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Gini Müller 10/2002
Transversal oder Terror?
Bewegte Bilder der VolxTheaterKarawane
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Was ist das Bild der VTK? ... Österreichisches Laientheater, TranversalistInnen, NomadInnen, noborder-AktivistInnen, internationale Straßentheatertruppe, Alien Nation, umherschweifende "Globalisierungsgegner", "Gaukler oder Guerilleros", Black Block, Terroristen, Eventhopper, kriminelle Vereinigung, Dr. Jekyll und Mr. Hyde?

Entstanden und gegründet 1994 im besetzten autonomen Zentrum Ernst Kirchweger Haus in Wien, erarbeiteten HausbewohnerInnen des EKH und Menschen aus dem Szeneumfeld zu Beginn als "VolxTheater Favoriten" im einzigen Theatersaal des größten Bezirks von Wien Brechts "Dreigroschenoper". Der Arbeitsprozess wurde von Anfang an kollektiv festgeschrieben und war dementsprechend lange (mehrere Monate) und reich an Auseinandersetzungen. "Denn wovon lebt der Mensch?", war eine der Grundfragen im politischen und künstlerischen Organisationsprozess. Das Selbstverständnis "autonom, linksradikal" hat klare und übermächtige GegnerInnen, u.a. den Staat, den Kapitalismus, die Herrschaft, Nationalismus, Sexismus.

Agitprop und Laientheater in engagierter Form legten die Linie für weitere kollektive Projekte: Bühnenstücke (Penthesilea/Kleist, Bezahlt wird nicht/Fo, Auftrag/Müller), Chansonsabende (VolxCore), Straßentheater (Flucht von Transdanubien: Duchschwimmung des Donaukanals, Abschiebeaktionen). Interessen, Streitereien, Lebensbedingungen veränderten die Gruppenzusammensetzung laufend, doch die anfangs festgeschriebenen Prinzipien blieben: kein Regisseur, kollektive Zusammenarbeit und Entscheidungen, keine persönlichen Honorare, offen für InteressentInnen. Mit der Zeit wurde mit neuen Medien experimentiert und mit elektronischer Musik in sich wandelnden und heterogenen Zusammenhängen, inhaltlich wurden verstärkt Themen bearbeitet, mehr nach Texten und weniger nach Stücken gesucht. Die österreichische Aktionsoperette "Schluss mit lustig. - Ein Land dreht durch!" nach der Wahl 1999 war bislang das letzte "Bühnenstück": Die ZuschauerInnen wurden eingezäunt und mit praktischen Widerstandstechnologien beglückt. Damit flog das VolxTheater aus dem Schauspielhaus Wien hinaus. Das Problem war weniger der Inhalt, als die "arrogante, dilettantische" [1] ästhetische Form.

Mit dem Regierungswechsel folgte im Februar 2000 die verstärkte Verlagerung vom klassischen Theaterraum auf die Straße. So manche VolxTheaterleute arbeiteten als Teil der Protestwelle gegen die ÖVP/FPÖ Regierung. Es boomten unkonventionelle Mittel bei den Aktionen, Internetprotestvernetzung und der Einsatz von Video. Theatralische Protestformen (u.a. "UNo-Einsätze", rituelle Schlachtungen vor Polizeireihen, weiße ProtesttrommlerInnen, offizielle Delegationen, Burgtheaterstürmung) wurden bei Demonstrationen gegen die neue rechte Regierung gezielt ausprobiert, die mobile Protestzeit in Form von Karawanen und Vernetzung begann. Die EKH-Tour im Mai 2000 war der erste Versuch, unter dem damaligen Motto "One world - no nation - Anarchie statt Österreich" in österreichischen Landeshauptstädten im öffentlichen Raum zu agieren. Schon bei dieser ersten Karawane wurde ersichtlich, dass das Spiel auf öffentlichen Plätzen unmittelbar brisante Auseinandersetzungsformen ermöglichen kann, da die ZuschauerInnen zufällige MitspielerInnen sind, gegebenfalls GegenspielerInnen werden, und die Staatsgewalt das politische Spiel argwöhnisch überwacht, "notfalls" eingreift. Öffentliche Räume vorübergehend zu besetzen, um temporär ein anderes Spiel aufzuziehen, u.a. mit Volxküche, Propagandaradio, Straßenduetten, Gaukeleien und Tortenschlachten, verlangte von den Reisenden nicht nur die konfliktreiche Alltagsbewältigung und Organisation im sich wandelnden Großkollektiv, sondern auch permanent flexible situationsbezogene Handlungsformen und Überwindungen von Klischeegrenzen im eigenen Bild.

