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Seit Jahrzehnten
werden radikale Änderungen des KünstlerInnenbildes mit
großer Emphase prophezeit. Unzählige Tode ist "der
Autor" schon gestorben, zahlreiche Legenden vom
"Künstler" wurden von nicht weniger frommen
Erzählungen vom Ende desselben abgelöst. (Zobl/Schneider
2001, 28) Als zeitgemäßer Prototyp wird zur Zeit in
vielen Diskursen der "Cultural Worker" gehandelt,
sozusagen die proletarische Form des verarmten Aristokraten"Geniekünstler",
die indes durchaus Raum lässt für neue Überhöhungen
- etwa im Stil sowjetischer ArbeiterInnendenkmäler.
Seine
Entstehung verdankt der Cultural Worker (im folgenden
CW genannt) der Behauptung weitreichender gesellschaftlicher
Veränderungen, die unter den Schlagworten Globalisierung
- Ökonomisierung der Kultur - Kulturalisierung der Ökonomie
gehandelt werden. Was ist unter diesen Entwicklungen
zu verstehen, wie neuartig sind sie wirklich und wie
wirken sie sich auf KünstlerInnen aus? Diesen Fragen
widmet sich dieser Text.
Globalisierung
Das
"Empire etabliert (...) kein territoriales Zentrum
der Macht, noch beruht es auf von vornherein
festgelegten Grenzziehungen und Schranken. Es ist dezentriert
und deterritorialisierend, ein Herrschaftsapparat, der Schritt für
Schritt den globalen Raum in seiner Gesamtheit aufnimmt,
ihn seinem offenen und sich weitenden Horizont
einverleibt. Das Empire arrangiert und organisiert
hybride Identitäten, flexible Hierarchien und eine
Vielzahl von Austauschverhältnissen durch abgestimmte
Netzwerke des Kommandos. Die unterschiedlichen
Nationalfarben der imperialistischen Landkarte fließen
zusammen und münden in den weltumspannenden Regenbogen
des Empire." (Hardt/Negri 2000, 10)
Soweit in Kürze die
These, die Hardt und Negri in ihrem Bestseller "Empire"
über die gegenwärtige Weltordnung und zu erwartende
künftige Entwicklungslinien aufstellen: Der Kapitalismus
hat seine eigentliche Bestimmung erreicht. Der Nationalstaat,
der in einer bestimmten Entwicklungsphase für den ökonomischen
Fortschritt nötig war, diesen aber nichtsdestotrotz
in seinen tendenziell globalen Aktivitäten behinderte,
ist überwunden. Die politische Sphäre hat sich endgültig
in der ökonomischen aufgelöst; Kapital fließt ungehindert
von räumlichen und politischen Grenzen. Ebenso wie in
der Marxschen Version der Kapitalismusanalyse fungiert
der Kapitalismus auch bei Hardt und Negri als Totengräber
seiner selbst, indem er die Klasse hervorbringt, die
ihn abschaffen wird: die industrielle Arbeiterklasse
bei Marx, die gesellschaftlichen ArbeiterInnen bei Hardt
und Negri - beide in ihrer revolutionären Funktion Proletariat
genannt.
Ganz offensichtlich
handelt es sich dabei entweder um ein sehr stark auf
seine neuartigen Züge reduziertes Modell der Welt oder
um eine Extrapolierung gegenwärtiger Entwicklungen in
die Zukunft. Denn bisher sind die Nationalfarben der
Weltkarte sogar im vereinigten Europa noch durchaus
trennscharf voneinander abgegrenzt. Auch wenn Nationalstaaten
vor allem in Westeuropa innerhalb der letzten Jahrzehnte
Kompetenzen an inter- und supranationale Ebenen übertragen
haben, sind doch Schlüsselbereiche wie insbesondere
innere und äußere Sicherheit und/oder Integrationspolitik
auch innerhalb der EU-Mitgliedstaaten fest in nationaler
Hand. In Mittel- und Osteuropa andererseits, ebenso
wie in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, wurde
die nationalstaatliche Idee erst nach 1989 voll entwickelt
und befindet sich derzeit in voller Blüte. Gab es je
Zweifel am ungebrochenen US-Patriotismus, so haben sich
diese spätestens nach dem 11. September 2001 zerstreut.
