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In
Russland wurden Flash Mobs zuerst nur als neuer Hype
betrachtet, das Wesentliche daran war aber die
Geschwindigkeit, mit der wir von ihnen erfahren haben,
und der süße Geschmack ihrer Verbreitung durch
Kommunikation. Die Ideen konnten mit der Schnelligkeit
einer Internetverbindung übertragen werden, und es
waren nicht die Ideen der Politik oder transnationaler
Konzerne, sondern sie betrafen den öffentlichen Raum,
Aktionen und ein urbanes Umfeld. Für viele junge Leute,
von denen die meisten erst in den letzten Jahren ihre
Mobiltelefone oder PCs erworben haben, bedeutete dies
ein erfrischendes Zeichen einer globalen Inklusivität
des Internets im fortgesetzten Boom des Hi-Tech-Konsums.
Doch sehr schnell wurde diese Tendenz auf die Probe
gestellt, angeeignet und in lokale Formen der Anwendung
umgewandelt.
Vorab
sind hier ein paar Worte über die Aktionsformen in der
russischen Szene einer "Politik von unten"
zu verlieren. Anders als in westlichen Ländern, wo Aktivismus
und Straßenhappenings seit den 1960er Jahren in mehr
oder weniger starker Ausprägung dazu gehörten, waren
sie für uns neu, und in den 90er Jahren wurden wir ZeugInnen
eines regelrechten Triumphs radikaler Straßenaktionen.
Mitglieder der KünstlerInnengruppe "Radek"
errichteten im Mai 1998 eine Barrikade aus Kunstwerken,
die zur Feier des dreißigsten Geburtstags der Pariser
StudentInnenrevolten 1968 den Verkehr einer der zentralen
Straßen Moskaus blockierte. Am 1. Mai 2000 und 2001
organisierte die Jugendbewegung "SVOI 2000"
Straßenparties mit einer Kolonne von Clowns, die den
riesigen, offiziellen Demonstrationen der KommunistInnen,
NationalistInnen, SozialistInnen, ReformistInnen, usw.
folgte. Die TeilnehmerInnen der "SVOI 2000"-Kolonnen
waren orange gekleidet und verkündeten mit Trommeln
und Trompeten vollkommen absurde Slogans mit der Idee
einer "Aneignung des Stadtraums", im Russischen
"osvoenie", was so viel wie das Gegenteil
von Entfremdung bedeutet. Flash Mob wurde einfach aufgrund
seines Funktionierens zur logischen Fortsetzung einer
Aktionsform: Statt an einem riskanten politischen Protest
teilzuehmen, was immer mit der Gefahr verbunden ist,
von der Polizei verprügelt und festgenommen zu werden,
konnte man nun zu einem hippen und trendig technologisierten
Event gehen, mit den anderen anonymen TeilnehmerInnen
seinen Spaß daran haben und dabei jeden Polizisten mit
der frechen Antwort: "Protest? Politik? Das ist
ein FLASHMOB!" abwehren. Gleichzeitig war der Flash
Mob als Instrument der Selbstorganisation durch das
Internet in der Lage, Möglichkeiten indirekter politischer
Partizipation viel weiter zu verbreiten als jede Aktion
vor den Zeiten des Internets.
Wie
allseits bekannt, ist das oberste Prinzip des Flash
Mob, sich von Politik fern zu halten. Aber sobald die
russischen Flash Mobs auftauchten, wurden sie zum zentralen
Element für jene, die "osvoenie" wollten.
Sie waren zwar nicht von Anfang an politisiert, mussten
aber notwendigerweise politische Implikationen haben.
Jede Aktion im öffentlichen Raum muss implizit politisch
werden, wenn sie im Kontext eines extrem durch Konsum
und Militarismus geprägten autoritären Systems stattfindet,
und verweist auf das, was beim letzten next5minutes4-Festival
in Amsterdam im September 2004 unter dem Titel "urbane
Interventionen" formuliert wurde.