Der "Schlachtruf" und inhaltliche Schwerpunkt "noborder - nonation" wurde im Zuge zunehmender internationaler Vernetzung ins Spiel gebracht. Die VolxTheaterKarawane wurde 2001 auf offenen Plena im Rahmen der Plattform für ein Welt ohne Rassismus (www.no-racism.net) organisiert. Ziel der Karawane wurde die Thematisierung von Migrationspolitik und der dazu dienlichen rassistischen Gesetze, die die Ungleichheit zwischen Personen institutionell festlegen.

"Der Slogan und die Forderung 'noborder - nonation' ist ein Fokus, der österreichische Widerstandsformationen mit globalen Protestbewegungen verbindet. 'The Right for the Freedom of movement' ist dabei die idealistische und radikale Forderung für viele transnationale Bewegungen in Zeiten der Globalisierung. Anti-rassistische und anti-nationale Kulturarbeit realisiert sich zunehmend im internationalen Austausch. Das Internet forciert die Vernetzung. Parallel zu der zunehmend restriktiven 'Harmonisierung' von Asyl- und Migrationspolitik wurden in den vergangenen Jahren Versuche gestartet, die Vernetzung anti-rassistischer Organisationen voranzutreiben. Unabhängige Medienarbeit, vernetzte Demonstrationen, direkte Aktionen sind Manifeste gegen das internationale Projekt von Deportation und Ausschluss. In Zusammenarbeit und Koordination mit dem internationalem noborder-Netzwerk (www.noborder.org) wurden u.a. noborder-Camps und Karawanen organisiert. Eine davon war im vergangenen "summer of Resistance" die noborder-nonation-VolxTheaterKarawane." [2]

Die VolxTheaterKarawane bereiste auf ihrer Tour Österreich, Slowenien und Italien und führte an Orte, an denen Grenzregime problematisiert und attackiert werden konnten. Requisiten und Kostüme waren unter anderem orange Overalls und Helme, Reifenschläuche, Spritzpistolen, UNo-SoldatInnenausrüstung, etc. Zu Beginn der Tour wurde das Denkmal an der österreichisch-ungarischen Grenze, das der Heldentat des "Zaundurchschneidens" durch den ehemaligen Außenminister Alois Mock und somit des Siegs über den Kommunismus gedenkt, von den UNo SoldatInnen "Künstler lernen schießen" in einem theatralischen Akt abgeschossen, dann fuhr die Karawane nach Salzburg zum WEF-Gipfel, um mit dem Reifenschlauch-WEF-Monster in die rote Zone einzudringen. Im Rahmen des noborder-Camps an der slowenisch-ungarisch-kroatischen Grenze wurden im Niemandsland am internationalen noborder-action-day noborder-Pässe durch U-no-SoldatInnen verteilt, die einen Grenzübertritt ohne Pass ermöglichen sollten. In Ljubljana organisierte die Karawane gemeinsam mit slowenischen Gruppen eine Demonstration vor einem Abschiebegefängnis, in Kärnten wurde das PartisanInnenmuseum besucht und über Minderheitenrechte diskutiert. Der Höhepunkt der noborder-Tour war die Teilnahme an der Demonstration für MigrantInnenrechte am 19. Juli 2001 in Genua, wo die Karawane gemeinsam mit anderen Gruppen den theatralen Alien-Nation-Block bildete.


