Was ist das Bild der VTK? ... Österreichisches Laientheater,
TranversalistInnen, NomadInnen, noborder-AktivistInnen,
internationale Straßentheatertruppe, Alien Nation, umherschweifende
"Globalisierungsgegner", "Gaukler oder
Guerilleros", Black Block, Terroristen, Eventhopper,
kriminelle Vereinigung, Dr. Jekyll und Mr. Hyde?
Entstanden und gegründet 1994 im besetzten autonomen
Zentrum Ernst Kirchweger Haus in Wien, erarbeiteten
HausbewohnerInnen des EKH und Menschen aus dem Szeneumfeld
zu Beginn als "VolxTheater Favoriten" im einzigen
Theatersaal des größten Bezirks von Wien Brechts "Dreigroschenoper".
Der Arbeitsprozess wurde von Anfang an kollektiv festgeschrieben
und war dementsprechend lange (mehrere Monate) und reich
an Auseinandersetzungen. "Denn wovon lebt der Mensch?",
war eine der Grundfragen im politischen und künstlerischen
Organisationsprozess. Das Selbstverständnis "autonom,
linksradikal" hat klare und übermächtige GegnerInnen,
u.a. den Staat, den Kapitalismus, die Herrschaft, Nationalismus,
Sexismus.
Agitprop und Laientheater in engagierter Form legten
die Linie für weitere kollektive Projekte: Bühnenstücke
(Penthesilea/Kleist, Bezahlt wird nicht/Fo, Auftrag/Müller),
Chansonsabende (VolxCore), Straßentheater (Flucht von
Transdanubien: Duchschwimmung des Donaukanals, Abschiebeaktionen).
Interessen, Streitereien, Lebensbedingungen veränderten
die Gruppenzusammensetzung laufend, doch die anfangs
festgeschriebenen Prinzipien blieben: kein Regisseur,
kollektive Zusammenarbeit und Entscheidungen, keine
persönlichen Honorare, offen für InteressentInnen. Mit
der Zeit wurde mit neuen Medien experimentiert und mit
elektronischer Musik in sich wandelnden und heterogenen
Zusammenhängen, inhaltlich wurden verstärkt Themen bearbeitet,
mehr nach Texten und weniger nach Stücken gesucht. Die
österreichische Aktionsoperette "Schluss mit lustig.
- Ein Land dreht durch!" nach der Wahl 1999 war
bislang das letzte "Bühnenstück": Die ZuschauerInnen
wurden eingezäunt und mit praktischen Widerstandstechnologien
beglückt. Damit flog das VolxTheater aus dem Schauspielhaus
Wien hinaus. Das Problem war weniger der Inhalt, als
die "arrogante, dilettantische" [1]
ästhetische Form.
Mit dem Regierungswechsel folgte im Februar 2000 die
verstärkte Verlagerung vom klassischen Theaterraum auf
die Straße. So manche VolxTheaterleute arbeiteten als
Teil der Protestwelle gegen die ÖVP/FPÖ Regierung. Es
boomten unkonventionelle Mittel bei den Aktionen, Internetprotestvernetzung
und der Einsatz von Video. Theatralische Protestformen
(u.a. "UNo-Einsätze", rituelle Schlachtungen
vor Polizeireihen, weiße ProtesttrommlerInnen, offizielle
Delegationen, Burgtheaterstürmung) wurden bei Demonstrationen
gegen die neue rechte Regierung gezielt ausprobiert,
die mobile Protestzeit in Form von Karawanen und Vernetzung
begann. Die EKH-Tour im Mai 2000 war der erste Versuch,
unter dem damaligen Motto "One world - no nation
- Anarchie statt Österreich" in österreichischen
Landeshauptstädten im öffentlichen Raum zu agieren.