Auch in der so genannten "Dritten Welt" spricht
kaum etwas dafür, dass sich nationale politische Identitäten
hybridisieren. Und die Beziehungen zwischen der "Ersten"
und der "Dritten Welt" lassen sich bisher
in politischer wie in ökonomischer Hinsicht noch durchaus
adäquat mit differenzierten Zentrum-Peripherie-Modellen
beschreiben. Es lässt sich also wenig empirische Evidenz
dafür erbringen, dass sich Kollektividentitäten nicht
mehr national bestimmen oder gar insgesamt fragiler,
hybrider werden, als es psychologische Konstruktionen
dieser Art ohnehin stets sind. Im Gegenteil, vieles
spricht für ein erfolgreiches Comeback des Nationalbewusstseins
- etwa die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien in Österreich,
Italien, Dänemark, Frankreich und den Niederlanden,
die sicherlich zum Teil als Ablehnung der europäischen
Integration wie auch der Globalisierung aus nationalistischen
Gründen zu verstehen sind, oder auch die österreichischen
Reaktionen auf die EU-Sanktionen, die Erfindung heimatlicher
Traditionen durch Zuwandererkinder in Westeuropa, das
(Wieder-)Erstarken moslemischer und christlicher Fundamentalismen,
etc.
Modellbildungen,
wie von Hardt und Negri vorgenommen, sind unabdingbar,
um eine politisch-theoretische Diskussion zu befördern,
gerade auch durch den Widerspruch, den sie herausfordern.
Sie sind indes problematisch, wenn sie als praktische
politische Handlungsanweisungen oder als maßstabgetreue
Abbildungen verstanden werden. Denn der große und schwammige
Begriff des Empire und der hinter ihm stehende noch
unklarere Terminus der Ökonomie oder des freien Marktes,
der das Weltgeschehen bestimmt, anonymisieren gesellschaftliche
Realitäten und klammern konkrete AkteurInnen und ihre
Interessen aus. Damit wird aber auch die Analyse des
politischen Widerstandspotenzials nur auf sehr abstrakter
Ebene möglich. Der korrekten Diagnose von Marchart,
dass die Identifikation einer völlig unorganisierten
Multitude intellektueller DienstleisterInnen als potenzielles
politisches Subjekt die Problemdiagnose als Lösung verkauft,
ist hinzuzufügen, dass diesem politischen Subjekt bei
Hardt und Negri kein Gegenüber angeboten wird, keine
AkteurInnen, gegen die sich ihr politischer Kampf richten
könnte. "Der Markt" oder "das Empire"
sind Ordnungsstrukturen der Welt oder von Teilen der
Welt; sollen sie verändert oder durch andere Strukturen
ersetzt werden, so gilt es, diejenigen zu identifizieren,
die einer solchen Veränderung entgegenstehen.
Dass dies aufgrund
zahlreicher Verflechtungen zwischen Ökonomie und Politik
einerseits, und zwischen MachthaberInnen in verschiedenen
Teilen der Welt andererseits, Probleme aufwirft, ist
eine sicherlich richtige, wenn auch nicht unbedingt
neue Diagnose von Hardt und Negri. Schon in den 60er
Jahren fand Raoul Vaneigem im "International Situationist
Bulletin" auf die Frage "wo sind die Verantwortlichen,
diejenigen, die niederzuschießen sind?" nur die
Antwort: "Ein System, eine abstrakte Form beherrscht
uns." (Vaneigem 1963) Diese abstrakte Form, der
Kapitalismus in den Worten von Marx, die Gesellschaft
des Spektakels in der Definition der Situationisten
und das Empire nach Hardt und Negri, wird angetrieben
von den Erfordernissen des "totalen Marktsystems"
(Kurz 1999, passim), dessen Erfordernissen sich alles
Gesellschaftliche unterzuordnen hat, um nicht die Ökonomie
und damit die allgemeine Wohlfahrt zu stören.
