| In der elsässischen Stadt im deutsch-französischen
Grenzland ist bis heute spürbar, dass ihre nationale Zugehörigkeit
innerhalb der letzten 500 Jahre fünfmal gewechselt hat.
Das Europäische noborder netzwerk <noborder.org>,
das zum aktuellen Grenzcamp in Strasbourg aufruft, hatte
jedoch anderes im Sinn: Die virtualisierten Grenzen in
und rund um die Festung Europa, die unabhängig von Territorien
überall dort aufgebaut werden, wo Staatsbedienstete Zugriff
auf Datenbanken haben und Menschen als Datensätze erfasst
werden. Die zentrale Einheit des SIS (Schengen Informations
Systems) befindet sich seit ihrer Implementierung 1991
in Strasbourg. Dort werden Daten über ImmigrantInnen gesammelt,
die bei der Gewährung von Visa und bei Asylverfahren eine
zentrale Funktion haben.
Spätestens seit den massiven Protesten gegen die ökonomische
Globalisierung werden auch Daten über DemonstrantInnen
und KritikerInnen integriert. Auf die Auswirkungen solcher
informationstechnologischen Überwachungsmechanismen
hinzuweisen, sich mit virtualisierten Grenzen auseinander
zu setzen und politische Aktionsformen im Umgang damit
zu entwickeln, ist das Anliegen des Strasbourger Grenzcamps.
In Strasbourg wie auch bei anderen Camps <noborder.org/camps/02>
und Aktionen im Sommer 2002 wird es wieder darum gehen,
Bewegungsfreiheit zu fordern und störend in die Abschiebemaschinerie
einzugreifen. <noborder.org/strasbourg>
<während einer antirassistischen demonstration in
woomera/australien im märz 2002, gelang es migrantInnen
die zäune des anhaltelagers zu durchbrechen und sich
zu befreien>
Die Idee der Grenzcamps ist in Europa seit 1998 in
Texten und Bildern, Diskussionen und Aktionen präsent.
Mit der verstärkten Harmonisierung von Asyl- und Einreisepolitiken
und der massiven Repression gegen MigrantInnen und Flüchtlinge,
die sich in Österreich nicht zuletzt im Tod von Marcus
Omofuma <no-racism.net/racismkills>
dokumentierte, wurde die Notwendigkeit einer europäischen
antirassistischen Vernetzung offensichtlich. Auch aus
der Lust, Diskussionen zu verbreitern, den eigenen Blickwinkel
zu erweitern und die frechen widerständigen Ideen mit
anderen zu teilen, entstand 1999 bei den Protesten gegen
den EU-Migrationsgipfel in Tampere das europäische noborder
netzwerk.
Die Aktionen wurden ausgeweitet und die Ideen verbreiteten
sich. So kam es im letzten Sommer zu einer Grenzcamp-Kette
<noborder.org/camps/01>,
die im südspanischen Tarifa (Spanien-Afrika) startete
und sich über Krykni (Polen-Ukraine), Lendava (Slowenien)
und die interne Grenze am Frankfurter Flughafen (Deutschland)
bis hin zum Borderhack in Tijuana (Mexico) und den Aktionen
gegen die Flüchtlingslager in Woomera (Australien) fortsetzte.
Unter permanenter Grenzüberschreibung brachte die noborderTOUR
auf einer 6 wöchigen Fahrt <no-racism.net/nobordertour>
die Grenzcamps mit anderen Orten des Widerstands einschließlich
Genua und Salzburg in Verbindung. Verbindungen wurden
auch im virtuellen Raum hergestellt: Der "Borderstream"
<noborder.org/stream>
am 7. Juli visualisierte drei gleichzeitig stattfindende
Grenzcamps als übergreifende Intervention und machte
zusätzlich Bilder und Stimmungen aus anderen Aktionen
des Jahres greifbar. Strasbourg 2002 ist nun das erste
Event das vom gesamten noborder netzwerk als gemeinsame
Aktion organisiert wird, mit antirassistischen sozialen
Bewegungen, Gruppen und einzelnen Personen aus 15 verschiedenen
Ländern.
<noch während des camps in tarifa (südspanien) landete
ein schiff an der küste, auf dem sich migrantInnen versteckt
hatten, um den spanischen einreisebehörden zu entgehen.
durch das camp, die vielen anwesenden menschen und eine
lokale organisation, die sich offen zur reiseunterstützung
von menschen ohne papieren bekennt, war es möglich,
viele der ankommenden migrantInnen bei ihrer weiterreise
ins landesinnere zu unterstützen und die polizeikontrollen
zu umgehen.>
"SIS is a d.sec*.
Every d.sec is a target.
We will destroy each d.sec."