Die Transversalität der VolxTheaterKarawane

Die VolxTheaterKarawane fordert idealistisch, romantisch, positiv, weltfremd: noborder - no one is illegal - Für das Recht auf Bewegungsfreiheit: Der Begriff Migration kann anders bewertet werden... Der Widerstand gegen die Abschottungspolitik der Festung Europa und den ausufernden Neoliberalismus wächst international... Soziale Bewegungen beginnen sich an der Basis zu organisieren und beziehen MigrantInnen von Anfang an ein...

Die Realität steht den idealistischen Gedanken oft erschreckend ernüchternd, kompliziert, banal und schizophren gegenüber. Die Teilnahme von MigrantInnen bei der VTK war projektbedingt schwierig bis unmöglich. AsylwerberInnen in Österreich haben keine rechtliche Möglichkeit, Österreich zu verlassen, auch nicht für einen begrenzten Zeitraum. Die Karawane 2001sollte, genauso wie die noborderZONE 2002, was die Beteiligten betrifft, nationale Grenzen hinter sich lassen. Doch realpolitisch ist es Menschen, die in Österreich einen ungesicherten Aufenthaltsstatus haben, schwer möglich, auch nur in andere EU-Länder zu reisen. So ergab sich, dass ausschließlich Personen mit österreichischem, deutschem, US-amerikanischem, australischem und slowakischem Reisepass an den Projekten teilnahmen. Für AsylwerberInnen wäre ein Grenzübertritt zu gefährlich. Außerdem ist es in Österreich AsylwerberInnen verboten, sich aktiv politisch zu betätigen - das könnte die "Ruhe und Sicherheit" des Landes gefährden. Die selbstkritische Erkenntnis bleibt, dass gemeinsame Arbeit mehr Zeit und kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Organisation braucht. Sich mit anderen vernetzen und zusammenarbeiten bedeutet, festgefahrene Grenzen im Kopf zu überwinden und idealistische Ziele ebenso wie die migrantische Realität zu berücksichtigen.

Was die Reisebedingungen der noborder-Tour betrifft, war jeder Grenzübertritt der Karawane an sich strategisches Handeln und mühsames Spiel. Nie war klar, wie lange die Karawane aufgehalten, wer kontrolliert und beobachtet, wer oder was nicht über die Grenze dürfen würde. Die Karawanensprachen wechselten fließend und stotternd von deutsch zu englisch, spanisch, slowakisch. Das intensive Zusammenleben bedingte Gruppendynamiken, die erst einmal ausgehalten werden mussten, und von außen drohten dem Reiseprozess Gefahren und Repressionen. Experimente beginnen meist mit Enthusiasmus, doch dann kommen - wie das Amen im Gebet - Machtspiele. Erfahrungen in der Praxis beschreiben den Prozess oft als ernüchternd; repressive Mechanismen sind oft starr in der Struktur, hart und zermalmend. Doch die heterogenen Erinnerungsbilder suchen nach Momenten, die Sinn geben, den Prozess und seine Inhalte analysieren, um politische Handlungs- und Organisationsfähigkeit weiter zu denken.

