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Wenn Benjamin in
seinem Text über den Autor als Produzenten die Rolle
des Schreibenden behandelt, so fällt die relative
Absenz derer auf, für die er schreibt – des oder
besser: der Rezipienten. Vordergründig sind sie sehr
anwesend: Benjamin versah seinen Text mit genauen
Angaben über Ort und Zeit und redet seine Zuhörer
gleich im ersten Satz und im Verlauf des Textes immer
wieder direkt an; doch trotz aller Anrufungen handelt es
sich dabei mit einiger Sicherheit um eine Mystifikation:
Weder kann das Datum stimmen, noch hat sich bisher
irgendein Beleg gefunden, dass er im Institut pour l'étude
du facisme überhaupt irgendeinen Vortrag gehalten habe.
Interessanter verhält es sich dagegen mit den Rollen,
die das Publikum als Gegenstand der Reflexionen
Benjamins spielt. Zwar weist er immer wieder auf die Bedeutung
hin, die die Solidarität mit dem Proletariat für die
Arbeit der Schriftsteller habe, doch eingehender wird
das Thema in drei verschiedenen Passagen des Textes
verhandelt: Zum ersten Mal taucht das Publikum konkret
auf, als Benjamin über Tretjakows Erfahrungen in der
Kolchose Kommunistischer Leuchtturm berichtet: Der
Schriftsteller unternimmt es hier unter anderem,
Massenmeetings zu veranstalten und zögernde
Einzelbauern von den Vorzügen des Beitritts zur
Kolchose zu überzeugen.
Benjamin stellt hier einen auffälligen
Gegensatz zu dem her, was gemeinhin als
schriftstellerische Arbeit verstanden wird: Nicht dem
Schreiben von Büchern soll seine Aufmerksamkeit gelten,
sondern der Organisation seiner Leser, für die das
Buch nur eines unter vielen Mitteln ist; nicht das Werk
an sich ist von Bedeutung, sondern die Wirkungen, die es
zeigt. Ein zweites Mal ist vom Publikum ausführlicher
die Rede, als Benjamin über die Arbeit für die Zeitung
redet: Es sei ihre Ungeduld, die die Leser an die Zeitung
binde, die Ungeduld "des Ausgeschlossenen, der ein
Recht zu haben glaubt, selber mit eigenen Interessen
zu Wort zu kommen."
Die bürgerliche Presse werde dessen Herr, indem sie
ihren Lesern immer neue, wahllos assimilierende Sparten
zur Verfügung stelle. In der sowjetischen Presse seiner
Zeit sei es jedoch so, dass der Lesende "dort
jederzeit bereit [ist], ein Schreibender, nämlich ein
Beschreibender oder auch Vorschreibender zu werden. Als
Sachverständiger ... gewinnt er Zugang zur
Autorschaft."
Was die Arbeit des Autors hier auszeichnet, ist ihr
aktivierender Gestus – ein Gestus, der in letzter
Konsequenz dazu führen soll, dass die Lesenden selbst
Schreibende werden – dass, mit anderen Worten, die
Position des Autors nicht festgeschrieben, sondern
'operativ' wird, um einen Terminus Tretjakows zu bemühen.
Und implizit nimmt Benjamin diesen Gestus noch an einer
anderen Stelle auf, wenn er betont: "Ein Autor, der
die Schriftsteller nichts lehrt, lehrt niemanden." Die Schriftsteller –
das sind potentiell alle Leser. Ein letztes Mal geht
Benjamin auf das Publikum ausführlicher ein, als er René
Maublancs Antwort auf eine Umfrage zitiert:
"Unzweifelhaft schreibe ich fast ausschließlich für
ein bürgerliches Publikum (...)," antwortet der
auf die Frage, für wen er schreibe, "weil ich von
bürgerlicher Herkunft, bürgerlicher Erziehung bin und
aus bürgerlichem Milieu stamme, dergestalt natürlich
geneigt bin, mich an die Klasse zu wenden, der ich angehöre,
die ich am besten kenne und am besten verstehen kann.
