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Das grundlegende
Problem mit dem Anti-Amerikanismus, der heute so beliebt
ist, ist, dass er nicht nur die US-Außenpolitik zum
Ziel hat, sondern auch das "alte Europa"
idealisiert. Und jeder meta-ideologische Konflikt
verschiebt innere soziale Konflikte. Der Feind ist
niemals "da draußen". "Wir" sind
der Feind. Empire bedeutet nicht, dass die CIA oder Bush
junior die Welt beherrschen; wenn man sagt, dass das
Lokale das Globale reflektiert, impliziert das auch,
dass der Machtapparat auf ähnliche Weise funktioniert.
Obwohl es unmöglich ist, die Unterdrückung, welche mit
Macht in einem bestimmten sozio-politischen Apparat
assoziiert ist, zu lokalisieren, da sie in einem
komplexen Netzwerk sozialer Kontrolle verstreut ist,
dominieren gewisse Aspekte. Da ich vor einigen Wochen in
Belgrad war, könnten einige Geschichten erhellend sein.
Ich war zunächst
schockiert, in den Hauptnachrichten des angeblich progressiven
TV-Senders B92 zu erfahren, dass am selben Tag Jesus
Christus auferstanden war. Danach erklärte der Patriarch
in seiner Ansprache, dass trotz einiger (böser) Menschen,
die die Kirche reformieren möchten, wir genau so weitermachen
würden, als habe sich seit zweitausend Jahren nichts
geändert (ich nehme an, insbesondere was bürgerliche
Freiheiten betrifft). Die nächste Nachricht war der
klerikale Hardliner Amfilohije, der die Montenegrinischen
Autoritäten mit Pilatus verglich. Belgrads Bürgermeister
Radmila Hrustanovic erklärte dann Waisen die Bedeutung
von Ostern, und die königliche Familie hatte eine weitere
Gelegenheit, um ihre fromme Großzügigkeit unter Beweis
zu stellen, indem sie Spielzeug verschenkte. Es ist
jenseits der Dummheit, zu denken, dass religiöser Fundamentalismus
ein islamisches Phänomen sei. Wie wir weltweit gesehen
haben (vor allem nach dem 11.9.), ist die Allianz zwischen
dem Großkapital und Fundamentalisten der allgemeine
Trend.
Der Krieg in Irak
fand im Grunde nie statt. Es war eher eine hygienische
Operation, die dem Fernsehpublikum vom Militärexperten
Miroslav Lazanjski erklärt wurde, der in früheren Jahren
berühmt wurde, indem er die Serben überzeugte, dass
die Nato-Aggressoren keinesfalls siegen konnten, weil
unsere Armee hoch motiviert, gerecht und unbesiegbar
sei. Wenig erstaunlicherweise ist er wieder auf Linie
mit der offiziellen Position – nämlich der, in Bush
verliebt zu sein, und dessen noble Mission der Demokratisierung
des Mittleren Ostens anzuerkennen. Als er nach dem Gerücht
gefragt wurde, dass amerikanische Soldaten nur eine
Mahlzeit pro Tag bekommen, meinte er affektiert: "Aber
Sie verstehen nicht, das sind amerikanische Mahlzeiten!".
Andere internationale
Nachrichten waren mehr als bizarr: eine Busentführung
in Bremen, oder die SARS Epidemie in China. Mit dem
Bewusstsein, dass die Struktur des Staates essenziell
ist, damit der Kapitalismus den Mehrwert realisieren
kann – sonst wäre der Kapitalismus niemals liberal,
sondern Staatskapitalismus – wird es klarer, warum der
Informationsfluss eingedämmt werden muss und unsere
Probleme immer als zu gross oder nur der Einbildung
zugänglich dargestellt werden. In diesem Moment kam
es ganz gelegen, dass Premierminister Djindjic ermordet
wurde. Abgesehen von der tragischen Dimension, die darin
lag, gab es eine Menge Dinge, die ich extrem lustig
fand.
Zunächst war es eine
ausgezeichnete Gelegenheit, Biographien zu modifizieren.
In der neoliberalen Hysterie erinnerten sich manche
an Djindjic als jenen Typen, der schon als Student nicht
nur bewiesen hatte, dass Marx nicht der Größte war,
sondern sogar auch, dass er nicht mal wichtig war. Sogar
der alte Habermas wurde aus dem Schrank geholt, um zu
erklären, wie sie lange und fruchtbare Diskussionen
in Korcula geführt hatten. Leider hatte die Korcula-Schule
schon aufgehört zu existieren, noch
bevor Djindjic angefangen hatte zu studieren.
