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Als Ausgangsthese
der Wiener Konferenz "Public Art Policies.
Progressive Kunstinstitutionen im Zeitalter der Auflösung
des Wohlfahrtsstaats" bestimmte Gerald Raunig die
Position von progressiven Kunstinstitutionen als prekär
von zwei Seiten aus: einerseits bleibt den AkteurInnen
oft nur die Erkenntnis, dass sie entgegen allem
progressiven Anspruch innerhalb einer Kunstinstitution
immer schon als Teil eines hegemonialen Gebildes
handeln, andererseits ist die angestrebte Progressivität
zudem dadurch radikal eingeschränkt, dass die knapper
werdenden Mittel der Wohlfahrtsstaaten den Vorwand
liefern, kritischen Institutionen Gelder zu streichen.
Wie ungeniert derzeit
gerade solche kritischen Projekte gekappt werden, wurde
u.a. am Beispiel des Kunstvereins Kokerei Zollverein
Essen durchgespielt: trotz eingeworbener Kofinanzierung
für Projekte wurde den Kuratoren gekündigt und eine
der interessantesten, lebendigsten Institutionen in
der BRD geschlossen.
Dass sogar die Existenz dieser Institution geleugnet
werden kann, fiel mir bei der Rückreise von der Konferenz
in die BRD auf: im Magazin der deutschen Bundesbahn
wurde eben jene Kokerei in Essen vorgestellt, eine Industriebrache
des postfordistischen Zeitalters, die Kunstinstitution
wurde mit keinem Wort erwähnt, der Artikel fungierte
als Promotion für einen "Erlebnispark" - die
Kulturindustrie im Dienste mächtiger Interessen, wie
gehabt. Im Postfordismus heißt dies wohl: weniger Brot,
aber umso mehr Spiele.
Als Prozess der Auflösung
gewachsener, selbstverwalteter Strukturen zugunsten
von stromlinienförmigen Managementmodellen schilderte
Franziska Kaspar das Beispiel der Kunsthalle Exnergasse,
den Tagungsort des Symposiums im Kontext des WUK, des
größten soziokulturellen Zentrums in Wien. Das Management
des WUK hatte in den Jahren davor die Implementierung
eines "Matrixmodells" (das ursprünglich für
General Electric entwickelt worden war) forciert, das
stark hierarchisierte Arten der Zusammenarbeit, eine
neue Orientierung am Begriff des Kunden, einen Abbau
von Arbeitsplätzen vorsah. Franziska Kasper: "Artikulierte
und organisierte gesellschaftliche Interessen, wie gewerkschaftliche,
wurden missachtet und Betriebsräte bedroht. Die 'Verdinglichung'
der Menschen, ihre Reduktion auf 'betriebswirtschaftliche
Rechengrößen' nahm zu. Arbeitsintensivierung wurde
synchron mit Vernichtung einiger Erwerbsarbeitsplätze
vorgenommen, Organisationsstrukturen 'abgeschlankt'
und 'Arbeitskosten' vermindert."
Das Ergebnis der
"Matrix" waren auch neue Begehrlichkeiten
innerhalb des großen soziokulturellen Zentrums auf den
- aus Managementsicht wenig lukrativen - Ausstellungsraum
und ein deutlicher Rückgang bei der Beteiligung von
Frauen im Vorstand und anderen Gremien. Noch einmal
Franziska Kasper: "Zusammenfassend hat es sich
für mich so dargestellt, dass per Vorstandsauftrag durch
den Geschäftsführer das politische und kulturelle System
im Betrieb verformt, Asozialität organisiert und die
Geschlechterverhältnisse und die Geschlechterordnung
verändert wurden. Das sind Mechanismen, die der kapitalistischen
Marktökonomie des Neoliberalismus entsprechen."
