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Transkription eines Videos von O. Ressler,
aufgenommen in London, Großbritannien, 37 Min.,
2003
Gegenwärtig stehen wir einer schwerwiegenden, multi-dimensionalen
Krise gegenüber. Diese Krise betrifft alle Lebensbereiche.
In anderen Worten, es ist eine ökonomische Krise,
eine politische Krise, eine soziale Krise, eine ökologische
Krise, sogar eine kulturelle Krise. Daher ist die Frage,
gibt es eine gemeinsame Bedrohung, d.h., können
wir irgendeine gemeinsame Ursache für die verschiedenen
Aspekte der Krise finden? Und die Antwort, meiner Meinung
nach, heißt ja. Die Ursache ist immer die Konzentration
von Macht auf verschiedenen Ebenen. Es ist die Konzentration
von ökonomischer Macht, die zur ökonomischen
Krise führt, von politischer Macht, die zur politischen
Krise führt, und so weiter.
Die politische Krise ist ein Nebenprodukt der Dynamik
repräsentativer Demokratie. Die repräsentative
Demokratie ist kein System, das schon immer da war -
sie wurde etwa zur selben Zeit wie das System der Marktwirtschaft
geschaffen, vor 200 Jahren, und ihre Dynamik hat zur
gegenwärtigen Situation geführt, wo nicht
mehr ParlamentarierInnen die wichtigen Entscheidungen
treffen, nicht einmal die regierenden Parteien, sondern
es sind nur mehr Cliquen im Umfeld des Präsidenten
oder Premierministers, die alle wichtigen Entscheidungen
treffen. Das schafft eine gewaltige Entfremdung. Daher
haben wir heute auch keine Massenparteien mehr. Die
Menschen werden keine Parteimitglieder mehr, wie das
in der Vergangenheit der Fall war. Nicht nur das: heute
üben die Menschen nicht einmal mehr ihr Wahlrecht
aus. Das ist eine Manifestation der gewaltigen politischen
Krise, in welcher sich das System der repräsentativen
Demokratie gegenwärtig befindet.
Wenn Sie daher alle Aspekte der gegenwärtigen
Krise betrachten, werden Sie sehen, dass der eigentliche
Grund dafür die Konzentration von Macht in der
einen oder andern Form ist. Und deshalb brauchen wir
eine Inclusive Democracy (Umfassende Demokratie), weil
Inclusive Democracy die Abschaffung der Machtkonzentration
auf institutioneller Ebene ist, die Abschaffung dieser
Machtkonzentration in allen ihren Formen und die Schaffung
der Bedingungen zur gleichmäßigen Aufteilung
von Macht, von politischer, ökonomischer Macht,
und so weiter.
Ich heiße Takis Fotopoulos, und bin Publizist
und Herausgeber der internationalen Zeitschrift "Democracy
& Nature", der internationalen Zeitschrift
für Inclusive Democracy. Zuvor unterrichtete ich
Volkswirtschaft an der Universität North London
für über 20 Jahre. Ich möchte über
das Projekt der Inclusive Democracy sprechen und ich
möchte mit folgender Frage beginnen: Was ist Inclusive
Democracy? Ich denke, es ist wichtig zu betonen, dass
es sich beim Projekt der Inclusive Democracy nicht um
ein Wirtschaftsmodell handelt, sondern um ein umfassendes
politisches Projekt, das darauf abzielt, die Gesellschaft
auf allen Ebenen umzugestalten, auf der politischen
Ebene, der ökonomischen Ebene, der sozialen Ebene,
und natürlich im Bereich der Ökologie. Das
Hauptziel des Projekts der Inclusive Democracy ist es
eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Menschen über
sich selbst entscheiden, in welcher, anders gesagt,
der "Demos", im Sinne der klassischen Auffassung
vom Bürger, umfassende Kontrolle über den
Bereich der Politik, der Ökonomie und den gesellschaftlichen
Bereich im allgemeinen ausübt.