Als Student insistierte er darauf, Marxismus als ein
eigenes Fach zu belegen (während die Philosophische
Fakultät dies vermied, indem sie behauptete, dass die
Gegenwartstheorie ausreichend sei). Er schloss mit einer
Dissertation über die marxistische Renaissance bei Karl
Korsch ab, dessen Hauptargument hier wiedergegeben sei:
"Der Weg der Revolution ist lang und hart, der
Weg der Konterrevolution ist kurz und einfach und endet
mit einer Kugel im Kopf" – wenn jemand zynisch
sein wollte, lag er fast richtig: die Kugel verfehlte
knapp seinen Kopf.
Durch die Verhängung
des Kriegsrechts (ein Verfahren, das sonst in der Verfassung
nicht erwähnt wird, aber legale Dokumente sind immer
politischer Interpretation unterworfen – wer auch immer
glaubte, dass das Gesetz jenseits der Politik steht,
erlebte eine endgültige Realitätsprüfung anlässlich
des Wahlbetrugs in den USA) hatte die Regierung unbeschränkte
Macht, wen auch immer sie wollte bis zu 60 Tagen ohne
Prozess, ohne Anwalt, zu verhaften und festzuhalten.
Wenn am 5. Oktober wütende Massen beschlossen hätten,
die Häuser der Mafia/Businessmänner/Milosevics politscher
Elite zu konfiszieren oder niederzubrennen, hätte ich
kein großes Problem damit gehabt. Dennoch ist ein Staat,
der ein Revolutionstribunal betreibt, etwas vollständig
anderes – das Wort Faschismus kommt einem in den Sinn.
Unter anderen, die
verhaftet wurden, war auch ein Freund von mir – einer
der wenigen anarcho-syndikalistischen Aktivisten in
Belgrad. Er beleidigte persönlich den Minister für Arbeit
und soziale Angelegenheiten Milovanovic (der zur selben
Zeit der Vorsitzende einer der zwei regierungsnahen
Gewerkschaften ist), indem er "radikale" Zeitungen
vor "seiner" Fabrik verteilte. Der unmittelbare
Grund für die Verhaftung war die Verbreitung eines öffentlichen
Statements, das besagte, dass die Organisation ihre
Aktivitäten trotz des Kriegsrechts fortsetzen würde.
Die Tatsache, dass dies nicht nur völlig legal war,
sondern darüber hinaus auch nichts mit der Ermordung
des Premierministers zu tun hatte, änderte daran nicht
viel. In der Zwischenzeit gründete Milovanovic eine
Arbeitspartei. Der Name klingt absolut lächerlich, wenn
man weiß, dass das Wort "rad" zwar im Serbokroatischen
existiert, mit der logischen Ableitung "Radnichka
Partija" (Arbeiter Partei), aber gute Kontakte
mit Blairisten hier gewiss wichtiger sind, als Worte
zu verwenden, die Arbeiter verstehen könnten. Sie sind
sowieso nicht das privilegierte (revolutionäre) Subjekt.
Die rote Farbe kam auch nicht in Frage, nicht einmal
in Angelegenheiten der Dekoration. Als
Milovanovic über Pläne fuer den Ersten Mai befragt
wurde, antwortete er gelassen, dass er von "kommunistischen
Feiertagen" nichts halte.
Der Mord belebte
schließlich den Persönlichkeitskult bis zu einem Punkt,
an dem vergessen wurde, dass Djindjic nicht Tito war.
Das erklärt vermutlich die Tatsache, dass inmitten des
ganzen Kirchen-Kitsches und der militärischen Bataillons
aus Versehen der "Lenin Marsch" gespielt wurde,
als der Sarg herabgelassen wurde. Es gab nicht viele
Leute, die dies bemerkten – als neureligiöse und angeblich
überzeugte Antikommunisten konnten sie schließlich nicht
wissen, dass diese Melodie ausschließlich ein Bestandteil
kommunistsicher Begräbnisrituale war.
