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Die Großaufnahme
eines Lippenstifts, der aus seinem Schaft ausgefahren
ist und der wie eine blutende Fingerspitze die Titelseite
der Zeitschrift adbusters schmückt: eine tausendmal
gesehene Gestalt der Reklametechnik, die hier ihrer
glatten, glänzenden Oberfläche beraubt ist, die rote
Farbmasse schaut aus wie eine ramponierte Hausfassade.
Rechts neben diesem seltsamen Turmgebilde steht in schwarzen
Lettern 'Cool Fascismo' - die Titelzeile adbusters
ist in Frakturbuchstaben gesetzt. Wir blättern in der
Zeitschrift und finden einen Artikel mit der Fragestellung
'Is America Becoming Fascist?'
1954 stellt Guy Debord
eine Collage her, die sich mit dem spanischen Bürgerkrieg
befasst ('Die Zeit vergeht, in der Tat, und wir vergehen
mit ihr'). Man liest die insgesamt sechs Bilder wie
den Text eines Drehbuchs, Franco, eine tote Person im
Straßenkampf, schließlich in der Totalen ein Truppenaufmarsch.
In dieses untere Bild ist auf der rechten Seite ein
Text montiert: 'Schöne Lippen tragen rot' - ein
unvollständiger Schnipsel aus einer damals kursierenden
Lippenstift-Reklame.
Die Abbildung des
Lippenstifts in hundertfacher Vergrößerung als eyecatcher
und der versteckte Verweis auf den Lippenstift, der
selbst unsichtbar bleibt - zwei Varianten, die von der
im Culture Jamming verwendeten Technik der Umdeutung
von Zeichen Gebrauch machen und die unterschiedlicher
nicht sein könnten. Die Inszenierung politischer Botschaften
mit den Mitteln der Reklametechnik bis hin zur Wahl
der Begrifflichkeiten ('global fascism' als Reklamehyperbel)
und die aus der Logik des Kunstfeldes entsprungene
Collagetechnik von Guy Debord, die als détournement
neben der politischen Stellungnahme auch die spezifische
Medialität der Reklametechnik zu entwerten versucht.
In Theorien über
die Ökonomie der Aufmerksamkeit tritt der Reklametechniker
als Aufmerksamkeitsfänger auf: Er inszeniert das Spektakel
in immer höheren Dosierungen und achtet darauf, technisch
avancierte Produktionsmittel einzusetzen. Die Produzenten
von Culture Jamming, denken wir z.B. an Akteure wie
die der Zeitschrift adbusters, die zum Teil tagsüber
in der Reklameindustrie arbeiten, um nachts ihre Dekonstruktion
zu betreiben, profitieren von der Tatsache, dass sie
in der Logik der herrschenden Aufmerksamkeitsökonomie
erfolgreich sind: sie treffen den 'Nerv'. Sie intervenieren
'spektakulär' - weshalb sie das Interesse der
Reklameindustrie hervorrufen, denn die Culture Jammer
produzieren eben das, was in der täglichen malaise der
unter Aufmerksamkeitsverknappung leidenden Reklame nicht
gelingt: in der Spirale der Aufmerksamkeitserzeugung,
in der dünnen Luft verpuffter Effekte, doch noch einen
genießbaren Krümel spektakulärer Ware inszenieren zu
können. Wenn die Culture Jammer auch 'oppositionelle
Lesarten' der Reklame zu kommunizieren wünschen, die
Hochachtung der Reklametechniker ist ihnen gewiss, sofern
ein Aufmerksamkeitskick zu bewundern ist, der wie eine
neue Droge den Markt zu beleben verspricht. Seit den
60er Jahren eignet die Reklameindustrie systematisch
alles an, was 'hip' ist und zwar gerade dasjenige, was
John Fiske als die rebellische Seite der von ihm enthusiastisch
begrüßten 'Populärkultur' bezeichnet hat. Thomas Frank
hat in seinem Buch 'The conquest of cool' die Naivität
einer solchen These aufgewiesen.
Die Band Negativland, die den Begriff Culture
Jamming zuerst zirkulieren ließ, musste 1997 erleben,
wie die Reklameagentur Wieden & Kennedy, von Frank
als eine der wichtigsten Agenturen im Kontext der Appropriation
von Hipness beschrieben, die Band für einen soundtrack
des neuen Werbespots von Miller Genuine Draft bat. Die
Band kommentiert: "Heute absorbieren sie den Kern
und geben damit zu verstehen, dass es keinen Widerstand
mehr gibt, dass jeder Widerstand zwecklos ist.".