Fluchtlinie? Warum nicht eine Transversale ziehen - local und global - oder ein Versuch des "Minoritär werdens"?... / - HM - / ...Dies bedeutet dann - wie bei den Rhizomaten Deleuze und Guattari nachzulesen - Logozentrismen aufzuweichen, das Ziehen von "Fluchtlinien" zu ermöglichen und die Schaffung revolutionärer nomadischer Kriegsmaschinen voranzutreiben... / - WOW!! / - ...Damit sollen gesellschaftliche Trennungen und Ordnungssysteme mittels Bewegung von Affekten und Intensitäten irritierend in Frage gestellt werden; das Schlachtenpanorama einer "großen" Revolution ersetzen die Theoretiker durch ein Mosaik "kleiner wunschrevolutionärer" Veränderungen... / YEAH!!! -

Die Begriffe "Empire" und "Multitude", die Negri Hardt im neuen Analysehit ertönen lassen, versprühen für mich, die Theorie- und Theaterbegeisterte, genauso wie Deleuze/Guattaris Transversalzüge, Hoffnung, aber auch ein gewisses begehrenswertes theatrales Pathos, das durchaus grooven kann. Gute Musik/Analyse ist noch keine Anleitung zur Handlung, aber sie verändert den Ton und macht das Spiel bewusster. Natürlich sind Negris und Hardts Theorien bedingt messianisch, fast christlich, aber trotzdem: Theorie mit spirit, das braucht die ernüchterte Seele auch einmal. Vielen der VolxAktivistInnen ist Theoriegesudere allerdings wurscht, das Besserwissen mit Theorie schaffe allenfalls Hierarchien. Der Begriff "Empire" ist vielleicht deswegen attraktiv, weil er etwas mit Star Wars, Yoda and the Rebels zu tun hat. Intellektuellenstreitrhetorik spielt da keine Rolle. Seltsame Klassengebilde und Vorurteile durchziehen natürlich auch das linke Schlachtfeld. Brav getrennt auf den verschiedenen Diskussionsforen verfestigen sich die z.T. berechtigten Berührungsängste. Unterschiedliche Begriffs- und Bilderproduktionswelten prallen allzu oft gegeneinander oder aneinander ab. Abgrenzung ist grundsätzlich wichtig, Vereinzelung überhaupt modern, um solidarische Kritik geht es meist erst zweitrangig. Und oft genug fragt man sich: Ist das die Multitude? Wer will noch nach Aktions- und geeigneten Darstellungsformen suchen und über politische Handlungsfähigkeit nachdenken, stundenlang auf Plena sitzen?


Die Karawane zieht weiter....

Die Bilderproduktion der Medien hat die Karawane manifest gemacht und zerrieben. Das Projekt erlangte im Zuge der Verhaftung nach den G8-Protesten in Genua eine bis dahin nicht geahnte Bekanntheit. Damit wurde das Bild der VTK den BilderproduzentInnen entrissen. Die Frage, ob die Fluchtlinie transversal oder terroristisch ist, hatte das molare Tribunal zu beurteilen. Die Terrorkeule drohte den Theaterbegriff, die transversalen Intentionen und die nicht gelehrigen Körper zu zerschlagen. Trotz nach wie vor offenem Prozessausgang wollen jedoch viele, dass das Projekt weitergeht. Aber in der Reflexion des eigenen politischen Handelns, in der Auswertung und Selbstkritik, in den konkreten Zielsetzungen gehen die Ansichten oft weit auseinander; die Gruppe entwickelt und verändert sich weiter. Schwerpunkte der fortlaufenden Arbeit sind weiterhin die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Plattform für eine Welt ohne Rassismus, die internationale noborder-Vernetzung, eigene Medienarbeit und die Suche nach "artivistischen" Ausdrucksformen.

In Kollektivarbeit mit MigrantInnengruppen lief von Februar bis Mai 2002 die Kampagne "Wo ist Marcus Omofuma?" anlässlich des Prozesses gegen die drei Fremdenpolizisten, die den Nigerianer Marcus Omofuma beim Abschiebeflug im Mai 1999 so lange gefesselt und geknebelt hatten, bis er nach langem Todeskampf starb. (Sie wurden zu acht Monaten bedingt verurteilt und versehen weiterhin Dienst bei der Polizei) Das Spektrum des Betätigungsfeldes reichte von Prozessbeobachtung über Pressearbeit zu theatralen Aktionen vor dem Gericht. [3] Die "Plattform" hat als Vernetzungs- und Organisationsforum von verschiedenen antirassistischen Gruppen und MigrantInnen eine enorm wichtige Funktion in der Entwicklung, beim Kennenlernen und in der Diskussion über Zusammenarbeit und politische Organisationsformen.

