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In Zeiten eines
expansiven globalen Kapitalismus, der Korporatisierung
von Kultur, der Zerstörung des Wohlfahrtsstaats und der
Marginalisierung der kritischen Linken ist es
entscheidend, Formen der Kritik, Partizipation und des
Widerstands in den sich überschneidenden Feldern von
Kultur und Politik zu diskutieren und zu bewerten.
Dies betrifft vor allem das Ineinandergreifen von
politischer Repräsentation und Politiken der Repräsentation,
Präsentation und Partizipation. Was ist beispielsweise
das Verhältnis zwischen künstlerischer Praxis und
politischer Repräsentation? Oder, um es anders zu
formulieren, was ist die Differenz zwischen der Repräsentation
von etwas und jemand? Was ist die Relation zwischen der
angeblichen Autonomie des Kunstwerks und den
Forderungen nach politischer Autonomie? Wenn Kunst, sei
es das einzelne Kunstwerk oder die gesamte Institution,
als ein Ort der Begegnung verstanden werden kann, wie können
wir dann zwischen Repräsentation und Partizipation
vermitteln? Und schließlich, worin bestehen die Ähnlichkeiten
und Differenzen von Repräsentation und Macht?
Solche Fragen sind
für zeitgenössische Kunstinstitutionen, seien es "progressive"
oder "regressive", elementar, was ihr Selbstverständnis
und ihre Einschätzung durch andere (sowohl innerhalb
als auch außerhalb der Kunstwelt) anbelangt. Kunstinstitutionen
sind nämlich tatsächlich das Dazwischen, die MediatorInnen,
GesprächspartnerInnen, ÜbersetzerInnen und Orte des
Aufeinandertreffens zwischen Kunstproduktion und der
Bildung ihrer "Öffentlichkeit". Ich benütze
hier mit Absicht den Begriff "Öffentlichkeit",
ohne ihn zu qualifizieren (oder zu quantifizieren),
da die Definition und Konstitution dieser "Öffentlichkeit"
als Publikum, Community, WählerInnenschaft oder Potenzialität
die Hauptaufgabe der so genannten "progressiven"
Institution sein sollte: als Ort, der immer ein Ort
wird, ein öffentlicher Raum wird.
Historisch gesehen
war die Kunstinstitution oder das Museum der bürgerliche
Ort par excellence,
ein Ort aufklärerisch-kritischen Denkens und der (Selbst-)
Repräsentation der bürgerlichen Klasse und ihrer Werte.
Wie von Frazer Ward treffend beschrieben, "trug
das Museum zur Selbstrepräsentation und Selbstautorisierung
des neuen bürgerlichen Subjekts der Vernunft bei. Genauer
war dieses Subjekt, diese 'fiktive Identität' von Eigentumsbesitzer
und reinem, einfachem Menschen, selbst ein verknüpfter
Prozess von Selbstrepräsentation und Selbstautorisierung.
Das heißt, es war auf das Engste an seine kulturelle
Selbstrepräsentation als Öffentlichkeit gebunden."
Die abstrakte und
ideale Projektion dessen, wie ein öffentlicher Raum
(eine Öffentlichkeit) sich selbst und seine Subjekte
über soziale Differenzen hinweg formuliert, gegen die
offensichtliche Kontingenz dieses Subjekts (das zuerst
durch Klasse und Geschlecht definiert ist), erwies sich
natürlich - Jürgen Habermas' "Strukturwandel der
Öffentlichkeit" folgend - als einigermaßen normativ.
Das Modell wurde seither stark kritisiert, vor allem
durch die Arbeiten von Oskar Negt und Alexander Kluge.
In ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel "Öffentlichkeit
und Erfahrung" beschreiben sie die bürgerliche
Öffentlichkeit als einen zurückweichenden Horizont und
ein Ideal, das nicht mit unserer alltäglichen Auseinandersetzung
mit und dem Zugang zu Öffentlichkeiten – eher im Plural
als im Singular – korrespondiert. Vielmehr meinen sie,
dass unser Leben und unsere Erfahrung, unser Gefühl,
unsere Wahrnehmung von Öffentlichkeit, Individualität
und Community stark aufgeteilt und in multiple Öffentlichkeiten
oder öffentliche Räume fragmentiert sind, die von verschiedenen
Erfahrungen abhängen, vor allem in einen Antagonismus
von bürgerlichen Idealen und proletarischen Realitäten.
