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"Die Einheit eines Textes liegt nicht in seinem Ursprung,
sondern in seinem Zielpunkt. (..). Die Geburt des Lesers
ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors."
Roland Barthes 1967
Als Roland Barthes
im Jahr vor der Zäsur des Mai 1968 den Tod des Autor-Gottes
ausrief,
war angesichts der Hegemonie produzentenorientierter
Sichtweisen kaum absehbar, wie unaufhaltsam sich der
Aufstieg des Rezipienten, des Konsumenten und des Publikums
- ob als Aggregat von atomisierten Individuen verstanden,
oder als soziale Gemeinschaft - auch in den Feldern
der Kunst gestalten würde. Dieser Aufstieg vollzog
sich nicht automatisch. Er wurde konstruiert, durch
Theoriearbeit vorbereitet und begleitet. Der Essay von
Roland Barthes ist dafür nur ein Beispiel.
Was die Sozialwissenschaften
betrifft, sind entsprechende Theorieeffekte, "Realitätseffekte",
die sich auf kulturpolitischer Ebene niedergeschlagen
haben, ziemlich offensichtlich. In Standardwerken der
Kunstökonomik lässt sich der Versuch, die Konsumenten
gegenüber den Produzenten aufzuwerten, in denkbar transparenter
Form nachvollziehen. Während Philosophen sich über Jahrhunderte
mit langen Abhandlungen zu essenzialistischen Definitionen
von Kunst abmühten und dabei zu den unterschiedlichsten
Lösungen kamen (wie u. a. Mimesis, Ausdruck, Form, ästhetische
Erfahrung), gelangten die an Ockham’s Messer geschulten
Ökonomen zu einer denkbar einfachen Bestimmung. So heißt
es in einem verbreiteten Standardwerk der Kunstökonomik
aus den 90er Jahren: "Normalerweise definieren
Künstler und andere Insider, was als Kunst zu gelten
hat, während man von Laien erwartet, dass sie diese
Definition anerkennen. (…) Demgegenüber vertreten
Ökonomen die Ansicht, dass die Individuen selbst entscheiden
sollen, was sie für "Kunst" halten wollen.
(...) Die Frage "Was ist Kunst?" lässt sich
unter Berufung auf die Wünsche des Publikums beantworten." Dies ist die vielleicht
expliziteste Fassung der Idee, den Menschen das zu geben,
was sie wollen. Wenige Jahre nur vor der Aufwertung
des Rezipienten durch Roland Barthes wies Adorno solche
Vorstellungen in einer nicht weniger berühmten Schrift
zurück, in welcher er auf die Manipulation solcher Präferenzen
durch die Kulturindustrie verwies, auf den "Geist",
der den Menschen durch sie "eingeblasen wird".
Der Begriff der Autonomie
zählt, ähnlich wie der der Avantgarde, zu den unter
dem Einfluss des Postmodernismus im Kunstdiskurs diskreditierten
Konzepten. Bezieht man ihn nicht auf die Vorstellung
einer sozial undeterminierten kulturellen Produktion,
so hat er jedoch Facetten, die es unbedingt verdienen,
verteidigt zu werden. Soziologisch gesehen ist die Autonomie
von kulturellen Feldern in der Tradition von Pierre
Bourdieu nämlich auch daran festzumachen, in welchem
Maße Produzenten andere Produzenten als Publikum haben.
Die relevanten Beurteilungen kommen von Peers bzw. orientieren
sich an Standards, die von Produzenten bestimmt werden.
Fasst man Autonomie in dieser Weise, dann lässt sich
die "ökonomische Definition der Kunst" als
ein exemplarischer Fall einer heteronomen Bestimmung
von Kunst einstufen. Sie zielt letztlich darauf ab,
Produzenten umfassenden Zwängen einer allgemeinen Nachfrage
zu unterwerfen.
Den theoretischen
Hintergrund für ein solches Kunstverständnis gibt die
in die Modellvorstellung perfekt kompetitiver Märkte
eingebettete Idee der "Konsumentensouveränität"
ab. Der gängigen Auffassung zufolge stellt diese zweierlei
sicher: a) die Bestimmung der Allokation von Ressourcen
auf Grund der Nachfrage von Konsumenten und b) Produkte,
die dem Konsumenten so billig wie möglich verkauft und
so reichhaltig wie möglich zur Verfügung gestellt werden.
