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Transkription eines Videos von O. Ressler,
aufgenommen in Woods Hole, USA, 37 Min., 2003
"Was wollt ihr eigentlich?" ist eine häufige
Frage an AktivistInnen. "Partizipative Ökonomie"
(kurz Parecon) ist eine mögliche Antwort darauf
für den Bereich der Ökonomie. Sie ist eine
Alternative zum Kapitalismus, die auf wenigen zentralen
Werten und Institutionen basiert. Diese Werte sind:
Gleichheit, Solidarität, Vielfalt und Selbstverwaltung.
Gleichheit bezieht sich darauf, wie viel wir für
unsere Arbeit kriegen. Die Norm ist, dass wir für
unsere Anstrengung entlohnt werden sollten, nicht für
Eigentum oder Verhandlungsmacht. Solidarität ist
der Begriff, dass Leute sich umeinander kümmern
sollen und gemeinsam nutznießen sollen, statt
in Gegensatz zueinander stehen und übereinander
trampeln. Mehr Solidarität ist besser als weniger.
Bei Vielfalt geht es um die Auswahl, die wir haben.
Mehr Optionen zu haben ist besser als Homogenisierung
und Reduktion der Anzahl der Optionen, die uns zur Verfügung
stehen. Selbstverwaltung hat mit dem Ausmaß der
Kontrolle zu tun, die wir über unser eigenes Leben
haben. Selbstverwaltung bedeutet, dass wir bei den Entscheidungen,
die uns betreffen, in dem Ausmaß mitreden können,
in dem wir von ihnen betroffen sind.
Die Entwicklung einer wirtschaftlichen Vision bedeutet
für mich, sich Institutionen auszudenken, die Produktion,
Konsum und Allokation auf eine Art ermöglichen,
die Gleichheit, Solidarität, Vielfalt und Selbstverwaltung
erhöhen statt verringern.
Diese Institutionen wären ArbeiterInnen- und KonsumentInnen-Räte,
ausgewogene Arbeitsbündel, Entlohnung nach Anstrengung,
und partizipative Planung.
ArbeiterInnen- und KonsumentInnen-Räte sind direktdemokratische
Vehikel, durch die ArbeiterInnen und KonsumentInnen
ihre Präferenzen entwickeln, organisieren und zum
Ausdruck bringen können. In diesen Räten kommen
selbstverwaltete Methoden zur Entscheidungsfindung zur
Anwendung, um zu bestimmen, wie viel und was produziert
und konsumiert werden soll.
Die Idee hinter ausgewogenen Arbeitsbündeln ist
die Überwindung der gängigen Arbeitsteilung.
Statt alle erfüllenden und ermächtigenden
Arbeitenden auf wenige Leute aufzuteilen, und die entmächtigenden
und Routine-Arbeiten auf den Rest abzuladen, teilen
wir Arbeitsaufgaben und Verantwortungen auf, so dass
alle von uns vergleichbar erfüllende Tätigkeiten
haben und einen fairen Anteil an ermüdender Routinearbeit
übernehmen. Das sollte dazu führen, dass nicht
20% der Leute die erfüllenden Arbeiten monopolisieren,
und 80% mit den Routinearbeiten enden - eine Klassenspaltung,
in der die erste Gruppe die KoordinatorInnenklasse ist,
und die zweite die ArbeiterInnenklasse. Dessen entledigen
wir uns durch ausgewogene Arbeitsbündel, die allen
Arbeiten geben, die sie in ähnlichem Ausmaß
ermächtigen.
Darüber hinaus soll das Ausmaß der Anstrengung
die Bezahlung bestimmen. Wir erhalten Einkommen dafür,
wie lange wir arbeiten, wie schwer wir arbeiten, und
auch danach, wie ermüdend unsere Arbeit ist.
Schließlich ist da das Problem der Allokation.
Wie wird entschieden, wie viel produziert wird? Von
wem? Wo? Wohin gehen die Inputs? Wie wird mit den Ergebnissen
umgegangen?
Die typische Prozedur dafür in den USA sind Märkte,
in der Sowjetunion war es die zentrale Planung. Partizipative
Ökonomie lehnt beide ab und schlägt stattdessen
partizipative Planung vor. Die zentralen Elemente dieses
Modells sind ArbeiterInnen- und KonsumentInnen-Räte,
selbstverwaltete Entscheidungsfindung, Bezahlung nach
Anstrengung, ausgewogene Arbeitsbündel und "partizipative
Planung". Das System, das sich daraus ergibt, ist
eine Alternative sowohl zum Kapitalismus als auch zum
so genannten Sozialismus der Vergangenheit, der in Wahrheit
eine Wirtschaft war, in der eine KoordinatorInnenklasse,
die alle ermächtigende Arbeit monopolisiert hat,
die Macht gehabt hat.