Das will aber nicht heißen, daß ich schreibe, um ihr
zu gefallen oder um sie zu stützen. Auf der einen Seite
bin ich überzeugt, daß die proletarische Revolution
notwendig und wünschenswert ist, auf der anderen Seite,
daß sie um so schneller, leichter, erfolgreicher und
weniger blutig sein wird, je schwächer der Widerstand
der Bourgeoisie ist."
Nicht weiter ausgeführt wird dabei allerdings, mit
welchen literarischen Mitteln der Widerstand der
Bourgeoisie zu schwächen sei.
Benjamin benennt
für das Verhältnis des Autors zu seinen Lesern also
drei Kennzeichen: Der Schriftsteller soll die Proletarier
organisieren, und er soll sie aktivieren; ihre Feinde
hingegen soll er schwächen. Will man angesichts der
seitdem erheblich veränderten politischen Landschaft
Begriffe wie den des Proletariats vermeiden, so ließe
sich mit Benjamin verallgemeinern, dass Gesten wie die
des Organisierens, des Aktivierens und des Subvertierens
es sind, die Kunst mit der richtigen politischen und
damit auch der richtigen ästhetischen Tendenz auszeichnen
– mit der richtigen
politischen Tendenz, denn fraglos kann keine Kunst das
politische vermeiden, selbst dann nicht, wenn sie sich
als unpolitisch zu gerieren versucht; Benjamins Argumentation
baut ja darauf auf, dass die politische Tendenz der
künstlerischen inhärent ist.
Benjamin war zu seiner
Zeit nicht der einzige, den die Frage nach der Position
des Autors, des Künstlers in den politischen Auseinandersetzungen
beschäftigte. Nicht zufällig zitiert er Tretjakow und
Brecht – beide hatten ihrerseits schon vorher
zu dem Problem Stellung genommen. 1923, sechs Jahre
nach der russischen Oktoberrevolution, wandte Tretjakow
sich gegen eine falsch verstandene Revolutionierung
der Kunst: "Allerdings hielt man zunächst noch
die Kunstarbeit für revolutionär, die die Kunst als
einen organisierten Produktionsprozess zur zweckmäßigsten
Nutzung des sprachlichen, farblichen, plastischen und
musikalischen Materials auffasste. Das revolutionäre
lief gewöhnlich auf die Verwendung eines revolutionären
Sujets oder einer revolutionären Figur im Werk hinaus.
... Es ändert sich nur das Thema, alles Übrige bleibt
beim alten, die Isoliertheit der Kunst vom Leben und
ihr Hinterherhinken."
Tretjakows alternative Überlegungen zielen in eine
ähnliche Richtung wie die Benjamins: "'Kunst für
Alle' [darf] ... nicht darauf ausgehen, alle Menschen
in Zuschauer zu verwandeln, sondern muß im Gegenteil
dafür sorgen, daß sich alle die Fähigkeiten und Fertigkeiten
aneignen, Material zu handhaben und zu organisieren,
was bislang den Kunstspezialisten vorbehalten war. ...
Im Zusammenhang mit der Revolution und der durch sie
eröffneten Perspektiven muß die Frage der Kunst als
ästhetischer Produktion und Konsumtion und der Wechselbeziehung
zwischen Kunst und Leben aufgeworfen und analysiert
werden." Seine Forderung ist also,
den Produktionsapparat umzubauen, ihn neu zu organisieren:
Kunst soll nicht allein von Spezialisten produziert
werden, sondern potenziell von allen; und sie soll kein
ästhetizistischer Luxus sein, sondern eine Notwendigkeit
des aktiven Lebens.
