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So untrennbar die
Forderung nach Kreativität auch seit Beginn des 19.
Jahrhundert an die Vorstellung des Künstlers geknüpft
ist, so nachhaltig ist ihre Bedeutung und Funktion in
der postindustriellen Gesellschaft doch ins Wanken
geraten. Übernahmen durch ökonomische Produktions- und
Managementmodelle haben den von Seiten der Kunst formulierten
Exklusivitätsanspruch auf Kreativität in Aneignungsverfahren
gebrochen - Aneignungsverfahren, die wie Luc Boltanski
und Eve Chiapello ausführten, auch Autonomie, Authentizität
und Befreiung in neue Unternehmensstrategien integrierten. Die Anforderungsprofile
postfordistischer Arbeitsverhältnisse hören sich an
wie ein Echo auf Kriterien, die bislang vorrangig künstlerischer
Praxis und den an sie geknüpften Erwartungen vorbehalten
waren, zählen doch im Umfeld von Selbstverwirklichung,
Selbstbestimmtheit und Freiheit angesiedelte Techniken
der Selbstorganisation und -verwaltung ebenso dazu wie
etwa die Fähigkeit, Paradoxalitäten produktiv zu machen.
Künstlerinnen und Künstlern werden entsprechend Vorbildfunktionen
zugesprochen.
Wer sich die Frage
nach der aktuellen gesellschaftlichen Aufgabe von ausbildenden
Institutionen im Kunstfeld stellt, muss mithin die Bedingungen
affirmativer ökonomistischer Instrumentalisierung mit
bedenken. Unabhängig von der Überlegung, ob Kunst -
oder ob überhaupt etwas - gelehrt werden kann, wie sie
James Elkins in seiner Auseinandersetzung mit der Aufgabe
von Kunsthochschulen aufwirft,
stehen dabei diejenigen Funktionen solcher Institutionen
zur Debatte, die über die Weiterverbreitung einer "Norm
der Abweichung" hinausgehen.
Eine Debatte, die ihr Profil vor dem Hintergrund einer
auf gesellschaftlicher Relevanz bestehenden künstlerischen
und kulturellen Praxis entwickelt und die ihr Gewicht
der besonderen ermöglichenden Nähe zum Produktionsprozess,
wie sie Ausbildungssituationen eigen ist, verdankt.
In einer Erweiterung
der Ansätze der "Institutionellen Kritik"
der späten 1960er und 1970er Jahre sind dabei über die
räumlichen, sozialen oder diskursiven Funktionen der
Institution "Hochschule" hinaus vor allem
deren Effekte von Bedeutung. Angesprochen sei damit
eine Individualisierungsmatrix mit ihren symbolischen
und ökonomischen Verwertbarkeiten, die in Ausbildungssituationen
produziert und weiter verbreitet wird. An sie gebundene
Naturalisierungen, Hierarchisierungen sowie Ein- und
Ausschlussverfahren sowohl zu vermeiden als sich auch
ihnen zu entziehen, setzt, so die These des Folgenden,
eine Handlungsstruktur voraus, die die Institutionalisierung
verweigert, die auf räumliche, zeitliche und soziale
Kontingenz dringt und die sich in ihrer reflexiven Anlage
selbst als Subjekt und Objekt begreift.
Im Mittelpunkt der
hiesigen, auf das kritische Potenzial von Hochschulausbildung
gerichteten Überlegungen steht eine spezifische Form
von Projektarbeit, wie sie einerseits seit 1994 im "Kunstraum
der Universität Lüneburg" und andererseits seit
2000 vom "/D/O/C/K Projektbereich" der Hochschule
für Grafik und Buchkunst in Leipzig praktiziert wird.