Die
populärökonomische Fassung dieser
Idee lautet: "The public calls the tune to which the businessman dances."
Der real existierende
Kapitalismus weicht von den Modellvorstellungen des
freien Marktes so weit ab, dass auch manche kritische
Theoretiker strikt zwischen Markt und Kapitalismus trennen.
Der Kapitalismus ist geprägt durch Machtdifferenzen,
Monopolbildungen, Intransparenz des Angebots bzw. von
Strategien der systematischen Beeinflussung von Präferenzen.
Nichts davon ist mit der Idee des reinen Marktes vereinbar.
Die Strukturierung bzw. Manipulation von Präferenzen
wird im Einzelnen unterschiedlich erklärt, z. B. durch
Verweise auf die Kulturindustrie (Adorno), auf Reklame
und Werbung im Speziellen (Marcuse), auf die Anrufungen
durch die ideologischen Staatsapparate (Althusser) oder
die Inkorporierung existierender Strukturen (Bourdieu).
Die Souveränität von Konsumenten, der neoklassischen
Theorie zufolge "rationale" Akteure, ist deshalb
in vielen Hinsichten höchst eingeschränkt.
Die Verfechter der Idee des freien Marktes streben als
ökonomische Akteure gewöhnlich selbst nach Monopolen
und versuchen, Präferenzen von Konsumenten systematisch
zu beeinflussen. Nichtsdestoweniger hat sich die auf
die Idee der Konsumentensouveränität zurückgehende Forderung
nach "Kundenorientierung" in jüngerer Zeit
außerordentlich stark ausgebreitet. Dies zeigen auch
die Ergebnisse des historischen Vergleichs von Managementdiskursen,
den Luc Boltanski und Eve Chiapello im Rahmen ihrer
Studie über den "neuen Geist des Kapitalismus"
vorgenommen haben. In der Akzentuierung der Kundenorientierung
und in den damit einhergehenden Versuchen der Substitution
von hierarchischer Binnenkontrolle in Institutionen
durch eine Außenkontrolle über Kunden, Klienten oder
das Publikum, sehen sie eine der markantesten neueren
Entwicklungen im ökonomischen Feld:
Werden Aufgaben der Kontrolle von Führungsebenen auf
Kunden übertragen, ergeben sich in der Folge flachere
Hierarchien und Verminderungen von Kosten. In den kühnsten
Vorstellungen wird das gesamte Hierarchiegefüge von
Organisationen umgedreht: die Kunden werden an die Spitze
einer auf den Kopf gestellten Pyramide gestellt. Die
Bewährung an Maßstäben der Kontrolle durch Kunden schafft
im Wettbewerb vertikale Differenzierungen zwischen Institutionen
und führt zur Eliminierung derjenigen, die diese Bewährungsproben
nicht auf sich nehmen wollen oder nicht bestehen können.
In den kulturellen
Feldern, in denen der Staat eine stärkere Position einnimmt
als im ökonomischen Feld, wird dieser Kontrollmechanismus
heute im Rahmen neoliberaler Strategien der Gouvernementalität
eingesetzt, die darauf abzielen, "kollektive Körper
(…) ‚schlank’ und ‚fit’,
‚flexibel’ und ‚autonom’"
zu machen.
Er wird zu einem Substitut für die staatliche Kontrolle,
wenn der Staat sich aus diesen Feldern zurückzieht,
oder wird herangezogen, wenn es darum geht, Einrichtungen
in staatlicher Trägerschaft durch Implementierung von
Elementen der Marktlogik umzustrukturieren. Die Verstärkung
der Idee der Kundenorientierung bzw. ihr Transfer aus
der unternehmerischen Sphäre in die öffentliche Kulturpolitik
in Form des Kontrollmechanismus einer "Orientierung
auf das Publikum", lässt sich an zahllosen Beispielen
illustrieren. Zwei Beispiele mögen hier genügen, eines
aus dem musealen Kontext, das andere aus dem Kontext
der Großausstellungen.