Schon bei dieser ersten Karawane wurde ersichtlich,
dass das Spiel auf öffentlichen Plätzen unmittelbar
brisante Auseinandersetzungsformen ermöglichen kann,
da die ZuschauerInnen zufällige MitspielerInnen sind,
gegebenfalls GegenspielerInnen werden, und die Staatsgewalt
das politische Spiel argwöhnisch überwacht, "notfalls"
eingreift. Öffentliche Räume vorübergehend zu besetzen,
um temporär ein anderes Spiel aufzuziehen, u.a. mit
Volxküche, Propagandaradio, Straßenduetten, Gaukeleien
und Tortenschlachten, verlangte von den Reisenden nicht
nur die konfliktreiche Alltagsbewältigung und Organisation
im sich wandelnden Großkollektiv, sondern auch permanent
flexible situationsbezogene Handlungsformen und Überwindungen
von Klischeegrenzen im eigenen Bild.
Der "Schlachtruf" und inhaltliche Schwerpunkt
"noborder - nonation" wurde im Zuge zunehmender
internationaler Vernetzung ins Spiel gebracht. Die VolxTheaterKarawane
wurde 2001 auf offenen Plena im Rahmen der Plattform
für ein Welt ohne Rassismus (www.no-racism.net)
organisiert. Ziel der Karawane wurde die Thematisierung
von Migrationspolitik und der dazu dienlichen rassistischen
Gesetze, die die Ungleichheit zwischen Personen institutionell
festlegen.
"Der Slogan und die Forderung 'noborder - nonation'
ist ein Fokus, der österreichische Widerstandsformationen
mit globalen Protestbewegungen verbindet. 'The Right
for the Freedom of movement' ist dabei die idealistische
und radikale Forderung für viele transnationale Bewegungen
in Zeiten der Globalisierung. Anti-rassistische und
anti-nationale Kulturarbeit realisiert sich zunehmend
im internationalen Austausch. Das Internet forciert
die Vernetzung. Parallel zu der zunehmend restriktiven
'Harmonisierung' von Asyl- und Migrationspolitik wurden
in den vergangenen Jahren Versuche gestartet, die Vernetzung
anti-rassistischer Organisationen voranzutreiben. Unabhängige
Medienarbeit, vernetzte Demonstrationen, direkte Aktionen
sind Manifeste gegen das internationale Projekt von
Deportation und Ausschluss. In Zusammenarbeit und Koordination
mit dem internationalem noborder-Netzwerk (www.noborder.org)
wurden u.a. noborder-Camps und Karawanen organisiert.
Eine davon war im vergangenen "summer of Resistance"
die noborder-nonation-VolxTheaterKarawane." [2]
Die VolxTheaterKarawane bereiste auf ihrer Tour Österreich,
Slowenien und Italien und führte an Orte, an denen Grenzregime
problematisiert und attackiert werden konnten. Requisiten
und Kostüme waren unter anderem orange Overalls und
Helme, Reifenschläuche, Spritzpistolen, UNo-SoldatInnenausrüstung,
etc. Zu Beginn der Tour wurde das Denkmal an der österreichisch-ungarischen
Grenze, das der Heldentat des "Zaundurchschneidens"
durch den ehemaligen Außenminister Alois Mock und somit
des Siegs über den Kommunismus gedenkt, von den UNo
SoldatInnen "Künstler lernen schießen" in
einem theatralischen Akt abgeschossen, dann fuhr die
Karawane nach Salzburg zum WEF-Gipfel, um mit dem Reifenschlauch-WEF-Monster
in die rote Zone einzudringen. Im Rahmen des noborder-Camps
an der slowenisch-ungarisch-kroatischen Grenze wurden
im Niemandsland am internationalen noborder-action-day
noborder-Pässe durch U-no-SoldatInnen verteilt, die
einen Grenzübertritt ohne Pass ermöglichen sollten.
In Ljubljana organisierte die Karawane gemeinsam mit
slowenischen Gruppen eine Demonstration vor einem Abschiebegefängnis,
in Kärnten wurde das PartisanInnenmuseum besucht und
über Minderheitenrechte diskutiert. Der Höhepunkt der
noborder-Tour war die Teilnahme an der Demonstration
für MigrantInnenrechte am 19. Juli 2001 in Genua, wo
die Karawane gemeinsam mit anderen Gruppen den theatralen
Alien-Nation-Block bildete.
