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Transkription eines Videos von O. Ressler in Zusammenarbeit
mit Rebond pour la Commune, 25 Min., 2004
Mein Name ist Alain Dalotel. Als Historiker arbeite
ich auf dem Gebiet der Sozialgeschichte, wobei mein
besonderes Interesse allen jenen Fragen gilt, die mit
Brüchen zu tun haben: Kriegen, Revolutionen, Streiks,
dem Feminismus, der ja auch Brüche impliziert,
und insbesondere der Pariser Commune. Dies ist übrigens
das neueste Buch, das ich zu diesem Thema geschrieben
habe, über André Léo, ein Manuskript,
das für Peter Watkins' Film "La Commune de
Paris" verwendet wurde.
Wir befinden uns nun vor der Mur des Fédérés,
wo viele Kommunarden begraben sind.
Die Frage nach den Ursprüngen der Commune gibt
immer Anlass zu Debatten. Manche meinen, dass verschiedene
Umstände dabei zusammenwirkten: zum einen der Krieg
von 1870 zwischen dem französischen Kaisertum und
Preußen; für andere wieder liegt die Antwort
in der revolutionären Bewegung, die auch von Bedeutung
war, da die Erste Internationale bereits 1864 in London
von Karl Marx und anderen gegründet worden war.
Außerdem entsteht in Paris während der letzten
Jahre des Kaisertums eine sehr starke revolutionäre
Bewegung, da dieses liberale Kaisertum öffentliche
Versammlungen erlaubt hatte. Verschiedenen revolutionären
Gruppen gelang es dann, diese freie öffentliche
Rede unter ihre Kontrolle zu bringen, und zwar lange
vor der Commune, denn diese tausenden von öffentlichen
Versammlungen fanden bereits zwischen 1868 und 1870
statt. Dann brach der Krieg aus, und diese Bewegung
der demokratischen und freien Rede ging während
der Belagerung von Paris weiter: es entstanden die so
genannten "Roten Clubs" als direkte Nachfolger
der öffentlichen Versammlungen, die man schließlich
verboten hatte. Während der Belagerung kam es zu
einem ungeheuren demokratischen Aufbruch, der verschiedene
individuelle Freiheiten betraf. Das Besondere an der
Belagerung von Paris war, dass neben den regulären
Truppen auch die Bevölkerung von Paris in der Nationalgarde
bewaffnet war: Etwa 300 000 Mann wurden dafür rekrutiert
und mit Feuerwaffen, Chassepot-Gewehren und Kanonen
bewaffnet. Das führte bald zu Volksaufständen,
da man die so genannte "Regierung der Nationalen
Verteidigung" der Kapitulation und des Verrats
beschuldigte. Hierin liegen also noch weitere Ursachen.
Manche der Ursachen sind militärisch, andere sozial...
oder revolutionär. Die Situation verschlechterte
sich rapide unter den harten Bedingungen der Belagerung,
die für weite Bevölkerungsschichten Hunger
und Elend brachte und vor allem zur Schmach der Kapitulation
Ende Januar 1871 führte. In diese Zeit fällt
auch die Schaffung einer neuen Organisation, der Föderation
der Nationalgarden, und das führt zu einem neuerlichen
Aufstand am 18. März 1871.
Die Commune beginnt am 18. März 1871, dem Tag
als die Fédérés (die Nationalgarde)
und Anhänger Blanquis die Macht ergreifen, und
endet am 28. Mai 1871 - 72 Tage, eine doch sehr kurze
Zeit für eine Revolution. Die Commune traf einige
sozialpolitische Maßnahmen, die alle dasselbe
hohe Ziel verfolgten: Maßnahmen für die Kinder,
für Lohnerhöhungen etc., alles ging in dieselbe
Richtung. Die interessanteste sozialpolitische Maßnahme
und diejenige, die der Bourgeoisie am meisten Angst
machte, war das Dekret vom 16. April betreffend die
Betriebe und Werkstätten, deren Inhaber geflohen
waren. Diese Werkstätten sollten an die Komitees
der Arbeitergewerkschaften übergeben werden. Das
jagte den Menschen wirklich Angst ein, das ist eine
echte sozialistische Maßnahme, die hier von der
Commune getroffen wird. Es erklärt das Ausmaß
der Repression, die folgen wird, aber wir werden später
noch auf das ungeheure Ausmaß der Repression zu
sprechen kommen. - Andererseits muss man auch bedenken,
dass man sich in einem Bürgerkrieg befindet. Manche
Gewerkschafter, die in den Reihen der Fédérés
kämpfen, sind gegen die Errichtung eines sozialistischen
Systems; sie glauben, die Zeit sei noch nicht reif dafür.
