|
Wir
alle kennen diese Situation: Kaum bist du auf die Straße
gegangen, um gegen einen unnötigen Krieg zu
protestieren, hörst du schon von der Bühne Redner, die
zum Kampf gegen die jüdische Weltverschwörung aufrufen
und daneben die euphorische Akklamation der
mitdemonstrierenden Neonazis. Oder du setzt dich für
ein seit Jahrzehnten verfolgtes, unterdrücktes und
vertriebenes Volk ein und kommst dadurch automatisch in
ein und dasselbe Lager mit religiösen Fundamentalisten,
die ihre Frauen noch schlimmer behandeln als ihre
Feinde. Solche Erfahrungen sind keine Seltenheit. Im
Gegenteil. Sie sind eine Regel geworden, die unser
heutiges politisches Engagement ausnahmslos begleitet.
Die Folge ist, dass wir uns mit diesem unseren
Engagement nicht mehr völlig identifizieren können.
Wir engagieren uns zwar, wir erheben unsere Stimme dort,
wo wir es für angebracht oder gerecht halten, wir
artikulieren unsere Proteste und unsere Solidarität,
aber wir tun es irgendwie halbherzig. Mit einem lästigen
Unbehagen, das wir, wie es scheint, nie mehr los werden
können. Warum eigentlich?
Erstens
sind wir offensichtlich unfähig geworden, unser emanzipatorisches
Interesse klar und deutlich zu artikulieren – ganz im
Sinne von Descartes' clarus et distinctus: Klar war für ihn nur jene Erkenntnis, die man
von allen anderen Erkenntnissen deutlich unterscheiden
und abgrenzen konnte. Das genau können wir nicht mehr
– unser emanzipatorisches Interesse von den anderen
deutlich unterscheiden und uns von den politischen Positionen
und Meinungen, die wir nicht teilen, klar abgrenzen.
Natürlich
könnte man sagen, dass es schon immer so gewesen ist.
Hatten nicht jene Rotarmisten, die Europa vom Nazismus
befreit haben, auch den stalinistischen Totalitarismus
mit sich gebracht? Und die Erfolge der liberalen
Demokratie auf der anderen Seite, wurden sie nicht von
gnadenloser (neo)kolonialistischer Unterdrückung
begleitet?
Es
gibt jedoch ein Unterschied. Wir leben nicht mehr im
Zeitalter der Emanzipation. So zumindest die These von
Ernesto Laclau. Die Großerzählungen globaler Emanzipation,
die seit Jahrhunderten unser politisches Leben wesentlich
geprägt haben, lösen sich heute vor unseren Augen endgültig
auf. Dieses Verschwinden von Emanzipation aus unserem
epochalen politischen Horizont fällt für Laclau mit
dem Ende des Kalten Krieges zusammen, den er auch, zumindest
in den Ideologien seiner beiden Protagonisten, als die
letzte Manifestation der Aufklärung versteht.
Wie
sollen wir diese Diagnose verstehen? Und, was bedeutet
es, Politik zu reflektieren und politisch zu handeln
"jenseits von Emanzipation"?
Laclau
unterscheidet prinzipiell zwischen zwei Dimensionen der
Emanzipation, die im traditionellen Emanzipationsbegriff
impliziert sind: eine radikale
und eine nicht
radikale. Wenn Emanzipation radikal ist, dann muss
sie ihren Grund in sich selbst haben und das, was sie an
ihrer Vollendung hindert, als eine radikale Andersheit
ausschließen. In diesem Falle negiert der Moment der
Emanzipation eine – sagen wir "repressive" –
Ordnung, die ihr grundsätzlich fremd ist. Wenn
aber Emanzipation nicht radikal ist, dann heißt das,
dass sie mit ihrem Anderen einen tieferen, gemeinsamen
Grund hat, der die alte voremanzipatorische und die neue
"emanzipierte" Ordnung verbindet. Hier erfolgt eine
Emanzipation auf der Ebene des gesellschaftlichen
Grundes, und sie beeinflusst alle Sphären der
Gesellschaft.
Die
vom Marxismus inspirierte Emanzipation ist auch von den
genannten zwei Dimensionen gekennzeichnet. Der
Klassenkampf zwischen Proletariat und kapitalistischer
Klasse muss als eine radikale Form des politischen
Antagonismus verstanden werden, der nur in einem totalen
Negieren einer seiner beiden Seiten – in der berühmten
Diktatur des Proletariats – aufgelöst werden kann.
Diese beiden antagonistischen Seiten haben jedoch einen
gemeinsamen Grund, der in der materiellen Produktion des
gesellschaftlichen Lebens liegt, nämlich im
Grundantagonismus zwischen gesellschaftlichen
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Dieser
Grund schließt gleichzeitig die von der Emanzipation
aufgerissene Kluft zwischen ihren beiden Dimensionen.