Mit anderen Prämissen,
aber ähnlichen Argumenten formulierte Brecht gut zehn
Jahre später die "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben
der Wahrheit". 1934 publiziert sollen sie eine
Anleitung geben für die schriftstellerische und propagandistische
Arbeit im Kapitalismus im Allgemeinen und unter den
Bedingungen des Hitlerfaschismus im Besonderen. Brecht
legt dabei weniger Gewicht als Tretjakow und Benjamin
auf die Aktivierung der Rezipienten zu eigenständiger
Produktion; dagegen macht er sich ausführlich Gedanken
darüber, wie die zu schreibenden Wahrheiten –
oder mit Benjamins Worten: Texte mit der richtigen
Tendenz – auszusehen haben und wie sie denen zukommen
können, in deren Händen sie wirksam werden: "Die
Wahrheit kann man nicht eben schreiben; man muß sie
durchaus jemandem
schreiben, der damit etwas anfangen kann."
Mit anderen, mit Benjaminschen Worten: Die politische
Tendenz eines Werkes richtet sich auch nach den Lesenden,
die erreicht werden sollen. Am ausführlichsten befasst
sich Brecht mit der List, die zur Verbreitung der Wahrheit
nötig sei. An Beispielen erläutert er, dass die literarischen
Formen nicht der Dekoration dienen, sondern dass durch
sie die Wahrheiten erst darstellbar und vermittelbar
werden; auch sei es nicht unbedingt notwendig, sich
stets nur mit den Hauptwidersprüchen zu befassen: "Die
Vorkämpfer der Wahrheit können sich Kampfplätze aussuchen,
die verhältnismäßig unbeobachtet sind. Alles kommt darauf
an, daß ein richtiges Denken gelehrt wird, ein Denken,
das alle Dinge und Vorgänge nach ihrer vergänglichen
und veränderbaren Seite fragt."
Würden die Forderungen
und Fragen Benjamins – und mit ihnen jene Tretjakows
und Brechts – nicht mehr relevant sein, diese
Tagung wäre ein müßiger akademischer Zeitvertreib. Zu
Recht weist allerdings das mit der Einladung verschickte
Diskussionspapier darauf hin, wie grundsätzlich sich
die Bedingungen und Probleme heute von denen unterscheiden,
mit denen sich die Autoren in ihrer Zeit auseinander
zu setzen hatten. Ich möchte die dort genannten Bedingungen
im Folgenden aufnehmen und modifizieren.
Ein erstes Problem
stellt sich darin, dass sich das Publikum der Kunst
im Allgemeinen und das der politisch engagierten Kunst
im Besonderen radikal verändert hat. Es ist einerseits
größer geworden: Mit den alten Meistern und den Kostbarkeiten
des Altertums hat auch die Gegenwartskunst insbesondere
in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten einen ungeahnten
Zulauf gehabt, profitierend vom Tourismus, von der Attraktivität
der Sammlungen als Wertanlage, von aufwändig inszenierten
Ausstellungen und schließlich von den immer fließenderen
Übergängen zwischen Kunst und Kommerz. Gegen diesen
Anschluss an die Massenkultur ist grundsätzlich auch
wenig einzuwenden, im Gegenteil: Er vergrößert ja den
potenziellen Radius künstlerischer Wirksamkeit, und
er steuert der ästhetizistischen Zufriedenheit in der
Kennerschaft entgegen. Problematisch ist eher, wenn
sich die Kunst in der Massenkultur als wirkungslose
einrichtet und Geschmäcker bedient, statt Haltungen
zu verändern, mit anderen Worten: wenn sie einen Produktionsapparat
beliefert, ohne ihn zu verändern. Und diese Belieferung des
Produktionsapparates kann zuweilen eigentümliche Formen
annehmen. Lassen Sie mich dazu eine Anekdote erzählen:
1999 sollte ich über die Ausstellung After
the Wall in Stockholm eine Rezension schreiben,
ohne allerdings selbst dorthin reisen zu können. Ich
ließ mir den Katalog schicken, und als ich noch ein
paar weitere Fragen hatte, rief ich im Moderna Museet
an. Durch einen merkwürdigen Zufall kam ich an einen
schwedischen Journalisten, der mir einiges über die
Auseinandersetzungen hinter den Kulissen berichtete
– unter anderem darüber, dass ein Gutteil der
beteiligten Künstlerinnen und Künstler nicht eben glücklich
sei, unter dem Label East
Art subsumiert zu werden; immerhin kamen die Werke
aus voneinander weit entfernten Ländern mit unterschiedlicher
Geschichte wie Moldavien, Litauen, Polen und Russland.