Was für sie zählt, ist der Kampf gegen Versailles.
Man darf nicht vergessen, dass im Westen von Paris,
außerhalb der Stadtmauern, gekämpft wird
- gegen eine Versailler Armee, die rasch ihre Truppen
verstärkt, bald auch mit der Unterstützung
Preußens.
Die Commune ist verbunden mit der Idee einer direkten
Demokratie.
Was bedeutet das konkret?
Es gab sehr viele Wahlen damals, ständig und überall,
beinahe zu viele. Und aus allen möglichen Gründen,
innerhalb der Nationalgarde zum Beispiel, um unbeliebte
Führer abzusetzen. Diese direkte Demokratie ist
mit dem sofort widerrufbaren Mandat verbunden. Das ist
die zentrale Idee: ein imperatives Mandat: Ein Programm
wird definiert und dann wird jemand beauftragt, es umzusetzen;
tut er das nicht, muss er damit rechnen, seine Position
zu verlieren, wie ich bereits sagte. - Aber zurück
zum Thema. Am 26. März fanden also die Wahlen zur
Commune statt, mit dem Ergebnis, dass eine Anzahl von
Revolutionären ins Hôtel de Ville einzogen.
Diejenigen, die keine waren, legten ihr Mandat bald
nieder. Und dann begannen die Debatten. Wir sprechen
zwar von Debatten - diese bestanden jedoch zumeist nur
aus gegenseitigen Beschimpfungen. Woche um Woche wurde
heftig gestritten. Außerdem herrschte, wie es
scheint, keineswegs Harmonie in der Beziehung zwischen
der lokalen Bevölkerung und den gewählten
Mitgliedern: immer wieder gab es Klagen über deren
mangelnden Einsatz. Bald beginnt der Volkszorn zu kochen,
werden Kirchen besetzt und "Rote Clubs" organisiert,
wo die Menschen ihre eigenen Programme präsentieren
und ihre Kritik vorbringen. Durch diese Art von Beziehungen
wird die Situation immer schwieriger. Gegen Ende der
Commune scheint die Kluft zwischen den Repräsentanten
und ihrer Wählerschaft immer tiefer geworden zu
sein. Dies ging soweit, dass einige Kommunarden sogar
Selbstmord begingen. Die direkte Demokratie führte
also am Ende zu einer sehr dramatischen Situation. Jedenfalls
hörte während der Commune keiner auf die Anweisungen
eines anderen.
Man muss sehr vorsichtig sein: Manche sind zwar mit
Karl Marx der Meinung, dass die Commune den Staat abgeschafft
habe, ich glaube aber nicht, dass dies wirklich der
Fall war. Die Commune hatte eine Regierung, eine schwache
Regierung, die auf der Basis von Kommissionen funktionierte,
die so genannte Commission Exécutive. Später,
nach den militärischen Rückschlägen,
griff man auf alte Modelle wie das Komitee für
Öffentliche Sicherheit zurück, von denen zwei
tatsächlich realisiert wurden, die aber nie funktionierten.
Man muss also sehr vorsichtig sein: die Commune ist
nicht das völlige Fehlen einer Regierung, es ist
eine schwache Regierung. Schwach aufgrund der Diskussionen,
Konflikte und Debatten, und niemand weiß genau,
in welche Richtung die Commune geht. Vor allem sind
da die einfachen Leute, die eben nicht von oben regiert
werden wollen. Wenn auch das Wort Anarchist noch nicht
existiert oder zu dieser Zeit eine andere Bedeutung
hat, so hat doch die Commune einen sehr starken libertären
Aspekt. Marx zeichnet in seiner Schrift "Der Bürgerkrieg
in Frankreich" in der Tat ein beinahe anarchistisches
Bild - was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Im Hôtel
de Ville gab es mehr an Traditionellem als die meisten
glauben. Außerdem war da auch ein starkes jakobinisches
Element, das immer für die Notwendigkeit einer
Regierung, ja sogar einer Diktatur eintritt. Und die
Debatte zwischen der Mehrheit und der Minderheit zeigte,
dass manche Leute anstelle der anderen entscheiden wollten.
Der einzige Unterschied ist, dass das während der
Commune nicht mehr funktioniert. Das ist etwas ganz
Neues auf politischer Ebene.
