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Transkription eines Videos von O. Ressler,
aufgenommen in Bielefeld, Deutschland, 29 Min., 2005
Wir befinden uns hier vor der Bürgerwache im Bielefelder
Westen. Die Bürgerwache und der davor befindliche
Platz sind nach Auskunft meines Großvaters, der
im kommunistischen Widerstand organisiert war, während
der Weimarer Zeit und auch kurz vor der Machtergreifung
Hitlers für kommunistische Versammlungen benutzt
worden. Diese kommunistischen Versammlungen wurden dann
Opfer von Gewalttaten von Seiten der Polizei wie auch
von Faschisten.
Ich bin recht früh mit Herrschaftsphänomenen
in Kontakt geraten. Einer dieser Kontakte war meine
Schlosserlehre, in der ich mit innerbetrieblichen Hierarchien
konfrontiert wurde, z. B. die Umgangsweise der Gesellen,
aber auch überhaupt die ganze Atmosphäre,
die mit so einer Schlosserlehre einhergeht. Das war
nicht gerade dazu angetan, mich herrschaftskompatibel
zu machen. Ich habe mich dann das erste Mal mit Herrschaft
auseinandergesetzt, habe Bücher gelesen und mir
die Frage gestellt, ob es denn eine "gerechte"
Gesellschaft gibt. Irgendwann bin ich auf die Schriften
des Anarchismus gestoßen. Ich habe zusammen mit
Michael Halfbrodt, einem Bielefelder Schriftsteller,
die Edition Blackbox mitbegründet. Das ist ein
libertärer Verlag mit dem Ziel, auf der einen Seite
Anarcho-Poetry, also libertär und anarchistisch
ausgerichtete Literatur, herauszubringen, auf der anderen
Seite politische Texte.
Ich habe mit "Anarchismus und Konsens" 2002
diese Frage nach dem anarchistischen Konsensprinzip,
nach dem "wie?", nach dem "warum?"
und dem "wo geht es hin?" auf über 300
Seiten beantwortet. "Anarchismus und Konsens"
ist ein sehr weites Thema und berührt insgesamt
nicht das gesamte Spektrum des Anarchismus. Insbesondere
solche Anarchisten und Anarchistinnen, die sich den
Klassikern zugeordnet fühlen, werden sich hier
eher peripher wieder finden. Bei der "Freien ArbeiterInnen-Union"
wird ja mit einem Rätesystem operiert, das als
Alternative zum jetzigen Repräsentativsystem vorgestellt
wird. Die Anarchisten, auf die ich mich in "Anarchismus
und Konsens" beziehe, stammen eher aus dem neo-anarchistischen
Bereich. Dazu gehören Jan Stehn, Burkhard Keimburg,
Charlie Blackfield und Gunar Seitz. Das ist die Frage
danach, wie eine alternative anarchistische Gesellschaft
aussehen könnte, die ohne Rätesystem auskommt
und eine Gesellschaft unten an der Basis der Gesellschaft
formiert, auf der Basis des alltäglichen Lebens,
im täglichen miteinander. Hierbei wird auf ein
gesellschaftliches "oben" vollständig
verzichtet. Es geht um die Frage, wie wir Entscheidungen
fällen können, die herrschaftsfrei sind und
ohne ein "oben" auskommen.
Der Begriff Anarchismus kommt aus dem Griechischen
von "an-archia", das bedeutet "ohne Herrschaft".
Dem Anarchismus geht es um eine Gesellschaft ohne Herrschaft,
eine Gesellschaft ohne eine hierarchische Gliederung
im Sinne eines oben und unten. Und gerade das macht
misstrauisch, weil viele Menschen sich ein Leben oder
eine Gesellschaft ohne ein "oben", ohne eine
Regierung, nicht vorstellen können. So gab es immer
viele Missverständnisse im Umgang mit dem Begriff
der Anarchie. Diese Missverständnisse basieren
oft auf mangelnder Kenntnis über die Bewegung des
Anarchismus. Diese Bewegung des Anarchismus hatte verschiedene
Phasen. Dazu gehörte im 19. Jahrhundert auch der
Versuch, Regierungen direkt mit Gewalt zu bekämpfen.
Aus dieser Zeit stammt sicher noch ein Vorurteil gegenüber
Anarchisten und Anarchistinnen, dass sie gewaltbereit
seien. Das lässt sich mit dem Neoanarchismus überhaupt
nicht mehr in Einklang bringen. Der Neoanarchismus,
der sich seit 1968 in der Bundesrepublik Deutschland
entwickelt hat, ist oft ein gewaltfreier Anarchismus.