Das einzige, so der schwedische Journalist, was allen
diesen Ländern gemeinsam sei, wäre, dass sie keinen
Kunstmarkt hätten. Dieser Gedanke blieb haften und begann
mich zu verfolgen. Als ich 2002 die Biennale in Dakar
besuchen konnte, traf ich auf ein ähnliches Phänomen:
Auch hier bezogen sich eine Installation aus Marokko,
Fotografien aus Zimbabwe und Skulpturen aus Togo auf
je unterschiedliche Kontexte und Historien und wurden
dennoch zu African
Art verallgemeinert, einem Label, das auf dem internationalen
Kunstmarkt womöglich verkaufsfördernd, vor Ort jedoch
einigermaßen sinnlos war. Entscheidend daran ist, dass
die künstlerische Produktion in beiden Fällen auf den
westlichen Kunstmarkt zielt, oder anders: dass in erster
Linie für diesen Markt und bestenfalls in zweiter für
ein lokales Publikum produziert wird. Wenn in dem Diskussionspapier
zur Konferenz darauf hingewiesen wird, "that in
many post soviet countries politically and socially
active art is not developed",
ist dies auch als Indiz für diese Konzentration auf
den westlichen Markt zu verstehen. Immerhin kann diese
Konzentration kaum den Künstlerinnen und Künstlern vorgeworfen
werden: Sie gehen dorthin, wo sie ihre Arbeit und ihre
Arbeitskraft verkaufen können. Fehlende intellektuelle
und finanzielle Förderung, unbefriedigende Lebensbedingungen
und ein autokratisches Regime haben über die Jahre nicht
nur in Jugoslawien einen brain-drain ausgelöst, der
heute noch nicht abgerissen ist. Es ist, als sei in
der Kunstwelt der Kalte Krieg und seine territoriale
Aufteilung der Welt noch nicht beendet.
Eine zweite Veränderung
zu den Zeiten Benjamins, Brechts und Tretjakows stellt
sich darin, dass kaum noch eine politische Instanz fassbar
ist, mit der sich über die Richtigkeit einer Tendenz
sinnvoll streiten ließe. Kaum jemand hier wird sich
die kommunistischen Parteien zurückwünschen, weder die
der 20er und 30er Jahre mit ihren euphemistisch Säuberungen
genannten Massenmorden und auch nicht die der 70er und
80er mit ihrer erstickenden Bürokratie und ihrer herzlich
kleinbürgerlichen Ästhetik. Dennoch waren diese Parteien,
teils aus eigener Machtvollkommenheit, teils aufgrund
der ihnen zugeschriebenen Autorität als Repräsentanten
des revolutionären Proletariats die Gesprächspartner
oder auch Gegner bei der Bestimmung der je richtigen
politischen Tendenz der Literatur im Besonderen und
der Kunst im Allgemeinen. Nach dem Ende der Sowjetunion
hat weder die Sozialdemokratie noch die unorganisierte
Linke diese Rolle ausfüllen können – erstere wegen
oft fehlender Kompetenz und mangels Interesse, letztere
weil sie ohnehin mehr als zuvor uneins darüber war,
wie eine Kritik des offenbar so umfassend siegreichen
Kapitalismus aussehen könnte. Auch hier konnte der Kunstmarkt
teilweise in die Bresche springen: Für Erfolg und Verkäuflichkeit
von Werken kann ein Kriterium die politische Tendenz
sein – eine Tendenz freilich, die mit der Benjamin’scher
Provenienz nicht mehr allzu viel zu tun hat. Das Ende
des Realen Sozialismus ging sicher nicht einher mit
einem Ende politischer Kunst, aber es stellte die Bestimmung
ihrer Tendenz vor neue Probleme – und es verwies
die Arbeit an dieser Bestimmung einmal mehr darauf,
dass weniger das Thema politisch korrekt zu sein habe
(wie der Sozialistische Realismus es so eifrig wie vergeblich
vorexerziert hatte), sondern dass formale und technische
Diskussionen in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung
sind. Wenn Kunst "repeatedly takes new effects
from political struggles just to entertain an anonymous
audience [without changing the capitalist production
apparatus", wird sie darüber sicher
nicht politische Kunst oder auch nur in die politischen
Kämpfe eingreifen.