Umgekehrt musste Kalle Lasn und seine klassische Konsumkritik-Kampagne
'Buy nothing day' sich mit einer Appropriation von links
auseinandersetzen: in der Gegenkampagne lautete der
Slogan 'steel something day'.
Die im Akt des Culture
Jamming am Anfang stehende Regelverletzung, sei sie
eine ästhetische oder soziale Intervention in 'Fremdmaterial',
ist keine auf die Akteure des Culture Jamming beschränkte
Technik. Sie scheint sogar zum Arsenal rituell praktizierter
Zeremonien der neoliberalen Kultur zu gehören: Als Daimler-Chrysler
2002 die Marke 'Maybach' einführte, wurde eine Kampagne
in den Printmedien geschaltet, die gut demonstriert,
dass die Regelverletzung wie ein soziales Ideal behandelt
wird. Die Anzeige greift die nach wie vor unwidersprochen
hohe Legitimität der Kunst in Form eines 'Imagetransfers'
auf :
Der Blick wird auf ein horizontal zweigeteiltes Bild
gelenkt; im oberen Teil findet sich die Marke 'Baselitz',
dargestellt durch ein auf dem Kopf stehendes Porträt
einer Frau, im unteren Teil, auf hellem Hintergrund,
das Auto. Als Klammer für die beiden Bildteile ist eine
Textzeile eingebaut, sie lautet: 'leadership is about
breaking rules'.
Das Bild von Baselitz ist in die glänzende Welt des
Luxusautomobils montiert, appropriiert, es fungiert
in der Art einer Sozial-Montage. Der soziale Gebrauch
des Bildes - zunächst verbunden mit den dafür
vorgesehenen sozialen Orten wie Museen oder Galerien - wird neu verortet, er ist eingezogen in die
Welt kommerzieller Reklamebilder. Die Textklammer 'deutet'
das Bild von Baselitz, greift aber zugleich das gesellschaftlich
kursierende Ideal der Regelverletzung auf. Die herrschende
Elite hat im Rahmen ihrer neoliberalen Erneuerung gefunden,
dass die Produktion sozialer Unsicherheit, Regelbruch,
Anomie - einstmals monopolisiert durch die 'Linke' - der Durchsetzung ihrer Interessen viel besser
dienen kann, als der Ruf nach einer ohnehin überholten
wohlfahrtsstaatlichen Ordnung.
Deshalb geht es in diesem Reklamebild auch nicht um
die Ansprache der potentiellen Käuferschicht; ein diffuses
Massenpublikum wird mit dem Gedanken infiltriert, dass
Daimler Chrysler die Zeichen der Zeit erkannt hat. Die
inzwischen als soziales Ideal gehandelte Regelverletzung
ist eine der Rahmenbedingungen dafür, dass Culture
Jamming in den letzten Jahren zu einem Hype wurde.
Reklametechnik gilt
in der intellektuellen Welt spätestens seit Benjamins
Bildschock-Analyse und seinem Verweis auf die Qualitäten
einer zerstreuten Wahrnehmung als durchschaut. Wenn
auch in den düsteren Passagen des Kulturindustriekapitels
von Horkheimer und Adorno Benjamins Enthusiasmus eingetrübt
wird, so dürfte in der Tradition dieses Ansatzes kein
Widerspruch gegen die Feststellung erfolgen, dass das
Kommunikationsmodell der Reklame zum gesamtgesellschaftlich
dominierenden Modell der Kommunikation überhaupt geworden
ist.
Und eben dieser Dominanz wegen - so die Culture Jammer
- sollten politische Interventionen auch in diesem Medium
unternommen werden. Aber wie? In welche Richtung schlägt
der Zeichenclash Funken? Geht es um eine Art Deregulierung
gewohnter Zeichen mit der Folge einer Aufmerksamkeitsoptimierung,
die nur die Macht der Reklame verfestigt oder kann in
der verdichteten Sprache der Reklame der 'flow of spectacle'
tatsächlich unterbunden werden? Kalle Lasn spricht in
diesem Zusammenhang von den 'meme wars'. Die als Schockkommunikation
aufbereiteten Informationseinheiten springen 'from
brain to brain to brain'.
Und der Kampf um die memes, ein 'guerrilla information
war', muss von eigenen Agenturen betrieben werden, 'to
put out a better product and beat the corporations at
their own game'.