Die Transversalität der VolxTheaterKarawane
Die VolxTheaterKarawane fordert idealistisch, romantisch,
positiv, weltfremd: noborder - no one is illegal
- Für das Recht auf Bewegungsfreiheit: Der Begriff Migration
kann anders bewertet werden... Der Widerstand gegen
die Abschottungspolitik der Festung Europa und den ausufernden
Neoliberalismus wächst international... Soziale Bewegungen
beginnen sich an der Basis zu organisieren und beziehen
MigrantInnen von Anfang an ein...
Die Realität steht den idealistischen Gedanken oft
erschreckend ernüchternd, kompliziert, banal und schizophren
gegenüber. Die Teilnahme von MigrantInnen bei der VTK
war projektbedingt schwierig bis unmöglich. AsylwerberInnen
in Österreich haben keine rechtliche Möglichkeit, Österreich
zu verlassen, auch nicht für einen begrenzten Zeitraum.
Die Karawane 2001sollte, genauso wie die noborderZONE
2002, was die Beteiligten betrifft, nationale Grenzen
hinter sich lassen. Doch realpolitisch ist es Menschen,
die in Österreich einen ungesicherten Aufenthaltsstatus
haben, schwer möglich, auch nur in andere EU-Länder
zu reisen. So ergab sich, dass ausschließlich Personen
mit österreichischem, deutschem, US-amerikanischem,
australischem und slowakischem Reisepass an den Projekten
teilnahmen. Für AsylwerberInnen wäre ein Grenzübertritt
zu gefährlich. Außerdem ist es in Österreich AsylwerberInnen
verboten, sich aktiv politisch zu betätigen - das könnte
die "Ruhe und Sicherheit" des Landes gefährden.
Die selbstkritische Erkenntnis bleibt, dass gemeinsame
Arbeit mehr Zeit und kontinuierliche Auseinandersetzung
mit der Organisation braucht. Sich mit anderen vernetzen
und zusammenarbeiten bedeutet, festgefahrene Grenzen
im Kopf zu überwinden und idealistische Ziele ebenso
wie die migrantische Realität zu berücksichtigen.
Was die Reisebedingungen der noborder-Tour betrifft,
war jeder Grenzübertritt der Karawane an sich strategisches
Handeln und mühsames Spiel. Nie war klar, wie lange
die Karawane aufgehalten, wer kontrolliert und beobachtet,
wer oder was nicht über die Grenze dürfen würde. Die
Karawanensprachen wechselten fließend und stotternd
von deutsch zu englisch, spanisch, slowakisch. Das intensive
Zusammenleben bedingte Gruppendynamiken, die erst einmal
ausgehalten werden mussten, und von außen drohten dem
Reiseprozess Gefahren und Repressionen. Experimente
beginnen meist mit Enthusiasmus, doch dann kommen -
wie das Amen im Gebet - Machtspiele. Erfahrungen in
der Praxis beschreiben den Prozess oft als ernüchternd;
repressive Mechanismen sind oft starr in der Struktur,
hart und zermalmend. Doch die heterogenen Erinnerungsbilder
suchen nach Momenten, die Sinn geben, den Prozess und
seine Inhalte analysieren, um politische Handlungs-
und Organisationsfähigkeit weiter zu denken.