Das
Entscheidende ist – und hierin liegt auch das Schlüsselargument
von Laclau –, dass eine Schließung dieser der Emanzipation
immanenten Spaltung heute nicht mehr möglich ist. Ein
emanzipatorischer Akt kann heute nicht mehr seinen logischen
Widerspruch auflösen, eine seiner beiden inkompatiblen
Seiten – entweder die dichotomische oder die holistische
– völlig zurückweisen. Eine intrinsische Unentscheidbarkeit
zwischen ihnen ist für Laclau conditio sine qua non eines jeden Befreiungsdiskurses geworden. Die
durch den emanzipatorischen Akt aufgerissene Kluft zwischen
den beiden Dimensionen der Emanzipation bleibt offen,
genauso wie die Gesellschaft sich selbst gegenüber völlig
undurchsichtig bleibt.
Dass
eine Gesellschaft sich selbst gegenüber nicht mehr
transparent ist, heißt nämlich nichts anderes, als
dass ein Grund dieser Gesellschaft nicht mehr vorstell-
bzw. denkbar ist. Damit verschwindet auch das
Universelle aus dem historischen Terrain, auf dem sich
der Kampf um konkrete emanzipatorische Projekte
abspielt. Soziale Kämpfe lösen sich in bloße
Partikularismen auf.
So
können wir heute anstatt von der
Emanzipation nur noch von einer Pluralität der Emanzipationen
reden. Die Tatsache, dass wir sie nicht mehr klar voneinander
unterscheiden bzw. abgrenzen können, kommt eben von
ihrer grundlegenden Opazität. Wir können nämlich keinen
einheitlichen Grund mehr finden, auf den sich alle emanzipatorischen
Kämpfe reduzieren lassen. Ohne diese Gründung – ohne
dass der Grund der Gesellschaft postuliert wird – gibt
es auch keinen Ausschluss, kein Außen mehr. Die Gesellschaften,
in denen wir leben, lassen sich nicht mehr als radikal
gespalten vorstellen, und wir können keine klare Trennlinie
ziehen, durch die unser emanzipatorisches Interesse
etwas in der Gesellschaft abgrenzt, was aus ihr auszuschließen
wäre. Und wir können uns auch nicht mit einem Subjekt
identifizieren, das den Grund der Gesellschaft universal
repräsentiert. Daher kommt dieses Unbehagen, das unser
aktuelles emanzipatorisches Engagement ständig begleitet.
Der
Tod des Grundes, des Universellen, des Subjektes, der
Großerzählungen, etc. wird fast automatisch mit dem
Auftreten der Postmoderne gleichgesetzt. Ich glaube
jedoch, dass wir ihn, zumindest wenn es um das Ende der
Großerzählung marxistisch inspirierter Emanzipation
geht, auch früher datieren können, und zwar mit dem
schlimmsten historischen Trauma, das die sozialistische
bzw. kommunistische Arbeiterbewegung erschüttert hat
– mit dem Auftreten des Faschismus und seinem
politischen Sieg in Italien und Deutschland. Von diesem
Schock hat sich das Proletariat politisch nie wieder
erholt. Die Tragödie bestand nicht nur darin, dass sich
die Arbeiterklasse weigerte, die Schlüsselrolle in
ihrem eigenen Emanzipationsprojekt zu übernehmen,
sondern darin, dass sie sogar zu ihrem Klassenfeind übergelaufen
ist. Statt sich zu emanzipieren, war sie auf einmal
bereit, sich selbst zu unterdrücken.
Als
Reaktion auf diese Niederlage – auf den Zusammenbruch
der ganzen Konstruktion proletarischer Emanzipation –
scheinen mir grundsätzlich zwei Linien zu
unterscheiden.
Eine
erste, die wir als strategisch-politische bezeichnen
können, fand 1935 in der berühmten Rede von Georgi Dimitrov
auf dem 7. Weltkongress der Komintern in Moskau statt:
die Inauguration der so genannten Volksfrontpolitik.
Sie stellt einen Versuch dar, die angesichts der faschistischen
Herausforderung ohnehin in Frage gestellte Politik des
radikalen Klassenkampfes grundsätzlich zu korrigieren.
