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"Each decade has Neoists and their situation is
always different. We formed a network to revolt against
oppression, and we hope that our efforts will end with
big retrospective exhibitions in the world's most established
mueseums, because we know that each revolution ends
with the imprisonment and execution of its leaders and
participants." [1]
(Monty Cantsin)
Der Kontaktmann
Der Copper Grill, nahe der Londoner Liverpool Street
Station, ist ein billiges Steak-Restaurant im Stil der
50er und dürfte auch seit diesen nicht mehr renoviert
worden sein. Seinen Charme gewinnt das Lokal durch die
rote Plastikbepolsterung und Verchromung. Hier hatte
ich ein Treffen mit Stewart Home vereinbart. Langsam
füllte sich das Lokal mit den Managern der Büros der
Umgebung. Es war Lunch-Zeit.
Stewart Home ist nicht nur erfolgreicher Verfasser
von Redskin-Pulp-Romanen, die sich zum Großteil aus
gesampelten Gewalt- und Pornoszenen zusammensetzen.
Er ist vor allem Wortführer und einziges Mitglied der
Neoist Alliance, einer neoistischen Fraktion, die sich
1986 vom Hauptstrang des Neoismus abspaltete. In seinem
letzten Roman Slow Death bringt er beides zusammen.
In Slow Death gründet die Trendkünstlerin Karen Eliot
eine Geheimloge namens Semiotic Liberation Front mit
dem Ziel, den Neoismus in die Kunstgeschichte einzuschleusen,
und setzt als Verbindungsmann den Skinhead Johnny Aggro
ein. Dieser gibt an die Mitglieder der Loge die Weisung
aus: "Your Lodge must study Neoism and do everything
to promote the movement. Also, my masters want you to
begin a campaign of vandalising statues and sculptures"
[2]. Ich warte.
Mit fünfzehn Minuten Verspätung betritt die Neoistische
Allianz in Gestalt von Stewart Home, der in Slow Death
selbst als Bob Jones auftritt, den Copeer Grill. Die
Neoistische Allianz alias Stewart Home alias Bob Jones
alias Karen Eliot setzt sich, bestellt einen Tee und
schiebt eine Plastiktüte mit unverkennbarem Inhalt über
den Tisch. Bücher. Neben den Romanen Slow Death und
Red London zeihe ich den "Neoism, Plagiarism &
Praxis"-Reader heraus, die Neoistischen Manifeste
und Art Strike-Papers, Homes Geschichte der Nachkriegsavantgarde
"The Assault on Culture", die von ihm edierte
Sammlung von Black Mask-Material, sowie eine Reihe kopierter
und gehefteter Paraphernalia mit Titeln wie "Analecta",
oder "Disputations. On Art, Anarchism and Assholism".
Das meiste davon kannte ich schon.
Bald kommt das Gespräch auf noch nicht publiziertes
oder zumindest noch nicht ediertes Material. Stewart
Home nippt an seinem Tee. Wenn ich weiteres Material
wolle, dann wäre ich am besten in der Tate Gallery Library
oder in der National Art Gallery des Victoria&Albert
Museum aufgehoben. Dort möge ich mit einem der Kuratoren,
Simon Ford, Kontakt aufnehmen. Der hätte sich sehr um
die Archivierung neoistischer Materialien verdient gemacht,
die von den Neoisten den Museen zugespielt worden seien.
Manchmal wurde sogar etwas angekauft. Pete Horobin,
der früheste englische Neoist, besäße ebenfalls eine
umfassende Privatsammlung und könne außerdem benötigtes
Material jederzeit nach-fälschen.
Nach einer Stunde deutet Home an, er müsse sich jetzt
verabschieden. Er hätte für ein paar Tage ein Tonstudio,
wo er an Sound-Experimenten für seine Lesungen arbeite,
und müsse die Zeit dort ausnutzen. Wir zahlen und treten
aus dem Copper-Grill. Hinter uns blitzt das Chrom. Vom
Copper Grill fahre ich zum Victoria&Albert Museum,
um Homes Hinweise zu überprüfen. In der Tube kommen
mir Zweifel - und dunkle Erinnerungen. Ahnungen. Hatte
ich das alles nicht schon einmal erlebt? Oder gelesen?
Ich ziehe Slow Death heraus und blättere.
Slow Death
Auf seite 31 trifft sich Karen Eliot mit dem marxistischen
Kunstkritiker Jock Graham in einem Pub in Camden. Sie
erklärt ihm, neben Geld und Ruhm läge ihr Hauptinteresse
auf Historifizierungsprozessen. Jock Graham begibt sich
auf Anraten Eliots schließlich in die National Art Library
und beginnt, zum Neoismus zu recherchieren.