Das Projekt der Inclusive Democracy ist in einem gewissen
Sinn die Synthese der zwei wichtigsten historischen
Traditionen, der sozialistischen Tradition und der demokratischen
Tradition, und auch der Strömungen, die sich in
den letzten 30 oder 40 Jahren entwickelten, der neuen
sozialen Bewegungen, d.h. des Feminismus, der Ökologiebewegung,
der Identitätsbewegungen unterschiedlicher Ausprägungen,
und so weiter. Mit andern Worten, das Projekt der Inclusive
Democracy ist eine Synthese all dieser historischen
Erfahrungen, der sozialistischen und auch der demokratischen
Tradition sowie all dieser neuen sozialen Bewegungen.
In diesem Sinn können wir auch sagen, dass das
Projekt der Inclusive Democracy als Produkt all dieser
historischen Erfahrungen weder ein theoretisches Konstrukt
ist, noch eine Utopie darstellt, da es bereits Trends
überall um uns herum in Richtung einer Gesellschaft
gibt, die in verschiedener Hinsicht der Gesellschaft
der Inclusive Democracy ähnelt. Überall gibt
es bereits Experimente mit alternativen Institutionen
und wo immer es einen Volksaufstand gibt, wie zum Beispiel
unlängst in Argentinien, haben wir gesehen, dass
Menschen sich in Volksversammlungen organisieren und
versuchen, das politische und wirtschaftliche Leben
im Einklang mit Prinzipien zu organisieren, welche -
wie ich gleich erklären werde - die Prinzipien
des Projekts der Inclusive Democracy sind.
Die vier Bestandteile der Gesellschaft der Inclusive
Democracy sind: erstens, politische oder direkte Demokratie;
zweitens, Wirtschaftsdemokratie; drittens, Demokratie
im sozialen Bereich; und viertens ökologische Demokratie.
Schauen wir uns also kurz an, was wir mit jedem dieser
Bestandteile meinen.
Politische oder direkte Demokratie bezeichnet die Verfügungsgewalt
des "Demos", der BürgerInnen, über
das Feld der Politik. In anderen Worten, politische
Demokratie impliziert, dass die BürgerInnen kollektiv
die Entscheidungen über alle politischen Belange
treffen, und zwar direkt, ohne RepräsentantInnen.
Was wir nämlich heute repräsentative Demokratie
nennen, ist eine verfälschte Demokratie, weil es
keine Repräsentation meines Willens, noch des Willens
von irgend jemandem sonst, geben kann. Das heißt,
Sie können ihren Willen entweder direkt ausdrücken,
oder Sie können bestimmte Wünsche, die Sie
haben, delegieren, aber Sie können nicht jemanden
anderen für sich entscheiden lassen. Politische
oder direkte Demokratie ist also ein Gesellschaftstypus,
in dem die Menschen direkt und kollektiv über alle
sie betreffenden Belange des politischen Lebens entscheiden.
Das heißt, dass in einer direkten Demokratie jede/r
Bewohner/in einer bestimmten Region am demokratischen
Prozess teilnimmt. Wir wollen davon ausgehen, dass üblicherweise
kein politisches Gemeinwesen mehr als dreißig-
bis fünfzigtausend Menschen umfasst.
Auf dieselbe Weise, wie wir politische Demokratie als
die Verfügungsgewalt über das Feld der Politik
definiert haben, können wir Wirtschaftsdemokratie
als Verfügungsgewalt des Demos über den Bereich
der Wirtschaft definieren. Das heißt, es ist die
Gemeinschaft der BürgerInnen, d.h. alle Personen
ab dem Erwachsenenalter - über letzteres entscheiden
die Versammlungen -, welche die Entscheidungen über
alle wichtigen wirtschaftlichen Belange trifft, im besonderen
jene in bezug auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse.
In einer Inclusive Democracy soll es kein Privateigentum
an produktiven Ressourcen, den Produktionsmitteln geben,
sondern stattdessen sollen die Produktionsmittel dem
Demos gehören, d.h. es soll Gemeinschaftseigentum
an den Produktionsmitteln geben.