Nun zu den Details: In jeder Wirtschaft üben die
Leute ihre wirtschaftliche Aktivität aus, ihre
Arbeit. Diese Arbeit produziert einen Output, das Sozialprodukt.
Die Frage ist nun immer, wie dieser Kuchen aufgeteilt
werden soll, nach welchen Kriterien die Entlohnung erfolgen
soll.
In manchen Wirtschaftssystemen ist eine der Normen,
dass sich die Entlohnung nach dem Eigentum richten soll,
das jemand besitzt, nach dem Produkt, das aus diesem
Eigentum resultiert, das Profit genannt wird. Das ist
ökonomisch nicht notwendig und führt zu einer
ganzen Reihe von Ungerechtigkeiten, ist also abzulehnen.
Ein anderes Kriterium, das sowohl von der Harvard Business
School als auch von den meisten Kriminellen vertreten
wird, ist, dass wir danach entlohnt werden sollten,
was wir kriegen können. Eine Art Hooligan-Zugang
zur Verteilungsfrage. Wir verhandeln und nutzen unsere
Macht, um mehr zu bekommen. Die Norm ist hier also,
dass wir gemäß unserer Macht entlohnt werden
sollten. Auch dieser Zugang ist weder ökonomisch
erforderlich noch moralisch besonders weise, ist also
auch abzulehnen.
Die dritte mögliche Norm ist, dass das Einkommen
dem Ergebnis der eigenen Arbeitsanstrengung entsprechen
sollte. Diese Norm scheint auf den ersten Blick wünschenswerter.
Doch impliziert sie zum Beispiel, dass Michael Jordan,
zu der Zeit als die Chicago Bulls Jahr für Jahr
die US-Basketballmeisterschaft gewannen, jedes Jahr
Millionen von Dollar für seine Arbeit erhalten
soll. Und zwar, weil sie so sehr von der Gesellschaft
geschätzt wurde. Die Gesellschaft wollte zuschauen,
es bereitete ihr Vergnügen. Ob das auch Sinn machte,
ist irrelevant.
Denken wir deshalb aber, dass Leute wie Michael Jordan
für ihr Glück in der "genetischen Lotterie",
wie man es nennen könnte, entlohnt werden sollte?
Michael Jordan wurde mit bestimmten Fähigkeiten
geboren, so wie einige andere Talente in verschiedenen
Bereichen, die meisten anderen hingegen nicht. Dass
daraus ein Anspruch auf hohes Einkommen erwächst,
ist nicht einzusehen.
Es sollte auch kein Einkommensvorsprung für Leute
daraus erwachsen, dass sie mit besseren Hilfsmitteln
und Werkzeugen ausgestattet sind, und deshalb produktiver
sind. Die Entlohnung sollte in Relation zur Anstrengung
stehen, die uns die Arbeitet kostet. Arbeitet, die anstrengt,
länger dauert, intensiver ist, sollte zu mehr Einkommen
führen.
Was Entscheidungen betrifft: Man könnte wochenlang
darüber philosophieren, wie Entscheidungen gefällt
werden sollen, aber ich denke, es ist ganz einfach.
Wenn eine Entscheidung nur mich betrifft, z.B. ob ich
das Bild meiner Lebensgefährtin auf meinem Büroschreibtisch
aufstellen darf, sollte ich diese Entscheidung treffen
dürfen. Wenn es darum geht, im Gemeinschaftsbüro
ein Radio aufzustellen, dann all jene, die davon betroffen
sind. Alle Leute sollten ein Mitspracherecht in dem
Ausmaß haben, in dem sie die Angelegenheit betrifft.
Das ist die anzustrebende Idee, das ist Selbstverwaltung.
Was das bedeutet, ist nicht im allgemeinen festlegbar.