Aus Seite 47 trifft sich Karen Eliot mit dem Leiter
des "Progressive Arts Project" Sir Charles
Brewster im Monmouth Coffee Shop in Covent Garden. Sie
kommt zu spät. Gemeinsam überlegen sie, wie Neoismus
mit dem Geld des Projekts bekanntzumachen sei. Brewster
stellt fest, Neoismus sei aufgrund seiner Avantgarde-Anbindung
maßgeschneidert für Historifizierung: "Neoism is
an art critic's wet dream!"
Auf Seite 52 gibt Eliot einen Talk im CIA (Homes Anagramm
für das ICA) zu "Neoism and the Avant-Garde of
the 1980s". Auf eine Frage aus dem Publikum, wo
denn die besten Archivquellen zum Neoismus zu finden
seien, antwortet sie: "you'll find basic materials
are lodged with the Tate Gallery Library and the National
Art Library. Between them, these two institutions hold
most of the books and magazines you'll need to consult.
To do really detailed research, you'll need to get in
touch with individual members of the movemnet. As far
as British Neoists are concerned, Pete Horobin and Bob
Jones have the most extensive collections of material."
Auf Seite 91 schwärmt die Semiotic Liberation Front
aus, um neoistisches Material aufzuspüren. Nicht unüberraschend:
British Library, Tate Gallery, National Art Library.
In letzterer trifft ein Mitglied der SLF auch wieder
auf Jock Graham, der sich inzwischen entschieden hat,
eine Geschichte des Neoismus zu schreiben, die ihn in
eine Reihe stellen wird mit solchen Giganten wie Winckelmann
und Ruskin, die den Lauf der Kulturgeschichte verändert
hatten.
u.s.w.
Fiktion oder Fucking-Up
In einem Interview mit dem V&A-Kurator Simon Ford
aus dem Jahr 1994 kündigte Home bereits einen Roman
über die Historisierung des Neoismus an: Er halte es
für angemessen, dass der neoistische Historisierungsprozess
zuerst als Fiktion erscheine, bevor zu viele Kunsthistoriker
sich von sich aus auf den Neoismus werfen. Damit behauptet
Home, dass die Fiktion der Wissenschaft zeitlich vorausgehen
muss (Slow Death ist daher eine Art Pulp-Version der
Lacanschen These, dass die Wahrheit strukturiert wie
eine Fiktion sei. Und so heißt es konsequenterweise
in Slow Death: "'Truth is a fiction!' Karen barked.
'People who want hard facts will have to make do with
fabrications!" [3]).
Eine Behauptung, mit der er riskiert, dass sich "ernsthafte"
Historiker, auf die er ja mit seinem Historifizierungsprojekt
des Neoimsus angewiesen ist, abgeschreckt fühlen. Und
tatsächlich verteidigt er sich gegen Ausverkaufsvorwürfe
aus Reihen fundamentalistischer Neoisten mit dem Argument,
diese würden einfach nicht erkennen, dass er genau durch
sein offenes Kartenspiel und genau durch seine Selbsthistorifizierung
mit der Brechstange "echte" Historiker abschrecke.
Sollten wir also Homes Bemühungen, den Neoismus in
den Kanon der Kunstgeschichte zu hieven, als praktische
Reflexion, sozusagen als das kognitive Gegenstück zu
einem practical joke - einen Witz auf die "Verkunsthistorisierung"
der Avantgarde" - lesen, und nicht so sehr als
ernsthaften Versuch der Selbsthistorifizierung? Als
fröhliche Fiktion und nicht so sehr als Wissenschaft?
Oder betreibt Home nicht vielmehr eine Variation auf
die Tatsache, dass die sogenannten ernsthaften Kunst-Kanons
ihre Objekte genauso konstruieren und fiktionalisieren,
nur weitaus weniger offen und scherzhaft? Dass Geschichte
aber nicht nach positivistischen Kriterien angeblicher
Evidenz ein für allemal geschrieben ist, sondern der
Kanon ständig neu- und umgeschrieben wird, beweist der
Fall Fluxus und dessen plötzliche überwältigende Präsenz
seit der Retrospektive zur Biennale 1990 oder der Fall
Situationismus und die Flut an Publikationen, Übersetzungen
und Neuauflagen.