Die Veränderung der Gesellschaft ergibt sich dann, wenn
der Kampf um die Gewohnheit in andere Richtungen gelenkt
werden kann. Von
einem 'magnificent victory' ist in diesem Kontext schon
zu berichten: "The tobacco war marked the first
(and so far the last) time anti-ads beat product ads
in open meme combat in a free marketplace of ideas...
beating the enemy on TV was the key".
Viele der Anti-Raucher spots
halten sich so eng wie möglich an das 'Original', zeigen
z.B. den Marlboro Reiter und unterlegen ihm eine Stimme,
die nicht von Freiheit, sondern von Krankheit redet
('Bob, I've got emphysema'). Die mit einem Furchtappell
agierende veränderte Reklame benutzt eine heute kaum
noch übliche Rhetorik ('Auch Ihrem Sittich droht ein
früher Tod'), aber die Pointe liegt natürlich in der
Aneignung des Originals - einem klassischen Mittel der
Schockerzeugung, das Bekannte wird fremd.
Wir wollen im folgenden
zwei Praktiken des Culture Jamming analytisch unterscheiden:
eine interne Strategie, die ihre Praktiken insbesondere
an den vorhandenen Formen der Reklametechnik ausrichtet
und dort eine ganze Bandbreite von Themen 'alternativ'
kommuniziert wie Alkoholmissbrauch, Tabakmissbrauch
bis hin zu politischen Fragestellungen im Kontext der
Globalisierung, Stichwort 'No Logo'. Dem steht gegenüber
ein externer Gebrauch des Culture Jamming, wo die Technik
der Kommunikation, die Aufmerksamkeitsökonomie selbst
zum Gegenstand der Auseinandersetzung wird, wo also
eher der "Triumph der Reklame in der Kulturindustrie,
die zwanghafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich
durchschauten Kulturwaren"
unterlaufen werden soll, indem z.B. die Zerstreuung
als dominante Rezeptionsform ausgeschlossen wird. Diese
Praktiken entstehen naturgemäß im Kunstfeld.
In
seinem Bestseller 'Culture Jam' hat Kalle Lasn das Ziel
der Culture Jammer wie folgt benannt: "Culture
Jamming is, at root, just a metaphor for stopping the
flow of spectacle long enough to adjust your set."
Diese in der Manier der Reklametechnik
formulierte Zauberformel sollten wir - so verlockend
ihr Inhalt auch scheinen mag - überprüfen. Als Benjamin
seine Analyse des Films unternahm, berührte er auch
Fragen avancierter Kunst, die sich mit dem 'Umbau des
Apperzeptionsapparates' beschäftigte. Er schreibt: "Aus
einem lockenden Augenschein wurde das Kunstwerk bei
den Dadaisten zu einem Geschoß. Es stieß dem Betrachter
zu. Es gewann eine taktile Qualität".
In unserem Zusammenhang ist es interessant, den Werdegang
von John Heartfield zu verfolgen, der ja als ausgebildeter
Reklametechniker zur Gruppe der Dadaisten stieß und
dann in den 20er Jahren zu einem der bekanntesten Fotomontage
Künstlern wurde. Während in den frühen dadaistischen
Manifesten die 'Reizüberflutung' durch Auflösung vertrauter
Sinnstrukturen in Bild-Text Montagen chaotisch-aggressiv
dargestellt wird, entwickelt Heartfield mit einer technisch
perfektionierten Fotomontage ein neues Medium politischer
Agitation. Er verwendet dokumentarisches und selbstinszeniertes
Fotomaterial und konstruiert dieses in Richtung einer
eindeutigen politischen These. Die Lesbarkeit seiner
Arbeiten, vor allem die in der Arbeiter Illustrierten
Zeitung veröffentlichten, war in der Regel dadurch gewährleistet,
dass öffentliches Fotomaterial so montiert wurde, dass
daraus neue Botschaften entstanden. Die Reklametechnik
verfährt übrigens im gleichen Zeitraum ähnlich: auch
sie beginnt zu montieren. Grundsätzlich kann das Verfahren
der Montage unter den Oberbegriff des Zitats subsummiert
werden, Montage kann dann als ein Verfahren verstanden
werden, in dem Unzusammengehöriges zusammengeführt
wird.
