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Die
Restrukturierung des innerstädtischen Raums nach Maßgabe
ökonomischer und administrativer Planung hat sich
bereits in den 70er Jahren als ein städtebauliches
Problemfeld mit weitreichenden soziokulturellen
Implikationen herausgestellt. Die strukturelle Veränderung
der Innenstädte vom Lebensraum hin zum Einkaufs- und
Erlebnisraum entwickelte zu dieser Zeit Dynamik, als
versucht wurde, mit der gebündelten Ansiedlung von
Einzelhandel und Gewerbe die wohlhabenderen Bevölkerungsschichten
aus der suburbanen Peripherie zumindest zeitweise zurück
in den Innenstadtbereich zu holen. Die damit angestoßene
Wandlung der Innenstadt zur unternehmerisch
konzeptionierten "City" bedingte neue Nutzungs-
und Aneignungsweisen des öffentlichen Raums. Nunmehr
soll die City das Profil einer gefahrenfreien urbanen
Erlebniswelt nach der Vorstellung des Einzelhandels und
seiner Kunden erfüllen (wie etwa Klaus Ronneberger im
1999 erschienenen Buch "Stadt als Beute" ausführt).
Es entstehen "korporative Kontrollsysteme",
die Fragen der sozialen Inklusion und Exklusion gemäß
privatwirtschaftlicher Interessen beurteilen. Die
Transformation des öffentlichen Raums in Kontrollraum
wird durch die kommunale Politik mitgetragen. Seit
einiger Zeit stärkt eine politische Rhetorik diese
Tendenz, die Fragen der sozialen Gerechtigkeit in Fragen
der inneren Sicherheit umformuliert.
Im Hamburger Wahlkampf
von 2001 wurde das angeblich irritierte "subjektive
Sicherheitsempfinden" politisch und medial in den
Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.
Das Bemühen sämtlicher Parteien, die "Ängste der
Menschen ernst zu nehmen", führte zur Diagnose
einer desolaten Sicherheitslage und hatte die Ablösung
des sozialdemokratischen/grünen Senats durch die Koalition
der konservativen CDU mit der bürgerlich-populistischen
Partei Rechtsstaalicher Offensive zur Folge. Der Vorsitzende
der PRO, Ronald B. Schill, treibt seit seinem Amtsantritt
als Innensenator kompromisslos den Ausschluss marginalisierter
gesellschaftlicher Gruppen aus dem Innenstadtraum voran
und geht gegen bestimmte Formen der kollektiven politischen
Artikulation mit einer Unverhältnismäßigkeit vor, die
in der gewaltsamen Auflösung einer Schülerdemonstration
gegen den Irak-Krieg Ende März einen vorläufigen Höhepunkt
erreichte. Die monatelang anhaltenden Proteste, die
sich an die Räumung des Bauwagenplatzes Bambule im
Herbst 2002 anschlossen, können als Indikator der Wut
über die Beschneidung von Grundrechten durch ein maßlos
überdimensioniertes Polizeiaufgebot gedeutet werden.
Der Fokus der Demonstrationen verschob sich nicht zuletzt
deshalb schnell von Vorbehalten gegenüber der rigorosen
Verdrängung alternativer Lebensformen aus dem Stadtzentrum
hin zum Protest gegen die paranoide Vehemenz der Ordnungspolitik.
Während der politische Artikulationsbedarf wuchs, verhängte
der Senat in der Vorweihnachtszeit ein Demonstrationsverbot
in den innerstädtischen Einkaufsbereichen.
Neben der an Sicherheitsdiskursen
orientierten Restrukturierung des öffentlichen Raums
treibt der Konkurrenzkampf um Wachstum und Prosperität
im Städtevergleich die Stadtplanungspolitik zu aufwändigen
Eingriffen in den bestehenden Stadtraum. Um einem diffusen
Begriff von "Attraktivität" für bestimmte
Zielgruppen (vorwiegend international agierende Investorengruppen
und globales Dienstleistungsgewerbe) näher zu kommen,
wird auf "weiche" Standortfaktoren gesetzt,
die repräsentative Zwecke erfüllen.
