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Transkription eines Videos von O. Ressler,
aufgenommen in Köln, Deutschland, 26 Min., 2005
Ich bin Maria Mies. Ich bin Soziologieprofessorin im
Ruhestand und war seit 1972 hier an der Fachhochschule
tätig im Fachbereich Sozialpädagogik. Außerdem
habe ich sehr viel gemacht in diversen Bewegungen: Zunächst
in der Frauenbewegung, aber auch die Ökologiebewegung
war Teil dieser Aktivitäten, die Friedensbewegung,
und in den letzten Jahren, seit 1997, bin ich in der
Antiglobalisierungsbewegung aktiv.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass wir nicht
speziell von Subsistenzwirtschaft reden. Wir, das sind
meine beiden Freundinnen Claudia von Werlhof und Veronika
Bennholdt-Thomsen, mit denen ich Mitte der 1970er Jahre
diesen Ansatz entwickelt habe. Wir reden eigentlich
nicht von Subsistenzwirtschaft, sondern von Subsistenzperspektive.
Das bedeutet, es ist kein ökonomisches Modell,
sondern eine Neuorientierung, eine neue Sicht auf die
Ökonomie. Das bedeutet etwas ganz anderes. Sie
betrifft nicht nur die Ökonomie, sondern auch die
Gesellschaft, die Kultur, die Geschichte und alles mögliche
andere. Das zweite ist, dass viele Leute fragen: Was
verstehen Sie unter Subsistenz? Dann sage ich meistens:
Subsistenz steht für uns im Gegensatz zur Warenproduktion,
die das Ziel der kapitalistischen Produktion ist. Die
allgemeine Warenproduktion, d. h. alles, was es gibt,
muss in Waren verwandelt werden. Das kann man heute
besonders im Zuge der Globalisierung beobachten. Die
Subsistenzproduktion hat ein ganz anderes Ziel, nämlich
die unmittelbare Befriedigung menschlicher Bedürfnisse,
was nicht zunächst über Geld und die Herstellung
von Waren geht. Das ist ganz wesentlich für uns,
dass es eine unmittelbare Produktion und Reproduktion
des Lebens ist. Deshalb reden wir von "Lebensproduktion"
anstatt von "Warenproduktion".
Ich möchte noch ergänzen, dass wir diese
Perspektive entdeckt haben - so muss man das wohl nennen
-, als wir in der Frauenbewegung dabei waren, uns mit
der Hausarbeit zu befassen. Das war eine weltweite Diskussion,
die damals überall unter Feministinnen geführt
wurde. Die Frage war, was Hausarbeit im Kapitalismus
bedeutet. Warum wird diese Arbeit nicht als Arbeit angesehen?
Warum wird sie nicht bezahlt? Warum ist das lohnlose
Arbeit? Wir erkannten, dass diese Arbeit deshalb im
Kapitalismus nicht bezahlt werden kann, da ansonsten
das Akkumulationsmodell zusammenbrechen würde.
Das heißt nicht, dass es überhaupt keinen
Kapitalismus mehr geben würde, wie manche gedacht
haben, nein, aber dass es auf jeden Fall viel zu teuer
wäre, wenn alle Arbeit, die im Haushalt gemacht
würde, bezahlt wird: Also Kinder gebären,
großziehen, den Mann zu reproduzieren - wie es
damals hieß -, Alte und Kranke versorgen. Wenn
das alles Lohnarbeit wäre, die wie reguläre
Lohnarbeit bezahlt werden müsse, dann wäre
das kaum zu bezahlen und würde das ganze Modell
des Kapitalismus grundsätzlich ändern. So
sind wir auf den Begriff gekommen, der eigentlich gar
nicht von uns stammt, denn der Subsistenzbegriff ist
ein alter Begriff, dass das, was wir Lebensproduktion
nennen, eigentlich immer notwendig ist als Voraussetzung
für jede Art von Lohnarbeit. Wir haben damals formuliert:
Ohne Subsistenzarbeit gibt es keine Lohnarbeit. Aber
ohne Lohnarbeit gibt es sehr wohl Subsistenzarbeit.