Ein drittes Problem
besteht darin, dass die politische Prämissen, unter
denen Benjamin antrat, gründlich diskreditiert sind:
Es dürfte im Westen wie im Osten kaum noch eine politische
Organisation von einigem Gewicht geben, die die Abschaffung
des Kapitalismus auf ihre Fahnen geschrieben hat. Links
zu sein erschöpft sich oft genug in Vorschlägen zur
ökologischen und sozialen Reform des bestehenden Systems,
im pragmatischen Willen zum Machbaren oder in der einfachen
Affirmation des Status Quo. Damit aber wird schwerer
bestimmbar, was denn je das politisch Richtige oder
die richtige politische Tendenz in der Kunst und der
Literatur sei; allerdings sind in der jüngeren Vergangenheit
wenige interessante Werke produziert worden, die ihre
Basis auf den genannten Haltungen haben. Andererseits
ergibt sich aus dieser Situation eine der Möglichkeiten
gegenwärtiger Kunst – und mit ihr übrigens auch
der Kunstkritik und der Kunstgeschichte: Benjamin argumentiert,
"daß die politisch richtige Tendenz eine literarische
Tendenz einschließt. Und um das gleich hinzuzufügen:
diese literarische Tendenz, die implicit oder explicit
in jeder richtigen
politischen Tendenz enthalten ist – dies und nichts
anderes macht die Qualität eines Werkes aus."
Benjamin weigert sich damit, die politische und die
künstlerische Tendenz als voneinander getrennte Komponenten
zu betrachten, die einem Werk beigefügt werden müssen
wie einer Suppe die Gewürze. Beide sind vielmehr notwendiger,
wenn auch nicht hinreichender Bestandteil jeden Werkes;
und wenn, wie Benjamin an anderer Stelle bemerkt, die
"literarische Tendenz (...) in einem Fortschritt
oder in einem Rückschritt bestehen kann,"
dann wird deutlich, dass auch die politische Tendenz
eines Werkes nicht notwendig eine richtige
sein muss.
Wenn all die genannten
Schwierigkeiten bestehen; wenn das Publikum der Kunst
zu seinem überwiegenden Teil ohnehin schon politisiert
oder an Politik nicht besonders interessiert ist; wenn
kaum noch relevante politische Instanzen zur Diskussion
zur Verfügung stehen; wenn Aktionen im saisonalen Ausverkauf
Aufsehen erregen und in der Politik eher verpönt sind;
und wenn man dennoch der Ansicht ist, dass die Welt,
um belebt zu bleiben und für viele lebenswerter zu werden,
Änderungen vertragen könnte, die weit über einen Wechsel
in der amerikanischen Präsidentschaft hinausgehen, wenn
all dies gilt, dann stellt sich die Frage, wie Kunst
ihre Potentiale dahingehend nutzen kann. Ich bin kein
Lehrmeister; ich denke aber, dass Benjamins Text einige
Hinweise geben kann.