Der dritte Bestandteil der Inclusive Democracy ist
Demokratie im sozialen Bereich; das heißt auf
der Mikroebene, am Arbeitsplatz, dem Haushalt, der Schule
und so fort. An all diesen Orten soll es Demokratie
im Sinne einer gleichmäßigen Verteilung der
Macht geben. Es soll keinen Unterschied zwischen ArbeiterInnen
an einem Arbeitsort geben, mit anderen Worten, die Macht
zwischen Männern und Frauen, zwischen LehrerInnen
und StudentInnen bzw. SchülerInnen usw. soll gleich
verteilt sein.
Schließlich haben wir noch den vierten Bestandteil
der Inclusive Democracy, die ökologische Demokratie,
was nichts anderes bedeutet, als dass die Inclusive
Democracy anstrebt, die subjektiven und objektiven Bedingungen
für die Reintegration des Menschen in die Natur
zu schaffen. Das ist wichtig, weil wir gegenwärtig
eine Situation der Trennung von Gesellschaft und Natur
haben. Wir sehen die Natur als ein Instrument zur Erreichung
bestimmter Ziele - das Hauptziel ist natürlich
Wirtschaftswachstum - und als Resultat leiden wir gegenwärtig
an einer schwerwiegenden ökologischen Krise.
Nachdem wir nun gesehen haben, was eine Inclusive Democracy
ist und warum wir eine Inclusive Democracy brauchen,
ist der nächste wichtige Schritt darzustellen,
wie eine Wirtschaftsdemokratie, d.h. wie dieser grundlegende
Bestandteil der Inclusive Democracy, funktionieren wird,
welche Art von Institution wir uns also vorstellen können,
die eine gleichmäßige Verteilung der ökonomischen
Macht gewährleisten würde. Das ist wichtig,
nicht um ein bestimmtes zukünftiges Regime vorzuschreiben
- das wäre sowieso unsinnig, weil es natürlich
die demokratischen Versammlungen der Zukunft sein werden,
die über die Form ihrer Institutionen entscheiden
werden. Was wir hier nur machen können ist, zum
einen eine Idee davon zu geben, warum so ein System
möglich ist, wie es funktionieren kann, und zum
anderen einige Vorschläge zu unterbreiten, die
die schon erwähnten grundlegenden Prinzipien umsetzen
würden.
Das Modell der Wirtschaftsdemokratie, das ich gleich
erklären werde, stellt auch eine Synthese dar -
wie auch das gesamte Projekt der Inclusive Democracy
eine Synthese darstellt - es stellt eine Synthese zweier
Systeme dar, die wir in der Vergangenheit gekannt haben,
des Planungssystems einerseits, und des Marktsystems,
das wir noch immer haben, andererseits.
Das grundlegende Element des Planungssystems war, dass
es die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller
Menschen anstrebte. Andererseits, das grundlegende Element,
das von den Unterstützern des Marktsystems als
großer Vorzug vorgebracht bzw. präsentiert
wird, ist die Wahlfreiheit. Keines der beiden Systeme
hat gemäß der Theorie funktioniert. Zwar
hat das Planungssystem, genauer das System der zentralen
Planwirtschaft im Osten, einige Bedingungen geschaffen,
um die Grundbedürfnisse mehr oder weniger aller
Menschen zu befriedigen, aber das umfaßte keinerlei
Wirtschaftsdemokratie, da, wie ich schon sagte, die
Entscheidungen von der politischen Elite getroffen wurden.
Genauso wenig wird im Marktsystem der angebliche Vorteil
der Entscheidungsfreiheit verwirklicht, weil es einfach
nur lächerlich ist, von Wahlfreiheit zu sprechen,
wenn nicht einmal die Grundbedürfnisse befriedigt
werden.
Daher ist zu fragen, wie wir ein System bekommen können,
das einerseits die Befriedigung der Grundbedürfnisse
aller BürgerInnen und andererseits aber auch Wahlfreiheit
gewährleistet. Der Vorschlag des Projekts der Inclusive
Democracy besteht folglich in der Kombination des Planungselements,
das besonders geeignet ist zur Befriedigung der Grundbedürfnisse,
mit dem Marktelement - nicht im Sinne eines realen Marktes
wie des gegenwärtigen, sondern im Sinn eines gleich
noch näher zu erläuternden künstlichen
Marktes.