Als ein erstes Beispiel
bietet sich Hamburg an, weil es in vielen Hinsichten
exemplarisch für die gegenwärtige Kulturpolitik erscheint.
Das "Hamburger Modell" wurde unter sozialdemokratischen
Vorzeichen eingeführt. Was die Orientierung von Kultureinrichtungen
an Modellen des ökonomischen Feldes betrifft handelt
es sich somit nicht um eines jener radikalen Beispiele,
wie man sie etwa aus der Ära Thatcher in Großbritannien
kennt.
Anfang 1999 wurden
sämtliche Hamburger Museen, darunter auch zwei Museen,
die sich der Kunst widmen, "verselbständigt",
und zwar in Form der Verwandlung in Stiftungen öffentlichen
Rechts. Mit "Verselbständigung" ist die Befreiung
von der starken staatlichen Einbindung gemeint. Sie
impliziert Personalhoheit, eigene Bewirtschaftung des
Budgets, Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens,
Verwertungsfreiheit für Gastronomie und Museumsshops,
Entscheidungszuständigkeit und Verantwortung in allen
betrieblichen Fragen. Hinzu kommt, dass der künstlerischen
Leitung eine gleichberechtigte kaufmännische zur Seite
gestellt und die verminderte staatliche Kontrolle eine
Ergänzung über die Kontrolle durch einen Stiftungsrat
erfährt. Der Staat bzw. die Kommune sichert die finanzielle
Grundausstattung, während die einzelnen Einrichtungen
ihr "operatives Geschäft" nach eigenen Vorstellungen
und im Rahmen ihrer ökonomischen Möglichkeiten selbst
gestalten können.
"Ziel der eingeleiteten
Strukturreform der Museen ist es", heißt es in
Zusammenhang mit der "Verselbständigung" der
sieben Hamburger Museen, "Bedingungen (...) zu
schaffen, damit die Museen diesen Auftrag besser, publikumsfreundlicher
und effizienter als bisher erfüllen können."
Unter dem Gesichtspunkt legitimer Rechtfertigungsprinzipien
- "cités" im Sinne von Boltanski und Thevenot
-, werden hier Effizienzargumente der industriellen
cité mit solchen der marktwirtschaftlichen cité verbunden,
die auf das Angebot begehrter Güter auf Wettbewerbsmärkten
hinauslaufen.
Die Möglichkeit, Einnahmen zu erzielen, schafft dabei
"Anreize zu einer bewussteren Besucherorientierung".
Eine Kunstinstitution, die von ihren Einnahmen leben
muss, so der Grundgedanke, sucht nach immer neuen Wegen,
um Besucher anzuziehen.
Im Rahmen der Verwandlung
in staatlich unterstützte Quasi-Unternehmen begaben
sich die beiden Hamburger Kunstmuseen noch expliziter
als die fünf anderen Kulturinstitutionen auf die Linie
der marktwirtschaftlichen Cité und der von ihr betonten
Kundenorientierung. In der Spezifikation der "Oberziele"
für die einzelnen Einrichtungen ist etwa nachzulesen,
dass die Hamburger Kunsthalle "nach Kräften bestrebt"
ist, "sich in den Dienst der Kunst und in den Dienst
der Besucher zu stellen", während das Museum für
Kunst und Gewerbe "sich nach Kräften bemüht, (...)
sich in den Dienst des Publikums zu stellen."
Bereits im Jahre
2003 wird in den Medien über eine "dramatische"
Entwicklung der Hamburger Museen berichtet. Den, wie
es heißt, "interessanter, publikumsnäher, moderner"
gewordenen, Museen, gehe es "wirtschaftlich so
schlecht wie nie zuvor".
Ich möchte die Aufmerksamkeit aber weniger auf die Folgen
des strukturellen Wandels lenken, die wirtschaftlichen
Probleme und damit verbunden, den Ruf nach dem Staat
und der Anhebung seiner Unterstützung, die Zunahme von
block-buster Ausstellungen oder die Schwierigkeiten,
in einer Stadt wie Hamburg, dauerhaft ein großes Publikum
für Kunst zu rekrutieren. Bestimmte Aspekte der Genese
des strukturellen Wandels sind nicht weniger interessant.