In diesem Sinne sind natürlich auch die Culture Jammer
Montage-Produzenten. Was sie von Heartfield und der
damit verbundenen Tradition unterscheidet, ist der
Umgang mit dem 'Fremdmaterial'. Heartfield schafft Bild-Text
Montagen, die zusammengesetzt sind aus öffentlich bekanntem
visuellem Material; der Blick stolpert in dieses Bild
hinein und fügt die Schnipsel zu einem eindeutigen Sinngebilde
zusammen. Eine seiner berühmtesten Arbeiten, die 'Millionen-Montage'(1932),
ist eine hochkomplexe eigene Bildkomposition, die den
Schock der Montage zügelt, indem schließlich doch eine
Narration erkennbar wird, die den Zustand der Zerstreuung
unterbricht.
Die Culture Jammer überlassen die Bildkomposition in
der Regel sehr viel stärker dem 'Fremdmaterial'; sie
benutzen gerade den damit verbundenen Aufmerksamkeitsreiz,
um durch minimale Änderungen die Botschaft umzukehren:
(s)hell. Die Zerstreuung wird hier nicht didaktisiert,
sondern fortgesetzt durch eine Verfremdung. Während
Heartfield die Rezeption auf eine Ebene der kognitiven
Durchdringung des Bildes verweist, überlassen sich
die Culture Jammer ganz der Form des Spektakels, um
in die zerstreute Aneignung eine Umpolung einzuführen.
Alles soll wie in der Reklame funktionieren, nur mit
umgekehrtem Vorzeichen. Die Scheinwelt der Markenstrategen
wird vorgeführt, indem zunächst der Eindruck einer
'Verunreinigung' hergestellt wird, eine Konvention ist
gebrochen, weil die ästhetische Integrität der Reklame
entstellt ist. Mit der Verunreinigung wird der Schock
einer gegensätzlichen Bedeutung eingeführt.
In dieser Art der
Kommunikation sieht Naomi Klein "nur ein Werkzeug
- eines von vielen -, das in einer viel breiteren politischen
Bewegung gegen das markierte Leben gebraucht, geborgt
und verliehen wird". D.h. die Relativierung
der Wirkungsmöglichkeiten von Culture Jamming , die
Kalle Lasn in dieser Form vermutlich nicht teilt, wird
noch einmal zugespitzt auf die Frage, von der wir ausgegangen
waren. Kann im Medium der Zerstreuung durch Gegen-Zerstreuung
etwas von den Intentionen realisiert werden, die Culture
Jammer verfolgen? Die tobacco wars waren erfolgreich
für die Culture Jammer. Aber worin besteht der Erfolg
wirklich? Die Angewohnheit, zu rauchen, ist in den Ländern
des reichen Westens vor allem in den Mittelschichten
tatsächlich rückläufig; die wirtschaftlichen Aktivitäten
der Zigarettenkonzerne sind aber keineswegs eingestellt.
Sie sind in andere Länder ausgewichen. "Smoking
was uncooled, and no amount of PR money could buy the
cool back", so Kalle Lasn.
Diese im Stil einer Reklamehyperbel
formulierte Feststellung blendet nicht nur die materielle
Realität der Zigarettenkonzerne aus, sondern sie verschweigt
auch, dass mit der Anti-Rauch-Kampagne das soziale Ideal
eines überaus asketischen Gesundheitsbewusstseins eingeführt
ist, einem Element von Subjektivität, das aus Foucaults
Perspektive wohl als 'Selbsttechnologie' zu fassen ist
und als Ressource von Menschenführung in neoliberalen
Zeiten zu bewerten ist.
'Nicht Bilder von
Schusswaffen töten, sondern Schusswaffen' heißt es bei
Mitchell. Er ist der Meinung, dass 'skopische Regimes'
(Martin Jay) 'nicht die große politische Gefahr der
Gegenwart' darstellen. Er hält die 'heroischen, ikonoklastischen
Kunstheoretiker' in ihrem Bemühen um Dechiffrierung
der 'Macht der Bilder' für eine Neuauflage der 'Junghegelianer',
die Marx parodierte, indem er ihnen vorhielt, dass 'die
Ausgeburten ihres Kopfes (...) ihnen über den Kopf gewachsen
(sind)'
So wie der Zweifel an der 'Macht der Bilder' in einem
bestimmten Sinn richtig ist, so können wir auch die
Praktiken der Culture Jammer, sofern sie ihren Angriff
auf die Reklame-Bilder verwechseln mit einem Angriff
auf die Gesamtverfassung der Gesellschaft, in dieser
Hinsicht kritisieren. Aber dieser generelle 'Verdacht'
kann eigentlich nur im Einzelfall wirklich expliziert
werden. Nicht umsonst richten sich die Aktivitäten der
Culture Jammer ja gerade gegen Unternehmen, die sich
in hoher Abhängigkeit von ihrer symbolischen Reklame-Präsenz
befinden.