In einigen Fällen kann das heißen, dass alle
je eine Stimme haben und Mehrheitsabstimmungen durchzuführen
sind. In einigen Fragen wird es einer Dreiviertelmehrheit
bedürfen. Einige Entscheidungen werden konsensual
zu lösen sein, andere diktatorisch. Einige Entscheidungen
werden von kleinen Gruppen im Rahmen der Beschlüsse
einer größeren Gruppe zu treffen sein. Es
gibt viele unterschiedliche Situationen, und die jeweilige
Regel sollte nur die Methode zur Erreichung des ultimativen
Ziels sein - der Selbstverwaltung.
Der alte Entscheidungsmechanismus in Jugoslawien war
weit von diesem Ideal entfernt. Es ist sehr wahrscheinlich,
dass die Leute zur Zeit der Errichtung der jugoslawischen
Wirtschaft Selbstverwaltung wollten. Die Arbeitenden
sollten ihre Arbeitsplätze kontrollieren. In der
alten sowjetischen Verfassung findet sich dasselbe.
Die Beschäftigten in den sowjetischen Fabriken
hätten die letzte Instanz sein sollen, die Entscheidungsmacht
auf dem Arbeitsplatz. Tatsächlich waren das aber
natürlich nicht sie, sondern die zentralen Planer.
In Jugoslawien schuf das Marktsystem, das für die
Allokation zuständig war, eine Dynamik, die die
Arbeitsteilung in der jugoslawischen Fabrik hervorbrachte.
Es brachte eine Situation hervor, in der es das Management
und das Ingenieurwesen gab, und andere Leute, die ein
Monopol auf die täglichen Entscheidungen hatten
und auf die ermächtigenden Arbeiten, die zu Wissen,
Selbstvertrauen und Kenntnissen verhelfen, die für
Entscheidungen und die Entwicklung von Plänen Voraussetzung
sind. Und daneben gab es die 80 Prozent der Bevölkerung,
die den Tag mit repetitiver und ermüdender Arbeit
verbrachten. Sie hatten durch die Verfassung zwar eine
formale Macht, aber keine wirkliche. Wenn die ArbeiterInnenräte
in Jugoslawien schließlich zu Entscheidungen zusammenkamen,
dominierten die 20 Prozent, die alles Wissen und Selbstvertrauen
hatten. Um wahre Selbstverwaltung und Klassenlosigkeit
zu erlangen, muss das beseitigt werden, und die Aufgabe
der Selbstverwaltung muss strukturell erreicht werden,
durch Institutionen, die sie ermöglichen. Der Schlüssel
dazu sind ausgewogene Arbeitsbündel und der Allokationsmodus.
Zuerst gilt es zu klären, was der Begriff "ausgewogene
Arbeitsbündel" bedeutet: An jedem Arbeitsplatz
gibt es unzählige Dinge zu tun. Der übliche
Weg, die Arbeit aufzuteilen, ist, diese Aufgaben in
Jobs aufzuteilen. Ein Job ist eine Mischung aus Aufgaben,
ein Bündel von Verantwortlichkeiten und Aufgaben.
Durch die Kombination der Aufgaben kann man Hierarchien
einrichten: An der Spitze sind die ermächtigenden
Aufgaben - sie haben nicht nur Fähigkeiten und
Wissen zur Voraussetzung, sondern liefern den Ausführenden
auch Fähigkeiten und Wissen. Sie übertragen
Selbstvertrauen und Kontrolle über die Vorgänge
am Arbeitsplatz. Je tiefer man die Hierarchie hinuntergeht,
desto routinierter und untergeordneter wird es. Die
Leute dort werden durch ihre Arbeit ihrer Fähigkeiten
und Talente beraubt.
In diesem Kontext wird die Gruppe am Ende der Leiter
von der Gruppe ganz oben beherrscht und das ist die
Klassenspaltung in koordinierende und arbeitende Klassen.
Wenn das beseitigt wird, wenn es ausgewogene Arbeitsbündel
gibt, wenn jeder Job den gleichen Anteil ermächtigender
und Routine-Aufgaben umfasst, dann sind in den ArbeiterInnenräten
alle in der Lage, über die gemeinsamen Aufgaben,
über die Tagesordnung, die Entscheidungen zu beraten.
Niemand kann die anderen dominieren, weil alle vergleichbare
Arbeiten haben. Die Arbeiten sind unterschiedlich, aber
vergleichbar im Hinblick auf ermächtigende Aspekte.
