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Alain Dalotel 2004
Die Pariser Commune 1871
 

Transkription eines Videos von O. Ressler in Zusammenarbeit
mit Rebond pour la Commune, 25 Min., 2004


Mein Name ist Alain Dalotel. Als Historiker arbeite ich auf dem Gebiet der Sozialgeschichte, wobei mein besonderes Interesse allen jenen Fragen gilt, die mit Brüchen zu tun haben: Kriegen, Revolutionen, Streiks, dem Feminismus, der ja auch Brüche impliziert, und insbesondere der Pariser Commune. Dies ist übrigens das neueste Buch, das ich zu diesem Thema geschrieben habe, über André Léo, ein Manuskript, das für Peter Watkins' Film "La Commune de Paris" verwendet wurde.

Wir befinden uns nun vor der Mur des Fédérés, wo viele Kommunarden begraben sind.

Die Frage nach den Ursprüngen der Commune gibt immer Anlass zu Debatten. Manche meinen, dass verschiedene Umstände dabei zusammenwirkten: zum einen der Krieg von 1870 zwischen dem französischen Kaisertum und Preußen; für andere wieder liegt die Antwort in der revolutionären Bewegung, die auch von Bedeutung war, da die Erste Internationale bereits 1864 in London von Karl Marx und anderen gegründet worden war. Außerdem entsteht in Paris während der letzten Jahre des Kaisertums eine sehr starke revolutionäre Bewegung, da dieses liberale Kaisertum öffentliche Versammlungen erlaubt hatte. Verschiedenen revolutionären Gruppen gelang es dann, diese freie öffentliche Rede unter ihre Kontrolle zu bringen, und zwar lange vor der Commune, denn diese tausenden von öffentlichen Versammlungen fanden bereits zwischen 1868 und 1870 statt. Dann brach der Krieg aus, und diese Bewegung der demokratischen und freien Rede ging während der Belagerung von Paris weiter: es entstanden die so genannten "Roten Clubs" als direkte Nachfolger der öffentlichen Versammlungen, die man schließlich verboten hatte. Während der Belagerung kam es zu einem ungeheuren demokratischen Aufbruch, der verschiedene individuelle Freiheiten betraf. Das Besondere an der Belagerung von Paris war, dass neben den regulären Truppen auch die Bevölkerung von Paris in der Nationalgarde bewaffnet war: Etwa 300 000 Mann wurden dafür rekrutiert und mit Feuerwaffen, Chassepot-Gewehren und Kanonen bewaffnet. Das führte bald zu Volksaufständen, da man die so genannte "Regierung der Nationalen Verteidigung" der Kapitulation und des Verrats beschuldigte. Hierin liegen also noch weitere Ursachen. Manche der Ursachen sind militärisch, andere sozial... oder revolutionär. Die Situation verschlechterte sich rapide unter den harten Bedingungen der Belagerung, die für weite Bevölkerungsschichten Hunger und Elend brachte und vor allem zur Schmach der Kapitulation Ende Januar 1871 führte. In diese Zeit fällt auch die Schaffung einer neuen Organisation, der Föderation der Nationalgarden, und das führt zu einem neuerlichen Aufstand am 18. März 1871.

Die Commune beginnt am 18. März 1871, dem Tag als die Fédérés (die Nationalgarde) und Anhänger Blanquis die Macht ergreifen, und endet am 28. Mai 1871 - 72 Tage, eine doch sehr kurze Zeit für eine Revolution. Die Commune traf einige sozialpolitische Maßnahmen, die alle dasselbe hohe Ziel verfolgten: Maßnahmen für die Kinder, für Lohnerhöhungen etc., alles ging in dieselbe Richtung. Die interessanteste sozialpolitische Maßnahme und diejenige, die der Bourgeoisie am meisten Angst machte, war das Dekret vom 16. April betreffend die Betriebe und Werkstätten, deren Inhaber geflohen waren. Diese Werkstätten sollten an die Komitees der Arbeitergewerkschaften übergeben werden. Das jagte den Menschen wirklich Angst ein, das ist eine echte sozialistische Maßnahme, die hier von der Commune getroffen wird. Es erklärt das Ausmaß der Repression, die folgen wird, aber wir werden später noch auf das ungeheure Ausmaß der Repression zu sprechen kommen. - Andererseits muss man auch bedenken, dass man sich in einem Bürgerkrieg befindet. Manche Gewerkschafter, die in den Reihen der Fédérés kämpfen, sind gegen die Errichtung eines sozialistischen Systems; sie glauben, die Zeit sei noch nicht reif dafür. Was für sie zählt, ist der Kampf gegen Versailles. Man darf nicht vergessen, dass im Westen von Paris, außerhalb der Stadtmauern, gekämpft wird - gegen eine Versailler Armee, die rasch ihre Truppen verstärkt, bald auch mit der Unterstützung Preußens.