Wie mensch in diesem einfachen Diagramm sehen kann,...
am Fuß der Pyramide steht "BürgerInnen
entscheiden". Und da sieht man, dass es die BürgerInnen
sind, welche über die Produktion, die Konsumption,
die Arbeit entscheiden. Und das heißt nichts anderes,
als dass alle wichtigen Entscheidungen von den BürgerInnen
getroffen werden. Das ist keineswegs ein Zufall. Sie
sollten nicht vergessen, dass es sich hier um ein Modell
einer Wirtschaft handelt, das keinen Staat voraussetzt.
Es ist auch geldlos in dem Sinn, dass es kein Geld,
wie wir es gegenwärtig kennen, voraussetzt. Und
es ist marktlos, in dem Sinn, dass es keinen realen
Markt sondern nur einen künstlichen Markt gibt.
Daher sind es nur die BürgerInnen, die Entscheidungen
treffen.
Wenden wir uns also zuerst der Nachfrageseite der Wirtschaft
zu. Hier können sie sehen, dass die BürgerInnen
als KonsumentInnen entscheiden, wie sie ihr Einkommen
ausgeben, das sie in Form von Gutscheinen bekommen.
Das heißt die Entlohnung, welche die BürgerInnen
im Austausch für ihre Arbeitsleistung bekommen,
erfolgt in Form von Gutscheinen.
Hier können wir nun zwischen Basis-Gutscheinen
und Nicht-Basis (bzw. Extra-) Gutscheinen unterscheiden.
Beginnen wir mit den Basis-Gutscheinen auf der rechten
Seite. Wir können die Zahl der Personenstunden,
die die Menschen der Gesellschaft bzw. der Gemeinschaft
zur Verfügung stellen müssen, um ihre Grundbedürfnisse
befriedigen zu können, schätzen. Die PlanerInnen
können nun, auf Grundlage der Schätzungen
bezüglich der Grundbedürfnisse, aber auch
auf Grundlage von Schätzungen über die Bevölkerungszahl
und der Anspruchsrechte jedes einzelnen Bürgers
auf bestimmte Grundbedürfnisse einerseits sowie
andererseits auf Basis von technologischen Durchschnittswerten,
die Gesamtzahl der Stunden (und damit auch der Basis-Gutscheine)
ermitteln, die benötigt werden in einer Gemeinschaft,
um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Die Schätzung
der Grundbedürfnisse erfolgt aber auf Basis einer
demokratischen Entscheidung, keiner objektiven, denn
wenn man das Element der Objektivität einführen
würde, könnte das leicht zu allen möglichen
arbiträren Entscheidungen führen. Also die
BürgerInnen entscheiden demokratisch, welche Bedürfnisse
Grundbedürfnisse sind und auch über den Grad
der Befriedigung dieser, z.B. Essen, Bekleidung oder
was auch immer.
Die Extra-Gutscheine werden an BürgerInnen ausgegeben,
die über das Mindesterfordernis zur Befriedigung
der Grundbedürfnisse hinaus arbeiten möchten.
Nehmen wir an, die PlanerInnen hätten geschätzt,
dass jede Person drei Stunden pro Tag arbeiten muss,
damit alle Grundbedürfnisse gedeckt werden können.
Wenn nun jemand mehr als drei Stunden arbeiten will,
entweder im selben Arbeitsbereich oder einem anderen,
dann wird er oder sie dafür mit den Extra-Gutscheinen
entlohnt. Damit kann er oder sie dann Waren, d.h. Güter
oder Dienstleistungen jenseits des Grundbedürfnisbereichs,
kaufen.