Ein häufiger Einwand gegen dieses Modell ist,
dass unter dieser Einteilung die hochproduktiven Leute
einen Teil ihrer Zeit verschwenden würden. Wäre
es nicht für die Gesellschaft gewinnbringender,
wenn sich jede/r darauf konzentriert, was er/sie am
besten kann? Die Antwort ist: Während es bis jetzt
so ist, dass bei 80 Prozent der Leute Fähigkeiten
und Talente in der Arbeit vernichtet werden, während
einige Genies sich entfalten können, wird bei ausgewogenen
Arbeitsbündeln das Beste aus allen herausgeholt.
Es wird in einer partizipativen Ökonomie vermutlich
mehr Mozarts geben, dafür auf einem etwas niedrigeren
Niveau. Wir werden diese Talente in mehr Menschen entdecken.
Zudem fließt in einer Wirtschaft wie der jetzigen
das kreativste Talent in den Verkauf von Dingen, nicht
in die Produktion von Kunstwerken, die den Leuten Freude
bringen, sondern in die Produktion manipulativer Bilder
und Worte die versuchen, die Leute zu Dingen zu bringen,
die sie von selbst nicht machen würden, wie etwa
in der Werbung. Dorthin geht das meiste künstlerische
Talent. In einer partizipativen Ökonomie verbringt
jede talentierte Person eine gewisse Zeit damit, ihr
Talent nicht einzusetzen, dafür werden aber insgesamt
mehr Talente entdeckt, und sie werden für sinnvollere
Zwecke eingesetzt.
Aber nehmen wir einen anderen Fall, etwa eine Chirurgin.
Ist es vorstellbar, dass diese hochqualifizierte Spezialistin
einen Teil ihrer Zeit damit verbringt, die Betten zu
machen? Die Antwort ist: ja. Erstens verbringen auch
im Kapitalismus ChirurgInnen ihre Arbeitszeit nicht
ausschließlich mit Chirurgie, sondern ebenso mit
Golf spielen und mit der Manipulation und Erhaltung
der Machthierarchie am Arbeitsplatz.
Aber auch wenn das nicht so wäre - wäre der
Gewinn, den wir durch ausgewogene Arbeitsplätze
erlangen würden, nämlich einen gleichberechtigten
Arbeitsplatz und eine Beseitigung der Klassenspaltung,
nicht den Verlust an Chirurgie-SpezialistInnen-Output
wert? Außerdem wird mit jenen 80 Prozent der Bevölkerung,
die vorher ausschließlich eintönige Arbeiten
verrichteten, ein breiterer Pool möglicher ChirurgInnen
erschlossen.
Um zu sehen, wie das funktioniert, muss man in Betracht
ziehen, dass in den USA die American Medical Association
eine Institution von ÄrztInnen ist. Sie existiert
nicht, um die Gesundheitsvorsorge voranzubringen, sondern
die Privilegien von ÄrztInnen zu verteidigen. Und
das tut sie vor allem, indem sie andere daran hindert,
die Talente und Fähigkeiten zu erwerben, um medizinische
Arbeit zu leisten. Sie hindert Krankenschwestern daran,
mehr zu tun als die begrenzte Arbeit, die ihnen begrenzte
Verhandlungsmacht verleiht, was den ÄrztInnen mehr
Vermögen aus der Gesundheitsvorsorge überlässt.
Wenn wir also zu ausgewogenen Arbeitsbündeln wechseln,
gewinnen wir nicht nur Gleichheit, Vielfalt und Solidarität,
sowie die Beseitigung diverser Übel, die aus der
Klassenspaltung herrühren, sondern sogar was die
Produktivität betrifft, gewinnen wir produktive
Potenziale und Fähigkeiten jener 80 Prozent der
Bevölkerung, die in einer Klassengesellschaft unterdrückt
werden.
Jenseits von Entlohnung und Arbeitsteilung muss jede
Wirtschaft die Allokationsfrage lösen. Das ist
der kompliziertere Teil von Wirtschaft. Es geht hier
um die Bestimmung, wie viel Inputs jedes Unternehmen
erhält, wie viel es damit produziert, und was und
wie das bewertet wird.
Die archetypischen wirtschaftlichen Allokationssysteme
sind Märkte und zentrale Planung. Im Fall von Märkten
konkurrieren KäuferInnen und AnbieterInnen untereinander.
Sie versuchen, sich einen Vorteil zu verschaffen, und
wenn der/die KäuferIn einen Vorteil erzielt, verliert
der/die AnbieterIn. Das ist die Dynamik des Wettbewerbs.