In Hamburg formulierte
Bürgermeister Klaus von Dohnanyi bereits 1983 das Leitbild
des "Unternehmen Hamburg", um Voraussetzungen
für die Ansiedlung "zukunftsträchtiger" Branchen
zu schaffen. Bereits hier wird explizit die Anpassung
der Wohn- und Freizeitsituation an den Geschmack der
"Schöpfer der neuen Industrie und Dienstleistungen"
gefordert. Dohnanyis Nachfolger Henning Voscherau stellte
1997 die HafenCity, eines der größten Stadtplanungsprojekte
Europas, vor. Auf einer Brachfläche im innenstadtnahen
Areal des Hamburger Freihafens soll aus der Symbiose
von Eventkultur, Dienstleistungsgewerbe, Lifestyle-Einzelhandel
und einer New Media Privatuniversität die Modell-Innenstadt
des 21. Jahrhunderts entstehen. Die HafenCity - sollte
sie nach dem Regierungswechsel, der Krise des Neuen
Markts und der gescheiterten Olympiabewerbung Hamburgs
noch in geplantem Umfang realisiert werden - wird das
bisherige Stadtzentrum um beinahe 50% erweitern.
Ausgehend von einer
Kritik am Begriff der Stadt als Repräsentationsraum
und der Dominanz der Bedürfnisse von Einzelhandel und
Gewerbe über die der Stadtbewohner entwickelte die Gruppe
Park Fiction eine alternative Form des widerständischen
Urbanismus, die einen qualitativen Bruch mit herkömmlichen
Politikmodellen darstellt. Seit 1994 agiert die Initiative
zur kollektiven Planung eines Parks im Stadtteil St.
Pauli an den Schnittstellen von Kunst, Politik und sozialer
Bewegung. Angelehnt an die Philosophie Henri Lefèbvres
deutet Park Fiction die Heterogenität der Städte und
ihren "schöpferischen Überschuss" als Quelle
der revolutionären Veränderung der Gesellschaft. Das
Planungskonzept der "kollektiven Wunschproduktion"
(Czenki/Schäfer) gesteht dem Bereich des Privaten und
des Alltäglichen eine zentrale Stellung zu. Über die
Ablehnung institutioneller Stadtplanung hinaus betont
Park Fiction die Potenzialität selbstbestimmter und
subjektiver Entwürfe einer urbanen Gesellschaft.
Die Definitions-
und Handlungsmacht über den städtischen Raum nicht allein
der Stadtverwaltung zu überlassen, ist das Thema einer
ganzen Reihe künstlerisch-politischer Gruppierungen
in Hamburg. Im Sinne von "konstituierenden Praxen"
(Czenki/ Schäfer) ist ihnen gemein, nicht in der Negativität
des oppositionellen Protests zu verharren, sondern aus
der Verbindung von Kunst und Politik nachhaltig alternative
Realitäten und Definitionen von Stadt zu entwerfen.
Von der realen Wiederaneignung städtischen Raums durch
Gruppen wie Ligna und Schwabinggrad Ballett über die
Kritik der dominanten Systeme von Wirklichkeitsbeschreibung
durch Blinde Passagiere bis zur Etablierung selbstbestimmter,
kollektiver Planungsprozesse bei Park Fiction reichen
die Beispiele einer kritischen und in ihren Formen experimentellen
urbanistischen Praxis in Hamburg.
Ligna, ein Hamburger
Radiokollektiv, verfolgt seit 1996 mit seinen Musiksendungen
auf dem freien Radiosender FSK (Freies Sender Kombinat)
ein partizipatives Radiokonzept. Seit dem letzten Jahr
erweitern Ligna den kollektiven Rahmen ihrer Arbeit
auf Interventionen in öffentliche oder teilöffentliche
Räume wie Hauptbahnhof und Innenstadt, um die dort vorherrschenden
"korporativen Kontrollsysteme" zu hinterfragen.
Ligna subvertieren mit diesen Interventionen die in
diesen Räumen vorherrschenden Ausschlussmechanismen,
indem Strategien zur Anwendung kommen, die im jeweiligen
Normalisierungskontext als erlaubt gelten. So ist, wie
im Beispiel der "Radiodemo", die organisierte
Zerstreuung einer Menge von Menschen in der Innenstadt
formal keine "Versammlung", der mit dem temporären
Demonstrationsverbot begegnet werden könnte.
