| Manchmal liegen die Gründe für so genannte
Missverständnisse gegenüber einem bestimmten Begriff in
Schwächen dieses Begriffs selbst. Das wird spätestens
dann augenfällig, wenn selbst wortführende TheoretikerInnen
jenes Bereichs, in dem ein solcher Begriff zu zentraler
Bedeutung gelangt ist, diesen "Missverständnissen"
aufsitzen oder sie sogar erzeugen.
Der Begriff der Hybridität ist ein gutes Beispiel dafür.
Vor allem innerhalb der Postcolonial Studies zu einem
Schlüsselkonzept avanciert und mittlerweile in das weite
Feld diverser politischer und Kulturaktivismen übernommen,
scheint er zuweilen einem einzigen großen Missverständnis
Ausdruck zu geben; so etwa wenn Edward W. Said, Autor
einiger Standardwerke der Postcolonial Studies, mit
Blick auf in Europa lebende MigrantInnen asiatischer
oder afrikanischer Herkunft schreibt: "Ich denke,
es wäre ein groteskes Missverständnis der kulturellen
Entwicklung, wenn man aus rassischen oder ethnischen
Gründen diesen neuen Bereich der europäisch-außereuropäischen
Kultur ausschlösse. Alle Kulturen sind hybrid, keine
ist rein, keine ist identisch mit einem reinrassigen
Volk, keine ist homogen." [1]
Aussagen dieser Art scheinen zunächst - soweit sie
sich auf die Feststellung beschränken, "Kulturen"
seien in sich niemals homogen - schlicht und einfach
banal. Die Sache kompliziert sich allerdings bereits
angesichts der Frage, was die Rede von "Kulturen"
hier eigentlich bedeuten soll: Wenn nämlich "alle
Kulturen" hybrid sind, wie sollen diese Kulturen
dann als solche, genauer: als bestimmte kulturelle Totalitäten
identifizierbar sein? Schließlich setzt jede Aussage
des Typs "Diese Kultur ist hybrid" voraus,
dass "diese Kultur" als diese hybride
Kultur (und nicht als eine andere) identifiziert worden
ist; gleichzeitig kann diese Identifikation aber nicht
an einer Identität der gemeinten Kultur mit sich selbst
festgemacht werden, da diese ja hybrid ist.
Die Aussage spannt also ein diskursives Feld auf, das
sich zwischen einem Hybriditätspol auf der einen und
einem Identifikationspol auf der anderen Seite erstreckt.
Der Versuch, sie in Richtung Hybridität aufzulösen,
mündet letztlich in den Gemeinplatz: "Alles soziale
Zusammenleben ist heterogen", mit dem so gut wie
alle politischen und gesellschaftlichen Fragen eröffnet
sind, aber kaum eine beantwortet; am anderen Pol verbietet
sich zwar die Annahme einer vorgegebenen Identität (bzw.
werden Identitätsfiguren als historische Narrative oder
ideologische Konstruktionen analysierbar), aber nur
um das Problem von Identifikationsoperationen, wie sie
noch in der eigenen Aussage am Werk sind, völlig offen
zu lassen.
All dies ist kaum verwunderlich, nicht nur angesichts
der prekären Geschichte des Hybriditätsbegriffs, die
in die Botanik, Zoologie und etwas später die "Rassenlehren"
des 18. und 19. Jahrhunderts weist [2],
und damit in den Umkreis von Ideen und Praxen der Züchtung,
Kreuzung und Sozialtechnologien, für die die Opposition
von "Reinhaltung" und "Vermischung"
ebenso zentral war wie ein systematischer Identifikationswille,
der wohlgemerkt vor dem "Hybriden" nicht Halt
machte. Es ist auch kein Zufall, dass sich das Hybriditätskonzept
- in den neueren Theoriebildungen gerade gegen
rassistische Verfemungen gewendet - vornehmlich in Diskursen
über "Kultur" entwickelt hat. Es ist oft festgestellt
worden, dass der Diskurs über Kultur(en) sich weniger
auf vorgegebene - etwa naturhafte - Identitäten bezieht,
sondern vielmehr einen Schematismus der Identität(en)
ins Werk setzt, der die Identitätsbestimmung von Kollektiven
zwar in letzter Instanz leer lässt, aber nur
um geradezu zwanghaft an kulturellen Identitätsfiguren
interessiert zu sein - mehr noch: diese hervorzubringen.