Im Fall zentraler Planung gibt es einen Planungsapparat,
der die relativen Inputs und Outputs aller Einheiten
bestimmt. Im Marktsystem ist es die Wettbewerbsdynamik
zwischen AnbieterInnen und KäuferInnen, die zur
Bestimmung von Inputs und Outputs führt. Bei zentraler
Planung ist es der Befehl von oben. Partizipative Ökonomie
hingegen hat ein anderes Allokationssystem - die partizipative
Planung.
Beschäftigte in ArbeiterInnenräten, die Individuen,
Gruppen und Branchen beinhalten, und KonsumentInnen
in KonsumentInnenräten, die einzelne und Gruppen
von KonsumentInnen beinhalten, müssen zu wirtschaftlichen
Entscheidungen kommen. Auf jeder der beiden Seiten muss
es Gruppen geben, weil ein bedeutender Anteil des Konsums
kollektiv erfolgt: Parks, Straßen, Luft etc.
Zwischen den KonsumentInnen- und ArbeiterInnenräten
muss es Kommunikation geben. Die Kommunikation der zentralen
Planung hat die folgende Form: Ein zentraler Planer
gibt seine Instruktionen weiter, und alle melden zurück,
ob sie die Vorgaben erfüllen können - ein
autoritäres System. In einem Marktsystem schlägt
im wesentlichen jede/r AkteurIn vor, was er/sie tun
möchte, und konkurriert im Versuch, so viel für
sich herauszuschlagen wie möglich. Die EigentümerInnen
versuchen so viel Profit zu erzielen wie möglich,
die Beschäftigten versuchen so hohe Löhne
zu erzielen wie möglich, die KonsumentInnen versuchen
so billig wie möglich zu kaufen und so weiter.
Bei partizipativer Planung hingegen schlagen die KonsumentInnen
ihre Pläne vor, ebenso die Beschäftigten.
Aufgrund der institutionellen Rahmenbedingungen sind
beide Parteien in der Lage, die Pläne der anderen
zu bewerten und zu verstehen. Es gibt dann eine zweite
Runde, in der alle Seiten ihre Vorschläge im Lichte
des Feedbacks der anderen überarbeiten. Und eine
dritte und vierte Runde etc.: Eine bewusste kooperative
Anstrengung zur Festlegung der Inputs und Outputs, ein
kooperatives verhandelndes Planen zwischen allen Beteiligten.
Partizipative Planung bezieht die wahren sozialen Kosten
und Nutzen ein und lässt die Beteiligten die Entscheidungen
in dem Ausmaß beeinflussen, in dem sie von ihnen
betroffen sind. Das Endergebnis sollte dann mit den
Wünschen der Beteiligten übereinstimmen.
Was passiert, wenn es in einem Land eine partizipative
Ökonomie gibt und in einem anderen eine kapitalistische
Wirtschaft? Das kommt darauf an. Wenn es eine partizipative
Ökonomie in einem relativ kleinen Land gibt und
die kapitalistische Wirtschaft die USA ist, werden die
USA versuchen, das andere zu vernichten, aufgrund der
"Gefahr des guten Beispiels". Die USA werden
verhindern wollen, dass der Welt gezeigt wird, dass
es möglich ist, eine Wirtschaft in einer Form zu
organisieren, die human und nutzenstiftend ist, Bedürfnisse
befriedigt, Potenziale entwickelt und Werte unterstützt,
die die Menschen anstreben. Wenn eine Bewegung sich
einer partizipativen Ökonomie nähert, sagen
wir in Brasilien, Argentinien oder irgendeinem anderen
Staat der Welt, wird es immensen internationalen Druck
geben, diesem Prozess zu widerstehen und ihn umzudrehen,
vor allem von den USA, Europa und anderen. Sogar wenn
so eine Bewegung in Frankreich oder Italien entstehen
würde, und sie nicht gleichzeitig woanders passieren
würde, gäbe es starken Druck von den USA.
Darum geht es beim Empire. Die Möglichkeit, diesem
Druck entgegenzuarbeiten, liegt dann bei den Bevölkerungen
in den USA, Deutschland, Europa etc. Bewegungen in diesen
Ländern müssen Bewegungen woanders davor beschützen,
von hier aus niedergeschlagen zu werden.
Partizipative Ökonomie wird sich nicht in den
USA oder Kuba oder Südafrika oder sonst wo in nächster
Zeit durchsetzen. Es braucht Zeit. Aber welchen Sinn
hat es dann, diese Vision für die Zukunft im Kopf
zu behalten?