Das derzeitige Projekt der VolxTheaterKarawane 2002 heißt: noborderZONE. Die Verlagerung des Projekts geht Richtung Erweiterung der Möglichkeiten virtueller Vernetzung und eigener Medienproduktion.

"Menschen bewegen sich physisch und virtuell über Grenzen. ArtivistInnen stellen elektronische Grenzen durch digitale und physische Kommunikation in Frage. Staatliche und multinationale Organisationen kontrollieren zunehmend diese beiden Flüsse und Bewegungen. Informationstechnologie ist aber auch ein Teil einer sich frei bewegenden Widerstandskultur und ein Werkzeug, um an einer Gesellschaft ohne Kontrolle zu arbeiten." [4]

Die Idee der noborderZONE ist eine vernetzte Installation auf öffentlichen Plätzen als Forum für öffentliche Auseinandersetzung, die einerseits Informationen zu den Themen Migration, Globalisierung und Widerstand bietet (Infopoint, Videothek, Audioarchiv), andererseits einen Ort markiert, von dem physischer und virtueller Widerstand ausgeht und eigene Medienarbeit geleistet wird.

Im März 2002 organisierte und gestaltete das kulturpolitische Kollektiv noborder (diesmal u.a. mit VolxTheaterKarawane, Kunst der Stunde ist Widerstand, www.no-racism.net, wr, mayday 2000, indymedia, kein mensch ist illegal) im Rahmen des österreichischen Filmfestivals Diagonale in Graz die Videoreihe "noborder - nonation" 1-3) und das unabhängige Medienprojekt noborderZONE als Testlauf im öffentlichen Raum. [5]

Ein alter englischer Doppeldeckerbus wurde im Frühjahr 2002 zum mobilen Medienzentrum umgebaut, mit Computern, Server, Radiostation und Loungebar inklusive Videothek am Dach. Die VolxTheaterKarawane zog damit im Juli zuerst zum internationalem noborder-Camp nach Strassburg und danach noch spontan zur Dokumenta11 nach Kassel. Hauptthema des Transversalzugs war diesmal die Politik der "Festung Europa" und im Speziellen das Schengen-Informationssystem SIS.


zone.noborder.org

In Strassburg (19.7.-28.7.2002) installierte die VolxTheaterKarawane im Rahmen des noborder-Actioncamps eine noborderZONE/Medialounge am Bahnhofsplatz. Der Bus fuhr jeden Tag vom Camp an der deutsch-französischen Grenze zur installierten Campaußenstation in der Innenstadt, wo es Live-Radiostreams und aktuelle Internetberichterstattung zu allen im und rund um das Camp stattfindenden Aktionen gab. Auf Radio Orange etwa waren täglich in der noborderZONE-Schiene Berichte und Interviews zu hören. Der mobile MedienBus stand AktivistInnen, TouristInnen und InteressentInnen zur Benutzung zu Verfügung und war Ausgangspunkt für theatrale Eingriffe in der Umgebung.

"Strasbourg wurde nach Kriterien von "biopolitischen Systemen" erforscht, Räume wurden vermessen, und mittels biologischer Scans wurden wertvolle Daten über die Zusammensetzung von Biopolizei und elektronischen Substituten gesammelt. Abschliessend wurden die Daten mit dem SchengenInformationsSystem (SIS) verbunden und das System dabei allgemein zugänglich gemacht." [6]

Kamera- und Interviewtrupps, Forschungsteams und WissenschafterInnen des Instituts für biopolitische Systeme untersuchten, mit Netzwerkplänen und Kartographien des Strassburger "syndicat potentiel" ausgerüstet, Zusammenhänge sozialer, virtueller und physischer Kontrolle. Ziele der Forschung waren u.a. das SIS, Hotelketten, Ordnungskräfte, der Bahnhof, ein Lufthansabus, Demonstrationsrouten und überwachte Zonen in der Innenstadt.