An diesem Wandel waren nämlich die Leiter der Einrichtungen
selbst maßgeblich beteiligt. Sie legten die ersten Entwürfe
für die Strukturveränderungen in diese Richtung im Jahre
1995 vor, die scheinbaren Autonomiegewinne vor Augen.
Und diese Bestrebungen waren wiederum im Kunstfeld selbst
gut abgestützt. Dies zeigen die Ergebnisse der eigenen
Forschung. Im Jahr vor der Initiative der Museumsdirektoren
wurden rund 670 Künstler, Kritiker, Kuratoren, wie auch
nicht-spezialisierte Besucher des Hamburger Kunstvereins
und der Hamburger Deichtorhallen in Ausstellungen mit
Arbeiten, die dem "Feld der eingeschränkten Produktion"
im Sinne von Bourdieu zuzurechnen sind, u. a. zum Thema
der Ökonomisierung des Kunstfeldes befragt. Insbesondere
zwei Ergebnisse sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert:
a)
Die Ökonomisierung von Kunstinstitutionen fand
breiteste Akzeptanz, gleichgültig, ob korporatives
Sponsoring angesprochen war, oder ob es um die Frage
ging, ob die Führung von Kunstmuseen an einer
betriebswirtschaftlichen Rationalität ausgerichtet
werden solle. Etwas mehr als 80% der Befragten äußerten
sich zustimmend.
b)
Die Differenzen zwischen den spezialisierten
Gruppen des Feldes, in denen, wie die Befragung ergab,
Adorno, aber auch poststrukturalistische Autoren wie
Foucault, Deleuze, Derrida etc. ein hohes Ansehen genießen,
und dem allgemeinen Publikum der Kunst, überwiegend
Gelegenheitsbesucher von Ausstellungen, waren sehr gering.
Von einem Antagonismus von "Kunst und Wirtschaft"
bzw. einem "Bruch mit der ökonomischen Ordnung"
war wenig zu spüren.
Die Ökonomisierung
wurde somit im Zentrum des Feldes selbst akzeptiert,
nicht von allen Beteiligten, aber von breiten
Mehrheiten. Es herrschte ein Klima, das den
strukturellen Wandel direkt und indirekt, aktiv und
passiv unterstützte.
Das zweite Beispiel,
das noch kurz angeschnitten werden soll, legt Implikationen
der forcierten Publikumsorientierung für die Autonomie
von Produzenten und Kuratoren offen. Der Wahl des Mottos
der Kunstbiennale von Venedig des Jahres 2003, "Die
Diktatur des Betrachters", mögen von kuratorischer
Seite ironische Absichten zugrunde gelegen haben. Das
Management dieser traditionsreichen Großausstellung
interpretierte es jedenfalls wörtlich: "Sicher
wurde vor zehn Jahren in der modernen Kunst das Publikum
nur als eine Begleiterscheinung angesehen, die nicht
übermäßig interessierte. Nun haben wir aber nicht umsonst
mit einem der Leitsätze für die Biennale die "Diktatur
des Zuschauers" in den Mittelpunkt gestellt, nicht
die Diktatur des Künstlers. (...) Das Erfolgskriterium
ist allein die Besucherzahl, wie auch sonst in der Wirtschaft."
Die angestellten Überlegungen zu den Motiven für den
"Kauf des Produktes Ausstellung" führten das
Biennale-Management zu dem Grundsatz, "die Zahl
der Videoinstallationen zu begrenzen" und "höchstens
ganz kurze" Videos zu zeigen, aus Rücksicht auf
die "Perspektive des Publikums".
II.
Der Wandel in der
Kulturpolitik ist lediglich ein Mosaik eines umfassenderen
Prozesses der beständigen Verschiebung von Grenzen -
der Ausweitung von Kommodifizierung und von marktförmigen
Beziehungen. Die Nebeneffekte sind hinreichend dokumentiert,
auf der Ebene der Differenz - einer stets zunehmenden
vertikalen Differenzierung von Lebensbedingungen im
Weltmaßstab -, wie auch auf der Ebene von Indikatoren
der Anomie.
In jüngerer Zeit
ist das Bewusstsein für die Entwaffnung wie auch die
Vereinnahmung von Kritik und Dissidenz gestiegen.
