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Der Titel dieses
Textes verweist auf einige Diskussionen, die das
republicart-Projekt offenbar zumindest in seinen Anfängen
stark beschäftigt haben – die Idee der Transversalität
und die Neuordnung der Beziehungen zwischen
politischen und künstlerischen Aktivitäten im Lauf der
letzten 5 bis 10 Jahre in Europa. Ich beschwöre im
Titel aber auch eine von Sarat Maharaj häufig
aufgegriffene Frage Marcel Duchamps: wie 'kann man Werke
machen, die keine 'Kunst-' sind?' Mit dem
Zusammenbringen dieser Themen will ich einer Sorge
Ausdruck verleihen, die ich trotz all der nicht nur im
Kontext von republicart, sondern auch in vielen Jahren
nunmehr sehr sichtbarer politisch und gesellschaftlich
engagierter Kunstpraxen getanen Arbeit nicht loswerde.
Inwiefern nämlich das, was wir trotz der vorgeblich
deterritorialisierenden Mechanismen transversaler Praxen
letzten Endes erreicht haben, oder das, was jetzt
'sichtbar' ist, in der Mehrzahl der Fälle ein endlos
erweiterter (relationaler, sozial engagierter)
Kunstbegriff ist. Tatsächlich könnte man sagen, es ist
nahezu unmöglich geworden, ein Kunstwerk zu machen, das
kein Kunstwerk ist.
Meine Frage ist also
gewissermaßen, wie dieses Problem der Sichtbarkeit mit
der Herstellung neuer, sogenannter transversaler oder
konstituierender Praxen zusammenhängt, welche das Kunstfeld
und dessen Institutionen schneiden? Bis zu welchem Grad
wird das, was für solche neuen Praxen möglich ist, von
Deutungssystemen und den konstitutiven Formen, durch
die sich Praxen als dieses oder jenes zu erkennen geben
sollen, beschränkt und vorweggenommen? Und was sind
schließlich die Strategien und Dynamiken, die am Arbeiten
über Situationen, Institutionen und Diskurse hinweg,
und ohne Identifikation mit ihnen oder die Unterordnung
unter sie, beteiligt sind? (Und sofort verallgemeinere
ich hier den Begriff Sichtbarkeit auch auf die Bedeutungen
Erkennbarkeit und Lesbarkeit hin.)
Einer mittlerweile
viel zitierten These Alain Badious zur zeitgenössischen
Kunst folgend ist es 'besser, gar nichts zu tun, als
zur Erfindung formaler Wege beizutragen, das sichtbar
zu machen, was Empire bereits als existent anerkennt.'
Für Badiou ist hier Sichtbarkeit als Bedingung oder
Zustand in einem Regime von Empire negativ konnotiert.
Bereits bekannte oder erkennbare Formen zu erfinden
wird als sinnlos erachtet. Im Rahmen dieses Textes möchte
ich dieser Aussage Maharajs von Duchamp übernommene
Frage (wie kann man Werke machen, die keine 'Kunst-'
sind?) anschließen, indem ich unterstelle, das 'Kunstwerk'
sei die erkennbare, sichtbare Form, die Empire zur Verwaltung
und Beherrschung freilegt. Womit ich in anderen Worten
andeuten will, dass die große Inklusion oder Identifikation
aller Arten von transversalen Praxen, Praxen der Selbstorganisation
und Praxen, in denen nie klar wird, wo die Kunst aufhört
und die Politik beginnt, in Kategorien eines erweiterten
Kunstbegriffs ('relational art', 'sozial engagierte'
Kunst usw.) mit Misstrauen aufgenommen werden muss.
Die Vermutung ist also, dass es für transversale Praxen,
wenn sie eine kritische Beziehung zu 'Empire' wahren
wollen, wichtig ist, sich der Einordnung zu entziehen,
'doggedly eye-proof' zu bleiben, wie Sarat Maharaj es
genannt hat.
Ich würde behaupten, dass die Kennzeichnung gewisser
Praxen als Kunstwerke, oder die Begrenzung bestimmter
Aktivitäten und Formen auf das 'Kunstfeld' ihr Potenzial
einschränken oder sogar ausschalten können.