Die Commune ist verbunden mit der Idee einer direkten Demokratie.
Was bedeutet das konkret?
Es gab sehr viele Wahlen damals, ständig und überall, beinahe zu viele. Und aus allen möglichen Gründen, innerhalb der Nationalgarde zum Beispiel, um unbeliebte Führer abzusetzen. Diese direkte Demokratie ist mit dem sofort widerrufbaren Mandat verbunden. Das ist die zentrale Idee: ein imperatives Mandat: Ein Programm wird definiert und dann wird jemand beauftragt, es umzusetzen; tut er das nicht, muss er damit rechnen, seine Position zu verlieren, wie ich bereits sagte. - Aber zurück zum Thema. Am 26. März fanden also die Wahlen zur Commune statt, mit dem Ergebnis, dass eine Anzahl von Revolutionären ins Hôtel de Ville einzogen. Diejenigen, die keine waren, legten ihr Mandat bald nieder. Und dann begannen die Debatten. Wir sprechen zwar von Debatten - diese bestanden jedoch zumeist nur aus gegenseitigen Beschimpfungen. Woche um Woche wurde heftig gestritten. Außerdem herrschte, wie es scheint, keineswegs Harmonie in der Beziehung zwischen der lokalen Bevölkerung und den gewählten Mitgliedern: immer wieder gab es Klagen über deren mangelnden Einsatz. Bald beginnt der Volkszorn zu kochen, werden Kirchen besetzt und "Rote Clubs" organisiert, wo die Menschen ihre eigenen Programme präsentieren und ihre Kritik vorbringen. Durch diese Art von Beziehungen wird die Situation immer schwieriger. Gegen Ende der Commune scheint die Kluft zwischen den Repräsentanten und ihrer Wählerschaft immer tiefer geworden zu sein. Dies ging soweit, dass einige Kommunarden sogar Selbstmord begingen. Die direkte Demokratie führte also am Ende zu einer sehr dramatischen Situation. Jedenfalls hörte während der Commune keiner auf die Anweisungen eines anderen.

Man muss sehr vorsichtig sein: Manche sind zwar mit Karl Marx der Meinung, dass die Commune den Staat abgeschafft habe, ich glaube aber nicht, dass dies wirklich der Fall war. Die Commune hatte eine Regierung, eine schwache Regierung, die auf der Basis von Kommissionen funktionierte, die so genannte Commission Exécutive. Später, nach den militärischen Rückschlägen, griff man auf alte Modelle wie das Komitee für Öffentliche Sicherheit zurück, von denen zwei tatsächlich realisiert wurden, die aber nie funktionierten. Man muss also sehr vorsichtig sein: die Commune ist nicht das völlige Fehlen einer Regierung, es ist eine schwache Regierung. Schwach aufgrund der Diskussionen, Konflikte und Debatten, und niemand weiß genau, in welche Richtung die Commune geht. Vor allem sind da die einfachen Leute, die eben nicht von oben regiert werden wollen. Wenn auch das Wort Anarchist noch nicht existiert oder zu dieser Zeit eine andere Bedeutung hat, so hat doch die Commune einen sehr starken libertären Aspekt. Marx zeichnet in seiner Schrift "Der Bürgerkrieg in Frankreich" in der Tat ein beinahe anarchistisches Bild - was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Im Hôtel de Ville gab es mehr an Traditionellem als die meisten glauben. Außerdem war da auch ein starkes jakobinisches Element, das immer für die Notwendigkeit einer Regierung, ja sogar einer Diktatur eintritt. Und die Debatte zwischen der Mehrheit und der Minderheit zeigte, dass manche Leute anstelle der anderen entscheiden wollten. Der einzige Unterschied ist, dass das während der Commune nicht mehr funktioniert. Das ist etwas ganz Neues auf politischer Ebene.