Die Hauptstraße (einst
Marschall Titostraße genannt, dann Serbische Herrscher
und jetzt König Aleksandar) wird jetzt renoviert. Gerüchte
besagen, dass nicht nur die "Bau"firma, die
ohne öffentliche Ausschreibung beauftragt wurde, um
die Arbeiten durchzuführen, Mafia/Geschäftsleuten gehört,
sondern dass sie nicht einmal Machinen besaßen, bevor
der letzte Premierminister das Geld der Steuerzahler
in ihre Anschaffung investierte. Obwohl es Dutzende
anderer Straßen gibt, die dringend der Renovierung bedürften,
ist die Hauptstraße von besonderer Bedeutung, weil ausländische
Diplomaten nicht weitergehen würden und ein gutes Image
die höchste Priorität des "nationalen Interesses"
darstellt. Das hilft, der Nato näher zu kommen, und
dann werden die Sanktionen auf den Import von Waffen
aufgehoben und Serbien kann mit schönen und hypermodernen
Waffen spielen. Warum zum Beispiel nicht noch einmal
Kosovo und Bosnien von Zivilisten "befreien"?
Die rechtsstaatliche "Demokratie" und "Öffentlichkeit"
erweisen sich als inkompatibel, weil kein Unterschied
zwischen Kriminellen und dem Finanzsystem existiert.
Wie überall sonst
auf dem Balkan oder in Osteuropa, sind die ersten ausländischen
Investitionen üblicherweise die schmutzigsten. Dennoch
lässt die Tatsache, endlich Kreditkarten zu besitzen,
jegliche Beschäftigung mit den Finanzskandalen der letzten
Jahre sowohl der Raiffeisenbank als auch der Societé
Génerale völlig unangemessen erscheinen. Plakatwände
mit identischen Ballantines Werbungen in authentischen
Nationalsprachen in ganz Jugoslawien erweisen definitiv
die Absurdität von Souveränitätsansprüchen und die Notwendigkeit
präziser territorialer Demarkationen, die als Rechtfertigungen
für Kriege verwendet wurden. Mindestens drei Viertel
der Bevölkerung könen sich gewiss keinen Whisky leisten,
aber das schließt sie nicht aus der Zielgruppe des Marketings
aus. "Geh spielen!" (in der Bedeutung: Geh
dich amüsieren) kann hier metaphorisch verstanden werden.
Es ist es wert, zumindest
im Vorübergehen zu bemerken, dass eine der ersten Aktivitäten
von Djindjic ein Besuch bei Bill Gates war. Offensichtlich
ist Respekt für Copyrights essenziell wichtig dafür,
ein Teil der "anständigen" Welt zu sein. Man
kann von Diplomaten nicht mehr erwarten, auf dem Recht
für Information für alle zu insistieren. Die Tatsache,
dass die Serben genauso nationalistisch sind, wie vor
10 Jahren, oder dass die neue politische Elite ebenso
enthusiastisch für den Krieg war, wie Milosevic, sollte
auf keinen Fall das "demokratische" Paradies
stören. Die Tatsache, dass Faschismus die Leute anmacht,
ändert sich nicht durch die "freien Medien",
und die Bedeutung der Aufklärung bleibt so zweifelhaft
wie immer. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird
endgültig total umgeschrieben. Das Kleinbürgertum kehrt
in seinen alten Positionen zurück, und alle Spuren des
sozialistischen Erbes werden abgeschafft. Die Privatisierung
ist unhinterfragbar und brutal. Politik wird auf eine
Angelegenheit der Kultur reduziert – nämlich den Konflikt
der zivilisierten Belgrader gegen den asiatischen Primitivismus/Barbarismus.
Die "Sei sauber" Kampagne (die die Bedeutung
des Gebrauchs von Seife wiederentdeckt und gegen Abfall
in den Straßen wirbt) und der Exorzismus des Turbofolk
kriminalisieren darüberhinaus die Armut.