Über was für Praxen
reden wir nun eigentlich und was ist in diesem Zusammenhang
mit Transversalität gemeint? Zusammenfassend ließe sich
das, was in der Kunst genauso wie in politischen Praxen
in den letzten zehn Jahren (mindestens) passiert ist,
als gleichzeitiges Infragestellen der Repräsentationsstrukturen
der politischen Partei, die mit der korporativen Geist
des Nationalstaats im Einklang steht, und der Genres
traditioneller Community-based und Public Art, die diesen
Strukturen politischer Repräsentation entsprechen, beschreiben.
Diese Befragung der das Politische untermauernden Strukturen
wird in der Signifikanz für zeitgenössische soziale
Bewegungen des Zapatismo und des 'neoanarchistischen'
Experimentierens mit direkter Demokratie durch unterschiedliche
Organisationsformen bestätigt. Oftmals handelt es sich
bei den Praxen, auf die ich mich beziehe, um künstlerische
und politische Gemeinschaftsproduktionen; überdies
lehnen sie es ab, für die Minorisierten zu sprechen
– und entwickeln stattdessen Modalitäten, die andere
Arten einer kollektiven Praxis fördern. Gerald Raunig
zufolge hat das in Europa in den 1990er Jahren wiedererwachte
Interesse an Public und Community Art, partizipatorischer
und interventionistischer Kunst eben in der Verbindung
'mit heterogenen Aktivitäten gegen die ökonomische Globalisierung'
Züge einer Neu-Politisierung angenommen. Diese Arbeit
vollzieht sich häufig gemeinschaftlich und befasst sich
mit Fragen des öffentlichen und sozialen Raums, der
Mobilitäts- und Wissensfreiheit, sie tritt in vielfältigen
Formen auf und funktioniert oft über zahlreiche verschiedene
Schauplätze hinweg. Ein gemeinsamer Nenner der neuen
kulturellen und aktivistischen Praxen ist, dass sie
eher aufs Experimentieren als auf Repräsentation ausgerichtet
sind, auf die Mittel: auf Aktivitätsformen, die das
Warum und das Wie des Zusammenkommens in Griffweite
rücken. So haben etwa Routes
aus Belfast, Kein
Mensch ist illegal und Florian Schneider, 16Beaver
und Ultra-Red
Praxen initiiert, in deren Umfeld Situationen, Mittel
und Verfahren produziert werden, die dann in und von
verschiedenen Adressatenkreisen eingesetzt werden können.
Von solchen Praxen ließe sich sagen, dass sie künstlerische
Modalitäten (im Gegensatz zu Repräsentationen und selbst
zu Ausdrücken) nutzen, um in ihrer Bewegung durch physische
und soziale Räume auf kreative Weise neue organisatorische
Formen, Konstellationen und Situationen zu erzeugen.
Jetzt könnten solche
Praxen auch treffend als transversal beschrieben werden,
oder müsste es eher heißen, sie produzieren Transversalen?
(wenn es um das Transversale geht, wird die Grammatik
immer kompliziert). Der Ausdruck transversal wird häufig
mit Gilles Deleuze und Félix Guattaris Tausend
Plateaus assoziiert. Erstmals verwendet und entwickelt
wurde er allerdings von Guattari an der La Borde-Klinik
in Frankreich, als Werkzeug zur Umgestaltung institutioneller
Praxen in der Psychiatrie und Alternative zu deren
konventionellem Modell, den Übertragungsprozessen zwischen
dem Analytiker und dem Analysanden. Guattari ging es
darum, die Übertragungsprozesse, die das produzieren,
was er institutionelle Objekte nennt, zu ersetzen und
offene kollektive Praxen einzuführen, die quer
zu den engen Grenzen der Institution arbeiten und darüber hinaus gehen. Allgemein gesprochen benutzte Guattari den Begriff
der Transversalität als konzeptuelles Hilfsmittel, um
über die Öffnung vormals geschlossener Logiken und Hierarchien
und durch das Experimentieren mit Interdependenzbeziehungen
neue Assemblagen und Allianzen herzustellen. In Guattaris
aktivistischer Arbeit kam Transversalität als Kritik
an und Bruch mit ererbten politischen Organisationsformen
wie 'der Partei' zum Einsatz. In späteren Phasen seines
Schaffens und der Zusammenarbeit mit A/Traverso und
Radio Alice konzentrierte sich Guattari jedoch weniger
auf das psychoanalytische 'Gerüst' des Ausdrucks und
mehr auf die Frage, wie Modi der Transversalität verschiedene
Formen von (kollektiver) Subjektivität produzieren können,
die die Gegensätze zwischen Individuum und Gruppe überwinden.