Strassburg war das erste internationale vom noborder-Netzwerk organisierte noborder-Camp mit bis zu 2000 TeilnehmerInnen und versprach ein "10-tägiges Laboratorium für kreativen Widerstand und zivilen Ungehorsam" [7]. Die VolxTheaterKarawane organisierte sich mit anderen Gruppen im "Medienbarrio", um Info-, Medienarbeit und Interviews zu machen und vernetzte sich für konkrete Aktionen. Nach vier Tagen verbot die Polizei alle noborder-Aktionen in der Stadt und ging von der anfänglichen Deeskalationsstrategie zur repressiven Offensive über. Die Bürgermeisterin von Strassburg, die Polizei und die Medien sahen im Camp eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und hetzten gegen die "gewaltbereiten Globalisierungsgegner". Tränengaseinsätze gegen AktivistInnen, Verhaftungen und Einkesselungen war die Antwort der Staatsgewalt; Prozesse folg(t)en.

Was die Zusammenarbeit bei der Organisation und die Teilnahme von MigranntInnen am noborder-Camp in Strassburg betrifft, waren in den Vorbereitungstreffen und auf dem Camp stark die MigrantInnenorganisation The Voice [8] und in Strassburg selbst die Gruppe MIB [9] vertreten. The Voice legten den Schwerpunkt der Forderung auf die Abschaffung der Residenzpflicht in Deutschland. Vom noborder-Camp in Jena, wo The Voice gegründet wurde, fuhr eine Karawane direkt nach Strassburg. Hauptaktion war eine Demonstration zum europäischen Gerichtshof, mit der das Recht auf Bewegungsfreiheit und die Abschaffung der Residenzpflicht gefordert wurde. Insgesamt war die Beteiligung von MigranntInnen am Camp auffallend niedrig, was mit mehreren Faktoren zu tun hat: realen Repressionsgefahren, Kritik an StellvertreterInnenpolitik, Alibifunktion, Zeit, usw. Das Laboratorium für kreativen Widerstand verstrickte sich in Repressionsängsten, Auseinandersetzungen über Organisation, Aktionen und Medienarbeit. Viele TeilnehmerInnen, auch die wenigen MigrantInnen, die gekommen waren, hatten das Gefühl, dass die Anliegen wieder einmal im Repressionsapparat untergingen und das Camp nur begrenzt Wirkung zeigte. Vernetzung und Zusammenarbeit mit MigrantInnen sind wichtig, aber in der Realität ist das Ideal erst langsam und mit Geduld zu verwirklichen. Es ist davon auszugehen, dass diese Vernetzungsbemühungen noch am Anfang stehen.


Dokumenta11 - Plattform6: Bewegungsfreiheit realisieren

Nach dem noborder-Camp in Strassburg fuhr die Karawane mit internationaler "Verstärkung" direkt "auf Einladung" zur Dokumenta11 - Plattform5 nach Kassel, um dort spontan eine noborderZONE zu errichten. (Bereits bei der Plattform1 in Wien im Frühjahr 2001 wurde das VolxTheaterKarawanenprojekt: noborder-nonation vorgestellt).

"Die Verbindung von Räumen (virtuellen und physischen) und die Vernetzung von politischen und künstlerischen Systemen sind wesentlicher Inhalt des Projekts noborderZONE. Nicht zuletzt aus diesem Grund freuen wir uns, in Kassel die Verbindung von politischen und künstlerischen Räumen und ihren Praxen darzustellen und die Dokumenta zu besuchen und zu erforschen. Plattform6 macht auf die prekäre Situation von Menschen aufmerksam, die jeden Moment abgeschoben werden können."

