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Robert Foltin 05/2002
Radical Cheerleading in Pink&Silver
Demonstrationskultur zwischen Anpassung und Konfrontation
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Mit der globalen Protestbewegung wurden die traditionellen linken Aktionsformen wie Demonstrationen, Kundgebungen etc. durch direkte Aktionen wie Blockaden, Eroberung des öffentlichen Raums ergänzt. Dabei gibt es auch Aktionsformen, die karnevaleske Elemente enthalten. Ein solches Konzept ist Pink-Silver. Dabei ziehen sich Frauen und Männer rot-rosa-silber an, verstärken sozusagen die weiblichen Attribute und tanzen (meist zu Sambarhythmen) auf den Demonstrationen gegen die Polizei. Radical Cheerleading ist das Aufführen von Choreographien in einem Zusammenhang, in dem so eine Art von Aktion und Performanz vordergründig nicht hineinpasst. Neben dem Spaß, den das lustvolle Bewegen macht, geht es auch darum, vorherrschenden Repräsentationen etwas entgegenzusetzen, das im Kontext politischer Demonstrationen nicht erwartet wird.


Gegen positive oder negative Ordnung

Politische Gruppierungen sehen sich immer als VertreterInnen irgendwelcher imaginärer Massen. Ihnen geht es u.a. darum, Teile von Demonstrationen zu repräsentieren. Tatsächlich ist die Zeit der organisierten Blöcke vorbei, es gibt keine Organisationsformen, die die Unterschiedlichkeit der Wünsche und Bedürfnisse der DemonstrantInnen ausdrücken könnte (wenn es sie überhaupt je gegeben hat). Diese nicht-repräsentierbare Vielfalt der TeilnehmerInnen wird durch den herrschenden Diskurs in eine überschaubare Ordnung gebracht. Da gibt es die AnsprechpartnerInnen der Herrschenden - die "Vernünftigen" - aus den traditionellen (linken) Parteien und Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), dann die verschiedenen linken und linksradikalen Kleingruppen, die von einer Repräsentation für die Massen träumen und zuletzt die Nicht-Ansprechbaren, von Polizei und Medien als "schwarzer Block" konstruiert. Karnevaleske Aktionsformen versuchen, sich weder an die herrschenden Strukturen anzupassen noch sich auf männlich dominierte Straßenkampfrituale einzulassen. Sie sind (vorerst) nicht integriert und lassen sich auch nicht im negativen Sinn repräsentieren wie der "schwarze Block".


Unsere Kreativität gegen das kapitalistische System

Die (Arbeits-)verhältnisse im Kapitalismus wie die Unterdrückung und Ausbeutung im Allgemeinen haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert (also in eine Richtung entwickelt, die einerseits als Postfordismus, andererseits als Kontrollgesellschaft bezeichnet wird). Wurden wir früher normiert und angepasst durch die Institutionen wie Schule, Arbeit, Familie, funktioniert das System heute, indem unsere Kreativität und unsere kommunikativen und sozialen Fähigkeiten ausgenützt werden. Die Trennungen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Kunst und Arbeit, zwischen Werbung und Vergnügen sind dabei, tendenziell zu verschwinden. Wir sind gezwungen, unsere Kreativität zurückzuschrauben, um kapitalistisch zu funktionieren oder wir müssen unsere Kreativität verkaufen. Pink-Silver und andere karnevaleske Formen sind eine Möglichkeit, unsere Wünsche, unsere Lust, unsere Kreativität und unser Leben zumindest kurzfristig, während einer Demonstration, gegen das kapitalistische System zu richten.