Fluchtlinie? Warum nicht eine Transversale ziehen
- local und global - oder ein Versuch des "Minoritär
werdens"?... / - HM - / ...Dies bedeutet
dann - wie bei den Rhizomaten Deleuze und Guattari nachzulesen
- Logozentrismen aufzuweichen, das Ziehen von "Fluchtlinien"
zu ermöglichen und die Schaffung revolutionärer nomadischer
Kriegsmaschinen voranzutreiben... / - WOW!! / -
...Damit sollen gesellschaftliche Trennungen und
Ordnungssysteme mittels Bewegung von Affekten und Intensitäten
irritierend in Frage gestellt werden; das Schlachtenpanorama
einer "großen" Revolution ersetzen die Theoretiker
durch ein Mosaik "kleiner wunschrevolutionärer"
Veränderungen... / YEAH!!! -
Die Begriffe "Empire" und "Multitude",
die Negri Hardt im neuen Analysehit ertönen lassen,
versprühen für mich, die Theorie- und Theaterbegeisterte,
genauso wie Deleuze/Guattaris Transversalzüge, Hoffnung,
aber auch ein gewisses begehrenswertes theatrales Pathos,
das durchaus grooven kann. Gute Musik/Analyse
ist noch keine Anleitung zur Handlung, aber sie verändert
den Ton und macht das Spiel bewusster. Natürlich sind
Negris und Hardts Theorien bedingt messianisch, fast
christlich, aber trotzdem: Theorie mit spirit,
das braucht die ernüchterte Seele auch einmal. Vielen
der VolxAktivistInnen ist Theoriegesudere allerdings
wurscht, das Besserwissen mit Theorie schaffe allenfalls
Hierarchien. Der Begriff "Empire" ist vielleicht
deswegen attraktiv, weil er etwas mit Star Wars, Yoda
and the Rebels zu tun hat. Intellektuellenstreitrhetorik
spielt da keine Rolle. Seltsame Klassengebilde und Vorurteile
durchziehen natürlich auch das linke Schlachtfeld. Brav
getrennt auf den verschiedenen Diskussionsforen verfestigen
sich die z.T. berechtigten Berührungsängste. Unterschiedliche
Begriffs- und Bilderproduktionswelten prallen allzu
oft gegeneinander oder aneinander ab. Abgrenzung ist
grundsätzlich wichtig, Vereinzelung überhaupt modern,
um solidarische Kritik geht es meist erst zweitrangig.
Und oft genug fragt man sich: Ist das die Multitude?
Wer will noch nach Aktions- und geeigneten Darstellungsformen
suchen und über politische Handlungsfähigkeit nachdenken,
stundenlang auf Plena sitzen?
Die Karawane zieht weiter....
Die Bilderproduktion der Medien hat die Karawane manifest
gemacht und zerrieben. Das Projekt erlangte im Zuge
der Verhaftung nach den G8-Protesten in Genua eine bis
dahin nicht geahnte Bekanntheit. Damit wurde das Bild
der VTK den BilderproduzentInnen entrissen. Die Frage,
ob die Fluchtlinie transversal oder terroristisch ist,
hatte das molare Tribunal zu beurteilen. Die Terrorkeule
drohte den Theaterbegriff, die transversalen Intentionen
und die nicht gelehrigen Körper zu zerschlagen. Trotz
nach wie vor offenem Prozessausgang wollen jedoch viele,
dass das Projekt weitergeht. Aber in der Reflexion des
eigenen politischen Handelns, in der Auswertung und
Selbstkritik, in den konkreten Zielsetzungen gehen die
Ansichten oft weit auseinander; die Gruppe entwickelt
und verändert sich weiter. Schwerpunkte der fortlaufenden
Arbeit sind weiterhin die kontinuierliche Zusammenarbeit
mit der Plattform für eine Welt ohne Rassismus, die
internationale noborder-Vernetzung, eigene Medienarbeit
und die Suche nach "artivistischen" Ausdrucksformen.
In Kollektivarbeit mit MigrantInnengruppen lief von
Februar bis Mai 2002 die Kampagne "Wo ist Marcus
Omofuma?" anlässlich des Prozesses gegen die drei
Fremdenpolizisten, die den Nigerianer Marcus Omofuma
beim Abschiebeflug im Mai 1999 so lange gefesselt und
geknebelt hatten, bis er nach langem Todeskampf starb.