Ähnlich wie Ligna
wählt das Schwabinggrad Ballett für seine Auftritte
im öffentlichen Raum Formen, die bestehende Grenzen
und Verbote zu akzeptieren vorgeben. Die performative
Darstellung - Verkleidung, Instrumente, Musik, Gesang
- wird, mit politischem Inhalt gefüllt, als "trojanisches
Pferd" eingesetzt, um zeitweilig den eingespielten
Umgang mit politischer Artikulation auszuhebeln. Die
in Umgehung des innerstädtischen Demonstrationsverbots
durchgeführte Parade für den deutschen Einzelhandel
beispielsweise konnte sich auf die gesetzlichen Regelungen
für Straßenmusik berufen und unbehelligt fast eine Stunde
lang mit politischen Slogans bedruckte "20-Euroscheine"
verteilen. Diese Erweiterung des klassischen Formenrepertoires
der politischen Artikulation ist ein Mittel zur nicht-konfrontativen
Ansprache der Hamburger Öffentlichkeit, die im letzten
Halbjahr in Zusammenhang mit den Bambule-Protesten fast
ausschließlich von (Polizei-)Gewalt dominierte Bilder
der politischen Auseinandersetzung vermittelt bekam.
Mit der Ausformung
der Stadt als Kontrollraum in einem sehr spezifischen
Hamburger Kontext befasst sich die Gruppe Blinde Passagiere.
Auf nächtlichen Hafenrundfahrten wird die öffentlich
kaum wahrgenommene Problematik des behördlichen Umgangs
mit illegalen Einwanderern, die über den Seeweg nach
Hamburg gelangen, vor Ort thematisiert. Über diese Informationsstrategie
hinaus haben die Aktivisten der Gruppe mit der Besetzung
von Frachtern blinden Passagieren die Möglichkeit erkämpft,
an Land zu gehen - die Vorbedingung für den Antrag auf
Asyl. Die Planungen für die HafenCity haben bereits
jetzt einen entscheidenden Einfluss auf die Fluchtbedingungen
der Immigranten, indem die Wege zwischen Schiffsanlegern
und Hafenpolizeigebäuden verkürzt werden. Die Blinden
Passagiere intervenieren in Wirklichkeiten, die Behörden
und Polizei zu verschleiern suchen.
Auch explorative
Strategien - wie das Projekt "Biologische Forschungsstation
Alster" der Galerie für Landschaftskunst in Zusammenarbeit
mit dem Künstler Mark Dion - sind darauf ausgelegt,
das urbane Gefüge jenseits der gängigen Nutzung zu vermitteln.
Die auf einem Boot installierte Forschungsstation legte
an zwei exemplarischen Orten des Alsterufers in der
Hamburger Innenstadt an, um vor Ort verschiedene Funktionen
des Alsterlaufs zu erkunden und das Verständnis von
Natur in der Stadt zu diskutieren. Als Labor eingerichtet,
ermöglichte die Forschungsstation diversen Nutzergruppen
die subjektive Aneignung des Stadtraums mittels künstlerischer,
wissenschaftlicher und ökologischer Techniken.
Ein umfassendes Experiment
des globalen Austauschs von lokalem Wissen unternimmt
in Kürze der Kongress Park Fiction presents: Unlikely
Encounters (in Urban Space), initiiert von der Gruppe
Park Fiction und situiert am Ort der Entstehung des
Projekts, in St. Pauli. Der Kongress wird durch das
weit verzweigte Netzwerk von KünstlerInnen, MusikerInnen,
sozialen und politischen Gruppierungen getragen, welches
bereits seit Jahren Teil der kollektiven Planungsprozesse
im Stadtteil ist. In den besetzten Häusern der Hafenstraße,
dem Buttclub, der St. Pauli Kirche, dem Golden Pudel
Klub, dem GWA Stadtteilkulturzentrum, der Schule und
der Roten Flora wird daher ein großer Teil des Kongressprogramms
stattfinden.