Denn das ist die ewige Voraussetzung nicht nur von jeder
Art von Leben, sondern auch jeder Art von Arbeit, dass
für das Essen, das Wohnen, das unmittelbare Leben
gesorgt wird. Das ist sehr wertvolle Arbeit, aber sie
wird nicht durch Geld entlohnt. Das war der Punkt, wo
wir diesen Zusammenhang sahen. Und dann sahen wir außerdem,
dass die Hausarbeit nicht die einzige Art von Arbeit
ist, die auf diese Weise, praktisch ohne Kosten für
das Kapital, ausgebeutet wird. Sondern dass es ähnliche
Arbeit bei Kleinbauern gibt, die auf der ganzen Welt
für ihre eigene Selbstversorgung arbeiten. Auch
die verkaufen etwas am Markt, aber sie sind keine Lohnarbeiter.
Und das interessante ist, dass sie genauso wenig wie
die Arbeit der Frauen im Bruttosozialprodukt oder Bruttoinlandsprodukt
vorkommen. Sie zählen nicht, wie eine der Frauen
aus Neuseeland, Marilyn Waring, geschrieben hat. "If
Women Counted" - wenn die Frauenarbeit zählen
würde, was dann? Ein sehr interessantes Buch. Und
dann entdeckten wir drittens, die Kleinbauern haben
etwas mit der Hausarbeit zu tun, und beide haben etwas
mit der Arbeit in den Kolonien zu tun. Da kam dieser
Begriff auf, denn alle drei waren wir längere Zeit
in der Dritten Welt gewesen. Ich war viele Jahre in
Indien gewesen, die beiden Freundinnen in Lateinamerika,
und da stellten wir fest: Ohne dass ganze Länder
über einen langen Zeitraum ausgebeutet worden sind
als Kolonien, gäbe es den Kapitalismus auch nicht.
Und wenn sie heute genauso gleich behandelt würden,
alle Arbeit in den "Kolonien" - ich nenne
sie immer noch "Kolonien" -, dann wäre
nicht viel zu akkumulieren. Und deshalb haben wir alle
diese Verhältnisse koloniale Verhältnisse
genannt. Das Mann-Frau-Verhältnis ist ein koloniales,
das Verhältnis zwischen Kleinbauern und Industrie
ist auch ein koloniales, und natürlich die kolonialen
Verhältnisse zwischen Metropole und Kolonie sind
sowieso koloniale.
Zunächst einmal möchte ich betonen, dass
die Subsistenzperspektive und die Subsistenzgesellschaften
und -ökonomien nicht von selber verschwunden sind,
sondern das ist gemacht worden, das waren ganz bewusste
Politiken. Die Subsistenzgesellschaften haben vor dem
Zweiten Weltkrieg noch überall existiert, und zwar
auf dem Land und in der Stadt. Bei uns (in Deutschland)
waren die Kleinbauern diejenigen, die den größten
Teil der Nahrung herstellten und die Bevölkerung
versorgten. Aber dann gab es auch in den Städten,
zu meinem Erstaunen sogar in den USA, Subsistenzproduktion
in vielfältiger Weise. Das hat eine amerikanische
Feministin erforscht und festgestellt, dass bis in die
1960er Jahre hinein in den Nachbarschaften in den großen
Industriestädten eine ganze Menge von Subsistenztätigkeiten
fort existierten. Erstens gab es nachbarschaftliche,
gegenseitige Hilfe. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit,
der Reziprozität war da. Es wurden Gemüse
und Früchte eingemacht, entweder hatte man noch
einen kleinen Garten irgendwo oder man kaufte das billig
auf dem Markt und machte es ein. Es war eine Tätigkeit
hauptsächlich im Haushalt, und dasselbe galt auch
für Fertigkeiten wie nähen oder irgendetwas
zu reparieren, da half immer ein Nachbar oder ein Freund.
Die Arbeiterklasse hätte wahrscheinlich in diesen
Städten damals gar nicht überleben können,
wenn es das nicht sehr lange gegeben hätte. Aber
dann hat die amerikanische Regierung mit dem neu aufkommenden
Fordismus ein ganz neues Wirtschaftsmodell von oben
durchgesetzt. Zunächst einmal wurden die Löhne
für die Industriearbeiter erhöht. Wenn man
verglich, was man kaufen konnte für diese Löhne
mit dem, wenn man das selber machte, das war ein großer
Unterschied. Daher hörten die Leute langsam auf,
das zu machen.