Die Arbeit wird für
eine Masse von Menschen unabhängig ihres Klassenstatus
immer prekärer, und auch das Leben selbst wird es für
die Armen. Einige Tage vor dem Ersten Mai erwähnte Branislav
Canak, der Vorsitzende der anderen großen Gewerkschaft,
dass die Arbeiter nicht zufrieden seien, und dass die
Regierung sich somit auf die Gewerkschaften verlassen
sollte, um die sozialen Spannungen und mögliche Unruhen
zu absorbieren. Auch wenn man die Macht der sozialen
Manipulation durch die Gewerkschaften nicht unterschätzt,
ebenso wie die intuitive Identifikation mit dem Klassenbegriff
und der nationalen Homogenisierung rund um Milosevics
Gerichtsverhandlung, scheint es dennoch, dass das soziale
Gefälle größer wird und sich in Richtung des argentinischen
Szenarios bewegt. Aber jede Krise ist ein offener Raum
für Subversion. Ebenso wie woanders werden Institutionen,
die die Disziplinargesellschaft konstituierten (Fabrik,
Produktivität, Eigentum) von Dienstleistungen, Marketing
und Tausch überlagert. Außer dem Bankgeschäft ist die
einzige blühende Arbeitsform der professionelle NGO-Aktivismus.
Verschiedene Trainingskurse und Training für diese Trainingskurse
vermehren sich, mit einem perversen Grad an politischer
Korrektheit und Präzision in ihrer Namensgebung. Einige
davon konzentrieren sich auf Gewalt in der Familie und
die Selbstermächtigung von Frauen. Ich will nicht behaupten,
dass diese Themen nicht wichtig seien; das Problem ist
eher, dass das zugrundeliegende strukturelle Problem
aus Arbeitslosigkeit, prekären Lebensbedingungen und
Armut unhinterfragt bleibt.
Lokale Veränderungen
bedürfen keiner ganzheitlichen Revolution und die Forderungen
politisch organisierter Gruppen können zu systemischen
Modifikationen führen, aber der Kapitalismus hat ein
ungeheures Potential für Aneignung, und schließt Marker
der Klasse, des Geschlechts usw. in die Konsumkultur
ein. Jedoch bedeutet ein/e funktionierende/r Kapitalismus/Konsumgesellschaft
nicht, dass sie unveränderlich sind: Eine Umkehrung
ist natürlich möglich oder auch eine Erfindung statt
der Nachahmung – es geht darum, zu experimentieren,
ohne über vorgegebenes Wissen zu verfügen.
Weiterhin finde ich
es sehr beängstigend, wenn die große Mehrheit der Zivilgesellschaft
der Polizei unglaublich bereitwillig ihre Unterstützung
bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens anbot.
Nicht nur, weil es Skandale bezüglich des Vorgehens
gab, und sogar Kriminelle bestimmte Rechte haben, trotz
aller populären Ressentiments - wichtiger ist, dass
zu leicht vergessen wurde, dass dieselbe Polizei ein
Teil des organisierten Verbrechens war/ist und direkt
für mehrere Genozide in den Neunzigern verantwortlich.
Obwohl mehr als offensichtlich ist, dass der Staat ebenfalls
als solcher kriminell ist, entscheidet nur die Macht
darüber, wer der Kriminelle /Terrorist ist. Oder allgemeiner:
vom Staat die Befreiung zu verlangen ist ebenso naiv,
wie bessere Polizisten zu verlangen.
Wenn wir von Intellektuellen
sprechen, scheinen öffentliche Aktivitäten out zu sein
– solange die bequeme Postion des Dozenten nicht von
einem "Diktator" bedroht wird (man könnte
behaupten, dass Milosevic niemals ein Diktator war,
sondern enorme Unterstützung des Volkes genoss, insbesondere
von der nationalistischen Opposition und den Intellektuellen),
kann man damit fortfahren, sich über Fragen der Kultur
zu unterhalten. Wenig erstaunlicherweise haben die politischen
Entwicklungen ihre Pendants in der akademischen Community.
Nicht eine einzige Person in der Philosophischen Fakultät
in Belgrad beschäftigt sich mit kontinentaler Theorie,
um gar nicht erst von Poststrukturalismus zu sprechen.