In der 'Selbstkonzeptforschung'
wird behauptet, dass Reklame besonders dann erfolgreich
ist, wenn sie das Selbstkonzept der Konsumenten stärkt.
Sidney
J.Levy, der diese These 1959 in dem von der Reklameforschung
als klassischen Text gehandelten Aufsatz 'Symbols for
sale' formulierte, führt aus, dass "the product
will be used and enjoyed (..) when it joins with, meshes
with, adds to, or reinforces the way the consumer thinks
about himself .
Wie der Konsument über sich selbst
denkt, wird zu einem nicht geringen Teil von der Reklameindustrie
selbst 'konstruiert', so die Gegenthese. Erving Goffman
kommt im Kontext seiner Analyse des 'kommerziellen Realismus'
der Reklametechnik auch auf die Manipulationsthese zu
sprechen. Goffman glaubt wie Benjamin, dass die Reklame
nach dem Modell der flüchtig wahrgenommenen Welt funktioniert,
wie sie in den Großstädten des 20.Jahrhunderts eingeübt
worden ist. Wenn die Reklametechnik nun bestimmte Elemente
der 'sozialen Kosmologie' (Galtung) aufnimmt, entsteht
häufig der Eindruck, sie selbst habe 'konstruiert'.
Das sei nichts aus dem 'wirklichen Leben', sondern eben
eine aufdringliche, tiefenpsychologisch ansetzende Inszenierung,
die 'künstlich' Bedürfnisse wecke - naiv also derjenige,
der ihre Appelle ernstnehme. Worin besteht also der
Unterschied zwischen den Bildschock-Szenen der Reklametechnik
und dem wirklichen Leben? Goffman schlägt vor, von einer
'Hyper-Ritualisierung' der Reklametechnik zu sprechen.
"Ein Reklamefoto ist eine Ritualisierung sozialer
Ideale, aus der alle Vorgänge und Bedeutungen, in denen
das Ideal nicht präsent ist, fortgelassen - gewissermaßen
aus dem Sichtbar - gemachten herausredigiert - wurden."
Diese Reinheit der Darstellung kommt im sozialen Leben
als Anspruch auch vor "bei zeremoniellen Anlässen,
Sympathiebekundungen, plötzlichem Zusammentreffen mit
Freunden und ähnlichen Höhepunkten des Alltags. In der
Reklame wie im Leben interessieren uns also die farbigen
Posen, die Externalisierung..."
Aus dieser Sicht 'manipuliert' die Reklametechnik nur
in dem Sinne, dass sie ein schon vorhandenes Repertoire
von 'rituellen Idiomen' stilisiert, konventionalisiert
- Goffman versucht im Grunde zu zeigen, dass in sozialen
Situationen oft genug entsprechend der Logik der Reklametechnik
agiert wird, nicht weil diese hegemonial wirkt, sondern
weil die soziale Welt dies erfordert - so jedenfalls
Goffmans Eindruck. Auch in der appropriierten Gegen-Reklamewelt
der Culture Jammer werden ritualisierte soziale Ideale
mit externalisierender Wirkung kommuniziert, sie werden
konsumiert von denjenigen, die ihr 'Selbstkonzept' mit
der verwandelten Botschaft verbinden können. Culture
Jamming stellt aus dieser Perspektive gewissermaßen
die Folklore derjenigen dar, die sich im Widerstand
gegen die Symbolwelt der Reklameindustrie bzw. der von
ihr repräsentierten Sozialwelt befinden. Die besondere
Attraktion dieses bestätigenden Mediums liegt darin,
dass innerhalb der symbolischen Auseinandersetzungen
der Gegner nicht nur 'greifbar' gemacht wird, sondern
dass er auch unmittelbar 'besiegt' ist - in diesem Moment
der Intervention, wo die Energie des Gegners wie im
japanischen Kampfsport gegen ihn gerichtet wird, scheint
die Niederlage 'manifest' zu sein. Das können wir im
Sinne von Goffman als 'Hyper-Ritualisierung' bezeichnen.