Ein Großteil der Staatsbeamten war nach Versailles
geflohen. Damit stand zum Beispiel der Postdienst vor
einem großen Problem: Alles musste neu organisiert
werden, man musste Leute finden, die die Organisation
wieder aufbauen und führen konnten. Der Commune
gelang es, all das zu tun und die Leute, die weggegangen
waren, zu ersetzen. Auch die Polizeikräfte hatten
Paris verlassen. Gegen Ende des Kaisertums und während
der Belagerung war die Polizei sehr unbeliebt. Es war
also völlig undenkbar, dass auch nur ein einziger
Polizist in der Stadt geblieben wäre. Um bei diesem
Beispiel zu bleiben - die Kommunarden schafften die
Polizei ab. Ja, das Gebäude der Polizeiverwaltung
wurde in "Ex-Polizeipräsidium" umbenannt.
Polizeibeamte wurden durch Nationalgardisten ersetzt.
Es gelang, das nötige Personal für die Verwaltung
der Stadt zu finden und Dienste wie Kanalisation etc.
zu gewährleisten. Das ist freilich kein spezifisch
revolutionäres Charakteristikum. Man kann nur sagen,
dass die Pariser Arbeiterklasse bewies, dass sie fähig
war, das öffentliche Leben selbst zu organisieren.
Aber noch einmal: der revolutionärste Aspekt der
Commune liegt nicht in ihren administrativen Fähigkeiten.
Sie kamen damit gut zu Rande, das stimmt. Aber die Dinge
mussten doch darüber hinausgehen. Jedenfalls wurden
von der Commune alle Anstrengungen unternommen, die
Arbeiterklasse in die Verwaltung der Stadt mit einzubeziehen.
Für manche - Marx war zum Beispiel dieser Ansicht
- war die Commune eine Regierung der Arbeiterklasse;
Engels sprach von der Diktatur des Proletariats. Und
die Arbeiter spielten ohne Zweifel eine zentrale Rolle
in dieser revolutionären Episode. Aber zu glauben,
dass die Commune zu einer allgemeinen ökonomischen
Selbstverwaltung führte, ist doch etwas weit hergeholt.
Schon während des Kaisertums und der Belagerung
gab es Versuche, Kooperativen zu entwickeln; diese wurden
während der Commune in größerem Maßstab
und in einer optimistischeren Umgebung weitergeführt.
Das Problem blieb jedoch dasselbe - die Finanzierung,
was bedeutete, dass man sich mit den Banken verständigen
musste. Außerdem wurde während der Commune
nicht die gesamte Wirtschaft auf eine sozialistische
Basis gestellt, davon war man weit entfernt. Von den
Arbeitgebern und Unternehmern blieben viele in Paris.
Die großen Bosse sowie die wichtigsten Financial
Players flohen nach Versailles. Trotzdem, von der Banque
de France blieben viele Leute vor Ort - und sie kamen
mit manchen gewählten Mitgliedern der Commune,
wie zum Beispiel Charles Beslay, ganz gut aus. Die Banque
de France wurde zwar von einigen revolutionären
Bataillonen bedroht, die Kommunarden übernahmen
aber nie die Kontrolle über die Bank. Hätte
die Commune etwas länger bestanden, wäre das
wahrscheinlich geschehen. Jedenfalls wurde für
die Sicherheit der Bank gesorgt. Was die Wirtschaft
betrifft, brauchte man eine Kriegswirtschaft, wir befanden
uns ja mitten in einem Bürgerkrieg. Daher wurden
mit den Arbeitgebern und Unternehmern, die in Paris
geblieben waren, viele Verträge erneuert. Es gibt
aber doch einige wichtige Beispiele, wo es tatsächlich
zur Selbstverwaltung kam, wie im Louvre oder in manchen
Vierteln, wo man Werkstätten und Betriebe übernahm,
deren Inhaber geflohen waren. Gewerkschafter und Internationalisten
waren bemüht, diese selbstverwalteten Betriebe
in einer radikal demokratischen Umgebung zu führen,
was nicht immer sehr produktiv war. Aus einem Bericht
von Avrial, einem gewählten Mitglied für den
elften Bezirk, an Rossel, einen Militär, der die
Truppen der Commune führte, wissen wir, dass sich
die Verwirklichung dieser neuen sozialistischen Ökonomie
als sehr schwierig erwies. Ein Grund, warum sie nicht
so gut funktionierte, war auch, dass diese Frage sehr
umstritten war. Ich schrieb einmal einen Artikel für
ein populäres Magazin, mit dem Titel "Le piège
coopératif" ("Die kooperative Falle").