Genau aus diesem Grund jedoch bleibt die Rhetorik der
Hybridität nicht nur eigentümlich zahnlos in der Auseinandersetzung
mit neorassistischen Kulturalismen theoretischer oder
politischer Art, sondern findet sich von diesen zuweilen
auch direkt in Dienst genommen: so etwa, als vor gut
zwei Jahren aus der FPÖ zu hören war, MigrantInnen aus
den ehemaligen Monarchieländern würden ohnehin als "Österreicher"
empfunden - im Gegensatz freilich zu den "außereuropäischen
Muslimen". Der Erfolg des ermordeten niederländischen
Rechtspopulisten Pim Fortuyn ist auf ein ähnliches Phänomen
zurückzuführen: Mit den MigrantInnen verschiedener Generationen,
die die niederländische Gesellschaft prägen, habe er
kein Problem (nach ihrem Wahlerfolg fordert die Liste
Fortuyn nun sogar eine Kampagne zur Regularisierung
von Sans-Papiers, die der drastischen Verschärfung der
Zuwanderungsbestimmungen vorausgehen soll), aber nun
sei es eben - da sämtliche sozialen Probleme mit Migration
verknüpft seien - genug damit, und überdies sei der
Islam eine "rückständige Kultur".
Das Bekenntnis zur "Hybridität" - dieser
Hybridität, die im jeweiligen Fall vordergründig affirmiert
wird - lässt sich also, entgegen der suggestiven Formulierung
Edward Saids, trefflich mit einer rigorosen Politik
des Ausschlusses verbinden. Der Grund dafür liegt vor
allem darin, dass die Verhandlung dieser oder jener
Identität, dieser oder jener Hybridität nur dazu dient,
einen anderen Ausgrenzungsmechanismus zu verschleiern,
der nicht "kultureller", sondern politisch-juridischer
Art ist: den konstitutiven Rechtsausschluss von Nicht-StaatsbürgerInnen
aus dem Nationalstaat - mit allen seinen Konsequenzen,
die heute sichtbarer denn je werden (denken wir an die
Flüchtlingslager, die Flüchtlingsschiffe, die Formen
der wirtschaftlichen Inklusion von ArbeitsmigrantInnen,
die nichtsdestoweniger denselben konstitutiven Rechtsausschlüssen
unterliegen, die daraus resultierenden Abdrängungen
in die Klandestinität, aber auch an die fortschreitende
Militarisierung der Grenzsicherung).
Die Soziologin Nora Räthzel bringt das Problem auf
den Punkt, wenn sie schreibt: "Somit ist die Beantwortung
der Frage: aus welchen Kulturen (Ethnien) setzt
sich die Nation zusammen, keine Antwort auf die Frage,
wie sich Ausgrenzungsprozesse verhindern lassen. Im
Gegenteil, die Antwort Hybridität bestätigt nur den
Rahmen, der Ausgrenzungsprozesse hervorbringt, indem
sie ihn unangetastet lässt und lediglich seinen Inhalt
anders definiert." [3]
Wie aber ist angesichts all dessen ein "hybrider
Widerstand" denkbar? Eine etwas überspitzte erste
Antwort darauf lautet: gar nicht. Jedenfalls so lange
nicht, solange die Widerstandspotenziale (gegen Rechtsextremismen,
Rassismen, die gegenwärtige Globalisierungspolitik etc.)
im bloßen Faktum unterschiedlicher Gemengelagen von
AkteurInnen vermutet werden. Ein solcher Widerstand
baut auf den Bedingungen seiner eigenen Ohmacht; er
droht eine abstrakte Heterogenität zum nicht weiter
befragten Selbstzweck werden zu lassen und schließlich
an einander ausschließenden Identifikationen zu zerbrechen.
Die Ausweitung des Hybriditätsbegriffs über Fragen "kultureller
Zugehörigkeit" hinaus auf verschiedene Arten von
Terrainüberschreitungen zwischen Kunst und Politik,
Theorie und aktivistischer Praxis, StaatsbürgerInnen
und Nicht-StaatsbürgerInnen etc. ändert daran, schon
aufgrund bestehender struktureller Zwänge, meist wenig.