(Sie wurden zu acht Monaten bedingt verurteilt und versehen
weiterhin Dienst bei der Polizei) Das Spektrum des Betätigungsfeldes
reichte von Prozessbeobachtung über Pressearbeit zu
theatralen Aktionen vor dem Gericht. [3]
Die "Plattform" hat als Vernetzungs- und Organisationsforum
von verschiedenen antirassistischen Gruppen und MigrantInnen
eine enorm wichtige Funktion in der Entwicklung, beim
Kennenlernen und in der Diskussion über Zusammenarbeit
und politische Organisationsformen.
Das derzeitige Projekt der VolxTheaterKarawane 2002
heißt: noborderZONE. Die Verlagerung des Projekts geht
Richtung Erweiterung der Möglichkeiten virtueller Vernetzung
und eigener Medienproduktion.
"Menschen bewegen sich physisch und virtuell
über Grenzen. ArtivistInnen stellen elektronische Grenzen
durch digitale und physische Kommunikation in Frage.
Staatliche und multinationale Organisationen kontrollieren
zunehmend diese beiden Flüsse und Bewegungen. Informationstechnologie
ist aber auch ein Teil einer sich frei bewegenden Widerstandskultur
und ein Werkzeug, um an einer Gesellschaft ohne Kontrolle
zu arbeiten." [4]
Die Idee der noborderZONE ist eine vernetzte Installation
auf öffentlichen Plätzen als Forum für öffentliche Auseinandersetzung,
die einerseits Informationen zu den Themen Migration,
Globalisierung und Widerstand bietet (Infopoint, Videothek,
Audioarchiv), andererseits einen Ort markiert, von dem
physischer und virtueller Widerstand ausgeht und eigene
Medienarbeit geleistet wird.
Im März 2002 organisierte und gestaltete das kulturpolitische
Kollektiv noborder (diesmal u.a. mit VolxTheaterKarawane,
Kunst der Stunde ist Widerstand, www.no-racism.net,
wr, mayday 2000, indymedia, kein mensch ist illegal)
im Rahmen des österreichischen Filmfestivals Diagonale
in Graz die Videoreihe "noborder - nonation"
1-3) und das unabhängige Medienprojekt noborderZONE
als Testlauf im öffentlichen Raum. [5]
Ein alter englischer Doppeldeckerbus wurde im Frühjahr
2002 zum mobilen Medienzentrum umgebaut, mit Computern,
Server, Radiostation und Loungebar inklusive Videothek
am Dach. Die VolxTheaterKarawane zog damit im Juli zuerst
zum internationalem noborder-Camp nach Strassburg und
danach noch spontan zur Dokumenta11 nach Kassel. Hauptthema
des Transversalzugs war diesmal die Politik der "Festung
Europa" und im Speziellen das Schengen-Informationssystem
SIS.
zone.noborder.org
In Strassburg (19.7.-28.7.2002) installierte die VolxTheaterKarawane
im Rahmen des noborder-Actioncamps eine noborderZONE/Medialounge
am Bahnhofsplatz. Der Bus fuhr jeden Tag vom Camp an
der deutsch-französischen Grenze zur installierten Campaußenstation
in der Innenstadt, wo es Live-Radiostreams und aktuelle
Internetberichterstattung zu allen im und rund um das
Camp stattfindenden Aktionen gab. Auf Radio Orange etwa
waren täglich in der noborderZONE-Schiene Berichte und
Interviews zu hören. Der mobile MedienBus stand AktivistInnen,
TouristInnen und InteressentInnen zur Benutzung zu Verfügung
und war Ausgangspunkt für theatrale Eingriffe in der
Umgebung.
"Strasbourg wurde nach Kriterien von "biopolitischen
Systemen" erforscht, Räume wurden vermessen, und
mittels biologischer Scans wurden wertvolle Daten über
die Zusammensetzung von Biopolizei und elektronischen
Substituten gesammelt. Abschliessend wurden die Daten
mit dem SchengenInformationsSystem (SIS) verbunden und
das System dabei allgemein zugänglich gemacht."