Die eben angesprochene
Äquivalenz, die Benjamin zwischen künstlerischer und
politischer Tendenz herstellt, deutet auf ein erstes
Feld hin: Dreht man die üblicherweise nahe liegende
Gleichung um, so muss ein Werk mit der richtigen künstlerischen
Tendenz notwendig auch die richtige politische Tendenz
aufweisen; und so ist es nicht nur die Kunst, die sich
der Politik zu erklären hat, sondern umgekehrt muss
sich die Politik auch der Kunst verantworten. Mit anderen
Worten: Man kann versuchen, Kunst als politischen Indikator
zu lesen und fragen, in welchem Verhältnis die Implikationen
der Kunst zu den gesellschaftlichen Verhältnissen stehen
und zu den Kräften, die sie in welcher Weise auch immer
zu ändern versuchen. Deswegen die Trennung zwischen
Politik und Kunst aufheben oder wenigstens die Politik
ästhetisieren zu wollen ist keineswegs die zwingende
Konsequenz, im Gegenteil: In einem anderen Text, dem
Essay über das Kunstwerk
im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
weist Benjamin darauf hin, wie der Faschismus diese
Ästhetisierung betreibt. "Die Massen haben ein
Recht auf Veränderung der Eigentumsverhältnisse; der
Faschismus sucht ihnen einen Ausdruck
in deren Konservierung zu geben. [...] Der Vergegenwärtigung
der Massen, die er im Kult eines Führers zu Boden zwingt,
entspricht die Vergewaltigung einer Apparatur, die
er der Herstellung von Kultwerten dienstbar macht."
Die Apparatur, von
der Benjamin hier spricht, kommt auch in seinem Text
über den Autor
als Produzent vor: Dort taucht er genauer bestimmt
als Produktionsapparat auf und bezeichnet in einem weiter
gefassten Sinne nicht allein die Werkzeuge der Autoren
– also Pinsel, Computer, Kamera – sondern
den produktiven Kontext, in dem sie und für den sie
angewendet werden: Theater, Literatur, Film. Zwei Mal
bezieht sich Benjamin hier auf Brecht und dessen episches
Theater als Gegenmodell, um seinen Punkt ganz klar zu
machen, dass "einen Produktionsapparat zu beliefern,
ohne ihn ... zu verändern selbst dann ein höchst anfechtbares
Verfahren darstellt, wenn die Stoffe, mit denen der
Apparat beliefert wird, revolutionärer Natur sind."
Dem epischen Theater hingegen sei es durch bestimmte
vorzugsweise technische Eingriffe gelungen, "den
Funktionszusammenhang zwischen Bühne und Publikum, Text
und Aufführung, Regisseur und Schauspieler zu ändern."
Diese Eingriffe in den Produktionsapparat setzen voraus,
dass dessen Struktur einer Analyse unterworfen wird
– einer Analyse, als deren Konsequenz genau solche
Eingriffe beabsichtigt sind.
Wie kann ein solches
Zusammengehen von Analyse und Aktion aussehen? Lassen
Sie mich meine Vorstellungen mit einem Beispiel illustrieren:
Im Rahmen eines größeren Projektes in der Hamburger
Kunsthalle realisierte die Künstlergruppe LIGNA im
nahe gelegenen Hauptbahnhof im Februar 2002 ihr Radioballett.