Durch bestimmte Maßnahmen haben sich die Bauernhöfe
dann langsam verschuldet und sich nicht mehr halten
können. Man sagte dann, hiervon kannst du nicht
mehr leben. Ich gehe weg. Diese Politik dauert heute
noch genauso an. Das andere ist, dass man die ganze
Landwirtschaft auf Monokultur, auf Großproduktion,
chemischen Dünger und Pestizide umstellen wollte;
auf große Maschinen, denn das war wiederum etwas,
was die Industrie fördert. Das Ganze fand auf Erdölbasis
statt. Die Bauern sollten im großen Maße
Milch, Butter, Fleisch, Eier, usw. produzieren und seither
haben wir diese Agrarfabriken überall. Die wurden
dann auch mit Subventionen gefördert, dass sie
einen Überschuss produzieren und dieser Überschuss
wird dann in die Dritte Welt abgeladen, wie wir alle
wissen. Diese Möglichkeit hat es so in der Dritten
Welt fast überhaupt nicht gegeben. Da wurde zwar
dieselbe Landwirtschaftspolitik gemacht, z. B. in der
Grünen Revolution, und die kleinen Bauern verloren
ihr Land oder mussten es verkaufen, weil sie nicht konkurrieren
konnten mit den großen, oder weil sie die Schulden
nicht zurückzahlen konnten. Aber wenn sie in die
Städte zogen, dann landeten sie in den Slums. Und
dort machten sie Subsistenzproduktion. Das war übrigens
der Anfang für unsere Beschäftigung mit der
Subsistenz gewesen. Bei jener Konferenz in Bielefeld
ging es um Subsistenzproduktion in der Dritten Welt.
Man hat in Afrika und in vielen anderen Ländern
beobachtet, was die Leute in den Slums machen. Die mussten
irgendwie überleben, aber sie hatten kein Land
mehr. Die machten alles Mögliche wie Gelegenheitsarbeit,
die klauten auch, die machten dieses und jenes oder
waren irgendwo Dienstmädchen. Niemand kümmerte
sich darum. Es gab keinen Sozialstaat, der sie auffängt,
auch heute noch nicht. Das heißt, die Subsistenzproduktion
war auf dem Land notwendig, um überhaupt Widerstand
leisten zu können gegen diese ganze Politik, und
in den Städten war sie eine Politik des Überlebens.
Jetzt fragen Sie mit Recht, wieso denn ein oft so elendes
Leben eine Perspektive für eine bessere Gesellschaft
sein kann? Das klingt zunächst ein bisschen absurd.
Aber wenn wir uns genau ansehen, wie die Leute überleben
und was sie alles machen, dann entdecken wir wieder,
dass die alten Prinzipien, von denen ich vorhin schon
gesprochen habe, wieder belebt werden: Gegenseitige
Hilfe, dass man bereit ist, alles wieder zu machen,
das man selber machen kann. Das ist eine neue oder positive
Perspektive, da bei diesen Tätigkeiten, selbst
wenn sie auf einem ganz niedrigen Niveau stattfinden,
die Leute wieder entdecken, dass sie selbst souverän
sind, ihre Eigenmächtigkeit, ihr Leben zu produzieren,
wie wir das nennen. Das ist kein Mangel, es ist etwas
sehr positives zu entdecken, dass wir mit anderen zusammen
kollektiv unser Leben durchaus produzieren und organisieren
können. Natürlich braucht man auch Geld, das
will ich gar nicht in Abrede stellen, aber das alleinige
Arbeiten nur für Geld ist nicht die beste Sache,
das ist die eine Seite. Das andere ist, dass die Subsistenzproduktion
bzw. die Subsistenzorientierung sehr viel umfassender
die Bedürfnisse befriedigt, als das gekaufte Waren
jemals können. Denn diese gekauften Waren beinhalten
eigentlich nichts. Es ist tote Arbeit, die dort materialisiert
ist. Die werden verbraucht, dann sind sie weg, dann
muss man wieder neue Waren kaufen, und der Mensch ist
nie befriedigt. Das ist nämlich der Punkt. Das
fängt mit den ganzen Geräten und technischen
Errungenschaften an, zuerst hatte man Schwarz-Weiß-Fernsehen,
das reichte dann nicht mehr, dann musste man Farbfernsehen
haben, dann musste man einen Computer haben, dann musste
man ein Handy haben, jetzt müssen Kinder ein Handy
haben und so geht es weiter. Aber könnte man sagen,
dass das eine glückliche, befriedigte Gesellschaft
ist? Ich habe von einer Bewegung in den USA gehört,
die nach dem guten Leben sucht. Das ist ein alter ökonomischer
Begriff, den schon Aristoteles als Ziel der Ökonomie
angewandt hat. Das Ziel der Ökonomie sei das gute
Leben. Die Leute in den USA sagen, wir arbeiten und
arbeiten, aber das gute Leben kommt nicht. Wo bleibt
das gute Leben? Wir sagen deshalb, das ist das Ziel
der Subsistenz. Die Subsistenz ist nicht Mangel und
Elend, wie uns immer weisgemacht wird. Wenn sie richtig
verstanden wird und nicht als individuelle Subsistenz
- die kann es gar nicht geben -, dann musst du immer
mit anderen zusammen etwas zu machen, nicht nur um zu
überleben, sondern um gut leben zu können.