Auch in anarchosyndikalistischen Zusammenhängen
wie in gewaltfreien Zusammenhängen gilt der Satz,
dass das Ziel der Revolution, nämlich Freiheit
und Gleichberechtigung, auch in den Mitteln dieser Revolution
sich wieder finden sollen. Diese Mittel können
also nicht auf Gewalt beruhen, weil Gewalt kein Ziel
in einer anarchistischen Gesellschaft darstellt.
Anarchismus ist darüber hinaus deshalb so schwierig
für viele Menschen zu verstehen, weil ein Leben
ohne Kontrolle, ohne Organe des Staates, ohne eine Kontrolle
von oben für viele nicht vorstellbar ist. Sie haben
nämlich nie gelernt, Selbstbestimmung zu organisieren,
sie haben nie gelernt, selbstverwaltete Organisationsstrukturen
aufzubauen, sie haben nie gelernt, herrschaftsfreie
Entscheidungen auch schon im Privaten miteinander zu
verwirklichen. Es ist von daher ein gewisser blinder
Fleck in der heutigen so genannten Demokratie, dass
die Menschen zwar Menschenrechte und entsprechend im
Paragraphen 1 der Verfassung, "Die Würde des
Menschen ist unantastbar", Begriffe lernen, die
sich der Demokratie angleichen oder ihr entsprechen.
Aber die tägliche Umsetzung dessen, was die Demokratie
verlangt, nämlich tatsächlich Selbstbestimmung,
Selbstverwaltung und Selbstorganisation der Bevölkerung,
wird vernachlässigt.
Konsens
Will ich das anarchistische Konsensprinzip oder Konsensmodell
beschreiben, so ist es vielleicht zunächst hilfreich,
von diesem Konsensmodell als eigenständiger Entscheidungstheorie
oder als einer direktdemokratischen Theorie zu sprechen.
Dieses Modell bezieht sich auf den Eigenwert von politischen
Entscheidungen, das heißt, der Weg einer politischen
Entscheidung rückt in den Mittelpunkt der Betrachtung.
"Konsens" kommt von der Wortherkunft her vom
Begriff "Übereinstimmung", "Zustimmung".
Konsens hat, so er herrschaftsfrei sein und sich auf
ein tatsächliches Verfahren der Kommunikation und
Entscheidungsfindung beziehen soll, von daher eine Bedeutung
für die konkrete Entscheidungsfindung. Konkrete
Entscheidungsfindung meint innerhalb einer direktdemokratischen
Theorie, dass z. B. die Frage ansteht, wie wir etwas
herstellen können. Wie können wir z. B. ein
Zentrum bauen? Wie können wir eine Straße
bauen? Wie können wir unser Gemeinwesen aufbauen?
Was sollen wir tun? Blickt man auf die repräsentative
Demokratie, also diese Demokratieform, die durch Stellvertretersysteme
gekennzeichnet ist, dann stellen wir fest, dass diese
repräsentative Demokratie massiv Betroffene übergeht.
Das lässt sich für das Beispiel der Bundesrepublik
Deutschland an Hartz IV oder überhaupt an allen
Hartz-Gesetzen leicht nachweisen, weil hier alle ArbeitslosenhilfeempfängerInnen
schlicht übergangen und tendenziell in die Armut
gestürzt werden. Betroffene werden bei solchen
Entscheidungen jederzeit und vollständig übergangen.
Die anarchistische Konsensdemokratie sieht dagegen ein
ganz anderes Prinzip vor, das sich nach zwei Seiten
hin fassen lässt. Zum einen hätten in einer
anarchistischen Konsensdemokratie alle Betroffenen das
Recht, zu Entscheidungen hinzugezogen zu werden. Zum
anderen haben alle Menschen, die einen Nachteil von
einer Entscheidung zögen, ich nenne sie negativ
Betroffene, bei diesen Entscheidungsprozessen ein Vetorecht.