In beiden Fällen sowohl transdisziplinär als auch berufsübergreifend
angelegt, bindet sie Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen -
der Kunstgeschichte, Kultur- und Bildwissenschaften,
ebenso wie der Soziologie, Philosophie und der Medienwissenschaften
- , verschiedene Professionelle im Kunstfeld und die
Studierenden der jeweiligen Hochschule ein. Die prozessuale
Arbeitsform in den Projekten erlaubt in den einzelnen
Stadien unterschiedliche Grenzbestimmungen zwischen
Aufgaben, Positionen und Feldern wie auch deren Thematisierung
und Reflexion. Über die möglichen Annäherungs- aber
auch Abstoßungsprozesse zwischen den Disziplinen oder
zwischen Kunst und Wissenschaft hinaus stehen vor allem
die Rollen aller Beteiligten kontinuierlich zur Disposition,
verändern sich innerhalb eines Projektes auch mehrfach.
Inhaltlich organisierte
sich die bisherige Arbeit des KUNSTRAUMS und des /D/O/C/K
Projektbereich um Themen wie die Definition, Formalisierung
und Honorierung von projektorientierter Kunst, um die
Möglichkeiten und Verhältnisse von selbstorganisierten
Strukturen im kulturellen Feld, um die Bedeutung von
"immaterieller" Arbeit im künstlerischen und
kulturellen Feld, um Konstitutionen und Wandlungen kultureller,
professioneller und institutioneller Identitäten, um
das Verhältnis von Kunst, Ökologie und Nachhaltigkeit
oder um die Öffnung archivarischer Praktiken jenseits
des Erinnerungsdiskurses.
Bestimmend für die Projektarbeit an beiden Orten ist
zum einen ein relationales Verständnis des gesellschaftlichen
Bereichs "Kunst" und zum anderen ein durch
ein "Netz von Beziehungen und Übertragungen"
charakterisiertes Verhältnis theoretischer und praktischer
Aktivitäten.
Als experimentelles Ausbildungsmodell zielt sie auf
Erprobungen des Ernstfalls mit emanzipatorischer Ausrichtung.
Praxiserfahrungen zu sammeln erschöpft sich mithin nicht
in der Rekapitulation und Einübung etablierter Fertigkeiten
und Verhältnisse, sondern ist gerade auf deren Veränderungspotenzial
gerichtet.
Das ohnehin latente
Risiko, dass der Modellversuch sich zum integrierten
Bestandteil der Institution wandelt, dass er deren
Machtausübung eher stabilisiert, als ihr widerständig
zu begegnen, erhöht sich sowohl in Lüneburg als auch
in Leipzig dadurch, dass es sich bei der mit dieser
konzeptionellen Ausrichtung stattfindenden Projektarbeit
nicht um einmalige Ereignisse oder Prozesse handelt,
sondern dass sie als Praxis mittlerweile auf eine mehrjährige
Geschichte zurückblicken kann. Um dennoch die Falle
eines zur Dauereinrichtung mutierenden Experiments zu
umgehen, das die institutionellen Aneignungsverfahren
kritischer Ansätze und Methoden in sich verstärkt, setzen
KUNSTRAUM und /D/O/C/K Projektbereich vor allem auf
hybride, prozess-orientierte, transitorische, kontingente
und performative Verfahren. Verfahren, die in mehrfacher
Hinsicht die institutionellen Regeln und die mit ihnen
durchgesetzten Anforderungen, zumal in ihren jüngsten
effizienzorientierten, ökonomisierten Erscheinungsformen,
wie sie Modularisierung und kontinuierliche Evaluationsprozesse
hervorbringen, durchkreuzen: Den Semestertakt verlassende
Prozessualität, Überschneidungen und Überlappungen von
Rollen und Disziplinen, immer wieder neue Formationen
diskursiver Räume, die Flüchtigkeit der jeweils zusammenarbeitenden
Gemeinschaften und der stets mit angelegte Aufführungscharakter
sind einige dieser potenziell widerständigen Dimensionen
der Projektarbeit.
Auf drei von ihnen - diejenigen, die im Zusammenhang
mit Rollenüberlagerungen, Transitorischem und Performativität
stehen - will ich im Folgenden gesondert eingehen.