Die
erste Flash Mob-Aktion, die in unseren Annalen verzeichnet
ist, fand am 7. September statt und nannte sich: "Es
ist schwer, ohne Fernsehen zu leben." Ein
Mob von einigen Dutzend Leuten hatte sich vor einem
der riesigen LED-Screens auf dem Puschkinplatz mit Fernbedienungen
versammelt, und sie begannen, darauf herumzudrücken,
als ob sie zwischen den Kanälen wechseln würden. Dabei
muss man hinzufügen, dass dieser Platz für viele öffentliche
Demonstrationen bekannt ist, so fanden dort vor einem
Jahr zum Beispiel die Proteste gegen die Schließung
des letzten, vom Staat unabhängigen TV-Kanals NTV statt.
Die
FM-Websites (www.fmob.ru,
www.flashmob.ru)
wurden von Anfang an von verschiedenen Fans befüllt
und standen keineswegs abseits von intellektuellen und
kulturellen Diskussionen. Die "Artikel"-Sektion
enthielt eine Reihe von Texten zur Tradition des künstlerischen
Aktivismus wie Susan Sontags Text über Happenings. Dies
ist wahrscheinlich einer "Non-Spektakel"-Involvierung
in die Flash Mob-Bewegung zu verdanken. Die "nicht-spektakularistische"
Kunstwelle war in Moskau 2002 aufgetaucht und gründete
sich hauptsächlich auf dem Konzept, dass Kunst versteckt
und unsichtbar werden müsse. Den Repräsentationsmechanismen
entfliehend und die AutorInnen anonymisierend, musste
sie bald aus dem Raum der Galerien in den Raum der Straßen
und der Metro verschwinden, und nichts hätte einer neuen
Erscheinung des Nicht-Spektakels förderlicher sein können,
als die geheimen Manipulationen im urbanen Raum und
der selbstorganisierte Intellekt eines Mobs, der zeitlich,
aber nicht räumlich wahrnehmbar war, nur für einen Moment
auftauchend und sich dann im Fluss des Verkehrs eines
überfüllten, überkapitalisierten Moskau zu verlieren.
Ein
Aktionsszenario wurde leider nie realisiert: Ein Autor
schlug vor, einen Polizisten ausfindig zu machen, der
die heute in Moskau alltägliche Routine erfüllt - nämlich
die sich durch die Straßen bewegende Menschenmenge zu
beobachten, um eine Person herauszufischen und ihre
Dokumente zu kontrollieren -, sich nach und nach um
ihn zu versammeln und ihn so zum Objekt der Beobachtung
zu machen. Dafür gelang den Mobbern eine andere Aktion,
"Grüße an Big Brother", indem Dutzende von
Personen vor einer Überwachungskamera in einem langen,
überfüllten Gang in der Metro ihre Pässe zeigten.
Eine
Aktion, die erst vor kurzem stattfand, war eine "Razzia".
Während der Razzien der Miliz auf dem Markt beispielsweise
müssen sich die Personen mit dem Gesicht zur Wand und
mit den Händen im Nacken, die Beine breit, aufstellen
oder mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen.
Wir können diese Bilder täglich in den Nachrichten oder
in eigenen Berichten der Miliz sehen. So wurden die
beschriebenen Positionen vom Mob für die nächste Aktion
am 17. Oktober 2004 gewählt, und die Teilnehmenden stimmten
überein, dass die dreiminütige Aktion ein Gefühl von
Solidarität vermittelt hatte, das viel länger währte.
Was
die politische Nutzung von Flash Mobs anbelangt, möchte
ich eine Aktion beschreiben, die im ganzen Land breiten
Nachhall fand. Wobei hier betont werden muss, dass eine
Flash Mob-Aktion anonym durch eine Koordinationswebsite
organisiert wird, ausgewählt durch eine Online-Wahl
und von Leuten durchgeführt, die einander möglicherweise
nicht kennen, oder - nach Wikipedia - eine Gruppe von
Leuten, die sich plötzlich an einem öffentlichen Ort
versammeln, etwas Ungewöhnliches oder Auffälliges tun,
und dann verschwinden. Normalerweise organisieren sie
sich über das Internet oder mit anderen Vernetzungsmedien.
http://en.wikipedia.org/wiki/Flashmob).