Eine Bewegung oder
ein Modus der Transversalität legt es ausdrücklich auf
die Deterritorialisierung der Disziplinen, Felder und
Institutionen an, zu denen sie quer läuft. In letzter
Zeit wurde der Begriff von Michael Hardt und Antonio
Negri ebenso wie von Kritikern wie Gerald Raunig gebraucht,
um neue Gelände der offenen Kooperation zwischen verschiedenen
aktivistischen, künstlerischen, sozialen und politischen
Praxen zu beschreiben. Insbesondere für Raunig sind
diese Arten der Kooperation keine Gebilde der 'Solidarität'
zwischen Akteuren oder der 'Inter-Disziplinarität' zwischen
Feldern, sondern vielmehr Zeichen einer nicht auf Repräsentation
ausgerichteten additiven Form der Allianz. Die nebenordnende
Konjunktion 'und' funktioniert nicht als Inklusionsmechanismus,
sie bedingt keine willkürlichen Zusammenhänge und auch
keine Serie kontextueller Verkettungen. Eher ist sie
eine Modalität des Dazwischen, die temporäre Allianzen
zwischen Praxen und 'Feldern' generiert: Allianzformen,
die ihren kollektiven Handlungen angemessen sind. Entscheidend
ist, dass die betroffenen Felder davon nicht unberührt
bleiben können.
Das Transversale
ist eine Organisationsform, die das Wie und das Warum
kollektiver Tätigkeiten nicht voneinander trennt. Für
Guattari sollte die Transversalität einen Bruch mit
ererbten Formen der politischen Organisation herbeiführen,
welche institutionelle Objekte erschaffen. Transversalität
kann man also nicht als gegeben voraussetzen. Sie ist
keine bezugsfertige Form, sondern wird vielmehr durch
Ereignisse, Akte der Allianz und temporäre Organisationen
ständig konstituiert. Das Transversale ist nicht, es
ereignet sich; da es nicht als ein positives Ding oder
eine Entität definiert werden kann, sondern sich eher
um eine Produktion handelt, die Organisationsstrukturen
in einem Zustand des Werdens hält, ist es außerdem
in entscheidender Weise an Produktion gekoppelt – der
Produktion von Subjektivität und was Guattari selbsterzeugende
Praxen nennt, Praxen, die ihre eigenen Signifikanten
und Wertsysteme zu erschaffen versuchen.
Transversale Praxen
sind oft nicht als traditionelle aktivistische Kampagnen
oder ‘Kunstpraxen' erkennbar und interessieren sich
nicht für Debatten, die ihren Aktivitäten das verordnen,
was Sarat Maharaj als 'nominelle Schließung' beschrieben
hat. Häufig intervenieren sie nicht nur in die Strukturen
künstlerischer Repräsentation, sondern auch in die institutionellen
Strukturen, über die Objekte und Begegnungen produziert
und reproduziert werden.
Jetzt geht es vielen
der oben angeführten Praxen unter anderem darum, verschiedene
Leute zusammenzubringen; darum, manchmal temporär,
manchmal dauerhaft soziale Interaktionsräume zu schaffen.
Ultra-Red beispielsweise, eine Gruppe mit fließenden
Strukturen (deren 'Mitglieder' andernfalls als Anwohner,
Gemeindearbeiter, Aktivisten, Musiker und Künstler identifiziert
werden könnten) und Sitz in Palo Alto, einem Stadtteil
von Los Angeles, umschreiben ihre zahlreichen Betätigungen
als eine Praxis des Organisierens. Ein anfänglicher
Schwerpunkt ihrer Aktivitäten waren Forderungen im Bereich
des sozialen Wohnungsbaus und der Arbeitnehmerrechte,
und in einem gewissen Maß sind dies auch weiterhin die
zentralen Anliegen. In den Worten eines Mitglieds arbeiten
Ultra-Red an einem gemeinsam produzierten Raum; deshalb
kommen bei ihnen auch unterschiedliche Strategien zum
Einsatz, gemeinsam produzierte Audio-Stücke, Kampagnenarbeit
und die Organisation sozialer Ereignisse genauso wie
Aktionen in Zusammenarbeit mit anderen Anwohnern und
Arbeitern in der Nachbarschaft.