I.
Die - auf
mehrere und wechselnde Akteure verteilte - Rolle
der Lehrenden ist innerhalb der hier beschriebenen
Projektarbeit gekennzeichnet durch einen reflektierenden
Umgang mit der eigenen Position in dem Spannungsfeld,
das sich zwischen institutioneller Verantwortung und
unabhängiger Forschung, zwischen hierarchischer
Weitergabe legitimierten Wissens und kollektiver
experimenteller Arbeit auftut. Der ebenfalls
vermittelnden Position von Kurator/innen nicht unähnlich, vollziehen im
Allgemeinen auch Lehrende einen Spagat, der die
Unterschiede, die Pierre Bourdieu in seinem Text
"Genese und Struktur des religiösen Feldes"
zwischen Priestern und Propheten beobachtete, zu überbrücken
sucht. Die Priester sind dabei die "Inhaber eines
gesellschaftlich anerkannten und institutionalisierten
Kapitals an religiöser Autorität", deren
Pflichten darin bestehen, Ordnung zu stiften, mithin die
symbolische Macht der Institution, hier der Kirche,
aufrechtzuerhalten. Die Propheten dagegen sind darauf
ausgerichtet, die "gewöhnliche Ordnung" in
Frage zu stellen, dabei neuartige Heilsgüter zu
produzieren und zu verbreiten, die zur Diskreditierung
der alten dienen können. Sie begegnen also der
Orthodoxie mit Häresie. Auch hier besteht die Möglichkeit
einer von Veränderung in Affirmation umschlagenden
Akzeptanzbewegung, kann doch in der Entwicklung des
Machtkampfes zwischen Priester und Kirche einerseits und
Prophet und Sekte andererseits, die Sekte zur Kirche
werden, um damit zugleich dazu bestimmt zu sein, eine
neue Reformation auszulösen.
Übertragen auf den
Kontext einer Hochschule ist damit zum einen die von
Lehrenden eingenommene vermittelnde Rolle angesprochen,
in der sie die Einstiegsvoraussetzungen in das Feld,
die sie selbst erfüllten, an die Studierenden weitergeben,
um gleichzeitig ihre Stellung im Feld dadurch zu festigen,
dass sie sich in ihrer künstlerischen und/oder forschenden
Praxis über eben diese Kriterien hinwegsetzen und die
etablierte Lehrmeinung in Frage stellen. In dieser Zwickmühle
zwischen Verpflichtungen der auftraggebenden Institution
gegenüber und den Autonomieansprüchen des Feldes organisieren
Lehrende im Kunstfeld ihre Arbeit im Überschneidungsbereich
administrativer bzw. ökonomischer und künstlerischer
Anforderungen. In besonderem Maße exemplifizieren
sie damit die Problematik postindustrieller Arbeitsverhältnisse,
wie sie derzeit in dem um das von Foucault vorgestellte
Konzept der "Gouvernementalität" geführten
Diskurs verhandelt wird. Die Selbsttechnologien, durch
die eine zum gesellschaftlichen Leitbild gewordene "autonome"
Subjektivität verbunden wird mit wirtschaftlichen Regierungszielen,
kommen hier zum Einsatz.
Ausgehend und zugleich
abweichend von Bourdieus dichotomem Modell lässt sich
für Lehrende ein mit kritischen Perspektiven ausgestatteter
Handlungsspielraum in Haltungen und Verfahren ausmachen,
mit denen sie sich weder auf die Seite der Priester
noch auf diejenige der Propheten schlagen, sondern das
zwischen beiden Rollen bestehende Verhältnis in die
forschenden und experimentierenden Aktivitäten einbinden.
In einem Modus kritischer Reflexion wechselweise Aufgaben,
Praktiken und Zuschreibungen beider Positionen anzunehmen
bedeutet, sich in einer dritten - transitorischen, flexiblen
und hybriden - Position zu verorten, deren Eigenschaften
sich im Vollzug der eigenen Praxis jeweils neu bestimmen.