Auf der Suche nach Erklärungen, warum der Prozess der
Ökonomisierung weitgehend ungehindert voranschreitet,
wurde auf die unterschiedlichsten Faktoren verwiesen.
Auf die Übermächtigkeit struktureller Mechanismen, wie
auf subjektive Bedingungen; auf Diskrepanzen zwischen
einem kritischen Bewusstsein und der Bereitschaft bzw.
Fähigkeit, auf Handlungsebene zu reagieren; auf die
Heterogenität kritischer Strömungen, die jeweils zu
punktuell und eindimensional ausgerichtet sind und deshalb
Entwicklungen in anderen Bereichen übersehen; auf die
Wirksamkeit assoziativer Strategien von Eliten, die
darauf angelegt sind, Kritik und Widerstand zu kooptieren.
Nicht zu vergessen jene Theorien, die den generalisierten
Verdacht formulieren, dass Dissidenz und Widerstand
sich in einem Verhältnis heimlicher Komplizenschaft
mit der Macht befinden.
Eine neue Facette
solcher Einsichten findet sich in der dem "neuen
Geist des Kapitalismus" gewidmeten Studie, die
Luc Boltanski, Bruder des Künstlers Christian Boltanski,
und Eve Chiapello vorgelegt haben. Das durch die Kritik attackierte
System vereinnahmt nicht bloß. Auf Grund seiner normativen
Unbestimmtheit ist der Kapitalismus aus ihrer Sicht
vielmehr sogar auf seine Gegner bzw. auf das Wechselspiel
mit der antikapitalistischen Kritik angewiesen. Diese
dient der Delegitimierung obsoleter Strukturen, der
Entwicklung überzeugenderer Rechtfertigungen für vorhandene
Strukturen und auch jener Selbstkontrolle, zu der er
aus sich selbst heraus nicht in der Lage ist. Historisch
gesehen hat sich der Kapitalismus im 20. Jahrhundert
zunächst über den Einfluss der "Sozialkritik",
deren bevorzugte Themen die Ungleichheit, die Ausbeutung
und die Diskriminierung sind, regeneriert, und zwar
in Form des Wohlfahrtsstaates, der sich in Reaktion
auf die sozialistische, kommunistische, aber auch faschistische
Kritik herausgebildet hat. Ab den 1960er Jahren war
die ursprünglich in der Philosophie der Romantik wurzelnde
"künstlerische Kritik", die sich gegen Standardisierung,
Bürokratisierung und Vermassung wendet und Autonomie,
Emanzipation und die Überschreitung von Grenzen fordert,
für die Regeneration des Kapitalismus nach Auffassung
der beiden französischen Soziologen bedeutender als
die Sozialkritik.
Diese Studie, die
nicht von der Ineffektivität von Kunst oder kultureller
Produktion und den diese Produktion fundierenden Haltungen
ausgeht, sondern vor allem in Zusammenhang mit bestimmten
kritischen Ansätzen das Gegenteil annimmt, wurde bisher
im Kunstfeld kaum rezipiert. Sie läuft in ihren Implikationen
u. a. darauf hinaus, dass es weniger um Motive oder
Programme, als um Effekte geht. Programme sind nicht
einfach progressiv, weil sie sich einer radikalen oder
antikapitalistischen Rhetorik bedienen. Was progressiv
ist und was systemstabilisierend bzw. -erneuernd, wäre
demgemäss an Wirkungen zu beurteilen, vor allem auch
an verzögerten. Die Position unterscheidet zwischen
verschiedenen Formen von Kritik und mündet deshalb nicht
in Zynismus, Eskapismus oder Resignation, was leicht
der Fall sein kann, wenn man sich an den eher leeren
Formeln aus der Philosophie des Verdachts orientiert,
wie etwa der, dass "wir alle Teil der Macht"
seien. Sie lenkt die Aufmerksamkeit vielmehr auf die
Frage, welche Formen von Kritik und Praxis funktional
für die nächste oder übernächste Stufe von Ökonomisierung
und Kommodifizierung sind und welche Praxisformen diese
Tendenzen wenn schon nicht verhindern, so doch vielleicht
entschleunigen bzw. stören könnten. Potentielle Wirkungen
in offenen sozialen Systemen abzuschätzen ist sicherlich
schwierig, doch wäre bereits einiges gewonnen, stärker
in einem solchen Bezugsrahmen zu denken. Nach der Logik
paradoxer Effekte verstärkt Kritik nicht selten jenes
Übel verstärkt, das sie zu bekämpfen oder zu verhindern
sucht. Das klassische Beispiel für nicht-intentionale
perverse Effekte sind Max Webers puritanische Protestanten,
die den modernen Kapitalismus nicht schaffen wollten,
aber dennoch wesentlich zu seiner Herausbildung im Westen
beigetragen haben.