Diese Frage war tatsächlich der Kernpunkt heftiger
Debatten zwischen den Revolutionären, die sofort
die politische Macht übernehmen, die politische
Arena besetzen und dann eine sozialistische Revolution
herbeiführen wollten, und jenen, die dachten, man
könne allmählich Boden gewinnen, durch eine
wirtschaftliche Revolution und die Entwicklung dieser
Kooperativen. Das finanzielle Problem bleibt aber, ebenso
wie die Frage der Organisation. Dazu erhoben einige
Revolutionäre gegenüber den Kooperativen den
Vorwurf, es würden dort von neuem ausbeuterische
Beziehungen geschaffen, zwischen den eigentlichen Arbeitern
der Kooperative und - zumeist jüngeren und schlechter
bezahlten - Hilfskräften. Darum ging es im Grunde
bei dieser Debatte, die ja während des ganzen 20.
Jahrhunderts geführt wurde und auch heute noch
andauert. Man könnte ein Seminar organisieren,
mit dem Titel "Die Schwierigkeiten der Selbstverwaltung".
Der Grad an Utopie in der Selbstverwaltung.
Einer der interessantesten Aspekte der Commune ist
die Entwicklung einer starken Frauenbewegung. Die Frauen
waren aus verschiedenen Gründen in das Geschehen
involviert. Eine historische Niederlage - die man besser
aus der Erinnerung streicht - erlitten die Frauen während
der Französischen Revolution, wo die Frauenbewegung
von den Jakobinern unterdrückt wurde. Während
der Commune zeigen die Frauen erneut ihre Stärke,
inmitten einer doch recht machistisch geprägten
revolutionären Welt. Wir haben von den Soldaten
gesprochen: Nun, sie waren nicht gerade begeistert von
der Vorstellung, dass sich die Frauen an dem bewaffneten
Kampf gegen Versailles beteiligen wollten. Schließlich
erhielten die Frauen, zumindest manche von ihnen, erst
ganz am Ende Waffen, in der "semaine sanglante",
der blutigen Woche, zur Verteidigung des Montmartre.
Was wirklich unglaublich war: Sie ließen eine
Gruppe von nur 50 Frauen die Commune retten, mit der
Verteidigung des Montmartre, jenes Ortes, wo die Commune
geboren wurde und die ihr Symbol war. Sie errichten
also Barrikaden, und schießen, gemeinsam mit den
Männern, auf den Feind; manche kommen dabei um,
andere werden niedergemetzelt. Manche konnten auch entkommen
und von dem Geschehen Zeugnis ablegen.
Nach dem Fall der Commune oder ihrem "Scheitern"
ging die revolutionäre Bewegung einen anderen Weg
und folgte einer anderen Logik: Ziel war die Gründung
einer organisierten Partei der Arbeiterklasse. Das führt
zur Gründung der Bolschewistischen Partei und anderen.
Die Commune hat man zwar nicht vergessen, sie wird jedoch
zur Negativreferenz - zu einem Beispiel, wie man es
nicht machen soll. Und jetzt, wo alle diese Parteien
und Staaten mit der Etablierung des Sozialismus gescheitert
sind, wo die Berliner Mauer gefallen ist, wenden viele
Menschen in der ganzen Welt wieder ihren Blick auf diese
Pariser Commune und versuchen, ihr auf den Grund zu
gehen.
Was machte ihre Stärke aus, wo lagen ihre Schwächen?
Nun, ihre Stärke ist Teil ihrer Schwächen,
und ihre Schwächen sind Teil ihrer Stärke
- das ist direkte Demokratie, diese Art der freien Meinungsäußerung,
und dass man sich Zeit nimmt, die Dinge auszudiskutieren.
Angesichts der Umstände - man befand sich mitten
in einem Bürgerkrieg - war die Zeit nicht gerade
ideal für die Austragung von Debatten und hitzigen
Disputen. Das bedeutet aber auch, dass wir von einer
Commune träumen, die nie existiert hat.
Auf militärischer Ebene war die Situation natürlich
sehr kompliziert, da weder die gewählten Mitglieder
der Commune noch die Führung der Nationalgarde
irgendwelchen Anordnungen Folge leisteten. Die Minister
oder Kriegsdelegierten wurden vollkommen ignoriert.
Tatsächlich konnte sich in diesen Positionen keiner
lange halten. Es muss also gesagt werden, dass die Kommunarden
jede Form von Hierarchie strikt ablehnten. Wurde doch
jemand für eine leitende Position nominiert, dann
nur, damit man seine Anweisungen missachten konnte.
Auch hier findet sich also wieder dieses libertäre
Element - wenn auch das Wort damals noch nicht existierte
-, das die Commune auszeichnet und für sie typisch
ist. Sie bleibt auch heute ein Bezugspunkt, wo wir einerseits
den Zerfall des Sozialismus im Osten erleben oder erlebt
haben, und wo andererseits der Neoliberalismus nicht
funktioniert.
Was soll man also tun?
