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An einem Samstag Nachmittag vor Weihnachten 2002 ist
die Hamburger Innenstadt eine glitzernde Konsummeile,
voll mit Menschenmassen, die ihre kostbaren Einkäufe
auf den Armen tragen. Sie sind bepackt mit Taschen,
Tüten, Paketen oder - Radiogeräten. Radios, Lautsprecherboxen
und Ghettoblaster werden auch überall umher getragen.
Außerdem gibt es trashig kostümierte Engel und Pastoren
mit quietschenden Blockflöten, einen Fahrradanhänger
mit "Alternativ-Kaffee" und recht viele kleine
Polizeitrupps, die die netten jungen Menschen mit den
Radios ansprechen. Was genau aus den Radios heraus zu
hören ist, ist schwerlich zu bestimmen. Ein Patchwork
aus Redebeiträgen aller Art, in vielen Sprachen, aus
Musik und Geräuschen lässt sich erahnen.
Ein unüblicher Tag in der Innenstadt, das kann mit
Sicherheit für diesen Ort gelten, der in Hamburg ein
Exempel der seit Jahren systematisch durchgeführten
Ordnungs- und Vertreibungspolitik, der Überwachung und
Privatisierung des öffentlichen Raums ist. Hier im Bereich
Jungfernstieg, Mönckebergstraße und Rathaus soll der
Raum für Konsum und Repräsentation genutzt werden, hat
der Hamburger Senat, damals noch rot-grün, bereits vor
Jahren beschlossen. Die derzeitige Koalition aus CDU,
FDP und der Law-and-Order-Partei des Richters Schill
setzt diesen Kurs mit einer Härte fort, die ihre Vorgänger
nicht gewagt haben. Aufenthaltsorte für zu wenig konsumwillige
oder repräsentative Bürger werden systematisch auf null
reduziert, politische Äußerungen sind nicht geduldet,
besonders zur Vorweihnachtszeit, in der es nach dem
mageren Jahr dann doch noch süß in den Kassen klingeln
soll. Kein Raum also für die Artikulation der politischen
Anliegen, die derzeit in Hamburg dringend formuliert
werden wollen. Etliche Demonstrationen mussten seit
der zweiten Novemberwoche dieses Jahres auf jeden Fall
vor den Toren der Hamburger Prachtstrassen halt machen.
Seit Montag, dem 4. November, spitzt sich die politische
Situation in Hamburg deutlich zu. Mit der polizeilichen
Räumung des Wagenplatzes Bambule im innenstädtischen
Karoviertel fühlen sich zu viele Menschen zu rigoros
mit der von Schwarz-Schill gefahrenen Ordnungspolitik
konfrontiert. Eine Welle von Demonstrationen und Aktionen
ist die Reaktion einiger hundert Befürworterinnen pluraler
Lebensweisen auf das aggressive Vorgehen von Senat und
Polizei. In der Bambule-Solidaritätswoche werden mit
Laternenumzug, Fahrraddemo, Kundgebung vor der Edeldisco,
Diskussionsrunden und weiteren Demos zunehmend mehr
Menschen mobilisiert. Die Demonstranten verlangen nicht
nur einen neuen Platz für die Wagenburg. Ihre Forderungen
sind vielfältiger. Es geht grundsätzlich um die Verteidigung
heterogener Lebensstile. Und es geht gegen die autoritäre
Gewalt eines Senats, der den emanzipativen, sozialen
und politisch engagierten Organisationen dieser Stadt
nichts als Repression und Ignoranz entgegenzubringen
hat.
Vier Wochen nach der Räumung ist das Bedürfnis nach
Artikulation von Protest und politischer Meinung nicht
gewichen. Aber es ist eine weitere Forderung hinzugekommen.
Denn - bisher marschierten die bis zu fünftausend Menschen
pro Demo durch windige menschenleere Verkehrsachsen,
von dreitausend Polizisten im Doppelspalier begleitet
und von Wasserwerfern und Räumfahrzeugen flankiert.
Und immer wieder führte die Demo bis in "ihre Viertel",
Schanzenviertel und Karoviertel, und blieb dort unter
sich.