Wiederaneignung unserer Körperlichkeit

Die neuen Kapitalverhältnisse sind auch mit einer anderen Form der Ausbeutung unserer Körper verbunden, soziale und kommunikative Fähigkeiten (als weibliche Fähigkeiten) werden immer stärker gefordert. Unsere Körper (vom Lächeln der Verkäuferin bis zu den sozialen und kommunikativen Strukturen im Büro) spielen eine immer größere Rolle für die kapitalistische Ausbeutung. Die geschlechtspezifische Arbeitsteilung in Produktion und Reproduktion wurde aus der Familie in die Gesellschaft hinein verlagert. Das Erleben unserer Körper in der oppositionellen Aktion kann somit auch als zumindest kurzfristige Wiederaneignung unserer Körperlichkeit verstanden werden.


Konstruktion von Geschlecht sichtbar machen

Cheerleaders spielen besonders in der amerikanischen Gesellschaft eine Rolle in der Bestätigung der körperlichen Geschlechtlichkeit. Der Kontrast zu den Rugby-Spielern, die Betonung der sekundären Geschlechtsmerkmale sind eine Bestätigung der Geschlechterunterschiede. Sie sind in diesem Zusammenhang in den Kontext von Sportveranstaltungen eingebunden. Demonstrationen und direkte Aktionen sind scheinbar geschlechtsneutrale Kontexte, in der Repräsentation aber so, dass - wie in der Sprache - das männliche mit dem Allgemeinen zusammenfällt, Frauen und Weiblichkeit sozusagen nur Ergänzungen sind: so wie in der Sprache die weibliche Endung (Demonstrant-in) hinzugefügt wird oder auf der Bühne der männliche Sänger oder Moderator durch weibliche Körper im Hintergrund ergänzt wird. Pink & Silver und Radical Cheerleading stellen die weiblichen Attribute in den Vordergrund, stören also den "neutralen" Demonstrationskontext.


Aufstand als Karneval

Das Demonstrationsrecht wurde eingeführt, um den Widerstand bestimmter Bevölkerungsgruppen in geordnete Bahnen zu lenken. Vorher hat jede Demonstration sehr schnell Aufstandcharakter bekommen. Es ging also darum, bestimmte öffentliche Räume gegen die Staatsmacht zu verteidigen. Diese befreiten Räume, diese kurzfristigen Befreiungen wurden meist übergangslos in ein Fest verwandelt. Auch aktuelle soziale Bewegungen sind immer mit Militanz ("Gewalt") verbunden. Erst die Drohung der Entgrenzung durch Aufstandselemente schafft einen Bruch, der in einer weiteren bürgerlichen Öffentlichkeit zu Reaktionen führt und der erste Schritt zu einer Verbreiterung einer Bewegung ist. Wird die Militanz aber zum Straßenkampfritual, ist sie nicht mehr spontan, sondern organisiert, ist das schon ein Symptom für den Niedergang einer Bewegung, ein Erstarren, ein Ende des Fests und damit der Aufstandsbewegung. Karnevaleske Aktionsformen wie Pink & Silver sind ein Element der Antizipation des Lebens, das mit Aufständen verbunden ist.

Pink & Silver ist eine Möglichkeit, außerhalb traditioneller Repräsentationsformen die vom Kapitalismus verlangte Kreativität und Körperlichkeit einzusetzen, um durch den Kontext Konstruktion von Geschlechtlichkeit in Frage zu stellen und Elemente des fröhlichen Aufstands vorweg zu nehmen. Diese Demonstrationsform ist aber nur EINE Möglichkeit, die in einem begrenztem Ausmaß eine subversive Wirkung erzielen kann. Etablieren sich solche Strukturen, sind sie auch Teil einer kontrollierbaren Repräsentation. Kreativität und Körperlichkeit sind dann eine schmückende Ergänzung, so wie das Weibliche häufig in der herrschenden Gesellschaft. Auch die Subversion der Geschlechterrollen würde durch Ritualisierung und Wiederholung bestätigt. Aber vorerst besteht darin eine Möglichkeit, das "Normale" zu durchbrechen. Wenn es nicht mehr subversiv ist, müssen wieder neue Formen des Widerstands gesucht werden.



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