| Wenn heute - im allgemeinen wie auch im
Konzept der Linzer Veranstaltung hybrid resistance - davon
gesprochen wird, dass "unproduktive Dichotomien"
zwischen Kultur und Politik, Kunst und Widerstand, künstlerischer
Praxis und politischem Aktivismus überwunden seien, dann
drängt sich die Frage nach der Reichweite solcher Thesen
auf. Im Kontext der visuellen und konzeptuellen Kunst
werden ihre Grenzen relativ rasch deutlich.
Im letzten Jahrzehnt waren in diesem Bereich widersprüchliche
Entwicklungen zu beobachten, die sich bei abstrakterer
Betrachtung nichtsdestoweniger auf einen gemeinsamen
Nenner bringen lassen, nämlich die Entdifferenzierung
zwischen künstlerischen und anderen gesellschaftlichen
Feldern. Diese Entdifferenzierung - ein Begriff, den
der Kulturtheoretiker Scott Lash [1]
gegen die vor allem bei soziologischen Autoren verbreitete
Sichtweise entwickelte, welche von einer zunehmenden
Ausdifferenzierung der Gesellschaft in autonome soziale
Subsysteme ausgeht - wurde nicht nur von Akteuren im
künstlerischen Feld selbst vorangetrieben. Sie ist auch
das Resultat von Prozessen der Kolonisierung künstlerischer
Felder von außen. In diesem Zusammenhang wäre etwa an
jene Ökonomisierung des Sozialen und des Kulturellen
zu denken, deren Logik von Theoretikern der Gouvernementalitätsstudien
[2] im Anschluss
an den späten Foucault herausgearbeitet worden ist.
Ein Teilaspekt dieser Ökonomisierung ist das Eindringen
von korporativer Macht in die europäischen Kunstfelder
(nach US-amerikanischem Vorbild), die einen neuen Typus
von "Wirtschafts-Künstlern" hervorgebracht
hat. Dieser Typus zeichnet sich dadurch aus, dass er
sein kulturelles und symbolisches Kapital relativ bereitwillig
Akteuren des ökonomischen Feldes zur Verfügung stellt,
u. a. für deren Imagepolitik, für die symbolische Bekräftigung
interner Hierarchien, für die Motivierung von Mitarbeitern
oder auch für die Entwicklung von "innovativen"
Ideen.
Im Extremfall reicht die Macht von Akteuren aus dem
ökonomischen Feld mittlerweile so weit, dass sie in
der Lage sind, ganze Kunstbewegungen zu lancieren und
in die Kunstgeschichte einzuschreiben, wie dies in Großbritannien
bei Charles Saatchi und den "Young British Artists"
(YBA) zu beobachten war. Angela McRobbie hat die Theorie-Aversion
und den Anti-Intellektualismus dieser ausgerechnet in
einem Zentrum der Cultural Studies und der feministischen
Theorie (Goldsmiths College, London) ausgebildeten jüngeren
Generation von britischen Künstlern beschrieben, ihre
Überschreitung der Grenzen von "Kunst und Leben"
in Form einer post-ironischen Plünderung der Populär-
und Jugendkultur und auch ihre "culturepreneur"-Strategien,
die sie als "Thatchers Kinder" im Feld der
Kunst erscheinen ließen. Wenn der Zynismus dieser von
Charles Saatchi gesponserten und durchgesetzten Künstler
auf den ersten Blick apolitisch anmuten mag, so hat
ihre Einbindung in die hegemoniale Entrepreneurkultur
wie auch in den identitätspolitischen Diskurs von "Cool
Britannia" doch nicht zu übersehende politische
Konnotationen.
In Großbritannien jedenfalls waren im letzten Jahrzehnt
zwar Prozesse der Entdifferenzierung von Kunst, Wirtschaft
und Politik zu beobachten, von jener Überwindung "unproduktiver
Dichotomien" im Sinne der eingangs skizzierten
These kann in diesem Zusammenhang jedoch nicht die Rede
sein. McRobbie zufolge wurde im Gegenteil die in den
80er Jahren noch präsente politische und aktivistische
Kunst durch die YBA marginalisiert. [3]
Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde
in den 90er Jahren die "Privatisierung der Kultur"
nach angelsächsischem Muster [4]
vorangetrieben. Im Gegensatz zu Großbritannien bildeten
sich in diesen Ländern zugleich aber auch Strömungen
oppositioneller "politischer Kunst" heraus.
Holger Kube Ventura, der einen Überblick über diese
kritische Kunst erarbeitet hat, sieht den Hauptgrund
für die Politisierung der Kunst im Einbruch des Kunstmarkts
zu Beginn der 90er Jahre. [5]
Diese reduktionistische Erklärung erscheint allerdings
alles andere als überzeugend. Der Einbruch des Kunstmarktes
betraf die Kunstfelder in allen westlichen Ländern.
Weder in Großbritannien, noch in Frankreich, Italien
oder Spanien ließ sich jedoch eine vergleichbare Politisierung
der Kunst und des Kunstdiskurses erkennen.
