbrochen und die Strukturen eines Feldes verändern
sich. Für Bourdieu eröffnen die Felder der kulturellen
Produktion soziale Räume, die sich temporär der ökonomischen
Logik entziehen können.
Dieser in Kürze skizzierte
Feld-Begriff erscheint geeignet, ihn auf die Popularkultur
anzuwenden. Allerdings ergibt sich dabei das Problem,
dass Bourdieu die Felder der kulturellen Produktion
als hierarchisch strukturiert beschreibt. In diesem
hierarchischen Feld eröffnen sich zwar Momente, um eine
ökonomische Logik temporär zu unterbrechen, jedoch besteht
keine Möglichkeit zur Transgression des im Feld vorherrschenden
Normenkodex. Um jedoch eine umfassende "Umfunktionierung"
zu erreichen, erscheint es notwendig, neben der Veränderung
des Produktionsapparats und der Strukturen der Felder
der kulturellen Produktion auch den Normenkodex zu durchbrechen.
Darauf werde ich später nochmals zurückkommen.
Kill
Your Idols
Punk
war eine der ersten Bewegungen in der Geschichte der
Popularkultur, die Selbstermächtigungsstrategien
für die Felder der popkulturellen Produktion nachhaltig
definierte. Mit dem propagierten musikalischen Dilettantismus
von kaum mehr als drei Akkorden auf der Gitarre, Schlagzeug
und Gesang war das Publikum angehalten und zugleich
angeleitet, eine eigene Band zu gründen. Punk kehrte
damit dem aufgeblasenen Apparat des Stadionrock der
60er Jahre den Rücken und unterlief kurzerhand die Vorstellung,
dass nur eine qualifizierte SpezialistInnengruppe Popmusik
performen und produzieren könnte.
Dieses
in den 70ern etablierte "Do-It-Yourself"-Prinzip
ermutigte das Publikum, in die Rolle der ProduzentInnen
zu schlüpfen und in der Folge entstanden neben Bands
auch selbstverwaltete Schallplattenlabels. Die Positionsveränderung
des Publikums ist eine Selbstermächtigungsstrategie,
die es erlaubte, eine kritische Haltung gegenüber den
Funktionsgesetzen der Politik und der Ökonomie einzunehmen.
Sie kann als "Umfunktionierung" in mehrfacher
Hinsicht interpretiert werden: Die Handelnden versuchten,
die wirtschaftliche Übermacht der Majors zu untergraben,
indem sie die musikalische Produktion nicht länger unter
das ökonomische Diktat der Gewinnmaximierung stellten
und Formen einer Gegenöffentlichkeit entwickelten, die
oppositionelle Meinungen und Lebensalternativen ausdrückten.
Das Feld der popkulturellen Produktion erfuhr durch
diese Interventionen eine Neuordnung seiner Strukturen,
die mit einer temporären Unterbrechung in der Belieferung
des Produktionsapparats einhergingen. Durch DIY nahmen
KonsumentInnen zunehmend die Position von ProduzentInnen
ein und veränderten den Funktionszusammenhang zwischen
Bühne und Publikum. Musikalischer Dilettantismus, der
Schmutz, Schund und Raserei zur obersten Prämisse erklärte,
leitete die KonsumentInnen zur Produktion an und nicht
zuletzt wurde durch die Gründung von "Independent"-Schallplattenlabels
das Feld der popkulturellen Produktion autonomer.
Allerdings ermöglichte Punk als
ein Moment der "Umfunktionierung" auch ein
Aufbrechen des Normenkodex. Punk war das erste popkulturelle
Phänomen, das die romantischen Vorstellungen von heterosexueller
Liebe und Sexualität attackierte. In der Ablehnung von
Sexualitätskonstruktionen als eine konsumierbare Ware
verneinten Punk-Bands ihre Sexualität: "What is
sex anyway?”, fragte Johnny Rotten. "Just
thirty seconds of squelching noises.” Und
Xray Spey stellten bereits 1978 fest, dass der Frage
nach Identität zwangsläufig eine Krise immanent ist.