Zurück zu Samstag, 14. Dezember 2002 in der Hamburger
Innenstadt. Die demonstrativ getragenen Radios sind
dem Aufruf der Hamburger Radiogruppe Ligna folgend hier.
Die Radiogruppe Ligna, namentlich Ole Frahm, Michael
Hüners und Torsten Michaelsen, senden seit 1996 auf
FSK (Freies Sender Kombinat), dem freien Hamburger Radiosender,
meist Musik, aber heute eine Sendung bestehend aus einer
Vielzahl von Wortbeiträgen diverser Gruppen zur politischen
Lage in Hamburg, aus Demo-Mitschnitten der letzten Wochen,
aus Geräusch und Musik.
Auf Straße, Weihnachtsmarkt und in Kaufhäusern wird
jetzt die dreistündige Sendung übertragen, mehrere hundert
Radioträgerinnen haben sich in der Mönckebergstrasse
eingefunden, 93,0 MHz Freies Sender Kombinat eingestellt
und sich flanierend zerstreut. Die Radios werden mäßig
laut gehört, kleine Polizeitrupps sorgen für die wenig
optimale Lautstärke, aber wo Radioträgerinnen eine Weile
stehen bleiben, werden die Passanten aufmerksam. Im
Laufe der drei Stunden werden zunehmend Fragen gestellt.
Erklärungsversuche, Gespräche und Diskussionen zwischen
Personen folgen. Man erspäht eine Vielzahl kleiner Antennen,
die aus Jacken, Taschen und fast überall sonst herausragen.
Die Radios werden zu einem wiedererkennbaren Zeichen.
Auch in den Kaufhäusern, so hört man, wurden ganze Radioabteilungen
auf Empfang gestellt. Die offensichtliche und unerklärliche
Präsenz der Radioschwärme löst deutliche Irritation
aus. Ob es sich bei dieser Sache eher um eine Verschwörung
oder ein wichtiges Fußballspiel handelt, scheint zunächst
unklar. Diesen Moment der Irritation zu nutzen oder
nicht, bleibt den Radioträgerinnen selbst überlassen.
Die Zerstreuung ist keine Versammlung. Anders als eine
Demonstration wirkt sie nicht durch Geschlossenheit,
sondern durch eine gute Verteilung im Raum. Die Radiodemo
teilt mit ihrer großen Schwester die Notwendigkeit kollektiven/
konzertierten Handelns, jedoch ordnungspolitische Handhaben
werden für diese Art der Artikulation nicht bereitgehalten.
Die Zerstreuung kommt gar nicht erst in Konflikt mit
den Entfaltungsrechten von Konsumenten und Geschäftsleuten,
auf die sich die gerichtlichen Entscheidungen für ein
Verbot meist beziehen. Die Polizisten im Einsatz verweisen
daher etwas hilflos auf die Lautstärke der Radios und
erteilen einige schlecht begründete Platzverweise. Schließlich
lässt der Wortlaut der Lärmschutzverordnung auch keine
plausibel begründeten Eingriffe zu: "Rundfunk-
und Fernsehgeräte ... dürfen nur so benutzt werden,
dass andere nicht erheblich belästigt werden."
Die meisten Passanten schienen eher amüsiert denn belästigt
zu sein.
Ligna haben die Strategie der Zerstreuung bereits im
Mai dieses Jahres ein erstes mal erfolgreich erprobt.
Das "Radioballett" dirigierte einige hundert
Teilnehmerinnen eine Stunde lang durch den Hamburger
Hauptbahnhof. Lignas Sendestudio in der Kunsthalle nebenan
erteilte ein Set von Bewegungsanweisungen, die von den
mit Radio und Kopfhörer ausgestatteten Teilnehmerinnen
ausgeführt wurden. Sitzen, aufstehen, die Hand wie zum
Betteln ausstrecken - und umkehren. Tanzen und "dem
abfahrenden Zug der Revolution nachwinken". Die
Rückführung verbotener Gesten in den Kontrollraum des
Hauptbahnhofs funktionierte bedingt - die Symbolik der
Bewegungen konnte von den meisten Passanten nicht gedeutet
werden. Der Moment der Irritation jedoch gelang nicht
zuletzt durch die raumgreifende Ausdehnung und unheimliche
Anmutung der stummen Choreografie.