Eine solche Form der Praxis und der Organisation beruht
nicht auf einer gemeinsamen Identität oder einem einzigen
Programm, was aber geteilt wird, sind die pragmatische
Notwendigkeit und der Wunsch, miteinander zu arbeiten.
Die Strukturen der 'Gruppe' beugen offenen Hierarchien
vor, und die Arten, in denen sie ihre vielfältigen Praxen
verortet, gewährleistet im Großen und Ganzen, dass verschiedene
Felder, Institutionen und bestimmbare Praxisformen
durchquert und enthindert werden.
Eine derartige Praxis
und viele der oben gebrauchten Begriffe mögen auch einem
anderen Diskurs vertraut klingen: dem der relationalen
Ästhetik. Für den Kritiker Nicholas Bourriaud haben
solche sozialen Interaktionsräume in den 1990ern konkrete
Kunstwerke hervorgebracht. Zu Beginn seiner Untersuchung
verglich Bourriaud das spezifische gesellschaftliche
Vermögen, das an den Orten der Kunst erzeugt wird (Arbeiten
können 'live' in ihrer Gegenwart kommentiert und diskutiert
werden), mit den – seiner Ansicht nach – individuellen
und privaten Räumen des Konsums, wie sie das Theater,
Kino oder die Literatur produziert. Bourriaud zufolge
bewegt sich Kunst von einer dieses besondere soziale
Vermögen produzierenden zu einer explizit und exklusiv
auf die Produktion solcher Geselligkeitsmuster gerichteten
Form. Relationale Kunst beschreibt Bourriaud als 'Kunst,
die ihren theoretischen Horizont eher im Bereich menschlicher
Interaktionen und ihres sozialen Umfelds findet als
in der Behauptung eines unabhängigen und privaten symbolischen
Raums.' Anscheinend erweitert und modifiziert diese
Konzeption die seit den 1960ern in den Diskursen der
Kunstgeschichte geäußerte Kritik am autonomen Kunstwerk.
Mit seiner Betonung ihrer interaktiven, benutzerfreundlichen
Konzepte und deren Rolle für soziale Bindungen und menschliche
Beziehungen als besonderem Anliegen präsentiert Bourriaud
relationale Kunstwerke aber tendenziell als Mittel gegen
gesellschaftliche Entfremdung oder als künstlerische
Ziernaht für die Überbrückung der 'kommunikativen Kluft',
wie er es bezeichnet. Verordneten 'Kommunikationszonen'
(und verschiedenen Bildern der Dystopie, öffentlicher
Automatiktoiletten, Geldautomaten und dem Telefonweckanruf
vom, Band) setzt er die Freiräume und die kontrastierenden
Rhythmen der Kunstausstellung entgegen. Was ihm anschließend
die Behauptung gestattet, dass 'zeitgenössische Kunst
definitiv ein politisches Projekt entwickelt, wenn sie
sich darum bemüht, in den relationalen Bereich vorzudringen,
indem sie diesen zum Thema macht.'
Den auf modernistischen
Ideen der Produktion und der rationalen Kommunikation
beruhenden Entfremdungs- und Verdinglichungskonzepten,
mit denen er seine Thesen unterfüttert, stellt Bourriaud
dann allerdings einen älteren autonomen und romantischen
Entwurf von Kunst entgegen. Zusätzlich zeigt Bourriauds
Skizze der Gebrauchssphäre der neueren und gegenwärtigen
relationalen Kunst eine verblüffende Ähnlichkeit mit
zeitgenössischen Management-Diskursen, wie viele Kritiker
bemerkt haben. Bourriaud erklärt nie, wie
Kunst dadurch, dass sie den relationalen Bereich zum
Thema macht, nun genau ein politisches Projekt entwickelt.