Eine weiterführende Perspektive eröffnet hingegen eine
Analyse von "Hybridisierungsprozessen", die
der Postkolonialismustheoretiker Homi K. Bhabha [4]
gegeben hat: "Hybridität" habe sich im kolonialen
Kontext vor allem dadurch entwickelt, dass die Kolonialmacht,
um ihre Herrschaft konkret durchzusetzen, auf eine Übernahme
von Autoritätssymbolen und -diskursen durch die Unterworfenen
angewiesen gewesen sei. Diese Wiederholung des
Herrschaftsverhältnisses im Akt der Unterwerfung ist
jedoch etwas anderes als dessen bloße Repräsentation.
Sie führt durch die Wiederholung bzw. durch die zustande
kommende Verfremdung eine Differenz in die gegebenen
gesellschaftlichen Verhältnisse ein, die weder die koloniale
Autorität noch auch die unterdrückte Gesellschaft unberührt
lässt, sondern sie "hybridisiert" und zugleich
die bestehende Macht verzeitlicht und destabilisiert;
sie verfremdet und transformiert, so Bhabha, die Symbole
der Autorität in Zeichen der Differenz.
Die Potenziale der Widerständigkeit nähren sich demzufolge
aus dem Wesen der Macht selbst, die sich - um sich als
Macht erhalten zu können - immer aufs Neue inszenieren
muss: "Die Reiteration der Macht", schreibt
etwa Judith Butler, "verzeitlicht nicht nur die
Bedingungen der Unterordnung, sondern erweist diese
Bedingungen auch als nichtstatisch, als temporalisiert
- aktiv und produktiv. Die durch die Wiederholung erzielte
Verzeitlichung bahnt den Weg für die Verschiebung und
Umkehr der Erscheinung der Macht." [5]
Der sich auf diese Weise formierende Widerstand hat
jedoch einen Preis: Er ist dazu gezwungen, sich im Rahmen
einer gewissen Komplizenschaft mit der Macht, gegen
die er opponiert, zu artikulieren. Oder, um noch einmal
Butler zu zitieren: "Im Akt der Opposition gegen
die Unterordnung wiederholt das Subjekt seine Unterwerfung"
[6] - nichtsdestoweniger
handelt es sich um einen Akt der Opposition.
Ein gutes Beispiel dafür bietet die Wiener Wahl Partie,
jene Plattform, die im Frühjahr 2001 in den Wiener Gemeinderatswahlkampf
intervenierte. Zentrale Forderung der Kampagne war das
Wahlrecht für nicht eingebürgerte MigrantInnen, zentraler
Angriffspunkt dementsprechend die deliberative Fiktion
eines umfassenden gesellschaftlichen Interessenausgleichs,
der gleichwohl migrantische Teile der Gesellschaft ausschließt.
Das Wahlverfahren entpuppt sich so als ein Dispositiv,
das zwar eine gewisse demokratische Kontrolle der staatlichen
Macht erlaubt, zugleich aber einen Ausgrenzungsmechanismus
etabliert und wiederholt, der in der Wahl selbst kaum
anfechtbar ist.
Die Wiener Wahl Partie reagierte darauf, indem sie
sich nicht als Partei, sondern - in einer Geste der
Verfremdung - als Partie formierte, wodurch der
Ausgrenzungsmechanismus unterlaufen und eine konstitutive
Zusammenarbeit zwischen migrantischen und nicht migrantischen
Gruppen möglich wurde. In Anwendung klassischer Wahlkampfmethoden
(Öffentlichkeitsarbeit, Wahlkampfauftritte auf Wiener
Märkten etc.) und spezifischer Strategien (z. B. der
Verbreitung von Flugblättern in türkischer und serbokroatischer
Sprache) wurde nicht nur die Wahlrechtsforderung vertreten,
sondern auch um Wahlbeteiligung eingebürgerter MigrantInnen
(insbesondere der so genannten zweiten Generation) geworben,
deren unterdurchschnittliche Teilnahme an Wahlen als
Sekundäreffekt des gesellschaftlichen Ausschlusses verstanden
werden kann.
Obwohl extrem darauf bedacht, jede Komplizenschaft
mit der Macht zu meiden, konnte jedoch auch die Wiener
Wahl Partie dieser Komplizenschaft nicht ganz entkommen:
schon deshalb nicht, weil eine Wahlkampagne, deren AkteurInnen
selbst nicht wählbar sind, sich natürlich ihrerseits
den bestehenden Regulativen durch eine Art Selbstausschluss
unterordnet. Auch allgemeiner gilt, dass Schwierigkeiten
dort vorgezeichnet sind, wo die unterschiedlichen politischen
Situationen und Abhängigkeiten von AktivistInnen die
Handlungsoptionen limitieren und mitbestimmen. Schließlich
vermag auch die notorische "Ehrenamtlichkeit"
aktivistischer Arbeit, selbst noch als Komplizin vorherrschender
Wertabsteckungen entzifferbar, Abhängigkeiten nicht
zu umgehen, sondern nur in individuelle Erschöpfung
und ökonomische Balanceakte umzuleiten.
