|
Mit der globalen Protestbewegung wurden die traditionellen
linken Aktionsformen wie Demonstrationen, Kundgebungen
etc. durch direkte Aktionen wie Blockaden, Eroberung
des öffentlichen Raums ergänzt. Dabei gibt es auch Aktionsformen,
die karnevaleske Elemente enthalten. Ein solches Konzept
ist Pink-Silver. Dabei ziehen sich Frauen und Männer
rot-rosa-silber an, verstärken sozusagen die weiblichen
Attribute und tanzen (meist zu Sambarhythmen) auf den
Demonstrationen gegen die Polizei. Radical Cheerleading
ist das Aufführen von Choreographien in einem Zusammenhang,
in dem so eine Art von Aktion und Performanz vordergründig
nicht hineinpasst. Neben dem Spaß, den das lustvolle
Bewegen macht, geht es auch darum, vorherrschenden Repräsentationen
etwas entgegenzusetzen, das im Kontext politischer Demonstrationen
nicht erwartet wird.
Gegen positive oder negative Ordnung
Politische Gruppierungen sehen sich immer als VertreterInnen
irgendwelcher imaginärer Massen. Ihnen geht es u.a.
darum, Teile von Demonstrationen zu repräsentieren.
Tatsächlich ist die Zeit der organisierten Blöcke vorbei,
es gibt keine Organisationsformen, die die Unterschiedlichkeit
der Wünsche und Bedürfnisse der DemonstrantInnen ausdrücken
könnte (wenn es sie überhaupt je gegeben hat). Diese
nicht-repräsentierbare Vielfalt der TeilnehmerInnen
wird durch den herrschenden Diskurs in eine überschaubare
Ordnung gebracht. Da gibt es die AnsprechpartnerInnen
der Herrschenden - die "Vernünftigen" - aus
den traditionellen (linken) Parteien und Nicht-Regierungs-Organisationen
(NGOs), dann die verschiedenen linken und linksradikalen
Kleingruppen, die von einer Repräsentation für die Massen
träumen und zuletzt die Nicht-Ansprechbaren, von Polizei
und Medien als "schwarzer Block" konstruiert.
Karnevaleske Aktionsformen versuchen, sich weder an
die herrschenden Strukturen anzupassen noch sich auf
männlich dominierte Straßenkampfrituale einzulassen.
Sie sind (vorerst) nicht integriert und lassen sich
auch nicht im negativen Sinn repräsentieren wie der
"schwarze Block".
Unsere Kreativität gegen das kapitalistische System
Die (Arbeits-)verhältnisse im Kapitalismus wie die
Unterdrückung und Ausbeutung im Allgemeinen haben sich
in den letzten Jahrzehnten massiv verändert (also in
eine Richtung entwickelt, die einerseits als Postfordismus,
andererseits als Kontrollgesellschaft bezeichnet wird).
Wurden wir früher normiert und angepasst durch die Institutionen
wie Schule, Arbeit, Familie, funktioniert das System
heute, indem unsere Kreativität und unsere kommunikativen
und sozialen Fähigkeiten ausgenützt werden. Die Trennungen
zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Kunst und Arbeit,
zwischen Werbung und Vergnügen sind dabei, tendenziell
zu verschwinden. Wir sind gezwungen, unsere Kreativität
zurückzuschrauben, um kapitalistisch zu funktionieren
oder wir müssen unsere Kreativität verkaufen. Pink-Silver
und andere karnevaleske Formen sind eine Möglichkeit,
unsere Wünsche, unsere Lust, unsere Kreativität und
unser Leben zumindest kurzfristig, während einer Demonstration,
gegen das kapitalistische System zu richten.
Wiederaneignung unserer Körperlichkeit
Die neuen Kapitalverhältnisse sind auch mit einer anderen
Form der Ausbeutung unserer Körper verbunden, soziale
und kommunikative Fähigkeiten (als weibliche Fähigkeiten)
werden immer stärker gefordert. Unsere Körper (vom Lächeln
der Verkäuferin bis zu den sozialen und kommunikativen
Strukturen im Büro) spielen eine immer größere Rolle
für die kapitalistische Ausbeutung. Die geschlechtspezifische
Arbeitsteilung in Produktion und Reproduktion wurde
aus der Familie in die Gesellschaft hinein verlagert.