Der Titel (d.sec - database systems to enforce control)
bezeichnet das Problem, mit dem sich Teccies, Migrants,
Hackers, Activists, Artists und andere intensiv auseinander
setzen werden. Gleichzeitig werden sie Interventionsformen
entwickeln, die den d.sec's, den database systems, entgegengesetzt
werden können. Als thematischer Strang während
des Grenzcamps stellt d.sec einen Rahmen dar, in dem
die Möglichkeiten wechselseitiger Vernetzung ausgelotet
und in kreative und lustvolle Aktionen verwandelt werden
können. <dsec.info>
Cyberfeminism, die Rückeroberung des Körpers, neue
Identitäten in einer vernetzten Welt und die Erweiterung
einer freien Kommunikation werden ebenso wesentliche
Themen sein, wie das praktische Weitergeben von Know
How, Auseinandersetzungen mit der sozialen Bedeutung
von freier Software und einer kritischen Infragestellung
der eigenen Verwendung von Technologie: websites, email,
IT: what for?
<im mai 2002 kam es bei einer demonstration gegen
ein abschiebegefaengnis in der schweiz zur befreiung
eines gefangenen. die eisengitter wurden mit einer säge
durchschnitten und der mann konnte durch das fenster
der zelle in die freiheit gelangen.>
dsec/ptc // zone.noborder.org
In der Innenstadt von Strasbourg wird die VolxTheaterKarawane
eine noborderZONE/Medialounge aufbauen <zone.noborder.org>.
LiveVideo- und Radiostreams, aktuelle Berichte in mehreren
Sprachen werden via Internet über Strasbourg, das SIS,
und die Aktionen in und rund um das Camp informieren.
In enger Zusammenarbeit mit freien Radios in Europa
und dem ptc-TV. Die Lounge steht offen für BesucherInnen,
für TouristInnen, für AktivistInnen. Workshops und theatrale
Praxen, über Menschen, die sich über Grenzen bewegen
und an elektronischen und physischen Trennlinien arbeiten.
Gegen Instrumente der Kontrolle und Repression sowie
die europäischen Institutionen und ihre Interessen wird
sich die VolxTheaterKarawane vielfältig artikulieren.
hack the street be pink and silver on the net
Als sich im Sommer 2000 der WEF in der kleinen schweizerischen
Stadt Davos traf, brachen HackerInnen in den zentralen
Computer der Vorbereitungsorganistion ein. Sie klauten
die Daten von führenden Wirtschaftskompetenzen und Staatschefs
und veröffentlichten sie im Internet. In einer Stellungnahme
protestierten sie mit ihrer Aktion gegen die ständig
zunehmende Kontrolle an den Grenzen und die Einschränkung
von Reisefreiheit. Sie stellten einen unmittelbaren
Zusammenhang zwischen der Weitergabe von persönlichen
Daten, Kontrollmechanismen und einer rein ökonomischen
Globalisierung her, die es gleichzeitig für nötig hält,
die Bewegung von Menschen, von Körpern, von freier Information
und Kommunikation immer weiter zu beschränken.
Im August 2001 schrieb ein Kolumnist in der Frankfurter
Allgemeinen, dass die eigentlichen "Freunde der
Globalisierung" gerade den Frankfurter Flughafen
belagern. Einen der ausgemachten Gegner einer globalen
Vernetzung sah der Journalist in Georg Bush. Noch bei
den Protesten in Seattle sprachen sich viele der ProponentInnen
gegen Globalisierung aus. Die Missverständlichkeit dieser
Herangehensweise und die Retorsionsfähigkeit ihrer Inhalte
führte letztlich auch zu einer wesentlichen Verbreiterung
des Diskurses. Themen wie Migration, rassistische Entwicklungen
und ein neu aufflammender Antisemitismus wurden zentrale
Bestandteile der Auseinandersetzung rund um den Begriff
der Globalisierung. In Genua, während der Proteste gegen
die G8, demonstrierten 70000 Menschen zum Thema Migration,
die den direkten Bezug herstellten zwischen anhaltender
Ausbeutung, dem Denken in einer Logik des Marktes und
der ständigen Einschränkung von Bewegungs- und Reisefreiheit.
Wie bei den Protesten in Genua werden auch in Strasbourg
die eigenen Medien, die eine Gegenöffentlichkeit herstellen,
wesentlicher Bestandteil des Widerstands gegen Kapitalismus
und Repressionsapparate sein.
Technologien können, wie beim Borderstream in Genua
und Brüssel, bei Internet Kampagnen wie der deportation-alliance
<www.deportation-alliance.com>,
bei der Onlinedemo gegen die Lufthansa oder bei der
Davoser Datenbefreiung als Werkzeug, als Plattform oder
als Sprachrohr zur politischen Artikulation dienen.
Gleichzeitig werden sie, wie im Fall des SIS, zur lückenlosen
Kontrolle und Überwachung von Menschen benutzt. Liegt
darin ein Widerspruch? Was bewirkt die Transformation
der Kommunikation in andere, in virtuelle Räume? Sind
Internet und Cyborg das Ende des Sozialen oder der Beginn
einer neuen Gesellschaft <volxbad deklaration - www.make-world.org>
- oder vielleicht nur ein kurzer Moment in einer historischen
Entwicklung, die morgen bereits völlig überholt sein
wird?
d.sec wird diese Möglichkeiten in Strasbourg ausloten.
Hack the System, als leere Phrase, als risky game, als
Intervention in öffentlichen und virtuellen Räumen,
als Workshop, diskursive Praktik oder theatrale Inszenierung.
The caravan goes on ...
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