Die sich im Zusammenhang mit Extra-Gutscheinen stellende
Frage ist nun, wie wir die Tauschraten festsetzen können,
das heißt, die "Preise" zu denen Arbeit
gegen Extra-Gutscheine getauscht wird. Für Basis-Gutscheine
ist das kein Problem, weil jede Person eine Mindeststundenzahl
arbeiten muss, um seine oder ihre Grundbedürfnisse
zu decken. Aber mit Extra-Gutscheinen stellt sich die
Frage des Lohnsatzes. Nun, hier können wir - und
deshalb habe ich früher von künstlichen Märkten
gesprochen - die Nachfrage- und Angebotsbedingungen
der Vergangenheit zu hilfe ziehen. Anders gesagt, wenn
zum Beispiel ein Mobiltelefon von den Versammlungen
als Nicht-Basis Gut qualifiziert wurde, und wenn während
der letzten sechs Monate in diesem Gemeinwesen es ein
Angebot von sagen wir 100.000 Extra-Gutscheinen zum
Kauf von Mobiltelefonen gegeben hat, und die Leute mit
diesen 100.000 Gutscheinen 1.000 Mobiltelefone kaufen
konnten, weil das die Gesamtproduktion von Mobiltelefonen
war, dann bekommen wir die Zahl 100, wenn wir die Anzahl
der Gutscheine, die zum Kauf von Mobiltelefonen verwendet
wurden durch die Anzahl der produzierten Mobiltelefone
dividieren. Also sind 100 Extra-Gutscheine der Preis
eines Mobiltelefons. Und auf ähnliche Weise können
wir die Preise jedes anderen Nicht-Basis Guts festlegen,
indem wir einfach die Produktion einer bestimmten Periode
mit der Nachfrage nach einem bestimmten Gut oder einer
Dienstleistung zueinander in Beziehung setzen. Auf diese
Weise gehen wir von den tatsächlichen Nachfrage-
und Angebotsbedingungen aus, und nicht - wie es ein
großer Nachteil der meisten Planungssysteme darstellte
- indem wir die Leute im vorhinein fragen, was sie kaufen
möchten, um dann mittels Planungsmechanismen rechnerisch
zu ermitteln, was produziert werden soll. Der Nachteil
all dieser Planungsarten besteht darin, dass die Menschen
sechs Monate oder ein Jahr voraus entscheiden müssen,
was genau sie kaufen wollen, und das stellt natürlich
eine schwerwiegende Einschränkung der Entscheidungsfreiheit
dar.
Wenden wir uns nun der Produktionsseite der Wirtschaft
zu. Wie zu sehen ist, entscheiden die BürgerInnen
einerseits in Volksversammlungen anderseits in Betriebsversammlungen
über die Produktionsziele. Volksversammlungen sind
wahrscheinlich die wichtigsten Entscheidungskörper
in einer Inclusive Democracy. Dabei handelt es sich
um die Versammlung des Demos, die Versammlung der BürgerInnenschaft
in einer bestimmten Region. Die Volksversammlung trifft
Entscheidungen zu allen Aspekten des wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Lebens. In bezug auf die Wirtschaft
entscheidet sie auf Grundlage des Plans, der auf der
konföderalen Ebene gestaltet wird, wie wir gleich
sehen werden. Die Volksversammlung legt auf Basis der
Anweisungen des konföderalen Plans, wie wir zuvor
gesehen haben, fest, welche Grundbedürfnisse die
Menschen haben und wie viele Arbeitsstunden daher jeder
und jede leisten muss. Auf Basis dessen erteilen die
Volksversammlungen den Betriebsversammlungen Anweisungen
über die Arbeitsnotwendigkeiten, das heißt
darüber, was sie zu produzieren haben, um die Grundbedürfnisse
der Menschen zu decken.
Allerdings sind die Volks- und Betriebsversammlungen
auf der lokalen Ebene verortet. Es gibt aber auch Probleme
regionaler oder nationaler, ja sogar kontinentaler Tragweite.
Daher brauchen wir auch so etwas wie regionale Versammlungen,
wie wir im Diagramm sehen, welche über Probleme
entscheiden, die nicht lokal geregelt werden können.
Zwar werden grundsätzlich alle Entscheidungen auf
lokaler Ebene getroffen, aber es gibt eben auch Probleme,
die lokal nicht gelöst werden können - denken
wir nur an den Verkehr, an Energie und Kommunikation.
Diese Probleme können nicht lokal gelöst werden,
daher sollte es eine aus Delegierten der Volksversammlungen
bestehende regionale Versammlung geben, welche allerdings
nur koordinierend tätig ist und keine eigenen Entscheidungen
trifft. Das ist wichtig. Die regionale Versammlung ist
nur ein administratives Gremium, kein politisches Entscheidungsgremium
- zur Erinnerung, es handelt sich um Delegierte, und
nicht um RepräsentantInnen. Von den Volksversammlungen
werden also eine Anzahl von Delegierten in die Regionalversammlung
gewählt, um dort die Entscheidungen der Volksversammlungen
umzusetzen.