Das Emanzipationsprojekt der Arbeiterklasse distanziert
sich damit von der Politik der Diktatur des Proletariats
und zielt auf eine breitest mögliche Einheit demokratischer
Kräfte, die bereit sind, dem Faschismus Widerstand zu
leisten. Zu den möglichen Mitgliedern einer solchen
Allianz zählte Dimitrov verschiedene Volksschichten
und gesellschaftliche Gruppen, darunter: Jugend, Frauen,
Bauern, Schwarze (in den USA), Handwerker, (katholische,
anarchistische und unorganisierte) Arbeiter, "die ganze
schuftende Population", Sozialdemokraten und unabhängige
Sozialisten, Kirchen, Intelligentsia, bestimmte Sektoren
des Kleinbürgertums, "die unterdrückten Völker in den
Kolonien und Semikolonien", nationale Befreiungsbewegungen,
aber auch das, was er "demokratische Kapitalisten" nennt.
Ihnen gegenüber stehend sah Dimitrov auch eine Art faschistischer
Allianz: Reiche, Kapitalisten, Großgrundbesitzer, Reaktionäre
aller Art, Banken und Konzerne, die Macht des Finanzkapitals
und die faschistische Diktatur im Allgemeinen.
Die
zweite Reaktion auf die nazifaschistische Gefahr ist
eher theoretischer Natur: Bekannterweise fokussiert
das Frankfurter Institut für Sozialforschung seit 1936
seine Herrschaftsanalyse auf die psychosozialen Strukturen
der Autorität.
Die Motivation ist wieder das Versagen, der Widerwille
des Proletariats, seine historische Rolle zu erfüllen
bzw. das Rätsel seiner offenen Begeisterung für den
Nazismus. Das Resultat sind Studien
über Autorität und Familie. Autorität, wie sie die
Theoretiker der Frankfurter Schule analysieren, ist
aber nicht mehr die alte Autorität der patriarchalischen
Familie, die den patrimonialen Kapitalismus des 19.
Jahrhunderts gekennzeichnet hat, sondern die Autorität
anonymer gesellschaftlichen Institutionen, die Autorität
der altfordistischen Produktionsweise, der kapitalistischen
Rationalität, der so genannten instrumentellen Vernunft
bzw. die Gewalt des sie organisierenden und schützenden
autoritären Staates (sei es in der Form der Industriekartelle
in Nazideutschland, des Fünfjahresplans in der UdSSR
oder der New Deal Economy bis hin zum Keynesianischen
Wohlfahrtsstaat). In ihrer späteren Phasen entwickelt
sich diese Analyse zur Kritik der Kulturindustrie bzw.
zur Kritik der so genannten authoritarian
personality.
Eine
praktisch-politische Kulmination dieser Kritik der
modernen Autorität findet in den Protestbewegungen der
sechziger Jahre statt. Der Antiautoritarismus ist der
gemeinsame Nenner dieser Proteste.
Wenn
wir versuchen, diese zwei Reaktionen auf die
nazifaschistische Herausforderung vor dem Hintergrund
des von Laclau analysierten Emanzipationsbegriffes zu
verstehen, bekommen wir folgendes Bild: In der schon
geschlossenen Totalität der proletarischen Emanzipation
reißt der faschistische Druck wieder jene Kluft auf
zwischen ihren zwei Dimensionen. Während die
Volksfrontpolitik die dichotomische Dimension der
Emanzipation bloßlegt, belebt die Kritik der Autorität
die holistische Dimension ihres Grundes.
Was
nämlich Dimitrov mit seiner antifaschistischen
Strategie heraufbeschwört, ist nichts anderes als eine
neue Spaltung der Gesellschaft, die jenseits des schon
postulierten Grundantagonismus zwischen der
proletarischen und der kapitalistischen Klasse verläuft.
Er löst sozusagen den Grund der Gesellschaft –
ausgedrückt in ihrem Klassencharakter – in einem
neuen politischen Antagonismus zwischen dem
demokratischen Volk und seiner faschistischen Andersheit
auf. So erfolgt diese neue Spaltung als ein radikaler
Ausschluss, der keinen gemeinsamen Grund zwischen den
zwei einander gegenüberstehenden Teilen der
Gesellschaft impliziert. Das (antifaschistische) Volk
ist aber durchaus in der Lage, im Kampf gegen seinen
faschistischen Anderen sich selbst radikal zu fundieren
und zwar als Subjekt eigener Befreiung und als Träger
der Souveränität. In dieser Hinsicht ist das sich
emanzipierende Volk auch in der Lage, eine politische
Gemeinschaft, konkret: einen Staat zu bilden und sich
als seine ultimative Autorität zu hypostasieren. Außerdem
hat Dimitrovs Strategie der Volksfrontpolitik – die
wir als eine Art demokratischer Radikalisierung
des proletarischen Emanzipationsprojektes verstehen können
– eine revolutionär-demokratische Legitimität für
die künftigen Volksrepubliken bereitgestellt, die das
Hauptmodell der politischen Ordnung realsozialistischer
Staaten bis zu ihrem Zusammenbruch 1989 waren.