Ökonomisierung der Kultur
"Die
fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene
Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die
ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche
vor allen anderen aus. Alle fest eingerosteten Verhältnisse
mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und
Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten
veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische
und Stehende verdampft, alles heilige wird entweiht,
und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung,
ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen
anzusehen." (Marx/Engels 1848/1995, 5)
Diese Beschreibung
einer allumfassenden Ökonomisierung der Kultur stammt
nicht aus dem neuen Polit-Bestseller von Hardt und Negri,
sondern aus dem "Kommunistischen Manifest",
das bekanntlich erstmals im Jahr 1848 veröffentlicht
wurde. Die Ökonomisierung des gesamten gesellschaftlichen
Lebens ist ein wesentlicher Teil des Kapitalismusverständnisses
von Marx - er kritisiert die ihr innewohnende Entfremdung
des Menschen von der lebendigen Arbeit und versteht
sie zugleich als zentrale Grundlage der Rationalisierung
des menschlichen Lebens und damit des gesellschaftlichen
Fortschritts, der Bedingung nicht nur des Kapitalismus,
sondern auch des Kommunismus ist.
Marx hatte nicht
viel Bedauern für verschwindende kulturelle Widerständigkeiten
übrig; die MaschinenstürmerInnen und andere, die versuchten,
ihren Lebensstil gegen den Kapitalismus aufrechtzuerhalten,
verachtete er als RomantikerInnen. Seine ambivalente
Faszination galt dem alles umfassenden neuen Wirtschaftssystem
und seiner enormen Definitionsmacht - einer Faszination,
die Hardt und Negri mehr als 150 Jahre später offensichtlich
immer noch unterliegen.
Von einem grundsätzlich
anderen persönlichen Standpunkt aus beurteilten Horkheimer
und Adorno die Kommerzialisierung des Kulturellen in
den 40 Seiten der "Dialektik der Aufklärung"
(1994/1944), die sie der Kulturindustrie widmeten. Die
beiden linken Intellektuellen, die es auf der Flucht
vor dem Nationalsozialismus nach Los Angeles, in das
Zentrum der kapitalistischen Traumfabriken verschlagen
hatte, sahen dort mit Entsetzen, wie die Bereiche des
Privaten, Zwischenmenschlichen, des Genusses und des
Denkens, wie also weite Teile dessen, was sie unter
Kultur verstanden, vom Kapitalismus in der Form der
Kulturindustrie vereinnahmt und vereinheitlicht wurden,
wie Gefühle und tief empfundene menschliche Bedürfnisse
beliebig erregt und gedämpft wurden, wie die Muße als
Freizeit zur Parallelwelt der entfremdeten Arbeit degenerierte.
"Amusement ist die Verlängerung der Arbeit im Spätkapitalismus"
(ebd., 145), heißt es da, "immerwährend betrügt
die Kulturindustrie ihre Konsumenten um das, was sie
immerwährend verspricht." ( ebd., 148) Denn: Freiheit
in der Warengesellschaft ist "die Freiheit zum
Immergleichen." (ebd., 176.) Das zur Zeit von
"Cultural Studies"-ProponentInnen bis zu Franz
Morak bejubelte Zueinanderfinden von Wirtschaft und
Kultur in Form von "Cultural Industries" wurde
also bereits vor knapp 60 Jahren konstatiert, allerdings
gänzlich anders beurteilt.
Der Zorn und die
Enttäuschung, die aus dem Duktus dieses Textes sprechen,
erklären sich aus der Hoffnung, die die Autoren in das
Widerstandspotenzial der Kultur setzten. Allerdings
ging es ihnen dabei nicht um die Volkskultur, die der
Übernahme in die industrielle Fertigung entgehen sollte
- ihre Nostalgie galt der autonomen Elitenkunst, von
deren Unabhängigkeit von der Effizienzlogik der bürgerlichen
Gesellschaft sie potenzielle Widerständigkeit erwarteten.