Wir verstehen Öffentlichkeit
nicht länger als Einheit, als einen einzelnen Ort und/oder
einzelne Form wie bei Habermas. Stattdessen müssen wir
Öffentlichkeit fragmentiert denken, als bestehend aus
einer Reihe von Räumen und/oder Formationen, die manchmal
verbunden sind, manchmal voneinander getrennt, und die
in konfliktuellen und widersprüchlichen Beziehungen
zueinander stehen. Es gibt nicht nur Öffentlichkeiten
(und Ideale davon), sondern auch Gegenöffentlichkeiten.
Wenn wir also nur im Plural von Öffentlichkeit sprechen
können und in Bezug auf ihre Relationalität und Negation,
wird es notwendig, Kunsträume als Öffentlichkeiten/öffentliche
Räume zu verstehen, zu verorten und neu zu konfigurieren.
Wenn wir das Kunstfeld
als spezifische Öffentlichkeit verstehen, müssen wir
den Begriff entlang zweier Linien untersuchen: erstens
als einen Bereich, der nicht einheitlich, sondern konfliktuell
ist und als Plattform für verschiedene und gegensätzliche
Subjektivitäten, Politiken und Ökonomien dient: ein
"Schlachtfeld", wie es Pierre Bourdieu und
Hans Haacke nannten. Ein Schlachtfeld, auf dem verschiedene
ideologische Positionen nach Macht und Souveränität
streben. Zweitens ist das Kunstfeld kein autonomes System,
wenn es auch manchmal bemüht ist oder vorgibt, dies
zu sein. Es ist reguliert von Politiken und Ökonomien
und ständig in Verbindung mit anderen Feldern oder Bereichen,
was sich nicht zuletzt in der kritischen Theorie und
kritischen, kontextuellen Kunstpraxen gezeigt hat. In
aktuellen Kunstpraxen können wir eine bestimmte Durchlässigkeit
und einen interdisziplinären Ansatz beobachten, gemäß
dem in einem entsprechenden Kontext beinahe alles als
Kunstwerk betrachtet werden kann. Mehr als je zuvor
greifen erweiterte künstlerische Arbeiten in unterschiedliche
Bereiche ein, die nicht dem traditionellen Kunstfeld
zugehören, und betreffen damit Bereiche wie Architektur
und Design, aber auch Philosophie, Soziologie, Politik,
Biologie, Naturwissenschaften, etc. Das Kunstfeld hat
sich zu einem Feld der Möglichkeiten, von Austausch
und vergleichender Analyse entwickelt. Es ist ein Feld
alternativen Denkens geworden und kann, was besonders
wichtig ist, als Überschneidungsfeld und Vermittler
zwischen verschiedenen Bereichen, Formen der Wahrnehmung
und des Denkens sowie zwischen verschiedenen Positionen
und Subjektivitäten agieren. Es hat so eine sehr privilegierte,
wenn auch umkämpfte und unsichere Position in der heutigen
Gesellschaft.
Folglich ist es wohl
nicht überraschend, dass solche Kunstinstitutionen unter
ständiger Beobachtung durch die finanzierenden und herrschenden
Einrichtungen stehen, egal ob staatlich oder privat.
Worin bestehen im Grunde ihre Ziele? Setzen sie einen
kritischen und oppositionellen Ort aufs Spiel oder setzen
sie nur auf die Avantgarde neuer Arbeits- und Denkweisen
und arbeiten für die Übernahme korporativer Formen von
Produktion und Kapitalisierung? Überall können wir die
Schließung potenziell kriti-scher Orte beobachten bzw.
zumindest deren rechtliche Regulierung, wenn sie außerhalb
der staatli-chen Kontrolle zu sein scheinen; im Fall
von staatlichen Institutionen Förderungskürzungen und/oder
das Aufzwingen neoliberaler Managementmodelle. Die Kunstinstitutionen
befinden sich sozusagen in der Klemme, und ich habe
hier noch nicht den internen Druck der Kunstwelt erwähnt.