Hatten sie sich schon seit Anfang der 90er Jahre mit
den Produktions- und Rezeptionsstrukturen des Radio
auseinandergesetzt, unternahmen sie es mit dem Radioballett,
den öffentlichen Raum zum Ort und Gegenstand ihrer Arbeit
zu machen und dafür einen Platz zu wählen, der wenigstens
in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt wie kaum ein
anderer zum Modell der Re-Formierung innerstädtischer
Strukturen geworden ist: Als aus der Bundesbahn die
Deutsche Bahn AG wurde, gelangten auch die Bahnhöfe
in Privatbesitz und verwandelten sich binnen kurzer
Zeit von Transiträumen, in denen Obdachlose, Drogenabhängige
und andere Arme wo nicht gern gesehen, so doch geduldet
wurden, in Shoppingmalls mit Gleisanschluss, die den
Aufenthalt solcher Randgruppen schlicht als Geschäftsschädigung
verstanden. Über diese teils schleichenden und unscheinbaren
Veränderungen wollte das Radioballett nicht berichtend
aufklären – es sollte die Hörenden die Untersuchung
der "Grauzone zwischen erlaubten, zwielichtigen
und verbotenen Gesten"
selbst durchführen lassen. Nicht ihre Empathie war dabei
gefragt, sondern eine tätige Reflexion des Alltags solcher
Orte. Der Aufbau des Radioballetts ist schnell erklärt: Mit Hilfe des örtlichen freien
Radios FSK wurde eine vorproduzierte Sendung übertragen,
die Handlungsvorschläge ebenso wie Thesen
zum gestischen Radiohören enthielt; die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer wurden gebeten, sich mit kleinen tragbaren
Radios im Hauptbahnhof aufzuhalten. Hilfreich für die
Mobilisierung erwies sich, dass die Deutsche Bahn AG
im Vorfeld versuchte, das Radioballett
als unerlaubte Versammlung auf privatem Grund verbieten
zu lassen; die Richter folgten in zwei Instanzen der
Argumentation von LIGNA und befanden einerseits, dass
auch Privatbesitz öffentlicher Raum sein kann; andererseits
handele es sich beim Radioballett
eben nicht um eine Versammlung, sondern um eine Zerstreuung.
Und so konnten an einem Samstag Nachmittag auf den Bahnsteigen
und in den Geschäftspassagen des Hauptbahnhofs etwa
300 Menschen beobachtet werden, die für eine Stunde
synchron die Hand ausstreckten, auf dem Boden saßen,
tanzten oder eben Radio hörten.
Um einen der gelegentlichen
Einwände gegen das Radioballett
vorwegzunehmen, den nämlich der Manipulation: Den Zuhörenden
wurde genau jene Freiheit eingeräumt, die die gegenwärtige
Gesellschaft ihren Mitgliedern in solchen Fällen zugesteht:
nämlich nicht mitzumachen, etwas anderes zu machen,
zuzuschauen, wegzugehen oder abzuschalten, mit einem
Wort: einer der Anrufungen nicht zu folgen, derer es
in Hauptbahnhöfen mittlerweile so viele gibt: Fahrplandurchsagen,
Sonderangebote, die überall angeschlagenen Verhaltensmaßregeln
und die stumme Drohung der Sicherheitsdienste. Diesen
Ansprachen setzte das Radioballett
nichts entgegen – es machte sie statt dessen sichtbar
und wertete sie aus, indem es die teilweise minimalen
Unterschiede auslotete, die erlaubte von unerlaubten
Gesten trennen: Sich die Hand zu geben ist ein zugelassenes
Ritual, doch wer die Hand ausstreckt, um zu betteln,
wird vertrieben. Diese Auswertung wurde mit Hilfe des
Radios betrieben, jenes Mediums also, das ubiquitär
ist wie kaum ein zweites: Die Sendung konnte überall
im Kerngebiet Hamburgs gehört werden, und die billigsten
Empfangsgeräte kosten kaum mehr als ein paar Euro. Und
schließlich ist das FSK als Freies Radio für seine Hörerinnen
und Hörern zugänglich: Sie können dort selbst Sendungen
machen.
Solcherart veränderte
das Radioballett den Produktionsapparat, den es belieferte. Es nahm die
Setzungen des Mediums auf und setzte sie in seinem Sinne
ein, indem es die Zuhörenden zu eigenem Handeln aufrief,
dazu nämlich, dass sie auch selbst das Medium zuhörend
verändern: Wie, wo und ob die Handlungsvorschläge umgesetzt
und welche weiteren Konsequenzen gezogen wurden, lag
schließlich in ihrer eigenen Verantwortung. Spätere
Arbeiten von LIGNA nahmen dieses Moment auf. Mit einer
Radiodemonstration konnte bei einer anderen Gelegenheit
ein Demonstrationsverbot konterkariert werden: auch
hier wurden die Hörenden aufgefordert, sich in die Hamburger
Innenstadt zu begeben und dort öffentlich Radio zu
hören – und nach eigenem Belieben das Demonstrationsverbot
mit Passanten zu diskutieren oder schlicht durch ihre
Präsenz Sand in das selbstverständliche Getriebe der
Einkaufsmeilen zu streuen.
