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Wenn wir die Frage der sogenannten hybrid resistance
diskutieren, erweisen wir uns an erster Stelle als ganz
normale Kinder unserer (postmodernen) Zeit. Was sonst
könnten wir denn tun als linke Intellektuelle,
die sich schon aus bloß beruflichen Gründen
ohnehin im breiten Grenzgebiet zwischen Kunst/Kultur
und Politik aufhalten? Eine Partei gründen? Ein
kohärentes Ideologiesystem ausarbeiten und die
Anweisungen zu seiner praktisch-politischen Anwendung
befolgen? Oder uns einfach den politischen und ideologischen
Kräften der real existierenden parlamentarischen
Demokratie anschließen und im jeweiligen Nationalstaat
um die Macht kämpfen?
In Bezug auf das Letztere sind wir zu links, in Bezug
auf das Übrige zu postmodern. Das heißt,
wir können das Bestehende, wie es ist, nicht einfach
akzeptieren. Diese existierende Realität können
wir gar nicht wahrnehmen, ohne sie gleichsam verändern
zu wollen. Das nämlich bedeutet noch immer,
politisch links zu stehen. Doch diese praktisch zu verändernde
Welt lässt sich nirgendwo mehr als eine in sich
geschlossene gesellschaftliche Totalität begreifen.
Und noch weniger kann sich unser Wille auf eine kohärente
Subjektivität stützen. Noch schlimmer: es
gibt sogar kein "wir" mehr. Es zerfiel schon
längst in eine Fülle fragmentierter sozialer
Identitäten, die keine ideologische Anrufung und
keine kollektive Aktion zu einem einheitlichen Subjekt
der Weltveränderung machen könnte. Selbst
ein gemeinsamer Feind hilft hier nicht mehr. Die (klassisch
modernistischen) Zeiten der binären Logik sind
vorbei. Kein "wir" lässt sich aus der
Opposition zu "ihnen" konstituieren, kein
Selbst dem Anderen und kein Innen dem Außen gegenüber.
Die sozialen Konflikte und politischen Kämpfe von
heute kennen keinen tragenden Antagonismus mehr, auf
den man alle anderen sozialen Konflikte zurückführen
könnte. Schließlich ist ihr Schauplatz auch
noch unbestimmbar geworden. Niemand kann den Raum des
Politischen von der einst autonomen Sphäre der
Kultur trennen, noch die beiden Sphären und das
Gebiet der Ökonomie auseinanderhalten.
Das alles bedeutet "dans la condition postmoderne"
zu leben. Und diese Umstände beschreibt der Begriff
der Hybridität ganz treffend. Unsere aktuelle historische
Erfahrung kommt kaum noch ohne ihn aus und muss es auch
nicht. Sein deskriptiver Wert ist heute unbestreitbar.
Oder könnte es etwa eine Vorstellung davon geben,
auf den alten Glauben an originäre, homogene Identitäten,
den Essenzialismus sozialer Subjekte zurückzugreifen?
Das scheint einfach unwahrscheinlich und unnötig.
Besonders die so genannte postkoloniale Situation scheint
sich mit dem Begriff der Hybridität gut arrangiert
zu haben. Die Welt der postkolonialen Migration, der
von ihrer kulturellen Ursprüngen überall zerstreuten
Diasporas, wie auch die durch die Kolonisation gründlich
geänderte Kultur ihrer Herkunftsländer, sind
in der Zeit der radikalen Globalisierung tatsächlich
eine Welt der Vermischung und Dislozierung, der Mimikry
und Ambivalenz, der gebrochenen Identitäten, kurzum
eine Welt der kulturellen Hybridisierung par excellence
geworden. Das aber, woran uns liegt, ist nicht eine
richtige Beschreibung dieser Welt, sondern ihre
Veränderung. Was die Idee der Hybridisierung
genau in dieser Hinsicht leisten kann, was ihr politisches
bzw. emanzipatorisches Potenzial ist, das ist unsere
eigentliche Frage.
Hybridität kann erstens als ein Faktor gesellschaftlicher
Harmonisierung verstanden werden. Dort wo kulturelle,
rassische und ethnische Differenzen drohen, die Gesellschaft
in einen chaotischen Zustand endloser Konflikte zu stürzen,
verspricht Hybridisierung eine Stärkung sozialer
Kohäsion. Durch eine Art Synthese bzw. Fusion dieser
Unterschiede hofft man, sie sozusagen zu domestizieren,
das heißt erträglicher zu machen und auf
diese Weise in das gesellschaftliche Ganze zu amalgamieren.
Im politisch-ideologischen Sinne entspricht diese Vision
dem, was einige Autoren "liberaler Hybridismus"
nennen. [1]
Ganz anders wird in den postkolonialen Kulturtheorien
mit dem Konzept der Hybridität verfahren. Hier
wird der Prozess der kulturellen Hybridisierung zwar
genauso positiv wie im liberalen Hybridismus bewertet,
doch aus den entgegengesetzten Gründen. Die postkolonialen
Theoretiker [2] sehen
in der Hybridität keinen Faktor gesellschaftlicher
Harmonie, sondern vielmehr eine Kraft der (emanzipatorischen)
Subversion. Statt für happy fusion der Differenzen
zu sorgen, hindert Hybridisierung jede Identität
an ihrem Versuch, sich essenzialistisch zu konstituieren
und als ein widerspuchsfreies Ganzes zu etablieren.