Schließlich haben wir konföderale Versammlungen,
das höchste ökonomische Gremium der Inclusive
Democracy. Und das heißt, dass eine Inclusive
Democracy nur auf lokaler Ebene nicht funktionieren
kann. Wenn lokale Demokratien sich nicht in einer Art
konföderalen Inclusive Democracy zusammen schließen,
ist es sinnlos, von einer vernünftigen Allokation
von Ressourcen zu sprechen. In der Tat, ich könnte
sagen, die drei Bedingungen der Wirtschaftsdemokratie
bestehen erstens dem Gemeinschaftseigentum an den Produktionsmitteln;
zweitens, Autonomie, das heißt jedes lokale Gemeinwesen,
jeder Demos, sollte autonom sein, nicht im Sinn von
Autarkie - Autarkie ist heutzutage unmöglich -
sondern in dem Sinn, dass mit den eigenen Ressourcen
so viele Bedürfnisse als möglich gedeckt werden
sollen; und das dritte, mit diesem Modell der Wirtschaftsdemokratie
implizierte wichtige Prinzip ist die konföderale
Allokation der Ressourcen, d.h. die Allokation der Ressourcen
geschieht auf der konföderalen Ebene.
In einer freien Gesellschaft stellt sich die Frage,
wer die unangenehmen Arbeiten macht und wie wir Nachfrage
und Angebot in Übereinstimmung bringen, wenn etwa
mehr Leute sehr angenehme als unangenehme Arbeiten machen
möchten. Nun, ein Vorschlag dazu ist die Idee der
ausgewogenen Arbeitsbündel, wo die Leute eine Vielzahl
von Arbeitsaufgaben machen können. Wir können
damit die Bedeutung der Arbeit oder des Arbeitstyps
um eine Vielzahl von Arbeitsaufgaben erweitern. Wenn
Sie zum Beispiel in einem Büro arbeiten, können
Sie Schreibarbeiten machen, aber gleichzeitig können
Sie in interessantere administrative oder Entscheidungsaufgaben
eingebunden sein. In diesem Sinn löst die Idee
der Arbeitsvielfalt das Problem, wie wir Arbeiten in
bestimmten Tätigkeitsbereichen auswählen.
Aber das ist kein Allheilmittel, d.h. es gibt Tätigkeitsbereiche,
wo die Idee der ausgewogenen Arbeitsbündel nicht
funktionieren kann, insbesondere wenn es sich um Arbeiten
handelt, die ein hohes Ausmaß an Ausbildung und
Fertigkeiten erfordern. Ich kann mir nicht vorstellen,
wie wir das Konzept der ausgewogenen Arbeitsbündel
bei einem Chirurgen anwenden, oder für einen Piloten.
Ich kann mir keinen Chirurgen vorstellen, der zugleich
putzt, oder der Krankenschwester hilft Injektionen zu
verabreichen, denn das wäre eine Verschwendung
sowohl seiner Zeit als auch jener der Gesellschaft,
was ja noch wichtiger ist. Es muss also einen anderen
Weg geben, den Wünschen der Menschen nach bestimmten
Betätigungen zu entsprechen.
Was Nicht-Basis Arbeiten betrifft, gibt es einen vom
System der Inclusive Democracy vorgeschlagenen Ausweg,
mit dem dieses Problem gelöst werden kann. In Bezug
auf Arbeiten zur Deckung der Grundbedürfnisse,
meine ich, dass die einzige Lösung zur Vermeidung
einer schwerwiegenden Lücke zwischen Angebot und
Nachfrage entweder in der Rotation besteht - das heißt,
die Leute verrichten verschiedene Arbeiten nach dem
Rotationsprinzip, wo sie für eine Zeit lang Schwerarbeiten
wie Bau- und Bergwerkstätigkeiten verrichten und
dann zu anderen Tätigkeiten wechseln - oder darin,
Personen für unattraktive Arbeiten durch die Ausgabe
von Extra-Gutscheinen zusätzlich zu den ihnen zustehenden
Basis-Gutscheinen zu belohnen.