Dieses Widerspruchsrecht erlaubt es ihnen, eine Entscheidung
zu verunmöglichen, sodass ganz neu diskutiert werden
muss. Diese Menschen hätten durch ihr Vetorecht
eine recht starke Bedeutung innerhalb der Entscheidungsprozesse
und könnten Nachteile von sich abwenden. Die in
einer repräsentativen Demokratie zum Beispiel stattfindenden
Mülltransporte würden so überhaupt nicht
zustande kommen. Heute ist es bei Mülltransporten
und Castor-Entlagerungen der Fall, dass die betroffene
Bevölkerung vor Ort keinerlei Vetorecht hat. Sie
hat kein Recht, in irgendeiner Weise diese Entscheidungen
der Regierung zu verunmöglichen, obwohl sie vor
Ort regional sehr stark betroffen ist von etwaigen Folgen
einer radioaktiven Verseuchung oder Unfällen. In
einer anarchistischen Konsensdemokratie wären solche
Entscheidungen nicht möglich, weil sie jederzeit
von den Betroffenen verunmöglicht werden könnten,
da die Betroffenen in diesem Falle schlicht ihr Veto
einlegen würden. Wie das Konsensprinzip im Einzelnen
funktioniert, lässt sich grob an drei Elementen
zeigen: Es gibt eine Zusammenkunft von Betroffenen,
also von denjenigen, die von einer Entscheidung irgendeine
Folge haben. Es gibt dann die Möglichkeit, eine
Entscheidungsfindung, die als Vorschlag ansteht, entweder
mit einem Veto abzulehnen, oder die Entscheidung mitzutragen.
Letzteres bedeutet, das betrifft mich jetzt, aber ich
kann die Folgen ohne große Auswirkungen für
mich hinnehmen, z. B. weil ich diesen ganzen Ablauf
nicht aufhalten will und in dem Ablauf selbst einen
Sinn sehe. Das Ideal stellt hingegen ein Konsens dar,
also eine allseitige Zustimmung und Einwilligung in
eine Entscheidungsfindung oder Entscheidungsperspektive.
Diese vollständige Zustimmung stellt das Ideal
der Konsensdemokratie dar. In der Praxis lässt
sich aber sagen, dass es oft Kompromisse sind, wobei
alle Seiten halbe oder drei Viertel Vorteile für
sich verbuchen können. Aber ein Konsens gilt in
einer anarchistischen Konsensdemokratie als das anzustrebende
Ziel. Mit ihm wird der Zweck verfolgt, herrschaftliche
Entscheidungen zu verunmöglichen.
Im anarchistischen Konsensmodell wie im Anarchismus
überhaupt wird eine Sicht auf Gesellschaft vertreten,
die sich insbesondere auf die Mikroebene der Gesellschaft
bezieht. Das heißt, es geht nicht um Beziehungen
zwischen Regierungen und Regierten, es geht allein um
die Regierten, die sich ihrer Regierungen entledigen.
Es geht darum, dass sich an der Basis der Bevölkerung
Menschen zusammenfinden, die eigenständig und autonom
in Kooperation mit anderen Entscheidungen fällen
auf der so genannten Mikroebene der Gesellschaft. Die
anarchistische Theorie hat eigentlich vom Grundsatz
her zwei Kritikpunkte am Staate: Zum einen, dass der
Staat ständig Regierungen produziert - ob diese
dann nach einer gewissen Zeit abwählbar sind oder
nicht, sei dahingestellt - und damit ein hierarchisch
gegliedertes oben und ein betroffenes unten schafft.
Das sei ungerecht, das ist gegen jegliche Egalität
und gegen einen Anspruch, der in einer Demokratietheorie
ja auch vertreten wird, dass es letztendlich um die
Interessen der Basis der Bevölkerung geht. Aber
das wird bereits in dem Moment nicht eingehalten, in
dem man Regierungen schafft. Wir haben es also mit einer
Kritik am Staate zu tun, die gerade das einfordert,
was Demokratie ebenso einfordert, nämlich die Interessen
der Bevölkerung zum Mittelpunkt der Politik zu
machen. Da das nicht geschieht, wird das natürlich
entsprechend von Anarchistinnen und Anarchisten kritisiert.
Auf der anderen Seite hat dieser Staat, der ständig
Regierungen produziert, auch noch ein Gewaltmonopol.
Das heißt, was er sich selbst erlaubt, nämlich
mit Gewaltmitteln gegenüber GegnerInnen oder Leuten,
die nicht den normativen Vorstellungen entsprechen,
Gewalt auszuüben, das verbietet er den anderen.
Die Bevölkerung steht letztendlich ohne alle Mittel
da. Gewaltausübung wird durch das Gewaltmonopol
alleine dem Staate zugesprochen - und dies sei ungerecht.