II.
Gestützt wird
diese dritte Position der Lehrenden durch die Einbettung
in kollektive Arbeitsprozesse, die auf vorübergehender
Gemeinschaftsbildung aufbauen. Anstatt fester
Gruppenbildungen für die Arbeit an einem oder sogar
mehreren Projekten, erfolgen der Zusammenschluss und die
Kooperation aufgrund jeweils veränderter
Fragestellungen und entsprechender Interessen.
Hochschul-interne ebenso wie -externe Verhältnisse
und Diskurse können den Ausgangspunkt der
projektspezifischen Partizipation darstellen, deren
Formate, Methoden und Ziele sich erst in der gemeinsamen
Arbeit entwickeln. Der vorübergehende Charakter des
Zusammenschlusses garantiert dabei sowohl das
Weiterbestehen einer individuellen Praxis der
einzelnen Partizipierenden als auch den projektiven
"Entwurfs"-Charakter, den Miwon Kwon als
Kriterium für eine gelungene "community based
art" ansetzte - einen projektiven "Entwurfs"-Charakter,
durch den die kollektive Arbeit ihr bestehende soziale,
ökonomische oder etwa institutionelle Beziehungen
gestaltendes und damit kritisches Potenzial entfaltet.
Mit diesen Eigenschaften
verstehen sich der KUNSTRAUM sowie der /D/O/C/K Projektbereich
als sozial und diskursiv konstituierte Räume ohne notwendigen
festen Ort - Räume, für die Foucaults in mehrfacher
Hinsicht eher unspezifische Definition der "Heterotopie"
eine gewisse, allerdings um die Strategie des Performativen
erweiterte Relevanz besitzt: Mittels der verschiebenden
Wiederaufführung von Verhältnissen und Bedingungen
im kulturellen Feld erarbeiten beide Räume ihr Potenzial
als Gegenplatzierungen und Widerlager, "in denen
die wirklichen Plätze der Kultur gleichzeitig repräsentiert,
bestritten und gewendet sind".
III.
Die performativen
Qualitäten der Projektarbeit beruhen schließlich darauf,
dass sie über die bereits genannten Eigenschaften hinaus
auch die Verknüpfung von einübenden und aufführenden
Verfahren einschließt. Wenn Themen wie Selbstorganisation,
Netzwerkbildung, Selbstpositionierung oder der künstlerische
Arbeitsbegriff im Zentrum solcher Projektarbeit standen,
waren sie nicht nur Gegenstand historischer oder theoretischer
Untersuchung und Aufarbeitung, sondern entwickelten
sich im Vollzug auch jeweils zum Teil der eigenen Praxis.
Alle Teilnehmer/innen - Studierende, Lehrende und eingeladene
Gäste - waren im Verlauf der gemeinsamen Arbeit in Prozesse
etwa der Netzwerkbildung ebenso eingebunden wie in Verfahren
und Strategien der Selbstpositionierung im Feld. Auf
der Basis einer kritischen Analyse von Bedingungen und
Verhältnissen solcher Aktivitäten wurden diese mittels
Ausstellung, Tagung oder Video in einer Weise auf die
Bühne gebracht, dass die Partizipierenden diese selbst
vollführten und im Sinne Judith Butlers in der Wiederholung
verschoben.
Die Tatsache der Aufführbarkeit wies dabei die Bedingungen
und Verhältnisse als nicht gegeben, sondern kontingent
und gestaltbar aus, die Aufführung selbst vollzog die
Gestaltung. In diesem Wechselspiel von nachahmender
Nähe und theatraler Distanz, das integrierter Bestandteil
der beschriebenen Projektarbeit ist, ist ihr politisches
Potential angelegt, das nicht zuletzt auch die Zwickmühle
der Lehre im Kunstfeld auf die Bühne bringt, um mit
deren Naturalisierungen zu brechen.
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