Die Veränderungen
der Kulturpolitik sind zweifelsohne teilweise das Ergebnis
bewusster neoliberaler Strategien. Sie alleine können
den Wandel jedoch nicht erklären. Die neoliberale Ideologie
in ihrer reinen Form ist radikal und aus diesem Grunde
kaum populär. Sie bedarf - wie die neo-Gramscianische
Theorie der kulturellen Hegemonie betont - der Verbindung
mit populären Ideologien,
aber auch der Unterstützung durch paradoxe Effekte.
Erst das Zusammenspiel intentionaler Ökonomisierungsstrategien
mit populären, der herrschenden Doxa verhafteten Ideen
und bestimmten kritischen Ansätzen führt zu den beobachtbaren
Effekten. Sie schaffen Akzeptanz und Zustimmung, oder
auch Abstinenz und Zurückhaltung, wenn es um Gegenwehr
geht.
Boltanski und Chiapello
bezeichnen ihren Ansatz als "Soziologie der Kritik".
Im Gegensatz zu früheren Arbeiten von Boltanski, in
denen er Bedingungen für mediale Publizität von Sozialkritik
untersuchte, erinnern die Analysen
in der Studie über den neuen Kapitalismus jedoch eher
an Ideologiekritik in philosophischer bzw. geisteswissenschaftlicher
Tradition. Gegenüber der Darlegung von Homologien und
Parallelen zwischen einer auf hohem Abstraktionsniveau
dargestellten "künstlerischen Kritik" und
avancierten Managementdiskursen bleiben die sozialen
Mechanismen, über welche Kritik funktional für das Kritisierte
wird, letztlich fragmentarisch und unbestimmt. Eines
der entscheidenden Glieder in der Kette ist die Popularisierung.
Über die Popularisierung dekontextualisierter Fragmente
aus Emanzipations- und Authentizitätstheorien (z. B.
Adorno, Freudomarxismus), aber auch aus Fragmenten,
die der Tradition der Authentizitätskritik (z. B. Deleuze,
Derrida) entnommen sind, bilden sich Begehrensstrukturen
und Muster des Handelns heraus, die in ökonomischen
und politischen Handlungsfeldern aufgegriffen und entgegengesetzten
Zielen unterworfen werden. Auf diese Weise trägt die
Kritik ungewollt zu neuen Formen von Unterdrückung,
Ausbeutung und Ökonomisierung bei. Über welche sozialen
und kulturellen Mechanismen dies im Einzelnen geschieht
bleibt offen.
Ein Forschungsprogramm,
das sich aus soziologischer Sicht mit der Entwaffnung,
Endogenisierung und Umdrehung von sozialer und künstlerischer
Kritik befasst, scheint es durchaus wert zu sein, verfeinert
und weiterentwickelt zu werden. Wenngleich seine gegenwärtige
Realisierung aus einer Reihe von Gründen nur bedingt
überzeugen kann, sollte es dennoch anregen, einen genaueren
Blick auch auf jene kritischen Ansätze zu richten, die
zur Delegitimierung des Produzenten und zur Aufwertung
des Konsumenten beigetragen haben. Aus heutiger Sicht
erscheinen sie mehr als nur eine Art theoretischer Begleitmusik
für die Vorbereitung und Etablierung der neuen kunden-
und publikumsorientierten Kulturpolitik gewesen zu sein.