Nachdem die VolxTheaterKarawane bei ihrem ersten Versuch, den Platz vor dem Dokumentagebäude temporär als noborderZONE zu besetzen, gescheitert war, und von Sicherheitssprecher und Polizei als Gefahr behandelt und des Platzes verwiesen wurde, gelang es mit Unterstützung der Co-Kuratorin Ute Meta Bauer und in intensiver dreitägiger Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen (aus Kassel, von der Romakarawane Düsseldorf und mit Noborder-Aktivistinnen aus Italien, Irland, Frankreich) am Hauptplatz von Kassel, wieder vor dem Fridericianum, eine 24 stündige noborder-Camp-Installation aufzubauen und die Plattform6 der dokumenta11 - noborderZONE auszurufen. Hauptthema war die drohende Abschiebung von Romafamilien aus Deutschland. Eine Delegation der Roma aus Düsseldorf war nach Kassel gekommen und baute eine kleine Ausstellung auf, informierte und diskutierte mit vielen interessierten BesucherInnen, die in der Schlange standen, um sich die größte zeitgenössische Ausstellung anzusehen, über ihre Lebensbedingungen in Deutschland und die drohende Abschiebung. [10] "Bewegungsfreiheit realisieren" stand als Diskussionsmotto auf den Foldern für BesucherInnen im gefälschten dokumenta11-Layout. Die Pässe der TeilnehmerInnen des Camps waren DokumentamitarbeiterInnen- und Presseausweise. Zusammenarbeit und Effekt waren für alle Beteiligten zufriedenstellend, in der Institution Dokumenta11 löste das Projekt interne Diskussionen über Kunst- und Politikverständnis aus.

Die Schaffung von Gegenöffentlichkeit durch Medien-Projekte, Diskussionen und Volx-Theater meint nicht zuletzt, dass das Bildermachen und Darstellen der Vorgänge eingebunden ist in ein Handeln, in politische Projekte mit konkreten Forderungen und Zielen. Viele Versuche schlagen fehl und bestätigen Vorurteile gut gemeinter Aufklärung bzw. additiver Bildproduktion. Trotzdem, mit dem Wert der Erfahrung und der Experimente, des Austauschs und der Auseinandersetzung werden Organisationsformen praktisch ausprobiert, der Qualitätsgrad zusehends gesteigert, romantische Theorie und praktisches Chaos z.T. fassbarer. Und am Ende eines Projekts stellen sich immer wieder die notwendigen Sinnfragen: Was bedeutet das eigene Tun? Wie kann Vernetzung, Zusammenarbeit und politische Organisierung verbessert werden? Wie kann StellvertreterInnenpolitik verhindert werden? Wie effektiv ist das Agieren als politische Theatergruppe, die Forderungen jenseits von Kapital und Staat erhebt und als Wirkung im System höchstens Juckreiz erzeugt? Gibt es die Möglichkeit zur Veränderung, ohne permanent gegen die Wand zu rennen und regelmäßig von der Staatsgewalt eine auf den Kopf zu bekommen? Und wie wird man/frau in der Disziplinargesellschaft eines kapitalistischen Multikulturalismus ein "transversaler Bastard"?

aus: Gerald Raunig (Hg.), TRANSVERSAL. Kunst und Globalisierungkritik. Wien: Turia + Kant 2003

 

[1] Zitat des damaligen Schauspielhausleiters Hans Gratzer.
[2] Dokumentation siehe: http://www.no-racism.net/nobordertour
[3] http://www.no-racism.net/racismkills
[4] http://www.dsec.info
[5] http://www.no-racism.net/noborderzone
[6] http://zone.noborder.org
[7] http://www.noborder.org
[8] http://www.humanrights.de/voice
[9] http://www.mibmib.free.fr
[10] http://www.krit.de/roma


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