Sobald die Aktion in irgendeiner politischen Kommandozentrale
geplant wird und auf die Propagierung der Perspektiven
einer bestimmten politischen Partei abzielt, ist es
nicht wirklich ein Flash Mob. Die Rechtfertigung der
Bezeichnung als solcher besteht darin, dass das Flash
Mob-Label genützt wird, um einer Bestrafung wegen illegaler
Aktionen ohne Erlaubnis der Behörden zu entkommen. Dieser
Trick wurde im späten Februar 2004 von einer modernen
kommunistischen Partei (über die ich bereits in den
Kulturrissen 04/03 berichtet habe) angewandt. Eine Gruppe
von Leuten, die Putin-Masken trugen und Transparente,
auf denen die verschiedenen Katastrophen der Putin-Ära
verzeichnet waren ("Das U-Boot sank", "Die
Metro explodierte", etc.) kam zum Haus der früheren
Residenz unseres Präsidenten und begann zu schreien:
"Vova go home!" "Vova" ist der Diminutiv
von "Vladimir", und die Rufe imitierten die
Anweisungen einer Mutter an ihr Kind. Die Aktion erlangte
auch wegen ihrer schnellen und gewaltsamen Räumung durch
die Miliz Berühmtheit.
Mitte
2003 eine weltweite Neuheit, wurden Flash Mobs in Russland
von manchen AktivistInnen sogar als revolutionäres "Know-How"
vor den Parlamentswahlen im Dezember 2003 und den Präsidentschaftswahlen
im März 2004 betrachtet. Die eben beschriebene Aktion
hatte einen großen Effekt vor den Wahlen, und vielleicht
war es auch sie, die den weiteren Prozess auslöste.
In Vladimir versammelten sich Menschen auf dem Hauptplatz
um einen Sarg und feierten den "Tod der Demokratie"
- eine im künstlerischen Sinn zwar eher flache Idee,
die jedoch in eine komische "Show" mündete,
als die Miliz den Sarg übernahm und damit davon rannte.
In einer weitaus inspirierenderen Aktion wiederum umzingelten
die Mobber von Khabarovsk einen Wasserturm und begannen
Schneebälle auf ihn zu werfen und zu schreien: "Vova,
komm runter!"
Die
Geschichte der russischen Flash Mobs ist bei weitem
nicht zu Ende, aber wir bemerken, dass die Polizei schließlich
das neue Wort gelernt hat, und das macht weitere Aktionen
etwas schwieriger. Außerdem machen es in der anhaltenden
amerikanischen Militärordnung die Geheimdienste der
Welt ihren super-technologisierten, Cyber-beobachtenden,
elektronischen und biometrischen US-KollegInnen gleich.
Das heißt, dass die Flash Mobs bald zum Ziel von Beobachtungen,
Drohungen und Präventivschläge werden können, und es
gibt bereits Hinweise darauf, dass sie schon observiert
werden. Wenn die Vergangenheit gezeigt hat, dass Mobs
sich selbst organisieren können, werden sie einen Weg
finden, sich unter geänderten Bedingungen weiter zu
entwickeln? Aber ein Flash Mob ist ein arbeitendes soziales
Labor. Wie ein Text auf einer fmob.ru-Seite sagt,"weiß
keiner jemals, wie viele Leute zu einer Aktion kommen
werden. Aber es ist immer aufregend zu denken, dass
alle kommen könnten. Am interessantesten ist es, sich
ein FM-Szenario für alle Menschen auf der Welt vorzustellen.
Denn es muss sicher ganz einfache Aktionen geben, die
simultan von jedem/r ausgeführt werden können - und
dann wird die Welt komplett anders werden, wird sich
nur für einen Moment verändern ..."
Übersetzung:
Therese Kaufmann
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