Solche Erfahrungswerte belegen - abseits der persönlichen
Entmutigungen, die sie zum Teil hervorrufen - vor allem
die unausweichliche Wiederholung bestehender Machtverhältnisse,
in die sich politisch-aktivistisches Handeln involviert.
Sie weisen aber auch auf die Frage hin, wie mit
dieser Unausweichlichkeit umgegangen werden kann, d.
h. welches Ineinandergreifen von politischen Inhalten,
Handlungsstrategien und der Herstellung konkreter Allianzen
tatsächlich geeignet ist, eine bestimmte "Verschiebung
und Umkehr der Erscheinung der Macht" (Butler)
zu bewirken. Kurzum: Sie weisen auf die Frage nach der
politischen Organisation hin.
Die Antwort "Hybridität" erweist sich angesichts
dieser Frage als Leerformel: Selbst wo sie, wie bei
Homi Bhabha, über die bloße Heterogenitätsfeststellung
hinaus auf die Entstehungsbedingungen von Widerstandspotenzialen
hinweist, bleibt sie doch zumeist die Auskunft über
politisch-konkrete Veränderungspotenziale dieses
Widerstands schuldig. Am Ende sickert der neue Hybriditätsdiskurs
signifikanterweise dorthin zurück, woher er gekommen
ist: in eine nebulose "Kultur", die nun nicht
mehr als "die Quelle des Konflikts"
zu verstehen sei, sondern als "Effekt diskriminatorischer
Praktiken" sowie als "Produktion kultureller
Differenzierung als Zeichen der Autorität" [7],
der aber jedenfalls alle Hoffnungen anvertraut werden.
Wenn auch kaum zu bezweifeln ist, dass dadurch Markierungen
der Macht geschaffen werden, so ist es doch keineswegs
ausgemacht, dass diese Markierungen etwas anderes sind
als Symptome einer Gesellschaft, die keinen Ausweg
aus ihren Problemen findet.
Die klassisch-marxistische Linke behauptete, im Proletariat
das soziale Subjekt der Veränderung erkannt zu haben,
und versprach eine gute und gerechte postrevolutionäre
Gesellschaft. Jene heutige Linke, die die Antwort "Kultur"
gibt, bevor sie die Frage nach der politischen Organisation
(und damit den konkreten Handlungsperspektiven von alten
und neuen politischen Allianzen) überhaupt stellt, verspricht
häufig nur noch, dass die sozialen Subjekte selbst in
Veränderung begriffen sind und sich daraus schon die
entsprechenden Widerstands- und Emanzipationspotenziale
bilden werden. Das könnte vielleicht beruhigend sein,
wenn nicht zur gleichen Zeit die politischen und sozialen
Verwerfungen der Gesellschaften, in denen wir leben,
immer größer und immer rigoroser würden.
Ach ja, und da nächstes Jahr in Österreich Nationalratswahlen
anstehen: Es ist Zeit, wieder Wahl Partien zu gründen!
[1] Edward W. Said,
"Kultur, Identität und Geschichte", in: G. Schröder
/ H. Breuninger (Hg.), Kulturtheorien der Gegenwart.
Ansätze und Positionen, Frankfurt/M.: Campus 2001,
S. 53 f.
[2] Vgl. Annie E. Coombes
/ Avtar Brah, "Introduction: the conundrum of mixing'",
in: A. Brah / A. E. Coombes (Hg.), Hybridity and its
Discontents. Politics, Science, Culture, London /
New York: Routledge 2000, S. 3.
[3] Nora Räthzel, "Hybridität
ist die Antwort, aber was war noch mal die Frage?",
in: Brigitte Kossek (Hg.), Gegen-Rassismen. Konstruktionen,
Interaktionen, Interventionen, Hamburg/Berlin: Argument-Verlag
1999, S. 207.
[4] Homi K. Bhabha,
The Location of Culture, London / New York: Routledge
1994, S. 102-122.
[5] Judith Butler,
Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung,
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001, S. 21.
[6] Ebd., S. 16.
[7] H. Bhabha, a.a.O.,
S. 114.
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