Ironischerweise finden
die finanziellen Kürzungen durch staatliche Einrichtungen
normalerweise im Namen der Öffentlichkeit statt: Öffentlichkeit
wird hier eingeschränkt auf Menschen, und die Menschen
auf SteuerzahlerInnen. Es wird behauptet, die Leute
seien überhaupt nicht an etwas so Spezifischem wie Kunst
interessiert, außer sie ist Teil der Kultur- oder Unterhaltungsindustrie.
Öffentlichkeit wird hier populistisch verstanden: Gib
den Leuten, was sie wollen, und das hieß schon immer:
Brot und Spiele.
Eine doppelte Bewegung
beschneidet also die so genannte Autonomie der Kunst
und des Kunstfelds: Einerseits hat ihr eigener Partikularismus
bzw. ihr historisches Streben nach Autonomie, dieses
Verlangen danach, eine Armlänge Abstand zu haben von
der politischen Sphäre, sie tatsächlich vom Vertrauen
und vom guten Willen der politischen FördergeberInnen
entfernt. Andererseits sehen wir, dass die Auflösung
der bürgerlichen Öffentlichkeit in ein vermindertes
Interesse der PolitikerInnen gemündet hat, den Raum
bürgerlicher Öffentlichkeit par
excellence, die Kunstinstitution, aufrecht zu erhalten.
Besonders im Zuge eines wachsenden politischen Populismus
ist der traditionelle Ort kritisch-aufklärerischen Denkens
zunehmend unerwünscht. Aber auch innerhalb des Wohlfahrtsstaats
sehen wir neue Kontingenzen und Einschränkungen, vor
allem eine rapide Entwicklung in Richtung der Verbindung
von Kultur und Kapital.
Natürlich wollen
wir weder die bürgerlichen Kategorien von Kunstraum und
Subjektivität erhalten, behaupten oder uns auf sie
zurückbesinnen, noch auf ein klassisches
Avantgardeverständnis von Widerstand. Deshalb benötigen
wir nicht nur neue Fähigkeiten und Instrumente, sondern
auch neue Konzepte "der Institution". Ich
schlage deshalb als Ausgangspunkt gerade die Aushebelung
fester Kategorien und Subjektpositionen vor, im
Interdiziplinären und Dazwischenliegenden, im
Konfliktuellen und Trennenden, im Fragmentierten und
Freizügigen in verschiedenen Orten der Erfahrung
sozusagen. Wir sollten beginnen, Öffentlichkeit als
diese widersprüchliche und uneinheitliche
Begrifflichkeit vorzustellen, und Kunstinstitutionen
als Verkörperung dieser Öffentlichkeiten. Wir können
sie vielleicht als räumliche Formation oder Plattform
dessen denken, was Chantal Mouffe als antagonistische Öffentlichkeit
bezeichnet hat: "Aus dieser Perspektive besteht der
Zweck demokratischer Institutionen nicht in der
Herstellung eines rationalen Konsenses in der Öffentlichkeit,
sondern in der Entschärfung des Potenzials für
Feindseligkeiten, das in menschlichen Gesellschaften
existiert, indem die Transformation von Antagonismus in
'Agonismus' ermöglicht wird."
Wenn wir uns mit
den Problemen von Kunstinstitutionen beschäftigen wollen,
ohne zu historischen und unbrauchbaren Modellen und
Rhetoriken zurückzukehren, ist meiner Meinung nach die
Betonung des demokratischen Potenzials des Kunstraums
am wichtigsten. Demokratie ist wohl der einigende leere
Signifikant unserer Zeit, und als solcher ist es unmöglich,
ihn zu leugnen bzw. sich offen über ihn hinwegzusetzen.
Im Spiel der öffentlichen Sprache kann niemand innerhalb
der Demokratie gegen die Demokratie argumentieren. Auf
der Basis der Kunstinstitution als Ort der Demokratie
und ihres immerwährenden Antagonismus glaube ich, dass
sowohl Populismus als auch die Managementideologie bekämpft
werden können. Dieser Fokus weist darauf hin, wie unsere
Begrifflichkeit von Publikum, die verschiedenen Arten
der Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit und ihrer
Konzeption die wichtigsten Punkte für unsere institutionelle
Verfassung geworden sind, und wie dies das Ethische
ebenso wie das Politische umfasst: Kunst setzt sich
nicht nur mit der Kunstwelt auseinander, sondern mit
der Welt.
Übersetzung: Therese Kaufmann
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