Der Anarchismus strebt eine nichtstaatliche und nichtkapitalistische
Organisationsform einer Gesellschaft an der Basis der
Bevölkerung an. Es geht allein um die Basis der
Bevölkerung. Von jeder Bevölkerung gehen Entscheidungen
aus aufgrund von Bedürfnissen, und die Entscheidungen
sollen auch nur durch die Bevölkerung, durch die
Betroffenen, gefällt werden. Entscheidungen werden
also auf der Mikroebene der Gesellschaft entsprechend
individueller Entscheidungsbedürfnisse herbeigeführt
und von den Betroffenen selbst organisiert. Die Merkmale
dieser nicht-hierarchischen Demokratie wären eine
aus den persönlichen Interessen der einzelnen Gruppen,
die sich föderieren, synthetisierte anti-hierarchische
Organisation von unten, und ein fraktaler und dezentraler
Aufbau der Kooperation und der Föderationen. Diese
Kooperationen finden jederzeit statt, können aber
auch jederzeit abgebrochen werden, wenn es den Bedürfnissen
der Betroffenen entspricht. Ein weiteres Charakteristikum
ist der prozessuale Aufbau von Entscheidungen. Entscheidungen
können nur dann herbeigeführt werden, wenn
sie von den Individuen ausgehen. Diese Entscheidungen
beziehen sich auf Bedürfnisse von Individuen und
nicht auf Bedürfnisse von Herrschenden, die diese
Individuen aus irgendeinem Grund kontrollieren oder
kontrollieren wollen. Ein weiteres Merkmal - und das
betrifft das Konsensprinzip - ist der dezentrale Aufbau.
Eine Konsensdemokratie kann nicht mit Millionen funktionieren.
Ein dezentraler Aufbau einer anarchistischen Gesellschaft
ist notwendig, die Rückführung der Politik
und Entscheidungen auf regionale und kommunale Bedingungen,
auf Entscheidungskollektive in der Basis der Bevölkerung.
Das gewährleistet, dass Entscheidungen jederzeit
von der Bevölkerung und von den einzelnen kontrolliert
werden und das gewährleistet auch einen jederzeitigen
Zugriff auf Entscheidungen. Entscheidungen können
sich, wenn sich die Bedürfnisse der einzelnen ändern,
auch ändern und sind jederzeit widerrufbar.
Festzuhalten bleibt, dass auch überregionale Entscheidungen
möglich sind. Konsensentscheidungsprozesse machen
sich nicht an einer Region oder überregionalen
Maßstäben fest, sind allerdings auch nicht
auf die Größe eines Millionenstaates wie
die Bundesrepublik übertragbar. Zur Regelung öffentlicher
Angelegenheiten, z. B. dem Bau einer Straße oder
dem Bau einer Schule - wenn es denn Schulen gibt und
wir uns darauf verständigen können -, oder
der Regelung von Elektrizität, ist es schon notwendig,
dass sich Kommunen und Regionen überregional verständigen
und von dem Bedarf und den Bedürfnissen der Einzelnen
und Gruppen ausgehen, die in den Kommunen leben. Sie
könnten nun zur Regelung solch öffentlicher
Belange Zwischengremien zwischen den verschiedenen Kommunen
und Regionen einführen. Diese Zwischengremien versuchen,
Vorschläge zur Bewältigung eines Problems
zu entwickeln. Von hier ausgehend gehen die Vorschläge
an die Basisgruppen und Kollektive zurück. Dabei
ist es wichtig, dass nur solche Vorschläge umgesetzt
werden, die die Zustimmung aller Beteiligten und Betroffenen
finden. Es soll also ausgeschlossen sein, dass eine
Gruppe, die einem Vorschlag widerspricht, weil sie negativ
betroffen wäre, übergangen wird. Das hat Gunar
Seitz in einem Artikel wunderbar beschrieben: Wenn ein
Mensch oder eine Gruppe sich negativ betroffen sieht,
weil sie einen materiellen Verlust erleidet - die Straße
würde z. B. dort gebaut, wo jetzt das Haus steht,
in dem Menschen wohnen - ist eine solche Entscheidung
eine herrschaftliche, da sie zu Gunsten der Bedürfnisbefriedigung
einer Mehrheit über die Bedürfnisse von Minderheiten
hinweg gefällt werden würde. Das geht in einer
anarchistischen Gesellschaft nicht. Die Zwischengremien
hätten keinerlei Entscheidungsfunktion, sie wären
Diskussionsgremien, Kreise, in denen sich alle Betroffenen
einfinden können, um mit zu diskutieren. Ziel ist
es dabei, einen Vorschlag, der für alle Seiten
gangbar ist, heraus zu arbeiten und diesen Vorschlag
an die Basisgruppen zurückzugeben. Auf diese Weise
würde eine überregionale Kooperation möglich.