Dann kann sich das gute Leben tatsächlich herstellen.
Du erfährst selbst, dass du eigenmächtig bist,
dass du mit anderen zusammen souverän bist. Das
ist eine ganz andere Art von Befriedigung, als wenn
du deinen 8-Stunden-Tag hinter dich gebracht hast und
vielleicht auch ganz gut verdient hast. Das gute Leben
soll dann mit 65 Jahren kommen, aber dann kommt es auch
nicht mehr. Ich denke, das ist einer der Gründe,
warum die Leute in unseren Gesellschaften so unglücklich
sind. Die Entfremdung in der Lohnarbeit lässt sich
nicht durch noch so viel Geld aufheben. Aber in der
Subsistenzperspektive ist das sehr wohl möglich.
Und das könnte ich an Beispielen auch belegen.
Freunde von mir in Bangladesch haben angefangen, sich
gegen das zu wehren, was die großen multinationalen
Konzerne dort in der Landwirtschaft anstellen. Sie haben
festgestellt, dass der Boden kaputt ist, das Wasser
voll Arsen ist und die Erträge sinken. Das Versprechen
der Grünen Revolution war, in den Monokulturen
wird alles in vielfacher Weise produziert. Sie haben
festgestellt, dass das nicht stimmt. Dann sind sie auf
die Idee gekommen, dass das doch früher nicht so
der Fall war. Und sie haben eine neue Bauernbewegung
gegründet, die nennt sich Nayakrishi Andalon und
ging von den Frauen aus. Die Frauen haben seit der Grünen
Revolution festgestellt, dass die Männer sie immer
verprügeln. Diese Gewalt kannten sie früher
nicht, denn sie waren die Hüterinnen des Saatguts.
Das Saatgut, der Samen, war in ihren Händen, sie
mussten es aufbewahren und den Bauern sagen, jetzt ist
es Zeit zu säen, usw. Sie haben sich dann zusammen
getan und beschlossen, wir wollen das ändern. Die
ganze Initiative ging von Frauen aus, um ein befriedigendes,
glückliches Leben wiederzuerlangen. Das war das
explizite Ziel. Wir wollen ein glückliches Leben
haben! Wenn Sie die Bauern in dieser Bewegung fragen,
werden ihnen alle sagen, sie wollen ein glückliches
Leben haben. Fragen Sie einmal einen Bauern hier in
Deutschland, ob seine Arbeit ihn glücklich macht...
Als erstes haben sie gesagt, hier kommt kein Multi herein.
Diese Dörfer haben sie zu giftfreien Dörfern
erklärt. Hier kommt kein Multi rein mit all dem
Gift, das er verspritzt. Ich habe vergessen zu sagen,
dass viele der Frauen, weil sie unglücklich waren,
Selbstmord begangen haben und das herumstehende Gift,
die Pestizide, selber getrunken und sich auf diese Weise
vergiftet haben. Heute werden dort wieder dieselben
Prinzipien praktiziert, eigentlich alte Prinzipien,
aber auch neue, wie eine Landwirtschaft fruchtbar und
produktiv werden kann, ohne dass man diese Inputs aus
den Industrieländern hinein gibt. Es sind vielerlei
Dinge, die sie wieder neu entdeckt haben, z. B. die
Vielfalt. Sie machen keine Monokultur, ihren eigenen
Kompost, sie helfen sich gegenseitig, und das Saatgut
kaufen sie nicht mehr. In fast allen Dörfern haben
sie Saatguthäuser, und die sind wieder in der Hand
der Frauen, die das Saatgut aufbewahren und konservieren.
Sie sind wieder souverän, sie haben das, was die
Via Campesina, eine oppositionelle, weltweite Kleinbauernorganisation,
Nahrungssouveränität nennt. Ich glaube, jede
Subsistenz fängt mit der Nahrungssouveränität
an. Das ist ein Beispiel und das ist jetzt eine große
Bewegung in Bangladesch.