Die Politisierung der Kunst in diesen Ländern als "Hybridisierung"
von Kunst und Politik zu fassen oder von einem "hybriden
Widerstand" zu sprechen, erscheint allerdings nicht
unproblematisch. Denn bevor das Konzept der "Hybridität"
über den Umweg der Rezeption von Bachtin zu einem der
kulturtheoretischen Schlüsselbegriffe der jüngeren Zeit
aufstieg, gab es die lange Geschichte des rassistischen
Gebrauchs dieses Begriffs, von den Rassenlehren des
19. Jahrhunderts über die Eugenik bis zu den antisemitischen
und nationalsozialistischen Schriften des 20. Jahrhunderts.
Mit der Aneignung und Redefinition des Hybriditätsbegriffs
durch kulturtheoretische Autoren wie Stuart Hall oder
Homi K. Bhabha war nicht nur eine Zurückweisung der
mit diesem Begriff ursprünglich verbundenen essentialistischen
oder zwangsassimilatorischen Vorstellungen verbunden,
sondern auch der Gedanke der wechselseitigen Durchdringung
- in Interaktionen etwa von Zentrum und Peripherie,
von Unterdrückern und Unterdrückten, von hegemonialen
und subversiven Kräften. [6]
Speziell dieser Aspekt des redefinierten Hybriditätsbegriffs
erscheint mir heuristisch und theoretisch von Interesse,
weil er die Aufmerksamkeit auf die wichtige Frage lenkt,
wieweit "Widerstand" der Logik des Systems,
gegen das er sich wendet, verhaftet bleibt. Der in diesem
Sinn gebrauchte Begriff des "hybriden Widerstands"
würde somit eine Form von oppositioneller Praxis bezeichnen,
die mit dem Nebeneffekt verbunden ist, grundlegende
Systemstrukturen zu reproduzieren.
Eine solche "Hybridität" der oppositionellen
Kunst lässt sich meines Erachtens vor allem in zwei
Hinsichten erkennen. Ein guter Teil der künstlerischen
Produktion, die in Zusammenhang mit den Protesten gegen
die österreichische Regierung, aber auch im Rahmen der
Anti-Globalisierungsbewegung entstanden ist, folgt in
einer ziemlich offensichtlichen Weise einer "akteursorientierten"
Perspektive. [7]
Sie widmet sich mit Vorliebe der Repräsentation kollektiver
politischer Rituale, solchen der Stiftung von Solidarität,
wie solchen der Anwendung von Gewalt, und lenkt die
Aufmerksamkeit auf "gute" oder "böse"
Akteure, seien dies Individuen, Gruppen oder Organisationen.
In der Fixierung auf konkrete Entitäten (wie Individuen
und Gruppen) und deren Absichten, in der Konzentration
auf diskontinuierliche Handlungen und Ereignisse - insbesondere
direkte Gewalt - und in der Privilegierung symbolpolitischer
Ereignisse, die sich im wesentlichen auf der politischen
Vorderbühne abspielen, läuft dieser Typus von künstlerischer
Produktion Gefahr, die Strukturblindheit des hegemonialen
medialen Diskurses und dessen Grundidee zu wiederholen,
wonach die Welt im wesentlichen durch Rekurs auf Akteure
zu verstehen sei.
Zu den strukturellen Merkmalen hierarchischer sozialer
Systeme gehört die Tendenz, sich über die Behinderung
von horizontaler Interaktion an der Basis und über Spaltungs-
und Kooptationsprozesse von antisystemischen Oppositionsbewegungen
zu reproduzieren. Jedenfalls werden beträchtliche Ressourcen
und Energien benötigt, um diesem Fragmentierungs- und
Inkorporationsdruck zu widerstehen. Fragmentierung und
Kooptation drohen - wenn Kube Venturas Diagnose einer
"Entsolidarisierung" im Feld der politischen
Kunst zutreffen sollte - einmal mehr zum Schicksal von
oppositioneller Kunst zu werden, das ist der zweite
Aspekt ihrer Hybridität, den sie sich vielleicht nicht
hinreichend bewusst gemacht hat, um frühzeitig adäquate
Gegenstrategien zu entwickeln.
[1] Scott Lash, Sociology
of Postmodernism. London 1992.
[2] vgl. z. B. Ulrich
Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität.
Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/Main
2000.
[3] Angela McRobbie,
In the Culture Society. Art, Fashion and Popular Music.
London 1999, S. 6ff. Zur Rolle von Saatchi für die Britische
Kunst der 90er Jahre vgl. insbesonders Rita Hatton /
John A. Walker, Supercollector. A Critique of Charles
Saatchi. London 2000.
[4] Chin-tao Wu,
Privatising Culture. Corporate Art Intervention since
the 80ies. London 2002.
[5] Holger Kube Ventura,
Politische Kunst Begriffe in den 1990er Jahren im deutschsprachigen
Raum. Wien 2002, S. 88ff.
[6] Vgl. Bhabha,
Homi K., Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000 und
kritisch zum Hybriditätsbegriff Robert Young, Colonial
Desire. Hybridity in Theory, Culture, and Race. London
1995.
[7] Zur Unterscheidung
einer akteurs- und einer strukturorientierten Perspektive
auf die Welt vgl. Johan Galtung, Menschenrechte - anders
gesehen. Frankfurt/Main 1994, S. 46ff.
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