Nun, wenn man die Commune studiert, kann man am ehesten
den Wert dieser Ideen und Möglichkeiten ihrer praktischen
Umsetzung identifizieren.
Die Commune war negative und positive Referenz zugleich.
Als die revolutionäre Bewegung in eine andere Richtung
ging, blieb als einziges Erbe jenes der tatsächlichen
bewaffneten Machtergreifung durch die Commune. Das galt
für die Bolschewiken wie für die Spartakisten
und alle anderen revolutionären Bewegungen, wenn
auch heute nicht mehr viele davon existieren. Die Commune
blieb immer in Erinnerung, im Sinne eines Gedenkens.
Es gab auch andere Aspekte, etwa einen rein patriotischen.
Die Commune diente nicht als Modell, und schon bald
distanzierten sich selbst die französische Arbeiterbewegung
und anarchistische Gruppen von diesem Modell. Es sollte
in Frankreich keine Aufstände mehr geben. Ja, es
gab Aktionen von anarchistischen Gruppen, die Bomben
warfen, und ähnliche Dinge. Aber im Allgemeinen
wird die Arbeiterbewegung eine andere Strategie wählen:
der Generalstreik wird ihr Kampfmittel, auch für
die Libertarier - sie waren es ja, die die großen
Gewerkschaften wie die CGT gründeten. Wenn man
auch manches ganz sympathisch fand, blieb die Commune
also global gesehen etwas Negatives. Mittlerweile hat
sich die Situation grundlegend geändert; immer
mehr Menschen interessieren sich für die Commune.
Jedenfalls hat diese Mur des Fédérés
schon alles Mögliche gesehen. Sie ist zur Pilgerstätte
für alle revolutionären Bewegungen dieser
Welt geworden. Ich habe einmal einen Chinesen aus Shanghai
getroffen, der mir von der proletarischen Kulturrevolution
erzählte. Er hatte von der Commune gehört
und sagte, in der Schule würde man über die
Commune lernen, obwohl hier in Frankreich keiner etwas
darüber wusste, weil es verboten war, dieses Thema
in der Schule zu behandeln.
Von welchem Gesichtspunkt auch immer man es betrachtet:
die Commune ist in erster Linie eine bewaffnete Revolution.
Was also die Mittel betrifft, ist das schon sehr spezifisch.
In einer Zeitung der Kommunarden stand einmal: "Jeder
Bürger ist ein Soldat". Das ist die grundlegende
Idee der Fédération: man kann keine vollen
Bürgerrechte genießen, wenn man nicht bewaffnet
ist. Und das ist ein großer Unterschied verglichen
mit der heutigen Situation in unseren Gesellschaften,
wo die Menschen wehrlos gegenüber dem Staat sind.
Was wirklich betont werden muss, ist, dass die Pariser
Commune von 1871 eine direkte Demokratie ist. Und diese
spezielle direkte Demokratie hat nichts mit einer partizipatorischen
Demokratie zu tun. Der Commune geht es nicht darum,
die öffentlichen Einrichtungen zu reformieren;
es geht darum, die Gesellschaft zu verändern und
nicht darum, sie anzupassen. 1871 wollen die Menschen
eine Revolution und sie glauben, in der Lage zu sein,
diese mit Gewehren und Kanonen herbeizuführen.
Leonine Champsey, eine der bedeutendsten Frauen der
Commune, vielleicht bedeutender als ihre Freundin Louise
Michel, schrieb einen sehr interessanten Artikel in
ihrer Zeitschrift "La Sociale" - unter dem
Titel "Les Soldats des Idées" ("Soldaten
der Ideen").
In erster Linie war es das, worum es bei der Commune
ging: dass die Menschen ihre Meinung sagen, dass Fragen
diskutiert werden und eine Debatte über die revolutionäre
Utopie stattfindet. Weil Widerstand nicht ohne Utopie
existieren kann, tappt er in die Falle eines kurzsichtigen
Nationalismus. Der revolutionäre Sozialismus und
der Kommunismus insgesamt, auch in seinen libertären
Tendenzen, baut auf einem Corpus von Ideen auf und vor
allem auf Diskussion. Und wenn uns die Commune etwas
lehren kann, dann dies, dass wir uns zusammensetzen,
diskutieren, debattieren und, wenn möglich, zusammenschließen
müssen.
erschienen in: "Alternative Ökonomien,
Alternative Gesellschaften", Kurswechsel 1/2005
Bei den in diesem Band erschienen Texten wurden die
Übersetzungen der englischen Originaltranskripte
von Waltraud Heinz, Werner Raza, Oliver Ressler, Elisabeth
Springler und Beat Weber vorgenommen.
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