Es ist deshalb sinnvoll und entscheidend, weil die
Leute AktivistInnen ständig fragen, wofür
sie eigentlich sind. Allen Argumenten der Bewegung begegnen
sie mit: "Sei doch realistisch!". Sie leugnen
nicht die Probleme, auf die Bewegungen hinweisen (Krieg,
Ausbeutung, Armut etc.). Jeder weiß, dass es das
gibt. Aber die meisten engagieren sich nicht dagegen,
weil sie denken, es handelt sich um unveränderbare
Dinge, wie Naturgesetze, zu denen es keine Alternative
gibt.
Eine Vision ist von entscheidender Bedeutung, um diesen
Zynismus zu überwinden. Wir brauchen eine bestechende
Vision, die sich viele Leute mit der Zeit zu eigen machen
können, die Leuten Hoffnung gibt, die ihnen das
Gefühl gibt, dass etwas Besseres möglich ist.
Wenn ich hart arbeite und wenig Freizeit habe und jemand
fordert mich auf, mich einer Bewegung anzuschließen,
was Mühsal und Risiken bedeutet, werde ich zögern,
mich anzuschließen, wenn die Wahrscheinlichkeit,
den Kampf zu gewinnen, sehr gering ist, und ein Sieg
wenig bringt, weil er wahrscheinlich zurückgeschlagen
werden wird. Wenn ich aus Erfahrung das Gefühl
habe, der Kapitalismus macht jeden kleinen Gewinn (Lohnerhöhung,
Arbeitsbedingungen, Demokratie) wieder zunichte, warum
sollte ich mich einer Bewegung anschließen, die
genau diese Allmacht dieses Kapitalismus seit 30 Jahren
kritisiert? Das sieht doch hoffnungslos aus.
Manche Leute rufen dazu auf, einfach aus Prinzip den
Kampf aufzunehmen. Das ist es vielen Leuten aber nicht
wert. Sie wollen ihre Familien nicht gefährden.
Deshalb brauchen wir eine Vision - um zu kommunizieren,
dass es nicht bloß ums Prinzip geht, sondern um
einen Kampf für etwas Reales. Eine Strategie brauchen
wir auch. Wir müssen das Bild transportieren, dass
die Beteiligung der Leute ihnen unmittelbaren Nutzen
bringt, der dauerhaft ist und in einer ganz neuen Welt
endet. Es ist vor allem ein emotionaler und psychologischer
Grund.
Ein weiterer Grund, warum wir eine Vision brauchen,
ist, um uns in unseren Handlungen zu orientieren. Es
ist gut möglich, für eine neue Welt zu kämpfen,
und mit etwas zu enden, das wir uns gar nicht gewünscht
haben. Das ist immer wieder passiert. Wir müssen
also wissen, was wir erreichen wollen. Wenn wir etwa
partizipative Ökonomie als Ziel haben, hat das
Implikationen für die Organisation und Entwicklung
der Bewegung, für die interne Arbeitsteilung in
den Bewegungen, z.B. die Einrichtung ausgewogener Arbeitsbündel.
Unser Aktivismus sollte in die Wirtschaft führen,
die wir wollen. Wir sollten nicht bestehende Hierarchien
reproduzieren, wir sollten nicht bestehende Entlohnungsnormen
einsetzen.
Wir sollten Angebote stellen in Hinblick auf die internationalen
Beziehungen, Forderungen an Organisationen wie IWF und
Weltbank , die nicht bloß gut sind im Sinne von
nutzenbringend für die Menschen, sondern auch solche,
die zu dem führen, was wir uns vorstellen. Eine
Vision kann Motivation bringen, Hoffnung, Verpflichtung
und Orientierung.
Keine Vision zu haben, ist wie auf den Flughafen zu
gehen ohne zu wissen, wohin ich fliegen will. Geld herzugeben,
und sich einfach irgendein Ticket ausstellen zu lassen,
führt einen vermutlich irgendwohin, wo es vielleicht
noch schlechter ist als hier. Das ist keine gute Idee.
Das gleiche gilt für soziale Ziele.
erschienen in: "Alternative Ökonomien,
Alternative Gesellschaften", Kurswechsel 1/2005
Bei den in diesem Band erschienen Texten wurden die
Übersetzungen der englischen Originaltranskripte
von Waltraud Heinz, Werner Raza, Oliver Ressler, Elisabeth
Springler und Beat Weber vorgenommen.
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