"Vielleicht
ist Ihnen aufgefallen, daß die Gedankengänge, vor deren
Abschluß wir stehen, dem Schriftsteller nur eine Forderung
präsentieren, die Forderung nachzudenken,
seine Stellung im Produktionsprozeß sich zu überlegen."
In ihrer Allgemeinheit spricht Benjamins Zusammenfassung
nur die Schriftsteller an, und zu denen zählte er sich
sicher auch selbst. Der Autor als Produzent war nur ein Text unter mehreren, die die Rolle
des Schreibers, des Intellektuellen zum Gegenstand hatten,
eine Rolle, die für Benjamin in jeder Hinsicht prekär
war. Theoretisch unterstützte er den Kommunismus, auch
wenn er auf Distanz hielt. Praktisch war seine Situation
insbesondere in den ersten Jahren des Pariser Exils
außerordentlich finster: Er war einsam und musste dauernd
umziehen, weil er kaum Geld hatte. Gerade zum Überleben
genug verdienend, musste er jede Gelegenheit ergreifen,
um Texte in der einen oder anderen Form zu publizieren.
In seinem Essay lässt sich Benjamin nicht weiter darüber
aus, wovon die Autoren als Produzenten leben sollten;
doch in einem etwa gleichzeitig verfassten kleinen Text
mit dem Titel Käuflich,
doch unverwertbar gibt er dazu folgende Information:
"Die große Masse der Geistigen ... ist in trostloser
Lage. Schuld ist an dieser Lage aber nicht Charakter,
Stolz und Unzugänglichkeit. Die Journalisten, Romanciers
und Literaten sind meistens zu jedem Kompromiß bereit.
Nur wissen sie das nicht, und eben dies ist der Grund
ihrer Mißerfolge. Denn weil sie es nicht wissen oder
nicht wissen wollen, daß sie käuflich sind, darum verstehen
sie nicht, von ihren Meinungen, Erfahrungen, Verhaltungsweisen
die Teile, die für den Markt Interesse haben, abzulösen.
Sie suchen vielmehr ihre Ehre darin, in jeder Sache
ganz sie selbst zu sein. Weil sie sich nur 'im Stück'
verkaufen wollen, werden sie ganz genau so unverwertbar
wie ein Kalb, welches der Schlächter seiner Kundin nur
im ganzen würde überlassen wollen."
Bibliographie
Benjamin 1991: Walter
Benjamin: Aufsätze, Essays, Vorträge [Band II der Gesammelten
Schriften]. Frankfurt (Suhrkamp) 1991
Benjamin 1991a: Walter
Benjamin: Abhandlungen [Band I der Gesammelten Schriften].
Frankfurt (Suhrkamp) 1991
Brecht 1957: Bertolt
Brecht: Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit.
In: Versuche 20-21. Berlin (Suhrkamp) 1957
Brecht 1966: Bertolt
Brecht: Radio – eine vorsintflutliche Erfindung?
In: Ders.: Schriften zur Literatur und Kunst, Bd. 1,
p. 127-130. Berlin/Weimar (Aufbau Verlag) 1966
Tretjakow 1985: Sergej
M. Tretjakow: Kunst in der Revolution und Revolution
in der Kunst. Ästhetische Produktion und Konsumtion.
In: Ders.: Gesichter der Avantgarde. Berlin/Weimar (Aufbau
Verlag) 1985
Vgl. Benjamin 1991, Bd. II/3, p. 1460 ff.
Benjamin 1991, Bd. II/2, p, 688
Benjamin 1991, Bd. II/2, p. 688
Benjamin 1991, Bd. II/2, p. 696
Benjamin 1991, Bd. II/2, p. 699 f.
Vgl. Benjamin 1991, Bd. II/2, p. 684 f.
Vgl. Benjamin 1991, p. 692
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