Wenn wir in Bezug auf Nicht-Basis Güter das Diagramm
weiter oben anschauen, dann sehen wir auf der linken
den Index der Erwünschtheit und auf der rechten
die "Preise" der Nicht-Basis Güter und
Dienstleistungen. Das sind die zwei Grundelemente zur
Bestimmung des Lohnsatzes für Nicht-Basisarbeit.
Der Erwünschtheitsindex ist ein komplexer Index,
der das Verlangen der Menschen nach bestimmten Arbeitstätigkeiten
anzeigt. Zuerst ein Blick auf den Erwünschtheitsindex:
wir können ihn als Umkehrfunktion der Erwünschtheit
konstruieren, in dem Sinn, dass je nachgefragter eine
bestimmte Art von Arbeit ist, desto geringer die Entlohnung
dafür ausfällt. Auf diese Art können
wir einerseits die Wünsche der Menschen befriedigen
und andererseits die Bedürfnisse der Gesellschaft,
indem die Entlohnung für unpopuläre Arbeit
höher ausfallen sollte, also ein Bauarbeiter oder
Minenarbeiter einen höheren Lohn bekommen als ein
Universitätslehrer, wenn die Tätigkeit des
Universitätslehrer intensiver nachgefragt wird
- schließlich bezieht er aus dieser Arbeit ja
ein höheres Maß an Befriedigung - als ein
Bau- oder Minenarbeiter. Außerdem, und das ist
wichtig, gibt es hier einen Anpassungsmechanismus. Wenn
nämlich für eine bestimmte Arbeitstätigkeit
das Arbeitsangebot sehr gering ist, wenn also zum Beispiel
nicht viele Menschen zusätzliche Arbeit für
die Produktion von Mobiltelefonen aufwenden wollen,
dann würde sich das in den Preisen von Mobiltelefonen
niederschlagen. Der Preis für Mobiltelefone würde
mit fallender Produktion steigen. Indem aber der Preis
für Mobiltelefone steigt, würde der Lohnsatz
ebenfalls steigen, und das wäre ein Anreiz für
mehr Arbeiter, Mobiltelefone zu produzieren.
So funktioniert also in aller Kürze das Model
der Wirtschaftsdemokratie. Aber wie ich schon eingangs
sagte, handelt es sich hier nur um einen Vorschlag,
um die grundsätzliche Möglichkeit, eine andere
Gesellschaftsform aufzuzeigen, welche die Grundbedürfnisse
aller BürgerInnen und gleichzeitig das Verlangen
nach Wahlfreiheit befriedigt. Und es liegt natürlich
an den Generalversammlungen der Zukunft, über die
genaue Form ihrer Gesellschaft zu entscheiden.
Zum Schluss müssen wir die entscheidende Frage
behandeln, wie wir uns in Richtung einer Inclusive Democracy
bewegen können, wie wir uns also eine Übergangsstrategie
zu dieser Art von Gesellschaft vorstellen.
Ich denke das uns hier leitende Grundprinzip sollte
in der Übereinstimmung von Mitteln und Zielen bestehen.
Daher brauchen wir eine neue Art von politischer Organisation,
die den Grunderfordernissen der direkten Demokratie
gerecht wird. Damit sind jede Art von Avantgarde und
hierarchischer politischer Parteien und so weiter ausgeschlossen.
Was wir stattdessen brauchen, ist eine neue Bewegung,
eine neue Art von Massenbewegung, die aus mehr oder
weniger autonomen Organisationen bestehen würde,
die natürlich untereinander verbunden wären,
und mit dem Aufbau von Institutionen der Inclusive Democracy
in ihren eigenen Regionen beginnen würden.
Ich stelle mir also den Übergang zu einer Inclusive
Democracy mittels Anwendung zweier Taktiken, oder besser,
Strategien vor: Einerseits die übliche Defensivstrategie
der Linken, das heißt Teilnahme an den Kämpfen
der Arbeiterklasse und der Menschen im allgemeinen,
gegen die Angriffe der neoliberalen Globalisierung.