Das Erleben unserer Körper in der oppositionellen Aktion
kann somit auch als zumindest kurzfristige Wiederaneignung
unserer Körperlichkeit verstanden werden.
Konstruktion von Geschlecht sichtbar machen
Cheerleaders spielen besonders in der amerikanischen
Gesellschaft eine Rolle in der Bestätigung der körperlichen
Geschlechtlichkeit. Der Kontrast zu den Rugby-Spielern,
die Betonung der sekundären Geschlechtsmerkmale sind
eine Bestätigung der Geschlechterunterschiede. Sie sind
in diesem Zusammenhang in den Kontext von Sportveranstaltungen
eingebunden. Demonstrationen und direkte Aktionen sind
scheinbar geschlechtsneutrale Kontexte, in der Repräsentation
aber so, dass - wie in der Sprache - das männliche mit
dem Allgemeinen zusammenfällt, Frauen und Weiblichkeit
sozusagen nur Ergänzungen sind: so wie in der Sprache
die weibliche Endung (Demonstrant-in) hinzugefügt wird
oder auf der Bühne der männliche Sänger oder Moderator
durch weibliche Körper im Hintergrund ergänzt wird.
Pink & Silver und Radical Cheerleading stellen die
weiblichen Attribute in den Vordergrund, stören also
den "neutralen" Demonstrationskontext.
Aufstand als Karneval
Das Demonstrationsrecht wurde eingeführt, um den Widerstand
bestimmter Bevölkerungsgruppen in geordnete Bahnen zu
lenken. Vorher hat jede Demonstration sehr schnell Aufstandcharakter
bekommen. Es ging also darum, bestimmte öffentliche
Räume gegen die Staatsmacht zu verteidigen. Diese befreiten
Räume, diese kurzfristigen Befreiungen wurden meist
übergangslos in ein Fest verwandelt. Auch aktuelle soziale
Bewegungen sind immer mit Militanz ("Gewalt")
verbunden. Erst die Drohung der Entgrenzung durch Aufstandselemente
schafft einen Bruch, der in einer weiteren bürgerlichen
Öffentlichkeit zu Reaktionen führt und der erste Schritt
zu einer Verbreiterung einer Bewegung ist. Wird die
Militanz aber zum Straßenkampfritual, ist sie nicht
mehr spontan, sondern organisiert, ist das schon ein
Symptom für den Niedergang einer Bewegung, ein Erstarren,
ein Ende des Fests und damit der Aufstandsbewegung.
Karnevaleske Aktionsformen wie Pink & Silver sind
ein Element der Antizipation des Lebens, das mit Aufständen
verbunden ist.
Pink & Silver ist eine Möglichkeit, außerhalb traditioneller
Repräsentationsformen die vom Kapitalismus verlangte
Kreativität und Körperlichkeit einzusetzen, um durch
den Kontext Konstruktion von Geschlechtlichkeit in Frage
zu stellen und Elemente des fröhlichen Aufstands vorweg
zu nehmen. Diese Demonstrationsform ist aber nur EINE
Möglichkeit, die in einem begrenztem Ausmaß eine subversive
Wirkung erzielen kann. Etablieren sich solche Strukturen,
sind sie auch Teil einer kontrollierbaren Repräsentation.
Kreativität und Körperlichkeit sind dann eine schmückende
Ergänzung, so wie das Weibliche häufig in der herrschenden
Gesellschaft. Auch die Subversion der Geschlechterrollen
würde durch Ritualisierung und Wiederholung bestätigt.
Aber vorerst besteht darin eine Möglichkeit, das "Normale"
zu durchbrechen. Wenn es nicht mehr subversiv ist, müssen
wieder neue Formen des Widerstands gesucht werden.
|