"Identity
is the Crisis. Can’t you see.” Punk
erteilte den etablierten Sexualitätsstereotypen in der
Popkultur eine Absage und der Erfolg dieser Transgression
war, dass der Gesang und die Bühnenpräsenz von Frauen
hart, schrill und unkonventionell sein durften.
Dieser Moment der
"Umfunktionierung" im Feld der popkulturellen
Produktion fand in den 70er Jahren statt. DIY ermöglichte
Selbstermächtigung, eine Transgression des Normenkodex
und den Versuch, das Feld der popkulturellen Produktion
autonomer zu gestalten. Dieses Zusammenspiel bewirkte
eine kurze Unterbrechung in der Belieferung des Produktionsapparats
und eine Veränderung der Feldstrukturen. Jedoch wurde
Punk, kaum hatte sich das Moment der "Umfunktionierung"
bemerkbar gemacht, zu einer vermarktbaren Ware, die
sich gewinnträchtig in die ökonomische Logik eingeschrieben
hatte. Die "Umfunktionierung" dauert also
kaum länger als einen Atemzug.
Punk is dead. Long
live Punk
Punk
ist eine jener popkulturellen Erscheinungen, die seit
ihrer Entstehung immer wieder für tot erklärt wird.
Aber brauchte Punk nicht all diese Absagen, um das Konzept
des DIY in veränderter Form wieder zum Leben zu erwecken?
Seit den 70ern wird DIY in den unterschiedlichen Feldern
der popkulturellen Produktion immer wieder neu interpretiert,
obwohl nach der Eingliederung von Punk in die globale
Ökonomie seine Ausdrucksformen als veraltet gelten.
DIY blieb dennoch ein ideologischer Ort, um Kritik am
herrschenden System zu artikulieren und das Publikum
in die Rolle von ProduzentInnen zu versetzen. Eine der
Neuauflagen von DIY, die Riot-Grrrl-Bewegung, soll im
Folgenden auf Momente der "Umfunktionierung"
befragt werden. Finden sich in dieser popkulturellen
Bewegung Anfang der 90er Jahre noch solche Momente?
Zu Beginn der 90er
Jahre gründeten Frauen im Umfeld von Washington D.C.
eine Post-Punk-Bewegung, die es sich zur Aufgabe machte,
offensiv gegen die Unsichtbarkeit von Frauen in der
Popkultur aufzutreten. Mit Bands wie Bikini Kill, Heavens
to Betsy und Bratmobile entstand eine Euphorie, die
nicht nur KonsumentInnen zur aktiven Teilnahme ermutigte,
sondern auch offensiv gegen die kapitalistische Vermarktung
des neu entstandenen popkulturellen Phänomens auftrat.
1997 proklamierte Kathleen Hanna, von den Medien zur
Frontfrau der Riot-Grrrl-Bewegung stilisiert:
"Um die Muster
des Kapitalismus anzufechten, brauchen wir nicht nur
PerformerInnen, die sich nicht als Ware vermarkten lassen,
sondern auch ein Publikum, das zur aktiven Teilnahme
bereit ist und nicht nur blind konsumieren will. (...)
Wir wollen mit den Gewohnheiten im Kapitalismus brechen
und arbeiten deshalb nicht mit großen Labels und Unterhaltungskonzernen.
Dies ist eine politische und künstlerische Entscheidung
(...)."