Neoismus war von Anfang an nicht gerade der logische
Kandidat für einen Logenplatz in der Kunstgeschichte
der 80er. Seine Anhänger ( in den seltensten fällen
Anhängerinnen) stammen aus sogenannten marginalen Milieus,
in den seltensten Fällen von Kunsthochschulen. Als größten
Historifizierungserfolg konnte der Neoismus bisher gerade
eine Eintragung in das Glossary Of Art, Architecture
and Design Since 1945 verzeichnen. Home selbst musste
Hand anlegen, um in seine eigene Geschichte der Nachkriegsavantgarde,
The Assault on Culture, den Neoismus einzuschmuggeln
und in eine ehrwürdige Ahnengalerie von Lettrismus bis
MailArt zu reihen.
Forschung und Fälschung
Unabhängig von der Frage, ob es eine "neutrale"
Kunstgeschichtsschreibung je geben kann, ist die Ausgangslage
für auch nur eine halbobjektive Beschreibung des Neoismus
denkbar ungünstig, wenn nicht sogar praktisch unmöglich.
Das macht den Neoismus zu einem interessanten Extrem-
und somit Testfall. Neoismus selbst springt einer "korrekten"
Wiedergabe geradezu ins Gesicht. In den Vorbereitungen
zu diesem Buch wurde mir mehrfach von Neoisten das Angebot
gemacht, sie würden neoistische Werke und Materialien
nach bedarf fälschen und rückdatieren. Dieser freizügige
Umgang mit der eigenen Geschichte wird keineswegs geheimgehalten,
hat noch nicht einmal etwas mit Plagiarismus oder Appropriationismus
zu tun (gefälscht werden ja die eigenen Arbeiten), sondern
liegt durchaus innerhalb der manifesten neoistischen
Philosophie: wenn jede Geschichte eine Manipulation
ist, wie Neoisten behaupten, gibt es so viele Geschichten
des Neoismus wie es deren Manipulationen gibt. Fälschung,
Plagiarismus, Selbstsubversion und -manipulation werden
folglich zu zentralen neoistischen Strategien.
Die theoretische Basis solcher Behauptungen scheint
auf der Hand zu liegen: dass Geschichtsschreibung ihr
Objekt im selben Maße konstruiert wie ihre Konstruktion
von ebendiesem Objekt verstört wird, es also nie gänzlich
fassen oder endgültig konstruieren kann. So sehr das
zutrifft, es folgt daraus dennoch keine Beliebigkeit
historischer "Fakten", denn deren Wesen ist
zwar kontingent aber nicht arbiträr. Ich beziehe mich
dabei auf die Unterscheidung zwischen Kontingenz und
Arbitrarität, wie sie von Ernesto Laclau und Chantal
Mouffe vorgeschlagen wurde. Kontingenz bedeutet, dass
eine historisch-politische Position nicht durch ein
anderes Register (die Gesetze der Geschichte, die Ökonomie,
etc.) notwendig determiniert sein kann. Eine hegemoniale
Situation ist in genau dem Ausmaß kontingent, in dem
sie nicht naturbestimmt ist, sondern Ergebnis von Kämpfen
und Praxen des Aushandelns, die so oder anders hätten
ausgehen können und genau deshalb auch prinzipiell reartikulationsfähig
sind. Damit ist aber andererseits nun keineswegs gesagt,
dass diese Situation arbiträr wäre, d.h. dass "keine
Gründe" dafür zu finden wären, warum eine bestimmte
Hegemonie herrscht, dass die gegenwärtige Situation
Resultat eines Würfelspiels wäre. [...]
Neoismus selbst steht in einem Zeitfenster - der Vorzukunft.
Wenn Hal Foster zum zentralen Definiens der Neo-Avantgarde
macht, diese würde die Bedeutung der Avantgarde nachträglich
fixieren, dann möchte der Neoismus zeigen, wie man seine
eigene Bedeutung selbst nachträglich fixiert. Die neoistische
Selbsthistorifizierungsmanie wirkt also wie eine triviale
Illustration dieser poststrukturalistischen Standarderkenntnis,
einem Objekt nämlich käme seine Bedeutung immer nur
nachträglich zu. Im Fall des Neoismus durch Selbsthistorifizierung.
Gibt es also den Neoismus? Es wird ihn gegeben haben.
[Vorwort zu Oliver Marcharts Buch "Neoismus.
Avantgarde und Selbsthistorisierung", erschienen
1997 im Selene-Verlag, Klagenfurt/Wien]
[1] Monty Cantsin:
Neoism, in Dyer, Simon (Hg.) Rapid Eye: art, occult,
cinema, music. Brighton: Rapid Eye 1989, S.48
[2] Stewart Home,
Slow Death, New York und London, High Risk Books, 1996,
S.82
[3] a.a.O., S.146
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