Ein Großteil der Staatsbeamten war nach Versailles geflohen. Damit stand zum Beispiel der Postdienst vor einem großen Problem: Alles musste neu organisiert werden, man musste Leute finden, die die Organisation wieder aufbauen und führen konnten. Der Commune gelang es, all das zu tun und die Leute, die weggegangen waren, zu ersetzen. Auch die Polizeikräfte hatten Paris verlassen. Gegen Ende des Kaisertums und während der Belagerung war die Polizei sehr unbeliebt. Es war also völlig undenkbar, dass auch nur ein einziger Polizist in der Stadt geblieben wäre. Um bei diesem Beispiel zu bleiben - die Kommunarden schafften die Polizei ab. Ja, das Gebäude der Polizeiverwaltung wurde in "Ex-Polizeipräsidium" umbenannt. Polizeibeamte wurden durch Nationalgardisten ersetzt. Es gelang, das nötige Personal für die Verwaltung der Stadt zu finden und Dienste wie Kanalisation etc. zu gewährleisten. Das ist freilich kein spezifisch revolutionäres Charakteristikum. Man kann nur sagen, dass die Pariser Arbeiterklasse bewies, dass sie fähig war, das öffentliche Leben selbst zu organisieren. Aber noch einmal: der revolutionärste Aspekt der Commune liegt nicht in ihren administrativen Fähigkeiten. Sie kamen damit gut zu Rande, das stimmt. Aber die Dinge mussten doch darüber hinausgehen. Jedenfalls wurden von der Commune alle Anstrengungen unternommen, die Arbeiterklasse in die Verwaltung der Stadt mit einzubeziehen.

Für manche - Marx war zum Beispiel dieser Ansicht - war die Commune eine Regierung der Arbeiterklasse; Engels sprach von der Diktatur des Proletariats. Und die Arbeiter spielten ohne Zweifel eine zentrale Rolle in dieser revolutionären Episode. Aber zu glauben, dass die Commune zu einer allgemeinen ökonomischen Selbstverwaltung führte, ist doch etwas weit hergeholt. Schon während des Kaisertums und der Belagerung gab es Versuche, Kooperativen zu entwickeln; diese wurden während der Commune in größerem Maßstab und in einer optimistischeren Umgebung weitergeführt. Das Problem blieb jedoch dasselbe - die Finanzierung, was bedeutete, dass man sich mit den Banken verständigen musste. Außerdem wurde während der Commune nicht die gesamte Wirtschaft auf eine sozialistische Basis gestellt, davon war man weit entfernt. Von den Arbeitgebern und Unternehmern blieben viele in Paris. Die großen Bosse sowie die wichtigsten Financial Players flohen nach Versailles. Trotzdem, von der Banque de France blieben viele Leute vor Ort - und sie kamen mit manchen gewählten Mitgliedern der Commune, wie zum Beispiel Charles Beslay, ganz gut aus. Die Banque de France wurde zwar von einigen revolutionären Bataillonen bedroht, die Kommunarden übernahmen aber nie die Kontrolle über die Bank. Hätte die Commune etwas länger bestanden, wäre das wahrscheinlich geschehen. Jedenfalls wurde für die Sicherheit der Bank gesorgt. Was die Wirtschaft betrifft, brauchte man eine Kriegswirtschaft, wir befanden uns ja mitten in einem Bürgerkrieg. Daher wurden mit den Arbeitgebern und Unternehmern, die in Paris geblieben waren, viele Verträge erneuert. Es gibt aber doch einige wichtige Beispiele, wo es tatsächlich zur Selbstverwaltung kam, wie im Louvre oder in manchen Vierteln, wo man Werkstätten und Betriebe übernahm, deren Inhaber geflohen waren. Gewerkschafter und Internationalisten waren bemüht, diese selbstverwalteten Betriebe in einer radikal demokratischen Umgebung zu führen, was nicht immer sehr produktiv war. Aus einem Bericht von Avrial, einem gewählten Mitglied für den elften Bezirk, an Rossel, einen Militär, der die Truppen der Commune führte, wissen wir, dass sich die Verwirklichung dieser neuen sozialistischen Ökonomie als sehr schwierig erwies. Ein Grund, warum sie nicht so gut funktionierte, war auch, dass diese Frage sehr umstritten war. Ich schrieb einmal einen Artikel für ein populäres Magazin, mit dem Titel "Le piège coopératif" ("Die kooperative Falle"). Diese Frage war tatsächlich der Kernpunkt heftiger Debatten zwischen den Revolutionären, die sofort die politische Macht übernehmen, die politische Arena besetzen und dann eine sozialistische Revolution herbeiführen wollten, und jenen, die dachten, man könne allmählich Boden gewinnen, durch eine wirtschaftliche Revolution und die Entwicklung dieser Kooperativen. Das finanzielle Problem bleibt aber, ebenso wie die Frage der Organisation. Dazu erhoben einige Revolutionäre gegenüber den Kooperativen den Vorwurf, es würden dort von neuem ausbeuterische Beziehungen geschaffen, zwischen den eigentlichen Arbeitern der Kooperative und - zumeist jüngeren und schlechter bezahlten - Hilfskräften. Darum ging es im Grunde bei dieser Debatte, die ja während des ganzen 20. Jahrhunderts geführt wurde und auch heute noch andauert. Man könnte ein Seminar organisieren, mit dem Titel "Die Schwierigkeiten der Selbstverwaltung". Der Grad an Utopie in der Selbstverwaltung.