Politik und Kunst
zu vereinen, bedeutete für die Riot-Grrrl-Bewegung,
den DIY-Ethos des Punk mit einer antikapitalistischen
Haltung zu verbinden, ohne die Erkenntnisse der feministischen
Theorie und Praxis zu vergessen. Während sich viele
Rock- und Pop-Musikerinnen in der Öffentlichkeit meist
davor scheu(t)en, positiv auf den Feminismus Bezug zu
nehmen, sah sich die Riot-Grrrl-Bewegung durch den Slogan
"Das Private ist politisch" ermutigt, eine
hedonistische Praxis zu schaffen, die künstlerische
Produktion und feministische Politik vereint. Frauen
waren aufgefordert, Erfahrungen mit sexueller Gewalt,
Sexismus, Rassismus und Homophobie in selbstproduzierten
Fanzines zu publizieren und in ihre künstlerischen Praxen
zu integrieren. Innerhalb kurzer Zeit gründeten sich
mehr als zwanzig Bands mit eigenen Releases (Stand 1993),
eine Vielzahl von Fanzines wurde produziert und selbstverwaltete
Plattenlabels wie K Records oder Kill Rock Stars wurden
ins Leben gerufen. Mit diesen Selbstermächtigungsstrategien
wurden Konsumentinnen nicht nur zu Produzentinnen, sondern
es veränderte sich auch der Funktionszusammenhang
zwischen Bühne und Publikum.
"Feminists
have rewritten the rules of public performance. (…)
They have treated their audience differently, and gigs
have been physically transformed. But they have done
this in a different way from punk bands. By speaking
and singing to the women in the audience – by prioritising
them – feminist bands have challenged the traditional
taken-for-granted dominance of men at gigs.”
Die Riot-Grrrl-Bewegung
löste ein Moment der "Umfunktionierung" aus,
der zur Veränderung des Produktionsapparats und der
Strukturen im Feld der popkulturellen Produktion führte
als auch eine Möglichkeit zur Transgression des Normenkodex
schuf. An die Stelle einer Absage an die Sexualität
von Punk rückte nun ein Spiel mit Geschlechterstereotypen,
ein Aufbrechen von dichotomer Zweigeschlechtlichkeit
und ein fulminantes Zitieren von feministischen und
queeren TheoretikerInnen. Bands, Fanzine-Produzentinnen
und Plattenlabel-Betreiberinnen schufen gemeinsam mit
den KonsumentInnen feministische Netzwerke, die sich
gegen Sexismen, Rassismen und Homophobie in den Feldern
der popkulturellen Produktion stellen.
Allerdings war auch
die Riot-Grrrl-Bewegung nur ein kurzer Moment der "Umfunktionierung",
denn der Transfer in die globale Ökonomie bewirkte vor
allem ein Loslösen der Riot-Grrrl-Bewegung von ihren
politischen Inhalten. An die Stelle von Riot Grrrl trat
ein undefinierbares "Girlie"-Label, das für
jeden Inhalt offen war – außer für einen politischen.
Die einstigen Initiatorinnen von Riot-Grrrl beobachteten
die Vermarktung ihrer emanzipatorischen Inhalte und
Ideen mit Argwohn und entschlossen sich kurzerhand,
den Begriff "Grrrl" durch "Lady"
zu ersetzen. Ein weiterer ambivalenter Begriff, der
jedoch eine Abgrenzung zum "Girlie"-Phänomen
ausdrücken sollte. Abseits der breitenwirksamen Kommerzialisierung
von "Girlie-Style" entstanden in der Folge
zunächst in den USA im Umfeld der Riot-Grrrl-Bewegung
so genannte "Ladyfeste", um die ursprünglichen
feministischen Strategien und Werkzeuge von Riot Grrrl
weiterzuentwickeln. Ladyfeste werden von Frauen vor
Ort organisiert, indem die losen Vorgaben von DIY, Non-Profit
und die Förderung von Musikerinnen/Künstlerinnen an
den jeweiligen urbanen Kontext angepasst werden. Auch
in Europa fand die Idee, feministische Netzwerke, Strategien
und Inhalte in Form von Ladyfesten zu propagieren, Anklang,
und Ladyfeste fanden bislang u.a. in London (http://www.
ladyfesteurope.org/archive/2002/london/), Malmö
(http://www.ladyfest.se/malmo/framesetMalmo.htm),
Amsterdam (http://www.geocities.com/ladyfestamsterdam/)
und nicht zuletzt in Wien (http://ladyfestwien.org/)
statt.
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