Horkheimer und Adorno
zogen also einen scharfen - und heuristisch kaum haltbaren
-Trennstrich zwischen der Kultur, die "zur Bändigung
der revolutionären wie der barbarischen Instinkte seit
je beitrug" und der autonomen Kunst. Dieser normative
Standpunkt ist wohl eher aus ihrer persönlichen Stellung
und Geschichte, denn aus einer stringenten wissenschaftlichen
Ableitung heraus zu verstehen. Denn Kultur, verstanden
als die Normen und Werte von Gemeinschaften, dient durchaus
nicht notwendigerweise nur "der Bändigung der
revolutionären Instinkte", sondern setzt in spezifischen
Situationen den ökonomischen Anforderungen des herrschenden
politischen Systems Widerstand entgegen. Der undialektischen
und statischen Beschreibung des Verhältnisses zwischen
ökonomisch-technologischem Unterbau und gesellschaftlich-politisch-kulturellem
Überbau bei Marx und noch stärker bei Lenin (Sozialismus
= Verstaatlichung + Elektrifizierung) setzte Antonio
Gramsci eine differenzierte Analyse des Zusammenhangs
zwischen Ökonomie und Kultur entgegen. Weder Machterhalt
noch Machtwechsel ist laut Gramsci ohne kulturelle Hegemonie
möglich, Revolutionen entstehen nicht quasi zwangsläufig
aufgrund des ökonomischen und technologischen Fortschritts,
sondern bedürfen einer adäquaten "Ideologie",
die wiederum nicht - wie zumindest in manchen Schriften
von Marx dargestellt - automatischer Ausfluss der Klassenposition
des Subjekts ist, sondern der Vermittlung bedarf. (Gramsci
1980, passim, z.B. 219) Denn kulturelle Prägungen sind
langlebig und von vielfältigen Faktoren bestimmt, ihre
Veränderung erfolgt folglich auch nicht durch den bloßen
Ersatz eines Ideologiegebäudes durch ein anderes, sondern
durch Umgewichtungen, neue Erzählformen, die Aufbringung
neuer Ideen, die an alte Ideen anschlussfähig sind.
Gramscis Überlegungen
waren und sind von erheblicher Bedeutung für die
Vertiefung des marxistischen Gesellschaftsverständnisses
und wurden auch von der "Neuen Rechten" mit
Interesse aufgegriffen; PolitikerInnen im Mainstream des
Kapitalismus hingegen hatten diese theoretischen Erörterungen
nie nötig, denn seit frühkapitalistischen Zeiten
gelang es diesem Wirtschaftssystem, sich auf allen
Ebenen menschlicher Existenz durchzusetzen. Unterbau und
Überbau, Ökonomie und Kultur, Markt und Ideologie
waren im kapitalistischen Alltag nie so scharf getrennt
wie in der marxistischen Analyse. Seit Adam Smith werden
die adäquaten Bilder und Diskursformen parallel zur
Wirtschaftsentwicklung mitgeliefert.
Die Ökonomisierung der Kultur setzte daher ebenso wie
die Kulturalisierung der Ökonomie im 18. Jahrhundert
ein - tradierte kulturelle Formen galt es den neuen ökonomischen
Erfordernissen anzupassen, während zugleich diese ökonomischen
Erfordernisse in die Sinnwelt der Menschen eingehen
mussten, also kulturalisiert wurden. Indes hat die
Kulturalisierung der Ökonomie in den letzten
Jahrzehnten durch den sukzessiven Ersatz der
Warenproduktion durch die Sinn/Symbol-Produktion einen
qualitativen Sprung erfahren.
Kulturalisierung der
Ökonomie
"Having
from the workshop to the laboratory emptied productive
activity of all meaning for itself, capitalism strives
to place the meaning of life in leisure activities and
to reorient productive activity on that basis. Since
production is hell in the prevailing moral schema, real
life must be found in consumption, in the use of goods.
(...) The world of consumption is in reality the world
of mutual spectacularization of everyone, the world of
everyone’s separation, estrangement and
nonparticipation." (Debord
1994/ 1960, 698)
Ebenso wie Gramsci
entwickelte die Situationistische Internationale das
von Marx beschriebene Verhältnis zwischen Ökonomie und
Ideologie in ihrer Gesellschaftskritik weiter. Essenzialistischer
als Gramsci bezieht sie sich zentral auf den Begriff
des "falschen Bewusstseins", dem durch die
kapitalistische Durchdringung aller gesellschaftlichen
Bereiche und auch aller Klassen nicht nur die VerliererInnen,
sondern auch die GewinnerInnen des Systems unterliegen.
Alle Formen gesellschaftlichen Lebens, alle kulturellen
Äußerungen, alle politischen Organisationsformen werden
als Teil des Spektakels begriffen, das dazu dient, die
Menschen von ihren wirklichen, unmittelbaren, gegenwärtigen
Interessen abzulenken.