[6]
Kamera- und Interviewtrupps, Forschungsteams und WissenschafterInnen
des Instituts für biopolitische Systeme untersuchten,
mit Netzwerkplänen und Kartographien des Strassburger
"syndicat potentiel" ausgerüstet, Zusammenhänge
sozialer, virtueller und physischer Kontrolle. Ziele
der Forschung waren u.a. das SIS, Hotelketten, Ordnungskräfte,
der Bahnhof, ein Lufthansabus, Demonstrationsrouten
und überwachte Zonen in der Innenstadt.
Strassburg war das erste internationale vom noborder-Netzwerk
organisierte noborder-Camp mit bis zu 2000 TeilnehmerInnen
und versprach ein "10-tägiges Laboratorium für
kreativen Widerstand und zivilen Ungehorsam" [7].
Die VolxTheaterKarawane organisierte sich mit anderen
Gruppen im "Medienbarrio", um Info-, Medienarbeit
und Interviews zu machen und vernetzte sich für konkrete
Aktionen. Nach vier Tagen verbot die Polizei alle noborder-Aktionen
in der Stadt und ging von der anfänglichen Deeskalationsstrategie
zur repressiven Offensive über. Die Bürgermeisterin
von Strassburg, die Polizei und die Medien sahen im
Camp eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und hetzten
gegen die "gewaltbereiten Globalisierungsgegner".
Tränengaseinsätze gegen AktivistInnen, Verhaftungen
und Einkesselungen war die Antwort der Staatsgewalt;
Prozesse folg(t)en.
Was die Zusammenarbeit bei der Organisation und die
Teilnahme von MigranntInnen am noborder-Camp in Strassburg
betrifft, waren in den Vorbereitungstreffen und auf
dem Camp stark die MigrantInnenorganisation The Voice
[8] und in Strassburg
selbst die Gruppe MIB [9]
vertreten. The Voice legten den Schwerpunkt der Forderung
auf die Abschaffung der Residenzpflicht in Deutschland.
Vom noborder-Camp in Jena, wo The Voice gegründet wurde,
fuhr eine Karawane direkt nach Strassburg. Hauptaktion
war eine Demonstration zum europäischen Gerichtshof,
mit der das Recht auf Bewegungsfreiheit und die Abschaffung
der Residenzpflicht gefordert wurde. Insgesamt war die
Beteiligung von MigranntInnen am Camp auffallend niedrig,
was mit mehreren Faktoren zu tun hat: realen Repressionsgefahren,
Kritik an StellvertreterInnenpolitik, Alibifunktion,
Zeit, usw. Das Laboratorium für kreativen Widerstand
verstrickte sich in Repressionsängsten, Auseinandersetzungen
über Organisation, Aktionen und Medienarbeit. Viele
TeilnehmerInnen, auch die wenigen MigrantInnen, die
gekommen waren, hatten das Gefühl, dass die Anliegen
wieder einmal im Repressionsapparat untergingen und
das Camp nur begrenzt Wirkung zeigte. Vernetzung und
Zusammenarbeit mit MigrantInnen sind wichtig, aber in
der Realität ist das Ideal erst langsam und mit Geduld
zu verwirklichen. Es ist davon auszugehen, dass diese
Vernetzungsbemühungen noch am Anfang stehen.
Dokumenta11 - Plattform6: Bewegungsfreiheit realisieren
Nach dem noborder-Camp in Strassburg fuhr die Karawane
mit internationaler "Verstärkung" direkt "auf
Einladung" zur Dokumenta11 - Plattform5 nach Kassel,
um dort spontan eine noborderZONE zu errichten. (Bereits
bei der Plattform1 in Wien im Frühjahr 2001 wurde das
VolxTheaterKarawanenprojekt: noborder-nonation vorgestellt).
"Die Verbindung von Räumen (virtuellen und
physischen) und die Vernetzung von politischen und künstlerischen
Systemen sind wesentlicher Inhalt des Projekts noborderZONE.
Nicht zuletzt aus diesem Grund freuen wir uns, in Kassel
die Verbindung von politischen und künstlerischen Räumen
und ihren Praxen darzustellen und die Dokumenta zu besuchen
und zu erforschen. Plattform6 macht auf die prekäre
Situation von Menschen aufmerksam, die jeden Moment
abgeschoben werden können."