Die, die das taten, wurden zum Gehen gezwungen – und
das von Kollegen, nicht von Milosevic. Die Macht ist
viel komplexer. Die Konservativen lehren immer noch
Phänomenologie, während die vorherrschenden Liberalen
auf der analytischen Philosophie bestehen. Bildung ist
nicht mehr gratis und für alle offen (nicht mal im Prinzip),
sondern wird eher ein zusätzliches Privileg für diejenigen,
die es sich leisten können. Alles, was auch nur entfernt
an Kommunismus erinnert (gleiche Chancen zum Beispiel),
ist peinlich, und viele verstehen sich als progressive
Linke, indem sie die liberale Regierung als das geringere
Übel gegen den Fundamentalismus unterstützen. Dass diese
beiden Phänomene unentwirrbar miteinander verknüpft
sind, wird nicht bemerkt. Während ich früher dachte,
dass das Land geringe Chancen hatte, solange die Oppostion
zu Milosevic existierte, bin ich jetzt sicher, dass
das selbe auch für seine Zivilgesellschaft gilt. Wenn
an einem gewissen Punkt einige in Erwägung zogen, den
"Diktator" loszuwerden, um so die einzig mögliche
Vorbedingung zu schaffen, um die Ungerechtigkeit zu
überwinden, ist in der Zwischenzeit klar geworden, dass
jeder Versuch einer endgültigen Lösung eine politische
Leere produziert; die "Gerechtigkeit" zu realisieren
wäre gleichbedeutend mit dem Tod. Alle "Revolutionen"
werden verraten, oder totgeboren, aber müssen trotzdem
wiederholt werden.
Anstatt den Mangel
an Repräsentationalismus zu bedauern, die Beratung der
Massen oder den Unterdrückten eine Stimme zu geben,
scheint es, dass nur das Verschwinden von Talking heads
die von öffentlicher Aufmerksamkeit abhängig oder nach
ihr süchtig sind, Politik ermöglicht. Niemand ist für
niemand anders mehr verantwortlich und die "Multitude"
braucht die üblichen Verdächtigen nicht mehr. Ein geteiltes
Gefühl einer unerträglichen Auflösung durchzieht das
soziale Feld (inklusive der Individuen in Parteien,
NGOs, Gewerkschaften,... und anderen unperfekten aber
realen Agenten). Der Kapitalismus überschreitet permanent
seine Limitierungen, verschiebt die Grenzen, öffnet
aber auch revolutionäre Fluchtlinien. Es gibt keine
Notwendigkeit für Furcht oder Hoffnung – man muss nur
nach neuen Waffen Ausschau halten. Es geht nicht um
Anpassung, Vereinheitlichung oder Totalisierung, sondern
darum, Begehren in einem gemeinsamen Oszillationsfeld
zu verbinden. Nur die Liberalen heulen noch immer: "Warum
können wir nicht alle zusammenarbeiten?".
Der Antifaschismus
war immer unpopulär, die Räume des Politischen sind
selten und überschreiten die Norm. Dennoch gibt es Momente
befreiten Begehrens und der Freude daran, den Mechanismus
zu stören, bewusst minoritär und niemals eine Mehrheit
sein wollend. Um Deleuze/Guattari zu zitieren: "Ein
Verräter seines eigenen Geschlechts, seiner Klasse,
der Mehrheit zu sein – welchen anderen Grund zu schreiben,
könnte es geben." Die direkte Aktion und D.I.Y
sind für jeden verfügbar. Das Versagen jeglicher politischen
Agenda, die auf totale Emanzipation abzielt, verwandelt
lokalisierte Strategien und wechselnde Allianzen in
eine praktische Notwendigkeit. Dies betrifft nicht nur
den Widerstand, sondern bedeutet auch die Schöpfung
von etwas Neuem. Und wir wissen, dass Arbeit immer zum
Kotzen ist, während die Erfindung neuer Möglichkeiten
extrem lustvoll ist.
Es klingt dumm, sich
auf die biologische Tatsache zu verlassen, dass die
Generationen wechseln. Dennoch verändern mit der erwähnten
Fähigkeit des Systems zur Aneignung neue Marginalisierungen
in den gegebenen Machtstrukturen auch die politische
Landschaft. Und unzufriedene junge Leute können nicht
für immer ignoriert werden. Trotz erfolgreichster Befriedungen,
erweisen sich einige Investitionen des Kapitals als
riskant. Unerwartete Arten des Schreibens oder des sozialen
Umgangs sind manchmal wesentlich verstörender als eine
revolutionäre Haltung, die in traditioneller akademischer
Form ausgedrückt wird. Die "Revolution" ereignet
sich in allen gelebten Fluchten aus disziplinären und
normativen Institutionen – oder auch Selbsterfindungen
aus dem Nichts. Man könnte schwerlich irgendwas Neues
schreiben, aber etwas verschieden zu wiederholen konstituiert
immer noch eine politische Aktion. Und es ist offensichtlich,
dass eine solche Aktion kein transzendentales Subjekt
als Legitimation braucht.
Übersetzung: Hito
Steyerl
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