Die Subversion des gängigen Umgangs mit politischer
Artikulation war in Radioballett und Radiodemo gleichermaßen
erfolgreich. Das vom Bahnhofsmanagement angestrengte
Verbotsverfahren blieb ergebnislos, ein kleiner Sieg
für die Wiedergewinnung des umkämpften Raumes im Hauptbahnhof.
Die Meinungs- und Kunstfreiheit galt an diesem Tag auch
für diesen Ort. Auch bei der Radiodemo bedient sich
Ligna der Sabotage des städtischen Handlungsrepertoires
- anhand des etwas hilflosen Vorgehens der Polizei wird
die Unangemessenheit standardisierter Methoden im Fall
der Zerstreuung deutlich. Ligna verbindet hier die organisierende
Funktion des Radios mit der Strategie der Subversion.
Die mit der Zerstreuung herbeigeführte Irritation führt
zur kommunikativen Auseinandersetzung und diese bleibt
in ihrer Unvorhersehbarkeit die unkontrollierbare Variable
für Ligna. Die Macht des freien Radios beginnt und endet
mit den Hörerinnen. Ligna gibt an diesem Punkt das Geschehen
ab an die Entscheidungen und politischen Handlungen
der Teilnehmerinnen.
Die große Resonanz auf die Radiodemo wurde nicht zuletzt
aufgrund der Rolle hervorgerufen, die FSK in den letzten
Wochen während der Bambule-Demonstrationen eingenommen
hat. Des Senders zunehmend wichtige Position in der
Berichterstattung und Diskussion des politischen Geschehens
leitet sich wesentlich aus dem Umstand ab, dass er nicht
nur Beobachter, sondern auch Teil der Bewegungen auf
der Straße im Sinne des Bewegungsradios ist. Ligna sprechen
von Bewegungsradio (ein Begriff, der sich von den Piratensendern
und widerständischen Freien Sendern der 80er Jahre ableitet),
wenn Radio nicht über eine Bewegung im journalistischen
Sinne berichtet, sondern selbst Teil der Bewegung ist,
wenn die Hörer zu Sendern werden. Der Begriff der Bewegung
soll an dieser Stelle keinesfalls auf eine organisierte
Homogenität hinweisen, vielmehr geht es darum, im Radio
Positionen und Stimmen zur Geltung zu bringen, die Teil
der Dinge sind, über die berichtet wird.
Die jetzige Situation in Hamburg ist offen - selbst
die Zukunft der Bambule ist noch nicht gesichert, das
drängende Problem der geschlossenen Heime, die rückwärtsgewandte
Verkehrs- und Bildungspolitik des Senats, der Kahlschlag
unter den sozialen Einrichtungen geben dem Hamburger
Widerstand viel zu tun. Was sich in den letzten Wochen
jedoch erweisen konnte, ist das Durchhaltevermögen der
Demonstrantinnen, Radioträgerinnen und Radiomacherinnen,
die trotz der übermächtigen Polizeipräsenz nicht müde
wurden, ihren Unwillen kund zu tun. Nicht zuletzt ist
das mit ein Verdienst der vielen Radiogruppen, die auf
FSK für die Vervielfältigung von Informationen sorgen
und so die nötige Infrastruktur für eine Bewegung auf
der Strasse bereit stellen. Die Methode der Radiodemo
- und die Entwicklung und Erprobung weiterer alternativer
Widerstandsformen steht auch anderen Produzentinnen
und Rezipientinnen offen. Die Zerstreuung politischen
Inhalts im öffentlichen Raum hat erst begonnen.
Berichte vom Radioballett im Mai 2002
http://www.glizz.net/artikel/artikel_12.php
http://de.indymedia.org/2002/05/21525.shtml
Ole Frahm zur aktuellen Situation in Hamburg
http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/
_2002/50/sub08a.htm
Homepage des FSK
http://www.fsk-hh.org
Audioportal Freier Radios mit Beiträgen auch von FSK
http://freieradios.nadir.org/
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