Dabei wäre die Aufmerksamkeit nicht nur auf die philosophische
Kritik zu richten, sondern auch auf jene popularisierten
und populären Theorieformen mit Breitenwirkung, die
von den aktuellen und künftigen Akteuren der Kulturpolitik
und des Kulturmanagements rezipiert werden. Eine Reihe
von sozialen und kulturellen Theorien bietet sich in
diesem Zusammenhang an, soziologische, die sich wie
die Theorie von der Kunst als kollektivem Handeln der
Dezentrierung des Autors widmen,
genauso wie kulturtheoretische oder rezeptionsästhetische.
Hier muss ein Beispiel genügen.
Zu den populärsten
Spielarten von kritischer Theorie zählen seit Jahren
die mittlerweile weit über die angelsächsische Welt
hinaus verbreiteten Cultural Studies. Dieses Feld hat
sich angesichts seiner Größe in zahlreiche Subfelder
ausdifferenziert, mit heterogenen Paradigmen, die teilweise
in antagonistischen Beziehungen stehen. "Wir (wollen)",
schreibt etwa Paul Willis, der das ethnographische Paradigma
der Cultural Studies repräsentiert, "die Konsumtion,
die kreative Konsumtion rehabilitieren. (...) Die Interpretation,
das symbolische Handeln und die symbolische Kreativität
sind Bestandteile der Konsumtion. Diese Arbeit ist letztlich
genauso wichtig wie alles, was ursprünglich in den Waren
kodiert sein mag."
Jim McGuigan
hat angesichts solcher und ähnlicher Aufwertungen des
Konsumenten in bestimmten Subfeldern der Cultural Studies,
in denen der Konsum als eine Form von Produktion redefiniert
wird, auf Parallelen zu jener Variante des kulturellen
Populismus hingewiesen, die sich auf die Fiktion des
souveränen Konsumenten stützt. Den verschiedenen Spielarten
des kulturellen Populismus ist gemeinsam, dass sie den
Kunden, den Konsumenten, oder, wie im Falle von John
Fiske, einem Hauptvertreter des semiotischen Paradigmas
der Cultural Studies, das Publikum
in das Zentrum zu rücken versuchen. Angesichts der Differenzen
im intellektuellen Stil und in den politischen Konnotationen
sprechen diese Populismen zweifelsohne Gruppen in unterschiedlichen
Regionen des sozialen Raumes an. Solche und andere Theorien,
wie bestimmte Spielarten der Kultursoziologie, sind
neben den rein ökonomistischen Theorien in die Ausbildungsprogramme
von Kulturvermittlern, Kulturmanagern implementiert.
Die Annahme liegt
nahe, dass es gerade das Zusammenwirken von apologetischen
und kritischen Zugängen ist, das den zu beobachtenden
durchschlagenden kulturpolitischen Erfolg der Konsumenten-
und Publikumsorientierung erklären kann. Vor nunmehr
rund 40 Jahren schrieb Adorno unter Bedingungen, in
denen die Kulturindustrie noch schwach entwickelt und
die Kunden- und Publikumsorientierung der Kultureinrichtungen
noch vergleichsweise bescheiden war: "Der Kunde
ist nicht, wie die Kulturindustrie glauben machen möchte,
König, nicht ihr Subjekt, sondern ihr Objekt."
Nachdem über Jahre und Jahrzehnte ein immenses Maß an
Energie in die Dekonstruktion des Autors bzw. Produzenten
und in die Aufwertung des Kunden, des Konsumenten und
des Publikums investiert wurde, erscheint es heute angebracht,
zumindest einen Teil dieser Energie in die Dekonstruktion
des Rezipienten einzubringen, durchaus in Verbindung
mit einer strategischen Aufwertung des kulturellen Produzenten,
in formaler Anlehnung an die Idee des "strategischen
Essentialismus".
Barthes, Roland, Der Tod des Autors. In: Texte zur
Theorie der Autorschaft, Stuttgart 2000 (1967), S.
185–193.
vgl. von Osten, Marion (Hg.), Norm der Abweichung.
Wien / New York 2003.
Vgl. Weber, Max, Soziologie, Weltgeschichtliche
Analysen, Politik. Stuttgart
1968, S. 314ff. Collins, Randall, Max Weber. The
Prostestantic Ethic. Beverly Hills - London- New
Delhi, 1986, S. 48ff.
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