Die "unwahrscheinliche
Begegnung" der lokalen Stadtteilkultur mit der
internationalen Besetzung des Kongresses möglich zu
machen, ist erklärtes Ziel von Unlikely Encounters.
Neben den oben genannten Hamburger Gruppen sind internationale
Kollektive eingeladen, deren dezidiert raumaneignende
Arbeit als "konstituierende Praxis" verstanden
werden kann. In den jeweiligen Herkunftsländern entwickeln
sie unter (teilweise extremen) Repressionsbedingungen
neue Formen der politischen Organisation und setzen
diese mit interdisziplinären Mitteln um.
Sarai aus Delhi/Indien
betreiben neben der Ausformulierung ihres urbanistischen
Theorieansatzes "Urban Studies" an den Rändern
der unkontrolliert wachsenden Metropole Medien- und
Versuchslabore, die die BewohnerInnen in der Aneignung
des durch Abriss bedrohten Territoriums unterstützen.
VertreterInnen aus Maclovio Rojas bei Tijuana/ Mexiko
stellen auf dem Kongress ihre Kommune vor, eine selbstorganisierte
Stadt, die sich mit Hilfe einer cleveren Vernetzungspolitik
mit AktivistInnen und Kunstprojekten gegen den starken
Druck der Regierung als autonome Organisationsform behauptet.
Ala Plastica aus La Plata/Argentinien arbeiten an der
Verbindung ökologischer, sozialer und künstlerischer
Verfahren zur Rekonstruktion des öffentlichen Raums
in La Plata und zur Intervention in bedrohte Ökosysteme
der Region. Cantieri Isola & office for urban transformation
aus Mailand/Italien entwickeln ausgehend von einer interdisziplinären
Aktionsbasis eine künstlerische Praxis gegen die Zerstörung
des Viertels Isola durch ein städtisches Großbauprojekt.
Angesichts der extrem
verschiedenen politischen Ausgangsbedingungen erscheint
es als eine Grundfrage des Kongresses, wie die spezifischen
Praxen trotz der Differenzen zusammenzudenken sind,
ohne in unangemessene Relativierung zu verfallen. Beispielsweise
kann die konkrete Bedrohung in Maclovio Rojas durch
Vertreibung, Verfolgung und Gefängnis keinesfalls mit
der politischen Lage in Hamburg auf einer konkreten
Ebene parallelisiert werden. Daher ist die in Unlikely
Encounters angelegte strukturelle Einbettung der lokalen
Ansätze in eine Kritik der globalen Verhältnisse eine
Voraussetzung, um in einen produktiven Austausch zu
treten. Wenn es gelingt, die Zielscheiben der Hamburger
Praxis als Symptome eines Systems zu bestimmen, das
in einer sich globalisierenden Gesellschaftsform wurzelt,
so sind möglicherweise auch die Widerstände gegen diese
Symptome in einem globalen Bezugsrahmen zu verorten.
Die Reflexion der
jeweiligen Methoden und Betrachtungen des Urbanen vor
dem Hintergrund eines zu erarbeitenden globalen Horizontes
verspricht fruchtbare Impulse für die eigene Praxis.
Darüber hinaus hat die internationale Vernetzung nicht
zu unterschätzende pragmatische Funktionen. Die Strategie,
über internationale Aufmerksamkeit konkreten Schutz
für die eigene Arbeit zu schaffen, setzen einige der
geladenen Gruppen bereits erfolgreich ein. Es ist jedoch
auch für die Hamburger Gruppen und das gastgebende
Projekt von großer Bedeutung, mit einer überregionalen
Öffentlichkeit mobilisierende Momente für den Stadtteil
zu erwirken. Die den Kongress umrahmende Ausstellung
der Documenta11-Installation von Park Fiction holt bereits
die internationale Rezeption im Kunstdiskurs nach St.
Pauli, der Kongress selbst wird durch den Methodenaustausch
eine dezidiert politische Dimension hinzufügen. Die
Auswahl der internationalen Gruppen schließlich konkretisiert
die "Realisierungsandrohung", die von Park
Fiction ausgeht, auf eine Weise, die hiesiger Stadtpolitik
klar machen wird, dass mit der Fertigstellung des Parks
die "Fiction" noch lange nicht erfüllt ist.
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