Gerald Raunig baute
in seinen Ausführungen auf diesen konkreten Erfahrungen
der negativen Entwicklung einer sich als progressiv
verstehenden Kunstinstitution auf. Im gouvernementalen
Setting "regiert" nicht mehr nur der Staat,
sondern ein schwer überschaubares Geflecht aus Institutionen
und AkteurInnen, im konkreten Fall also nicht nur die
reaktionäre österreichische Regierung im Versuch, durch
Finanzierungskürzungen emanzipatorische Kunsteinrichtungen
abzuschaffen, sondern ein Netz von ausgelagerten Unternehmungen,
NGOs und "verantwortlichen" Individuen, hier
exemplifiziert an der NGO WUK, die unter ökonomistisch
verengter Argumentation eine neoliberale Transformation
durchläuft. Raunig: "In der Auflösung des Wohlfahrtsstaats
bildet sich ein neuer Bereich des Managements von Mikrosektoren
heraus, ein Zwischenbereich zwischen der Regierung durch
den Staat und der (Selbst-) Regierung und freiwilligen
Selbstkontrolle der Individuen: scheinbar autonome Einrichtungen,
NGOs, die unter Schlagwörtern wie "Zivilgesellschaft"
und "Staatsferne" als Außen des Staats auf-
und angerufen werden, in Wahrheit aber als ausgelagerte
Staatsapparate fungieren." Raunig bezog sich zur
Verdeutlichung dieser komplexen Sachlage wie schon in
der Konferenzbewerbung auf den mehrdeutigen Satz von
Deleuze: "Das letzte Wort der Macht lautet, dass
der Widerstand primär ist." Die Argumentation des
Vortrags zielte damit nicht nur auf die Analyse und
Kritik des Status Quo (also "das letzte Wort der
Macht"), sondern auch auf Handlungsoptionen, die
es den AkteurInnen erlauben, "sich aus der Umklammerung
durch den erweiterten Staatsapparat wenigstens temporär
zu emanzipieren. Die Auflösung des Wohlfahrtsstaats
ist weder ein naturgegebener Prozess ohne AkteurInnen,
noch ein linearer Prozess ohne Brüche, Lücken und Falten.
Genau in diesen Brüchen, Lücken und Falten besteht die
Chance, mehr als den geordneten Rückzug aus den Privilegien
des Wohlfahrtsstaats anzutreten."
Während Gerald Raunig
- gegen eine Trennung von Bewegung und Institution -
auf die "konkreten und vor allem prekären Verbindungslinien
zwischen Institutionen und bewegungsnahen aktivistischen
Kollektiven" insistierte, äußerte Helmut Draxler
ein noch allgemeineres Misstrauen gegen polare Begriffsbestimmungen.
Draxler erinnerte daran, dass auch kritische Institutionen
wie der Münchner Kunstverein, den er in den 90er Jahren
leitete, (auch historisch gesehen) bürgerliche Institutionen
sind. Er fragte, inwieweit politisch intendierte Kunst
inzwischen Mainstream sei und wie weit man von Widerständigkeit
sprechen könne, wenn die Kooptierung von politischen
Äußerungen eine verbreitete Marketing-Strategie ist.
Die Position von Kunstinstitutionen und deren AkteurInnen
kennzeichnete er als zutiefst dialektisch, und demgemäß
schlug er ein "Sprechen vom falschen Ort aus"
vor. Diesem "Sprechen vom falschen Ort aus"
stellte er "das Sprechen vom richtigen Ort"
gegenüber, das die Selbstgewissheit der "Wahrheit"
in performativen Sprechakten vollzieht und im Extremfall
putschistische Fantasien zur Aufführung (weniger zur
Ausführung) bringt. Implizit vertrete ein solcher Sprechakt
einen Führungsanspruch, so Draxler. Die Argumentation
Draxlers erinnerte mich an die Relativierung des historischen
Materialismus von Oliver Marchart, der bemerkt: "Das
Ziel einer klassenlosen, transparenten Gesellschaft
ohne Ausbeutung impliziert für Marx das Verschwinden
des Antagonismus. [...] Alle folgenden Theorien, von
Foucault über Lefort/Gauchet zu Laclau/Mouffe, dementieren
nicht nur die Gültigkeit dieses Postulats, sie erkennen
auch dessen totalitäre Implikationen."
Auf der Ebene des Subjekts fordert
Draxler, den Blick auf vielschichtige Antagonismen zu
richten und die eigene Involviertheit mitzubenennen,
anstatt von einem verfestigten Dualismus auszugehen:
hier das revolutionäre Subjekt, dort der Staatsapparat.