Mit der politischen
Intervention der Culture Jammer wird andererseits 'Aufklärung'
verbunden. Das Ritual soll wie die Reklame auch ein
diffuses Massenpublikum beeinflussen. Reklametechnisch
erweist die 'Marktforschung', ob beeinflussende Effekte
eingetreten sind. Um an dieser Stelle Kriterien der
Unterscheidung zu haben, sollte der soziale Ort der
Intervention beachtet werden. Zwischen der Publikation
einer Hochglanzbroschüre wie adbusters, die Culture
Jamming als ästhetische Form kultiviert und den Interventionen
in der Tradition der Billboard Liberation Front (BLF),
wo in den durch Reklame öffentlich besetzten Raum direkt
eingegriffen wird, liegen Welten. Während das adbusters
Projekt ein eigenes Gegen-Imperium aufbaut mit an 'Corporate
Identity' orientierten Marketing-Strategien (Verkauf
von T-Shirts, Schuhen: 'the unswoosher' etc.) und damit
Elemente der Alternativ-Kultur aufnimmt, die nun aber
nicht mehr unter dem Druck eines Anti-Ökonomismus steht,
geht es anderen Akteuren darum, die Omnipräsenz der
Welt der Reklame im öffentlichen Raum anzugreifen. Die
Zeitschrift adbusters aktiviert eine 'Zielgruppe'
- also ein soziales Konglomerat mit bestimmten Eigenschaften,
die einschlägig für die Produktpalette des Projekts
sind. Die Vergrößerung der Zielgruppe ist u.a. davon
abhängig, ob der soziale Humus, von dem das Projekt
lebt, gut gedeiht oder nicht. Nicht zuletzt schafft
die Kultivierung des Culture Jamming, ihre ästhetische
Ausdifferenzierung, ein Konsumentensegment, welches
bei guter Pflege wächst. Die Intervention in den öffentlichen
Raum kalkuliert anders: Hier wird - bevor politische
Überzeugungen kommuniziert werden - zunächst das Monopol
der öffentlichen 'Schaustellung industrieller Macht'
angegriffen. Es ist, als würden die eingefrorenen Ritualismen
der Reklametechnik durch den Eingriff der Culture Jammer
plötzlich lebendig und 'unheimlich' in der Freudschen
Definition des Begriffs: die Verfremdung verweist auf
das aus der Alltagserfahrung ausgeblendete Bekannte,
die Erfahrung des durch Reklame verstellten öffentlichen
Raumes. Dann folgt der Akt der Dechiffrierung der politischen
Botschaft. Durch die vorgegebene Bildschock-Kommunikation
sind die Möglichkeiten der Vermittlung in der Regel
unterkomplex und können nur, wie von Naomi Klein beschrieben,
im Gesamtkontext der Kommunikation anderer Medien ihre
Wirkung entfalten.
Damit wird ein unterschiedlicher
sozialer Gebrauch des Culture Jamming deutlich, den
wir hier in zwei 'Positionen' zusammenfassen, die in
Wirklichkeit in dieser Reinheit nicht vorkommen. Eine
Strategie, die im Rahmen der von der Reklametechnik
übernommenen Hyper-Ritualisierung den sozialen Zusammenhalt
der widerständigen Gruppe stärkt und eine im öffentlichen
Raum agierende Strategie, die in das Kräftefeld symbolischer
Repräsentanzen eingreift und mit jeder kommunizierten
politischen Botschaft zugleich die Selbstverständlichkeit
der privatisierten Nutzung der öffentlichen Sphäre durch
die ökonomisch Herrschenden in Frage stellt. Es zeigt
sich, dass die Überraschungscoups der Culture Jammer
als politische Intervention erst dann Gewicht bekommen,
wenn ihr sozialer Gebrauch darauf angelegt ist, in Felder
einzudringen, die reklametechnisch 'gehorchen'. In seiner
Kritik an der 'Neuen Sachlichkeit' formulierte Walter
Benjamin, dass diese 'den Produktionsapparat beliefern,
ohne ihn zu verändern'
und wünschte sich stattdessen Akteure, die den 'revolutionären
Gebrauchswert' z.B. der Fotografie herausstellen sollten.
Die Umfunktionierungen der Culture Jammer erschüttern
den Produktionsapparat der Reklametechnik mit zum Teil
materiellen Folgen für Unternehmen - sie sorgen aber
auch dafür, dass die Konsumkritik z.B. in der Version
von adbusters selbst zum Gegenstand des Konsums
wird. Diesem Dilemma entgehen solche Praktiken, die
im Sinne von Benjamin auf den Produktionsapparat reflektieren
und deshalb auf die Gemütlichkeit einer Hochglanzbroschüre
verzichten zu Gunsten einer Wieder-Aneignung des öffentlichen
Raumes.
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