Zweifellos spielt
das Spektakel eine immer größere Rolle, je eher vitale
Basisbedürfnisse der (kaufkräftigen) Bevölkerung (der
"Ersten Welt") abgedeckt sind und je mehr
sich die Bewegungen des Finanzkapitals von der Produktion
realer Güter entfernen. Nicht die Abdeckung bestehender
Nachfrage durch Produktion von Angebot, sondern die
Schaffung von Nachfrage steht im Mittelpunkt der Ökonomie.
Wie Hardt und Negri keinesfalls als erste, dafür aber
sehr konzis, darlegen, kommt der immateriellen und kommunikativen
Arbeit heute jene Bedeutung bei der Produktion des Mehrwerts
zu, die im Frühkapitalismus die Massenarbeit in den
Fabriken hatte. Zugleich spielen Kommunikationsforen
und -möglichkeiten in ihren erweiterten und vertieften
Anwendungsbereichen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung
von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft, in der
äußere Zwänge durch internalisierte Disziplinierungsmechanismen
ersetzt werden. Menschen funktionieren im ständigen
Bemühen um Optimierung als ihre eigenen Dompteure.
Zusammengefasst:
seit seinen Frühzeiten hat das Wirtschaftssystem des
Kapitalismus sukzessive alle Lebensbereiche und alle
geographischen Regionen durchdrungen und tendenziell
vereinheitlicht. In unterschiedlichen Epochen war ihm
dies in unterschiedlichem Maße möglich; neuere ökonomische
und politische Entwicklungen haben hier einen beschleunigenden
Effekt gehabt, der nicht nur Hardt und Negri zu der
Annahme führt, wir befänden uns in der Epoche einer
grundlegend neuen Weltordnung. Weite Teile des kunst-
und kulturpolitischen und -theoretischen Diskurses gehen
davon aus, dass diese neue Weltordnung auch eine grundsätzliche
Neupositionierung von Kulturschaffenden nach sich zieht.
Stichworte: Cultural Workers und Cultural Industries
(CI).
Doch die Subsumierung
all jener, die im Kultur- und Mediensektor, bzw. in
den mit Symbolproduktion beschäftigten Teilen anderer
Wirtschaftssektoren arbeiten, unter den Header "Cultural
Industries" erscheint nicht nur in keiner Weise
zwingend, sondern auch heuristisch nicht hilfreich.
Weder ist empirisch evident, dass diejenigen, die bisher
im Kultursektor im engeren Sinn arbeiteten, nunmehr
die CI bevölkern, noch haben all die in den internationalen
CI-Definitionen aufgezählten Berufsgruppen ausreichend
gemeinsame Merkmale, um eine solche Klassifikation zu
rechtfertigen. Und eine Zusammenfassung all der Bereiche,
deren gemeinsamer Nenner darin besteht, zum einen nicht
mehr in die gewohnten Schemata zu passen und zum anderen
vage mit dem "Symbolischen" zu tun zu haben,
scheint wenig wertvoll.
Aufgrund des bisher
Gesagten scheint evident, dass es gesellschaftliche
Entwicklungen gibt, die unter den Schlagworten Globalisierung,
Ökonomisierung der Kultur und Kulturalisierung der Ökonomie
zusammengefasst werden können, dass indes weder ihre
genaue zeitliche Einordnung (ganz neu? immer schon da
gewesen? irgendetwas dazwischen?) noch ihre Radikalität
klar sind. Im Gegensatz zu diesem vagen Befund lässt
sich hingegen mit einiger Bestimmtheit behaupten, dass
der Diskurs über die Gesellschaft im Allgemeinen, und die Stellung von
Kulturschaffenden innerhalb dieser im Besonderen, wesentlich
von diesen Schlagworten beeinflusst ist.
In Bezug auf die
Stellung von KünstlerInnen besteht die Implikation dieses
Diskurses insbesondere in der Erwartung, dass Kulturschaffende
auch ohne staatliche Finanzierungen überleben können
und, mehr noch, dass ihre Aktivitäten einen wesentlichen
Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung leisten. Der Diskurs,
der uns hier interessiert, ist also in erster Linie
ein kulturpolitischer, der sich paradoxerweise dadurch
auszeichnet, dass kulturpolitische Handlungsmöglichkeiten
und -notwendigkeiten im Angesicht des unbegrenzt und
unbeherrschbar agierenden freien Marktes geleugnet werden.