Aber wie ich das sehe, ist das nur ein Teil des Kampfes.
Der andere, gleich, wenn nicht sogar wichtigere Teil
des Kampfes, ist der positive, d.h. jener. der den Aufbau
alternativer Institutionen in der gegenwärtigen
Gesellschaft umfasst.
Dieser Prozess hat in der Tat bereits begonnen. Überall
können sie von verschiedenen Gruppen gegründete
Kooperativen, Kommunen, und LETS-Systeme (Local Exchange
Trading Systems) in den Angelsächsischen Ländern
antreffen. Dabei vermeiden Personen, insbesondere arbeitslose
Menschen, die Verwendung von Geld und tauschen ihre
Dienstleistungen direkt gegen andere Leistungen - es
laufen zur Zeit also alle möglichen derartigen
Projekte. Problematisch dabei ist, dass all diese Projekte
nicht Teil eines umfassenden politischen Programms für
einen Kurswechsel sind.
Auch wenn solche Gruppen bereits mit der Einrichtung
alternativer Institutionen begonnen haben, würde
ich daher nicht zögern, die Teilnahme an lokalen
Wahlen vorzuschlagen. Wenn also solche Gruppen an lokalen
Wahlen teilnehmen, im Kontext eines Programms für
eine Inclusive Democracy, oder allgemein eines Programms
für einen Typus umfassender Demokratie - und das
setzt voraus, dass solche Gruppen sich bereits zu einer
Massenbewegung mit beträchtlicher Strahlkraft auf
die Menschen entwickelt haben - dann würden sie
bei Gewinn der Lokalwahlen die perfekte Gelegenheit
haben, auf lokaler Ebene die Prinzipien der Inclusive
Democracy umfassend umzusetzen. Mit anderen Worten würden
sie die lokale Macht erringen, um sie quasi am nächsten
Tag abzuschaffen, in dem Sinn, dass nach Erringung der
lokalen Macht sie am nächsten Tag damit beginnen
würden, die Menschen in Stadtteilversammlungen
zu organisieren, damit diese ihr politisches Geschick
in die eigenen Hände nehmen, anstatt des üblichen
Gemeinderats, und so weiter.
Die Wichtigkeit der Übergangsstrategie des Projekts
der Inclusive Democracy besteht darin, dass die neue
Gesellschaft nicht verwirklicht werden wird, wenn die
Mehrheit der Bevölkerung das Projekt nicht bereits
unterstützt, wenn sie also, anders gesagt, nicht
bereits die alternativen Institutionen in ihren Alltag
durch Nutzung integriert, und ein damit korrespondierendes
demokratisches Bewusstsein erlangt hat. Wenn also die
Mehrheit nicht bereits integraler Bestandteil einer
neuen Gesellschaft dieses Typs geworden ist, wird diese
Gesellschaft nicht Wirklichkeit werden.
Wenn der Moment kommt, an dem die Macht von unten,
d.h. die Macht, die sich von unten entwickelte, stärker
ist als die Macht der normalen Institutionen (also der
Kapitalisten, des Staates usw.), dann kann es, nach
einer Periode der Spannungen zwischen dem Staat und
der kapitalistischen Elite einerseits, und den auf die
beschriebene Weise selbstorganisierten BürgerInnen
andererseits, zu einem Übergang kommen, der gewaltsam
verlaufen kann oder auch nicht. Natürlich wäre
er gewalttätig, wenn die Eliten, was gut möglich
ist, gegen derartige Experimente mithilfe von verschiedenen
Formen der Gewalt vorgehen. Und diese Gewalt muss nicht
physische Gewalt sein, auch ökonomische Gewalt
kann manchmal ausreichen. Aber es muss nicht gewaltsam
sein. Alles hängt von den Kräfteverhältnissen
zum Zeitpunkt des Übergangs ab.
erschienen in: "Alternative Ökonomien,
Alternative Gesellschaften", Kurswechsel 1/2005
Bei den in diesem Band erschienen Texten wurden die
Übersetzungen der englischen Originaltranskripte
von Waltraud Heinz, Werner Raza, Oliver Ressler, Elisabeth
Springler und Beat Weber vorgenommen.
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