Nachdem die VolxTheaterKarawane bei ihrem ersten Versuch,
den Platz vor dem Dokumentagebäude temporär als noborderZONE
zu besetzen, gescheitert war, und von Sicherheitssprecher
und Polizei als Gefahr behandelt und des Platzes verwiesen
wurde, gelang es mit Unterstützung der Co-Kuratorin
Ute Meta Bauer und in intensiver dreitägiger Zusammenarbeit
mit verschiedenen Gruppen (aus Kassel, von der Romakarawane
Düsseldorf und mit Noborder-Aktivistinnen aus Italien,
Irland, Frankreich) am Hauptplatz von Kassel, wieder
vor dem Fridericianum, eine 24 stündige noborder-Camp-Installation
aufzubauen und die Plattform6 der dokumenta11 - noborderZONE
auszurufen. Hauptthema war die drohende Abschiebung
von Romafamilien aus Deutschland. Eine Delegation der
Roma aus Düsseldorf war nach Kassel gekommen und baute
eine kleine Ausstellung auf, informierte und diskutierte
mit vielen interessierten BesucherInnen, die in der
Schlange standen, um sich die größte zeitgenössische
Ausstellung anzusehen, über ihre Lebensbedingungen in
Deutschland und die drohende Abschiebung. [10]
"Bewegungsfreiheit realisieren" stand als
Diskussionsmotto auf den Foldern für BesucherInnen im
gefälschten dokumenta11-Layout. Die Pässe der TeilnehmerInnen
des Camps waren DokumentamitarbeiterInnen- und Presseausweise.
Zusammenarbeit und Effekt waren für alle Beteiligten
zufriedenstellend, in der Institution Dokumenta11 löste
das Projekt interne Diskussionen über Kunst- und Politikverständnis
aus.
Die Schaffung von Gegenöffentlichkeit durch Medien-Projekte,
Diskussionen und Volx-Theater meint nicht zuletzt, dass
das Bildermachen und Darstellen der Vorgänge eingebunden
ist in ein Handeln, in politische Projekte mit konkreten
Forderungen und Zielen. Viele Versuche schlagen fehl
und bestätigen Vorurteile gut gemeinter Aufklärung bzw.
additiver Bildproduktion. Trotzdem, mit dem Wert der
Erfahrung und der Experimente, des Austauschs und der
Auseinandersetzung werden Organisationsformen praktisch
ausprobiert, der Qualitätsgrad zusehends gesteigert,
romantische Theorie und praktisches Chaos z.T. fassbarer.
Und am Ende eines Projekts stellen sich immer wieder
die notwendigen Sinnfragen: Was bedeutet das eigene
Tun? Wie kann Vernetzung, Zusammenarbeit und politische
Organisierung verbessert werden? Wie kann StellvertreterInnenpolitik
verhindert werden? Wie effektiv ist das Agieren als
politische Theatergruppe, die Forderungen jenseits von
Kapital und Staat erhebt und als Wirkung im System höchstens
Juckreiz erzeugt? Gibt es die Möglichkeit zur Veränderung,
ohne permanent gegen die Wand zu rennen und regelmäßig
von der Staatsgewalt eine auf den Kopf zu bekommen?
Und wie wird man/frau in der Disziplinargesellschaft
eines kapitalistischen Multikulturalismus ein "transversaler
Bastard"?
aus: Gerald Raunig (Hg.), TRANSVERSAL. Kunst und
Globalisierungkritik. Wien: Turia + Kant 2003
[1] Zitat des damaligen
Schauspielhausleiters Hans Gratzer.
[2] Dokumentation siehe:
http://www.no-racism.net/nobordertour
[3] http://www.no-racism.net/racismkills
[4] http://www.dsec.info
[5] http://www.no-racism.net/noborderzone
[6] http://zone.noborder.org
[7] http://www.noborder.org
[8] http://www.humanrights.de/voice
[9] http://www.mibmib.free.fr
[10] http://www.krit.de/roma
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