Es gibt auch hier bei uns viele Beispiele, die weniger
bekannt sind. Es gibt die Kommunen, das ist eher bekannt,
wie Niederkaufungen oder Longo Mai, die schon lange
als Kommunen in einer subsistenten Lebensweise arbeiten.
Was mich aber besonders beeindruckt hat, sind die kommunalen
internationalen Gärten, die seit einiger Zeit in
Deutschland existieren. Die wurden von Flüchtlingsfrauen
in Göttingen gegründet. Die ersten entstanden
in Göttingen, als die Frauen sagten, wir sind hier
nicht glücklich, wir wollen nicht immer Almosen
bekommen. Eine Sozialarbeiterin hat sie gefragt, was
fehlt euch, was wollt ihr am meisten? Dann haben sie
gesagt, was wir am meisten vermissen, sind unsere Gärten.
Dann hat sie von der evangelischen Kirche Land besorgt
und dann haben sie angefangen, gemeinsam zu gärtnern.
Keine Schrebergärten, sondern kommunale Gärten,
wo die verschiedenen Gruppen von Migranten und Migrantinnen,
nachher kamen auch Männer hinzu, dort gärtnern.
Inzwischen gibt es in Deutschland schon 70 solcher kommunalen,
internationalen Gärten in verschiedenen Städten.
Auch in Köln gibt es welche.
Es ist sehr, sehr wesentlich, dass wir heute auf das
Ganze schauen, also nicht nur irgendwo in einem Dorf
oder in der Stadt eine kleine Subsistenzinsel herstellen
und dann zufrieden sind, sondern wir müssen den
globalen Blick haben, denn wir haben heute eine globalisierte
Weltwirtschaft. Das ist einfach ein Fakt.
Es gibt einige Prinzipien, die auch heute noch genauso
modern sind, wie sie früher waren. Ich habe einige
schon genannt. Wenn die im Zentrum der Ökonomie
stehen und nicht der individuelle Egoismus, wie es heute
der Fall ist - davon geht die ganze Wirtschaftswissenschaft
aus, dass im Zentrum der individuelle Nutzen, das individuelle
Interesse steht. Wenn da stattdessen, etwas steht wie
gegenseitige Hilfe, Reziprozität, Gemeinschaftlichkeit,
kollektives Arbeiten und auch kollektives Genießen,
dann ist das eine andere Sache. Wenn Konsum und Produktion
nicht mehr so auseinander gerissen sind, dann ist das
auch eine andere Sache. Das sind Gedanken, die erst
einmal wieder in die Köpfe kommen müssen.
Das ist nicht so einfach, das sehe ich selber auch.
Denn es ist schwierig, von diesem Konsummodell, das
wir jetzt haben, herunterzukommen, obwohl die Leute
wissen, es hat uns nicht glücklich gemacht.
Wenn wir eine Subsistenzorientierung hätten, müssten
wir eine andere Technik haben. Denn in unserer Technik
ist überall der Verschleiß eingebaut, die
Arbeitshetze ist in die Technik eingebaut und ich sage
immer: Unsere Technik ist nicht systemneutral. Sie ist
kapitalistisch. Abgesehen davon, dass sie patriarchalisch
ist, das will ich jetzt nicht weiter erörtern.
Vor allem ist sie kapitalistisch, mit allem was dazu
gehört. Da bräuchten wir ein anderes Nachdenken
über Technik. Man muss auch fragen, was für
eine Technik wir brauchen, dass sie die Arbeit wirklich
erleichtert und nicht einfach mehr Waren auf den Markt
schmeißt.
Es herrscht immer noch die Vorstellung, dass die Industriegesellschaft
und die industrielle Monokultur das produktivste sei.
Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern
auch für alle anderen Formen der Monokultur, dass
diese Art der Arbeit am produktivsten sei und Subsistenzproduktion
ganz unproduktiv sei. Deshalb taucht sie z. B. auch
nicht im Bruttosozialprodukt auf. Sie sei nicht produktiv,
denn produktiv ist nur das, was in Geld gemessen werden
kann. Das stimmt nicht einmal, wenn man diesen bekannten
Produktivitätsbegriff anlegt, der viel zu eng ist,
um die wirkliche Produktivität der Arbeit und der
Subsistenzproduktion zu erfassen.
Denn diese Vielfalt, diese Symbiose zwischen verschiedenen
Lebewesen, Tieren, Pflanzen und Menschen, die in einem
gewissen Gebiet zusammenleben, die aber doch alle ihr
Auskommen und gutes Leben haben, das wird man mit noch
so vielen addierten Monokulturen nicht hinkriegen.
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