Einer der interessantesten Aspekte der Commune ist die Entwicklung einer starken Frauenbewegung. Die Frauen waren aus verschiedenen Gründen in das Geschehen involviert. Eine historische Niederlage - die man besser aus der Erinnerung streicht - erlitten die Frauen während der Französischen Revolution, wo die Frauenbewegung von den Jakobinern unterdrückt wurde. Während der Commune zeigen die Frauen erneut ihre Stärke, inmitten einer doch recht machistisch geprägten revolutionären Welt. Wir haben von den Soldaten gesprochen: Nun, sie waren nicht gerade begeistert von der Vorstellung, dass sich die Frauen an dem bewaffneten Kampf gegen Versailles beteiligen wollten. Schließlich erhielten die Frauen, zumindest manche von ihnen, erst ganz am Ende Waffen, in der "semaine sanglante", der blutigen Woche, zur Verteidigung des Montmartre. Was wirklich unglaublich war: Sie ließen eine Gruppe von nur 50 Frauen die Commune retten, mit der Verteidigung des Montmartre, jenes Ortes, wo die Commune geboren wurde und die ihr Symbol war. Sie errichten also Barrikaden, und schießen, gemeinsam mit den Männern, auf den Feind; manche kommen dabei um, andere werden niedergemetzelt. Manche konnten auch entkommen und von dem Geschehen Zeugnis ablegen.

Nach dem Fall der Commune oder ihrem "Scheitern" ging die revolutionäre Bewegung einen anderen Weg und folgte einer anderen Logik: Ziel war die Gründung einer organisierten Partei der Arbeiterklasse. Das führt zur Gründung der Bolschewistischen Partei und anderen. Die Commune hat man zwar nicht vergessen, sie wird jedoch zur Negativreferenz - zu einem Beispiel, wie man es nicht machen soll. Und jetzt, wo alle diese Parteien und Staaten mit der Etablierung des Sozialismus gescheitert sind, wo die Berliner Mauer gefallen ist, wenden viele Menschen in der ganzen Welt wieder ihren Blick auf diese Pariser Commune und versuchen, ihr auf den Grund zu gehen.
Was machte ihre Stärke aus, wo lagen ihre Schwächen?
Nun, ihre Stärke ist Teil ihrer Schwächen, und ihre Schwächen sind Teil ihrer Stärke - das ist direkte Demokratie, diese Art der freien Meinungsäußerung, und dass man sich Zeit nimmt, die Dinge auszudiskutieren. Angesichts der Umstände - man befand sich mitten in einem Bürgerkrieg - war die Zeit nicht gerade ideal für die Austragung von Debatten und hitzigen Disputen. Das bedeutet aber auch, dass wir von einer Commune träumen, die nie existiert hat.
Auf militärischer Ebene war die Situation natürlich sehr kompliziert, da weder die gewählten Mitglieder der Commune noch die Führung der Nationalgarde irgendwelchen Anordnungen Folge leisteten. Die Minister oder Kriegsdelegierten wurden vollkommen ignoriert. Tatsächlich konnte sich in diesen Positionen keiner lange halten. Es muss also gesagt werden, dass die Kommunarden jede Form von Hierarchie strikt ablehnten. Wurde doch jemand für eine leitende Position nominiert, dann nur, damit man seine Anweisungen missachten konnte. Auch hier findet sich also wieder dieses libertäre Element - wenn auch das Wort damals noch nicht existierte -, das die Commune auszeichnet und für sie typisch ist. Sie bleibt auch heute ein Bezugspunkt, wo wir einerseits den Zerfall des Sozialismus im Osten erleben oder erlebt haben, und wo andererseits der Neoliberalismus nicht funktioniert.
Was soll man also tun?
Nun, wenn man die Commune studiert, kann man am ehesten den Wert dieser Ideen und Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung identifizieren.