Seine Darstellung der 'relational art' beruht auf der
Prämisse des entfremdeten Subjekts, das unter kapitalistischen
Bedingungen zu 'wirklicher' Kommunikation nicht imstande
ist. Wie Paolo Virno und andere ausgeführt haben, sind
Kommunikation und Kooperation im Postfordismus aber
gerade zum Grundstoff kapitalistischer Produktion geworden.
Für Bourriaud könnten die Geselligkeit und das soziale
Vermögen relationaler Kunstwerke die Kommunikation trotzdem
auf magische Weise aus ihren entfremdeten Bedingungen
befreien. Eine Antwort darauf, wieso Kunst diese Fähigkeit
haben sollte, wird nicht gegeben. Deshalb sieht es fast
so aus, als ob es die bloße Definition dieser Aktivitäten
als Kunst wäre, die ihnen erlaubt, die Entfremdung aufzuheben,
und sie von allen anderen relationalen Tätigkeiten unterscheidet.
Dann kann eine eigenartige
Umkehrung stattfinden, und unter den 'sozial engagierten'
oder relationalen Kunstpraxen der letzten Zeit lassen
sich viele weitere offensichtliche Beispiele dafür finden,
wie eine Tätigkeit durch die bloße Berufung auf die
Kategorie Kunst und den Künstler automatisch für radikal
gehalten wird. Die 'Artist's Marching Band' oder das
Fußballteam eines Künstlers beispielsweise sind neue
Erscheinungen, wie auch eine Reihe anderer Aktivitäten,
Künstler, die Kaffee servieren usw., die diese Beschäftigungen
irgendwie politisch und/oder radikal machen sollen.
Und wohin führt uns das? Das Verhältnis zwischen der
Kunst und dem Politischen wird dadurch, dass effektiv
in einem modernistischen Begriff von Kunst als abgegrenzter
autonomer Sphäre mit einem inhärenten Veränderungsvermögen
Zuflucht genommen wird, in einem Diskurs über relationale
Kunst zur Leerstelle.
Diese Auslassung
ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein aktuelles und
einflussreiches kritisches Paradigma, das angeblich
Wert auf neue Bereiche der Praxis legt, diese auszubauen
versucht und das Verhältnis von Kunst, Community und
dem Politischen anders artikulieren will, sich mit der
Einfriedung einer ganzen Serie von Praxen in einen bereits
erkennbaren Kunstbegriff selbst beschränkt. Im Diskurs
der relationalen Ästhetik wird nicht nur eine ganze
Bandbreite von Aktivitäten mysteriöserweise als Kunst
bezeichnet, sondern auch deren politische 'Effekte'
auf ein paar romantische Annahmen über das Veränderungspotenzial
von Kunst reduziert. Eine ganze Reihe kuratorischer
Verfahren trägt aktiv – oftmals mit der willigen Unterstützung
der Beteiligten – dazu bei, dass solche Praxen zu Kunst
gemacht werden; angefangen mit der scheinbar kleinen
Geste, von einer Serie von Aktivitäten und deren Beiprodukten
als einer 'Arbeit' zu sprechen. Und so macht Bourriaud
relationale Praxen und Organisationsformen mit ihrer
Umwandlung in 'Kunst' für gegenwärtige Wertsysteme etwa
des kulturellen und symbolischen Kapitals (das, was
Badiou im obigen Zitat Empire nennt) lesbar.