Um sich das vorzustellen, dass das auch tatsächlich
umsetzbar und realisierbar ist, braucht man sich heute
nur vorzustellen, dass auch die Post auf der Ebene von
Staaten und auch zwischen Staaten funktioniert, ohne
dass es eine Weltpostbehörde gibt. Menschen sind
also durchaus in der Lage, mit Hilfe von Gremien auch
überregionale Belange zu organisieren. Wichtig
für eine anarchistische Gesellschaft ist, dass
niemand übergangen würde, dass niemand von
den Entscheidungen übervorteilt würde. Das
heißt für den Fall der Straße, die
dann dort entlang führt, wo jetzt ein Haus steht,
in dem Betroffene leben, könnte man diesen Menschen
anbieten, in ein anderes Haus zu übersiedeln. Dieses
wäre idealerweise größer als ihr bisheriges,
damit sie auch einen Vorteil von der Entscheidung haben.
Wenn diese Menschen in dem Haus allerdings weiterhin
leben wollen, ist es nicht gangbar, sie zu übergehen.
Um in einer anarchistischen Gesellschaft Partizipation
als selbstverständlich, als gesellschaftliches
Prinzip zu installieren, bedarf es einer unglaublich
hohen Motivation von Betroffenen und von Menschen, sich
an politischen Partizipationsprozessen und Entscheidungsfindungen
zu beteiligen. Ich stelle mir eine solche Motivation
vor wie bei heutigen Fußballfans. Während
Fußballfans heute quer durch die Bundesrepublik
reisen, um die Interessen ihres Vereins herauszurufen,
könnte in einer anarchistischen Gesellschaft die
Reise - nicht nur am Wochenende, sondern im Prinzip
jederzeit - zu solchen Entscheidungsorten gehen, wo
man sich an überregionalen Entscheidungen beteiligen
kann und mitdiskutiert. Der Eigenwert der demokratischen
Entscheidung würde im Vordergrund stehen. Die klassische
Partizipationstheorie (Habermas und viele andere) hatte
ja schon in den 1970er Jahren betont, dass Partizipation
und demokratische Beteiligung an Entscheidungen einen
Eigenwert darstellt. So ist es auch im Anarchismus,
vielleicht noch viel, viel stärker, als es jemals
eine bürgerliche Theorie zu formulieren oder zu
denken versucht hat. Im Anarchismus gilt das Primat
der Beteiligung, das Primat der politischen Partizipation.
Wer dieses Primat nicht teilt, wer keine Lust hat, sich
an demokratischen Prozessen und Entscheidungsfindungen
zu beteiligen, wird natürlich nicht dazu gezwungen.
Aber der Anarchismus und die anarchistische Gesellschaft
böte eine immense Chance, sich zu engagieren und
mit anderen zusammen die Wirklichkeit zu gestalten,
mit zu organisieren und dafür zu sorgen, dass nichts
so bleibt, wie es war.
In einer anarchistischen Gesellschaft gäbe es
wohl keine Institutionen, die in irgendeiner Weise vergleichbar
wären mit heutigen Rechtsinstitutionen, Gerichten,
polizeilichen Institutionen, Regierungsinstitutionen.
Sie wären nicht nötig, weil gemäß
der konsensdemokratischen Vorstellung und bei der Anwendung
von Konsensverfahren Betroffene nicht vor Gericht ziehen
müssten, um ihre Interessen zu vertreten, sondern
Betroffenheiten bereits Teil des konsensdemokratischen
Verfahrens sind. Denn alle Betroffenen müssen zu
einer Entscheidung hinzugezogen werden und negativ Betroffene
haben ein Vetorecht.