So wird den Differenzen in der postkolonialen Kulturkritik
ihre, von den Liberalen vollkommen vernachlässigte,
gesellschaftskritische Bedeutung wiedergegeben. Die
Hybridität hat hier eine ganz eindeutige kritisch
politische Konnotation.
Der antiessenzialistische Ansatz, die Betonung der
notwendigen Unvollständigkeit und des antagonistischen
Charakters einer jeden Identitätsbildung legen
nicht nur die theoretische Verankerung der Postcolonial
Studies im Poststrukturalismus offen, sondern bekunden
auch ihre politische Affinität, ihre Nähe
zu linken postmarxistischen und neogramscianischen Theorien,
welche das eigentliche Medium der sozialen Veränderung
in und um das Konzept der Hegemonie suchen. In diesem
Kontext soll Hybridität einen neuen Raum der allgemein
menschlichen Emanzipation eröffnen und ihr eine
neue Chance geben.
Wie aber emanzipiert die Hybridisierung eigentlich?
An erster Stelle dadurch, dass sie die schon etablierten
kulturellen bzw. sozialen Identitäten in Frage
stellt, sie sozusagen von ihrem Inneren her subvertiert.
Das nämlich, was in der Konstituierung einer Identität
als ihr Außen oder als das Andere ausgeschlossen,
was also sozial marginalisiert bzw. unterdrückt
wird, kehrt durch Hybridisierung im Inneren dieser Identität
wieder und verändert auf diese Weise entscheidend
ihre "Essenz". [3]
Die emanzipatorische Wirkung dieser "Wiederkehr
des Ausgeschlossenen" liegt nicht in einer Inversion
des hierarchischen Dualismus zwischen schwarz und weiß,
Kolonisierten und Kolonisatoren, Zentrum und Peripherie,
etc. Es ist vielmehr der binäre Charakter der kulturell
artikulierten Machtverhältnisse, der durch diese
Hybridisierung - durch diese grenzüberschreitende
Transkulturation - endgültig außer Kraft
gesetzt wird. So erfolgt auch der Widerstand gegen Rassismen,
Nationalismen, Fundamentalismen etc. also nicht entlang
einer Frontlinie zwischen den Subjekten der Befreiung
und den Subjekten der Unterdrückung, sondern durch
eine unaufhaltsame Transgression der Grenzlinien zwischen
den etablierten Identitäten, die gleichzeitig Linien
der Ausgrenzung und Unterwerfung sind. Statt sie von
ihrem ausgeschlossenen Außen frontal anzugreifen,
klopft Hybridisierung selbst die rigidesten Identitäten
in ihrem harten Kern weich, lässt ihre Exklusionsmechanismen
in den eigenen Widersprüchen festfahren und aktiviert
ihr verdrängtes Inklusionspotenzial. Identitäten
sind keine monolithischen Eisblöcke, die man in
einem frontalen Angriff zerschlagen könnte, sondern
wie ein Germteig: sie wachsen durch den Hybridisierungsprozess
über sich hinaus, bis ihre ursprüngliche Form
nicht mehr erkennbar ist. [4]
Was passiert aber mit dem Emanzipations- bzw. Widerstandspotenzial,
das mit der Hybridität heraufbeschworen wird, wenn
wir sie aus der (kulturellen) Identitätsdebatte
in das Feld des linken politischen Aktivismus übertragen,
dorthin nämlich, wo man versucht, einen konkreten
Widerstand gegen den immer stärkeren Druck rechtskonservativer
bzw. rassistischer Politik zu leisten? Auch hier findet
der Begriff der Hybridität offensichtlich eine
deskriptive Anwendung. Nur: ist er mehr als ein Name
für die Heterogenität unserer aktivistischen
Initiativen und sozialen Interessengruppierungen? Bringt
etwa eine gegenseitige Vermischung von Kunstpraxen und
(linken) politischen Initiativen automatisch eine neue
- eben eine hybride - Form der Emanzipation mit sich?
Und wenn, wie?
Von einer subversiven Wirkung der Grenzüberschreitung
zwischen den Feldern der Kunst und der Politik kann
heute keine Rede sein. Wie schon erwähnt, befinden
sich die Grenzlinien zwischen den früher als autonom
verstandenen Sphären von Kultur, Politik, Ökonomie
in der Postmoderne ohnehin in einem ständigen Verschiebungsprozess.
Diese Bewegung überschreitet also Grenzen, die
selbst schon in Bewegung gesetzt worden sind. Genauso
wenig verspricht das Schaffen sogenannter Temporärer
Autonomer Zonen - auch eine karnevalartige Hybridform
von sozialem Raum - als einer Sphäre der ungehemmten
Transgression, wo sich der Freiheitswille lustvoll austoben
darf und soziale Experimente verantwortungs- und risikofrei
ausprobiert werden können. Sein zeitweiliges Suspendieren
erträgt das existierende System besser denn je.