Die Commune war negative und positive Referenz zugleich.
Als die revolutionäre Bewegung in eine andere Richtung ging, blieb als einziges Erbe jenes der tatsächlichen bewaffneten Machtergreifung durch die Commune. Das galt für die Bolschewiken wie für die Spartakisten und alle anderen revolutionären Bewegungen, wenn auch heute nicht mehr viele davon existieren. Die Commune blieb immer in Erinnerung, im Sinne eines Gedenkens. Es gab auch andere Aspekte, etwa einen rein patriotischen. Die Commune diente nicht als Modell, und schon bald distanzierten sich selbst die französische Arbeiterbewegung und anarchistische Gruppen von diesem Modell. Es sollte in Frankreich keine Aufstände mehr geben. Ja, es gab Aktionen von anarchistischen Gruppen, die Bomben warfen, und ähnliche Dinge. Aber im Allgemeinen wird die Arbeiterbewegung eine andere Strategie wählen: der Generalstreik wird ihr Kampfmittel, auch für die Libertarier - sie waren es ja, die die großen Gewerkschaften wie die CGT gründeten. Wenn man auch manches ganz sympathisch fand, blieb die Commune also global gesehen etwas Negatives. Mittlerweile hat sich die Situation grundlegend geändert; immer mehr Menschen interessieren sich für die Commune. Jedenfalls hat diese Mur des Fédérés schon alles Mögliche gesehen. Sie ist zur Pilgerstätte für alle revolutionären Bewegungen dieser Welt geworden. Ich habe einmal einen Chinesen aus Shanghai getroffen, der mir von der proletarischen Kulturrevolution erzählte. Er hatte von der Commune gehört und sagte, in der Schule würde man über die Commune lernen, obwohl hier in Frankreich keiner etwas darüber wusste, weil es verboten war, dieses Thema in der Schule zu behandeln.

Von welchem Gesichtspunkt auch immer man es betrachtet: die Commune ist in erster Linie eine bewaffnete Revolution. Was also die Mittel betrifft, ist das schon sehr spezifisch. In einer Zeitung der Kommunarden stand einmal: "Jeder Bürger ist ein Soldat". Das ist die grundlegende Idee der Fédération: man kann keine vollen Bürgerrechte genießen, wenn man nicht bewaffnet ist. Und das ist ein großer Unterschied verglichen mit der heutigen Situation in unseren Gesellschaften, wo die Menschen wehrlos gegenüber dem Staat sind. Was wirklich betont werden muss, ist, dass die Pariser Commune von 1871 eine direkte Demokratie ist. Und diese spezielle direkte Demokratie hat nichts mit einer partizipatorischen Demokratie zu tun. Der Commune geht es nicht darum, die öffentlichen Einrichtungen zu reformieren; es geht darum, die Gesellschaft zu verändern und nicht darum, sie anzupassen. 1871 wollen die Menschen eine Revolution und sie glauben, in der Lage zu sein, diese mit Gewehren und Kanonen herbeizuführen.

Leonine Champsey, eine der bedeutendsten Frauen der Commune, vielleicht bedeutender als ihre Freundin Louise Michel, schrieb einen sehr interessanten Artikel in ihrer Zeitschrift "La Sociale" - unter dem Titel "Les Soldats des Idées" ("Soldaten der Ideen").
In erster Linie war es das, worum es bei der Commune ging: dass die Menschen ihre Meinung sagen, dass Fragen diskutiert werden und eine Debatte über die revolutionäre Utopie stattfindet. Weil Widerstand nicht ohne Utopie existieren kann, tappt er in die Falle eines kurzsichtigen Nationalismus. Der revolutionäre Sozialismus und der Kommunismus insgesamt, auch in seinen libertären Tendenzen, baut auf einem Corpus von Ideen auf und vor allem auf Diskussion. Und wenn uns die Commune etwas lehren kann, dann dies, dass wir uns zusammensetzen, diskutieren, debattieren und, wenn möglich, zusammenschließen müssen.


erschienen in: "Alternative Ökonomien, Alternative Gesellschaften", Kurswechsel 1/2005
Bei den in diesem Band erschienen Texten wurden die Übersetzungen der englischen Originaltranskripte von Waltraud Heinz, Werner Raza, Oliver Ressler, Elisabeth Springler und Beat Weber vorgenommen.

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