Dieselbe dichotomische Logik der Emanzipation wurde auch
von den antikolonialistischen Befreiungsbewegungen
verfolgt, deren ultimatives Ziel – wie es Frantz Fanon
in Die Verdammten
dieser Erde explizit ausgedrückt hat – es war,
die Autorität des kämpfenden Volkes zu etablieren.
Der
Antiautoritarismus – von den Studien
über Autorität und Familie bis zu den Neuen
Sozialen Bewegungen – geht eigentlich von der anderen
Dimension der Emanzipation, der des Grundes, aus. Der
dialektische Antagonismus zwischen freier Subjektivität
und sie unterdrückender autoritärer Herrschaft liegt
in der Struktur moderner Rationalität. Deshalb kann die
Emanzipation nie radikal werden. "The Great Refusal"
findet überall statt, in der Familie genauso wie in der
Fabrik, auf der Uni wie auf der Straße, gegen die
Kulturindustrie und gegen die Mainstream-Medien, lässt
sich aber nie auf einen grundlegenden politischen
Antagonismus zurückführen. Selbst in seiner
historischen Zuspitzung, die Marcuse unmittelbar nach
1968 in An Essay
on Liberation als outbreak
of mass surrealism beschrieben hat, bleibt der Kampf
gegen die Autorität in seiner Hauptform eine Art – höchstens
massenhafter – kultureller Subversion.
Das
Multitude-Konzept von Hardt und Negri kommt aus derselben
theoretischen und historischen Quelle. Es ist eine neue
Verkörperung der alten autonomistischen Strategie, die
ihr Ziel in der Befreiung von den bestehenden Strukturen
der Autorität hatte. Beim Versuch, diese Strategie während
seines Aufenthalts im italienischen Gefängnis zu retheoretisieren,
stößt Negri bekannterweise auf Spinozas Unterscheidung
von potentia
und potestas. Nach Spinoza ist die Macht des Gottes (potentia
im Sinne einer kreativen Kraft, kreativen Tätigkeit)
seine Essenz. Potestas
ist jedoch das, was in seiner Gewalt zu sein scheint
(Autorität, Befehlsgewalt, Souveränität). Potentia
ist für Negri die produktive Essenz der Multitude, und
sie ist der Souveränität, der Autorität übergeordnet.
Agamben, der diese These von Negri kommentiert,
übersetzt sie in den Unterschied zwischen der konstituierenden
Gewalt und der souveränen Macht. Er bemerkt jedoch,
dass Negri nirgendwo ein Kriterium dafür findet, die
beiden Konzepte voneinander zu unterscheiden.
Trotzdem
insistiert Negri auf der begrifflichen Unterscheidung
zwischen der konstituierenden und der konstituierten
Gewalt. Multitude lässt sich nie auf eine Form der
Autorität bzw. der konstituierten Ordnung reduzieren.
Man kann sie zwar als eine heterogene Masse verstehen,
aber nicht im Sinne jener heterogenen Massen der
antifaschistischen Volksfrontpolitik. Aus der Multitude
kann nie ein Volk, ein Demos werden. Sie kann nie eine
politische Gemeinschaft bilden, sondern diese immer nur
subvertieren.
Deshalb
können wir innerhalb der Multitude kein Gefühl
politischer Zugehörigkeit und uns verpflichtender
Solidarität mit den anderen "Mitgliedern"
entwickeln. Wir sind zwar dabei, aber in einer
vollkommen undurchsichtigen und unheimlichen Art und
Weise. Deshalb bleibt unser emanzipatorisches Engagement
in ihr nur ein opakes Dabeisein.
Der
Ausbruch des Faschismus und sein erster politischer
Sieg in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts
haben die einst einheitliche Großerzählung proletarischer
Emanzipation schicksalhaft entzweit. Auf der Seite ihrer
politischen Repräsentation, wo sie politische Gemeinschaften
und neue Ordnungen, wie z.B. die des real-existierenden
Sozialismus, gründete, wurde sie trotz ihrer politischen
Siegen immer älter, immer hässlicher und immer schwächer,
bis sie endlich verschieden ist. Auf der anderen Seite,
die der antiautoritären Subversion, gelang es ihr, nicht
nur alle ihre politischen Niederlagen, sondern auch
den Tod des Subjektes und des Grundes, zu überleben.
Hier, in der ständig expandierenden Sphäre der Kultur,
von der sie heute nicht mehr zu unterscheiden ist, blieb
die Emanzipation stark, schön und forever
young. Nur selten noch wirft sie den Blick auf ihr
altes politisches Porträt zurück. Noch seltener, als
es Dorian Gray mit seinem berühmten Bild getan hat.
|