Für die Kulturschaffenden selbst bietet die Freilassung
aus staatlicher Obsorge in marktwirtschaftliche Eigenverantwortung
angeblich die Möglichkeit, ureigenste kreative Interessen
mit dem Brotjob zu verbinden - z.B. direkt aus der Jugendsubkultur
in die unternehmerische Karriere umzusteigen, ohne je
die Entfremdung durch aufgezwungene Arbeitsverhältnisse
zu erleben. Der Entfremdung im klassisch-marxistischen
Sinne, der Enteignung des Mehrwertes der eigenen Arbeit
entgehen die "self-employed"
Cultural Workers allerdings nicht; im Gegenteil sind
sie der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch das völlige
Fehlen traditioneller Formen politischer und ökonomischer
Organisation sehr viel stärker ausgesetzt als Menschen
in regulären Arbeitsverhältnissen. Insgesamt führen
diese Faktoren zu dem vielzitierten Bild des "Cultural
Worker", der jung, dynamisch und flexibel innerhalb
einer 80-Stunden-Woche mehrere mehr oder weniger kreative
Jobs bewältigt und sich dabei auch noch wohl fühlt.
Dabei bleiben selbstverständlich diejenigen auf der
Strecke, die den Schutz traditioneller arbeitsrechtlicher
Vereinbarungen und gewerkschaftlicher Maßnahmen besonders
benötigen, wie etwa Mütter mit Kindern oder Menschen,
die aus Alters- und/oder Gesundheitsgründen nicht unbegrenzt
einsatzfähig sind. Die Cultural Industries werden damit
zum prototypischen Sektor der "autonomen Entfremdung"
(Hardt/Negri) der Kontrollgesellschaft.
Politische Antworten
auf die konkrete Situation der Cultural Workers stehen
(noch?) aus. Traditionelle ArbeiterInnenorganisationen
wie insbesondere die Gewerkschaften scheinen weder fähig
noch willens, sich der Probleme atypischer Beschäftigungsverhältnisse
anzunehmen; andererseits hält sich auch die Attraktivität
althergebrachter Organisationsformen dieser Art bei
den Betroffenen in Grenzen. Eher hofft jede/r für sich
trotz aller statistischer Evidenz auf die außergewöhnliche
Karriere, die ihn/sie über Nacht zum gut verdienenden
und gefeierten Star macht. Die alte US-amerikanische
Mär vom Tellerwäscher, der Millionär wird, feiert hier
ein triumphales Comeback. Vor dem Hintergrund der in
diesem Artikel beschriebenen dominanten Diskursformen
erscheint diese Haltung indes wenig erstaunlich. Wer
würde ernsthaft erwägen, dem Empire mit Streik entgegenzutreten,
die Allmacht des Marktes mit Kollektivverträgen zu brechen?
Dies macht die politische
Gefahr deutlich, die in großen theoretischen Würfen
wie dem von Hardt und Negri liegt. Zu viele wesentliche
Details werden der Verallgemeinerung geopfert, die in
ihrer Abstraktheit der Dämonisierung des Bestehenden
Vorschub leistet. Auch wenn TheoretikerInnen von Marx
bis Negri Recht zu geben ist, dass die ökonomischen
Bedingungen die wesentlichsten Bestimmungsgründe aller
anderen gesellschaftlichen Bereiche im Kapitalismus
darstellen, so wurden doch über die letzten 200 Jahre
immer wieder politische Angriffspunkte gefunden, um
das gesamtgesellschaftliche Gefüge zwar nicht umzustürzen,
doch immerhin zu stören und/oder zurechtzurücken. Wesentlicher
Angelpunkt für durchaus fundamentale politische Kritik
waren die Versprechungen der liberalen Demokratie, die
nie eingelöst wurden, weil sie stets durch die Erfordernisse
des Wirtschaftssystems gebrochen wurden, zugleich aber
immer wieder politische Wirkung zeigten. Zahlreiche
politische Bewegungen haben sich in ihren Forderungen
auf die drei großen Werte der französischen Revolution
berufen und auf diese Art politische Etappensiege errungen.