Die Frage wäre - in Anlehnung an eine Aussage Godards
- nicht, wie man politische Kunst mache, sondern wie
man Kunst politisch werden lässt. Draxler will dabei
auf die Unterscheidbarkeit von Politik und Kultur verweisen,
dennoch Orte beanspruchen, die Artikulationen von Widersprüchen
des Subjekts, der Institution etc. möglich machen.
Als einen solchen
Ort stellte Jorge Ribalta das MACBA in Barcelona vor:
das Museum macht nicht nur Ausstellungen möglich, die
politischen Aktivismus einschließen und anregen, es
stellt seine Räume auch für Treffen zur Verfügung, die
nicht in Visualisierungen enden, sondern nur dazu da
sind, bestimmte Themen zu diskutieren. Dieses Konzept
funktioniert parallel zu Ausstellungen traditionellen
Zuschnitts. In den Diskussionen am Rande des Symposiums
wurde klar, dass dieses Modell in Deutschland oder Österreich
eher das Problem einer Vereinnahmung politischer Gruppierungen
zu Tage fördern würde; in der spezifischen Situation
in Barcelona entwickelte sich das Museum dagegen zu
einem Motor für politische Artikulation, die sonst keinen
Ort der Diskussion vorgefunden hätte. Ähnlich produktiv
erschien das Beispiel des Rooseum in Malmoe,
das KünstlerInnen über vier Jahre zu Stipendienaufenthalten
eingeladen hatte, entlang des Themas "Im Jahre
2052 wird Malmö nicht länger schwedisch sein" zur
Migration zu arbeiten. Auch diese Produktionen werden
nicht sofort in den Status der Re-Präsentation gezwungen,
sondern erst nach Ablauf der vier Jahre der Öffentlichkeit
vorgestellt.
Diese Weigerung,
Produktionen und diskursive Prozesse sofort in die Verwertungszusammenhänge
von Kunstinstitutionen einzuspeisen, also als Ausstellungen
zu präsentieren, erschien in einigen Beispielen als
eine Strategie der Selbstermächtigung. Marita Muukkonen
schilderte etwa die Struktur des NIFCA, einer länderübergreifenden
Kulturinstitution der nordischen Länder, als Workshop-Struktur,
die es den TeilnehmerInnen möglich macht, sich mit einzelnen
Themen tiefgehend zu befassen, und somit beispielsweise
den Begriff einer nordischen Identität vor dem Hintergrund
der Migration zu problematisieren.
Die im Rahmen der
Konferenz vorgeschlagenen strategischen Operationen
wie das Verbinden von Eigeninteresse mit einem gemeinschaftlichen
Interesse, kooperative Arbeitsformen, kollektive Leitungsmodelle,
die Möglichkeit zur Umkehrung von Machtverhältnissen,
das Begünstigen von konflikthafter Debatte und des Zugänglichmachens
von Diskursen, Plattformen für konfliktuelle Situationen,
das Verweigern von Verwertung in Visualisierungen und
Spektakel, die Langsamkeit, das ‚Sprechen vom falschen
Ort aus' fordern allesamt eine andauernde Entscheidung
und Verhandlung der beteiligten Subjekte.
Zudem will mir scheinen,
dass die vielfach benannte und befürchtete Kooptierung
von Arbeits- und Lebensmodellen einer kritischen Linken
durch Managementmodelle des Postfordismus möglicherweise
auch in die andere Richtung verlaufen kann. Gerade das
eipcp – European Institute for Progressive Cultural
Policies – mit seiner transnationalen Ausrichtung, seinem
europaweitem Netzwerk, seinen internationalen Symposien
entwickelt eine kritische Debatte auf der Folie von
Strukturen, die die Europäische Union für Projekte vorsieht
und für förderungswürdig hält. In diesem Zusammenhang
möchte ich an John Cages Erwiderung auf McLuhans Diktum:
"Das Medium ist die Botschaft" erinnern: "Nur
soviel: Das Medium ist nicht die Botschaft. Ich möchte
Mr. McLuhan ein Wort der Warnung zukommen lassen: reden
ist lügen. Lügen heißt mitarbeiten."
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