Es stützt sich nämlich nicht mehr auf stabile
Hierarchie und repressive Autorität, die sich dadurch
herausgefordert fühlen könnten. Die Macht
bzw. die heute aktuelle Herrschaftsformen sind genauso
fragmentiert, plural, hybrid, kurzum flexibel geworden
wie die Kräfte, die sie angreifen. [5]
Hybridisierung allein, wie sie zweifelsohne an den
Schnittstellen zwischen Kunst und linkem politischem
Aktivismus stattfindet, bringt keine Befreiung. Deswegen
darf sie auch nicht zum emanzipatorischen Selbstzweck
hochstilisiert werden. Andererseits scheint sie jedoch
unvermeidlich: Der Widerstand ist hybrid geworden. Warum?
Weil sich das Interesse der Emanzipation in der Form
der heutigen demokratischen Politik nicht mehr artikulieren
kann; weil die Freiheit der Kunst in der Kunst selbst
unbrauchbar geworden ist und im ganzen sozialen Raum
fremdgehen darf; und weil die Emanzipation wieder dringender
als Politik und schöner als Kunst ist. Solange
sich die beiden ihretwegen vermischen, hat ihre Hybridisierung
einen Sinn. Aber wiederum: nicht als Mittel der Harmonisierung,
oder, was noch schlimmer wäre, als bequeme Sicherung
der Unangreifbarkeit; etwa im Sinne von Patti Smith:
"I am an artist and I am not guilty." Der
hybride Widerstand darf nicht zum sicheren Rückzugsgebiet
der Revoltierenden werden, zum Illusionsraum einer ursprünglichen
Unschuld. Muss man dem eigenen Nationalstaat und seinem
leerlaufenden Parlamentarsystem, den für heilig
erklärten liberaldemokratischen Werten, kurzum:
der real existierenden Demokratie gegenüber für
immer unschuldig bleiben? Wer schon jetzt sühnen
muss, wird sich auch schuldig machen dürfen. Oder?
[1] Siehe Ien Ang,
On not speaking Chinese. Living Between Asia and
the West, London/New York: Routledge, 2001. Die
Idee vom "liberal hybridism" erklärt
Ang an einem konkreten Fall, nämlich an der Überzeugung
eines Teiles australischer Öffentlichkeit, dass
die sogenannten interkulturellen Ehen und die daraus
folgende Hybridisierung der australischen Nation, das
Land am besten vor Gefahr schützt, sich in ein
Schlachtfeld der "warring tribes" zu verwandeln.
Die Autorin selbst glaubt nicht an die harmonisierende
Wirkung der Hybridität. Obwohl sie dem weißen
Nationalismus gegenüber als eine progressive Alternative
erscheint, simplifiziere "the rosy melting-pot
vision of liberal hybridism" die reale Lage, verneble
die Machtverhältnisse und führe auf diese
Weise in die Sackgasse der Depolitisierung. S. 195 und197.
[2] Von Autoren wie
Stuart Hall, Paul Gilroy, Homi Bhabha, etc.
[3] Das ist z.B.
der Fall bei dem, was Hall und Gilroy "Black British"
nennen. Durch die Artikulation einer blackness-Position
innerhalb der britischen nationalen Identität wird
die essenzialistisch weiße, exklusivistische Definition
derselben subvertiert. Die britische Identität
stellt sich als eine notwendig unreine und plurale Bildung
heraus, die ihre eigene blackness nicht mehr
verleugnen kann.
[4] Nicht alle können
sich mit den emanzipatorischen Versprechungen der kulturellen
Hybridisierung identifizieren. So ist für Jonathan
Friedman der Unterschied zwischen einem hybriden und
einem essenzialistischen Verstehen von Identitäten
vor allem ein Unterschied in der sozialen Position.
Die armen und entrechteten Massen dieser Welt hielten
am meisten an ihren essenzialistischen - vor allem ethnischen
- Identitäten fest, während eine hybride Identifikation
typisch für die kulturellen, politischen und intellektuellen
Eliten sei, die sich dank ihrer Klassenprivilegien einen
hybriden Kosmopolitismus überhaupt leisten können.
(Siehe Jonathan Friedman, "Global Crisis, the Struggle
for Cultural Identity and Intellectual Porkbarrelling:
Cosmopolitans versus Locals, Ethnics and Nationals in
an Era of De-Hegemonisation", in: Pnina Werbner
und Tariq Modood (Hg) Debating Cultural Hybridity,
London/New Jersey: Zed Books 1997.)
[5] Hardt/Negris
Kritik der postmodernen und postkolonialen Theorie -
und damit auch ihre Kritik des Hybriditätskonzeptes
- hebt gerade diesen Punkt hervor: "Power has evacuated
the bastion they are attacking and has circled around
to their rear to join them in the assault in the name
of difference." (Michael Hardt and Antonio Negri,
Empire, Cambridge, Massachusetts/London: Harvard
University Press, S.138.)
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