Behaupten Hardt und Negri nun das Ende der nationalstaatlichen
Demokratie und ihre Ablösung durch das ungreifbare Netzwerk
des Empire, so entziehen sie damit der politischen Kritik
ihren Widerpart - und zwar, wie schon im ersten Teil
dieses Textes ausgeführt, zumindest verfrüht, denn noch
ist nationalstaatliche Macht von ihrem Absterben weit
entfernt. Viel spricht dafür, dass sich die AkteurInnen
der Weltordnung in den letzten Jahrzehnten kaum geändert
haben: Nach wie vor handelt es sich bei ihnen um inter-
und transnational agierende Wirtschaftsunternehmen und
um nationale Regierungen - auch wenn letztere nunmehr
teilweise in Doppel- bis Dreifachrollen auftreten, in
denen sie, etwa über die UNO oder den Rat der Europäischen
Union, auch transnationale Agenden bestimmen oder selbst
RepräsentantInnen von Unternehmen sind. Gesetzt den
Fall, dass diese Diagnose richtig ist, dann spricht
nichts dagegen, Widerstand und Protest weiterhin an
und gegen diejenigen zu richten, deren Legitimität in
diesem System nach wie vor von ihrer Akzeptanz im nationalen
Rahmen abhängig ist, die sich in Wahlen manifestiert
- nämlich an nationale Regierungen. Von ihnen ist zu
verlangen, dass sie auch ihre inter- und transnationalen
Rollen im Sinne ihres demokratischen Mandats wahrnehmen,
d. h. in vielen konkreten Fällen, dass sie demokratische
Strukturen erst einführen. Von ihnen ist auch zu verlangen,
dass sie den Bereich der Ökonomie daran hindern, den
Bereich der Politik zu beherrschen, dass sie kulturpolitische
Programme entwerfen, zur Diskussion stellen und an ihrer
Umsetzung arbeiten, statt Konzeptlosigkeit mit Worthülsen
wie "Creative Industries" zu verschleiern.
Und da viele dieser Forderungen erfahrungsgemäß ins
Leere gehen werden, sind es diese nationalen PolitikerInnen,
denen die Legitimität abzuerkennen ist - statt sie als
Spielbälle des weltweiten Empire von Verantwortung freizusprechen
und sich damit letztendlich dem hegemonialen Diskurs
vom Primat der Marktwirtschaft anzuschließen. In welcher
Form und in welchen Arenen diese Art des Protests vonstatten
gehen könnte, kann nicht ex
ante festgelegt werden wie z.B. über eine künstliche
Abwertung des Lokalen zugunsten des Nomadentums, sondern
muss von den konkreten Bedingungen abhängen, von denen
Kunst- und Kulturschaffende betroffen sind.
Literatur
Debord,
Guy (1994/1960), Preliminaries Towards Defining a Unitary
Revolutionary Program. In: Harrison C./Wood P. (1994),
Art in Theory 1900-1990. An anthology of Changing Ideas.
Oxford , UK and Cambridge, USA.
Gramsci, Antonio
(1980), Zu Politik, Geschichte und Kultur. Reclam-
Verlag Leipzig.
Hardt,
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neue Weltordnung. Frankfurt/
New York.
Horkheimer,Max/Adorno,
Theodor (1994/1944), Dialektik der Aufklärung. Philosophische
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Kurz, Robert (1999),
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Frankfurt.
Marx, Karl/Engels,
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Smith,
Adam (1976/1776), An Inquiry into the Nature and Cause
of the Wealth of Nations. General Editors: R. H. Campbell
and A. S. Skinner. Textual Editor: W. B. Todd. Oxford
University Press.
Vaneigem
Raoul (1963), Basic Banalities 2. In:
International Situationist Bulletin 8/ 1963, http://library.nothingness.org/articles/SI/en/display/11,
zuletzt kontrolliert: 2002-08-02.
Zobl Beatrix/Schneider
Wolfgang (2001), Die Legende von der Autorenschaft und
die Legende vom Ende der Autorenschaft. In: kulturrisse
01/01, S. 28.
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