Eine vielleicht schlichte Vorstellung des anarchistischen
Konsensprinzips und seiner Wirkungen lässt sich
anhand eines Beispiels plausibel machen. Die Gemeinden
A, B und C liegen in einiger Entfernung zu einem Fluss,
und da sie den Vorteil von dem Fluss haben möchten,
z. B. die Bewässerung ihrer Felder, möchten
sie gerne diesen Fluss umlenken und in ihre eigene Nähe
bringen. Nun gibt es 200 km südlich von diesen
drei Gemeinden A, B und C eine Gemeinde D, die einen
Nachteil hätte, wenn dieser Fluss umgelenkt würde,
weil der Fluss dann vertrocknet. Diese Gemeinde liegt
direkt am Fluss und kann bislang unmittelbar von diesem
Fluss profitieren. Falls der Fluss durch die Umlenkung
zu den Gemeinden A, B und C vertrocknet, hätte
Gemeinde D ein sofortiges Vetorecht und müsste
zu Entscheidungen als negativ betroffene Gemeinschaft
hinzugezogen werden. Durch dieses Vetorecht würde
die Entscheidung der Gemeinden A, B und C verunmöglicht,
diesen Fluss umzulenken. Die einzige Möglichkeit,
die es gemäß des anarchistischen Konsensprinzips
gibt, ist es, die Arbeit in die eigene Hand zu nehmen,
die Nachteile nicht anderen zu überlassen, und
die Gemeinden A, B und C müssten selbst an den
Fluss ziehen. Dadurch würden hoffentlich bei der
Gemeinde D keine negativen Betroffenheiten entstehen,
und ein solches Verfahren wäre legitim. Es gilt
also beim anarchistischen Konsensprinzip, insbesondere
überregionale Betroffenheiten zu vermeiden, materielle
Verluste bei anderen erst gar nicht entstehen zu lassen
und möglichst solche Entscheidungen zu fällen,
die nur Folgen für einen selbst, nicht aber negative
Folgen für andere haben.
Kritik
Kritikpunkte am anarchistischen Konsensmodell gibt
es sicherlich zahlreiche und sie sind im Buch auch ausführlich
behandelt. Wahrscheinlich einer der wichtigsten ist,
dass zur Durchsetzung eines anarchistischen Konsensmodells,
zur Durchsetzung einer anarchistischen Direktdemokratie
mit Konsensprinzip, ein radikaler Umbruch im Sinne eines
Systemwandels stattfinden müsste, der mit den heutigen
politischen aber auch ökonomischen Eliten nicht
machbar ist. Denn dieser Umbruch auf eine anarchistische
Konsensdemokratie bedeutet die vollständige Abschaffung
ihrer Macht.
Eine weitere Kritik könnte lauten, dass im anarchistischen
Konsensmodell bestimmte technische Voraussetzungen nicht
mehr gelten, wie sie heute gelten. Eine Technologie
der Stromversorgung, wie sie z. B. durch die Atomenergie
gegeben ist, ist nicht konsensfähig, da sie Betroffene
sowohl regional als auch überregional im Falle
von Unfällen hervorbringt. Von daher ist die Atomenergie
nicht konsensfähig. Eine anarchistische Konsensdemokratie
wird darauf angewiesen sein, alternative Technologien
hervorzubringen, die niemanden übergehen. Es wird
daher viel Fantasie abverlangt werden müssen in
der Auffindung alternativer technologischer Lösungen,
die konsensfähig sind.
Übergang
Es müsste eine Selbstorganisation von unten einsetzen
in Form von selbstverwalteten Projekten. Die anarchistische
Gesellschaft ist kein fernes Ziel, sondern das Streben
danach beginnt im hier und jetzt, mit dem Aufbau föderativer
Zusammenhänge, mit dem Aufbau selbstverwalteter
Projekte, selbstorganisierter Häuser, selbstverwalteter
Verlage, usw. Es geht darum, dass sich die Menschen
an der Basis im hier und jetzt, eigentlich sofort -
gestern schon - organisieren, und letztendlich dann
den Staat überflüssig machen. Zuletzt geht
es um ein Umdenken bei uns selbst als Individuen, als
Subjekte. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir uns
nicht abhängig machen können von äußeren
Bedingungen oder staatlichen Reglements, um zur Durchsetzung
eines freien und autonomen Lebens zu gelangen, sondern
uns schon selbst befreien müssen. Es geht für
uns darum, die Welt zu gestalten. Der Schlusssatz meines
Buches lautet: Demokratie ist nicht an ihrem denkbaren
Ende, sondern nimmt gerade erst ihren Anfang.
Gedicht (Ausschnitt): 1999, von Ralf Burnicki
Über die Rampe ins Innenfutter der Notaufnahme
geschleust zeigt der Patient keine Bedenken, eher strenge
Disziplin, die er sich von den weißen Arztkitteln
abschaut, seine Gedanken umrundet vom enger werdenden
Kreislauf des Personals, das mit ausgesuchten Worten
zum Krisenfall vordringt...
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