Mir kommt es vor,
als gäbe es zwischen dieser Art der 'Verkunstung' ganzer
Praxen und etwa der Verortung eines Events von Ultra
Red in einer Galerie, einem zeitlich befristeten HQ
von 'kein mensch ist illegal' auf der Documenta oder
einer der temporären Galerieinstallationen von Platforma
981 einen himmelweiten Unterschied. Die letzteren Projekte
befördern öffentliche Plattformen, sie bringen auf ihrem
Zug durch die Institutionen Frage- und Hilfestellungen
mit auf den Weg, während sich die ersteren eher den
Regeln, Verfahren und Verhaltensmaßgaben der Kunst zu
beugen. Transversale Praxen funktionieren oft über und
durch verschiedene Felder hinweg, sie gehen nicht von
vorgegebenen Verhandlungsräumen und anerkannten Vorgehensweisen
aus, sondern (er)finden sich simultan Handlungen und
Verfahren. Weil sie die Beziehungen zu erschlossenen
Feldern und Wertsystemen aktiv und mobil halten, können
transversale Praxen gegenüber Regimes des Wissens und
der disziplinären und institutionellen Macht, die ihre
Aktivitäten über die Bezeichnung und den Einschluss
in gegebene Definitionen oder neue erweiterte 'Kunstformen'
beschränken könnten, wachsam bleiben. Sie gehen damit
das Risiko ein, aus der Sichtbarkeit zu fallen, nicht
als Kunst oder als andere Form entzifferbar zu sein,
gewinnen aber auch das Vermögen, sich gegen die institutionellen
und politischen Strukturen künstlerischer Anerkennung
und Produktion zu stellen und sie sogar neu zu organisieren
– eher als im Feld mitzuspielen geht es um bescheidene
Transaktionen im Tausch gegen kulturelles Kapital. Dies
ist die Dynamik, die Brian Holmes so gut beschrieben
hat.
Um es anders auszudrücken,
und auf Badiou zurückzuverweisen: wenn solche Praxen
als Kunst
sichtbar gemacht werden, die Konjunktion 'als' deutet
das ja an, dann fassen wir sie in eine Form, wir passen
sie in das ein, was wir schon kennen und erklären können.
Meine Argumentation wäre, dass es für transversal operierende
Praxen wichtig ist, eben nicht
in derart erkennbaren Formen zu erstarren, sondern lieber
alles daran zu setzen, sich selbst eine bestimmte Konsistenz
zu geben. Der Ausdruck Konsistenz bezeichnet sowohl
die Gleichmäßigkeit einer Aktivität als auch die Dichte
oder Dicke einer Substanz (wie im Kochunterricht). Deleuze
und Guattari haben den Begriff zur Beschreibung einer
Immanenzebene benutzt, die 'den Arten des Werdens,
die sie zusammensetzen' nicht vorausgehen kann und sich
einer neuerlichen Konstitution in Tiefenformen oder
–subjekte widersetzt.
Konsistenz bezieht sich auf eine Bewegung und eine
materielle Stofflichkeit, die Heterogenitäten zusammenhält,
ohne der Materie durch den Rückfall auf eine Struktur
eine Form aufzuzwingen. Agamben hat den Ausdruck ferner
zur suggestiven Beschreibung eines Zustands gebraucht,
in dem die Bedingung der Potenzialität sich selbst zeitweilig
außer Kraft setzen muss, um zwischen dem Virtuellen
und dem Aktualen verharren zu können.
Man könnte sagen, dass eine Praxis durch diese Konsistenz
eine bestimmte Potenzialität wahrt. Und unter diesen
Bedingungen geht es bei dem Versuch, Praxen in einer
bestimmten Konsistenz zu halten, also maßgeblich darum,
für die beschriebenen Ideen, Konzepte und Aktivitäten
eine andere, bislang unbekannte Zukunft zu öffnen.
Um zum Ende zu kommen:
'Transversale Praxen' müssen oft einen doppelten und
manchmal paradoxen Schritt vollziehen. Eine Logik der
Verweigerung – der Sichtbarkeit widerstehen, oder fassbare
Formen annehmen. Diese Verweigerung ist zwar mit ernsthaften
Risiken der Unsichtbarkeit, Marginalisierung und Inoperabilität
verbunden, wird aber auch zu einer Bedingung für die
Entfaltung einer anderen Logik, oder eines anderen Systems
der Valorisierung.
Das ist für mich die Aussicht des Kunstwerks, das wirklich
keines ist. Und deshalb sollte man, wie Maurizio Lazzarato
ausgeführt hat, in einer solchen Situation mit dem Paradox
arbeiten und anerkennen, dass es, um etwas zu verteidigen,
auch notwendig sein kann, dieses etwas zu verlagern,
und seine Kategorisierung gleich mit.
Aus dem Englischen
von Patricia Holder
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