|
"Welches
sind die neuen, eher transversalen und unmittelbaren als
zentralisierten und vermittelten Arten von Kämpfen?
Welches sind die neuen Funktionen des eher
'spezifischen' als universellen 'Intellektuellen'?
Welches sind die neuen Weisen der Subjektivierung, eher
identitätsfrei als identifizierend?"
Mit lockerem Bezug
auf schon etwas zurückliegende Kämpfe im und nach dem
Pariser Mai 1968 stellten Félix Guattari, Michel Foucault
und Gilles Deleuze in verschiedenen (Kon-)Texten ähnliche
Fragen und skizzierten Andeutungen eines Konzepts der
Transversalität. Diese Spuren, die weniger theoretisch
konstruiert, als direkt und explizit in die politischen
Kontexte um 1968 eingebettet sind, sollen hier aufgegriffen
werden. Wir wollen also nicht unbedingt Zusammenhänge
herstellen zu allgemeinen kultur- und identitätspolitischen
Fragen, wie sie im Englischen unter dem Begriff "transversal
politics"
in den späten Neunzigern reüssierten, auch nicht die
vernunftkritischen Überlegungen Wolfgang Welschs
weiterführen, nicht die verwaschenen Anklänge, mit denen
der Begriff des Transversalen in der französischen Alltagssprache
korreliert, und schon gar nicht Erinnerungen an Geometrienachhilfestunden
hierzulande.
Die geringe Festlegung,
die geringe Ausarbeitung des Begriffs bei Deleuze und
Konsorten, die relativ häufige beiläufige Verwendung
als Nebenbegriff in deren Begriffslandschaften ist kein
Mangel, sondern eröffnet im Gegenteil die Chance, dass
Transversalität disponibel wird für eine neue Aufladung
in globalisierungskritischen Zusammenhängen. Transversalität,
keineswegs metaphorisch gemeint, soll hier begrifflich
dazu beitragen, die Diskussion vom Definitorischen auf
das Kontextuell-Organisierende, vom Ob auf das Wie der
Bewegung zu verlagern. Das Ob liegt in unserem Fall
hauptsächlich in der Frage, ob das Gegenüber der ökonomischen
Globalisierung, seine Themen, seine Ausbreitung und
seine Erscheinungsformen ebenfalls als global zu verstehen
und zu bezeichnen sind oder nicht. Begrifflich äußert
sich das vor allem im Streit darum, ob es sich dabei
nun um Anti-Globalisierung bzw. Anti-Globalismus handelt,
oder vielmehr um eine „andere“ Globalisierung, etwa
eine „Globalisierung von unten“.
Mit dem Begriff der
Transversalität wird diese nicht allzu effektive Frage
vorerst unterwandert. Die globale Ausformung der transversalen
Multitude ist jedenfalls kaum als Ist-Zustand, eher
als ständig sich verändernde Perspektive zu verstehen;
wünschenswerter als jede Vorstellung einer am Ende totalen
Erfassung der Welt durch Empire und/oder Multitude
ist das Bestehen auf die Bewegung, das Werden, das Revolutionär-Werden.
Transversalität verstärkt diese Tendenz zur unabschließbaren
Bewegung begrifflich und impliziert deren formale wie
organisatorische Qualität. Was aber sind nun die Komponenten
des Begriffs, und wie ereignet sich Transversalität
konkret in der Bewegung?
transnational:
die Überwindung des multinationalen Setzkastens
Ganz einfach und
mit Foucault gesagt, sind transversale Kämpfe nicht
auf ein bestimmtes Land beschränkt, sie sind also transnational.
Das klingt völlig einleuchtend und riecht nach einer
ohnehin längst gängigen Praxis, ist es aber nicht. Transnationale
Kooperation ist nach wie vor ein Trumpf der Welt des
Kapitals, kein Allgemeinplatz, keine allen zugängliche
Form der Zusammenarbeit, keine weithin erprobte Praxis
des Widerstands. Das österreichische Beispiel des Widerstands
gegen die schwarzblaue Regierung um 1999/2000 zeigt
- genauso wie unzählige andere aktuellere Widerstandsherde
gegen rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien
in Europa -, dass viele AkteurInnen selbst bei grundsätzlich
antinationaler Haltung in ihren strukturellen Lokalismen
und Nationalismen mehr oder weniger gefangen blieben.
In den Diskussionen des Feber Null
wurde über ein "anderes", "besseres",
"eigentliches" Österreich
gestritten, auf den dazugehörigen Demonstrationen feierten
linke PatriotInnen mit ihren genauso patriotischen FreundInnen
aus Frankreich oder Belgien, und schließlich verkauften
sich die RepräsentantInnen des "anderen Österreichs"
als typisch österreichischer Widerstand und exportierten
sich ins Ausland, auf Podien, Konferenzen und Titelblätter.
In diesem Prozess vollzog sich mitnichten eine transnationale
Transversalisierung, keine intensive Auseinandersetzung
entstand zwischen den Szenen und zu den verschiedenen
Traditionen von Macht und Widerstand in den einzelnen
Ländern, vielmehr verlor sich die Chance der Transversalität
in multinationalen Parallelaktionen, die ohne Austausch
nebeneinander verliefen.
Selbst das Wuchern
der Gegengipfel, der Proteste gegen die G8-, WEF-, WTO-Gipfel,
des Gipfel-Hoppings von Seattle 1999 bis Genua 2001
bleibt in diesem Bild eines wenig zusammenhängenden
Patchworks der Widerstände ein Oberflächenphänomen,
das für sich allein genommen als Effekt allgemeiner
gesellschaftlicher Spektakularisierung zu verstehen
wäre. Erst vor der Folie wachsender kontinuierlicher
Aktivitäten wird die antiglobalistische Großdemonstration
ein Ereignis, das diese Kontinuität kurz durchbricht
und ihr neue Richtungen gibt. Zwischen derartigen spektakulären
Stichflammen verweisen etwa die nomadischen Praxen umherschweifender
KarawanenkünstlerInnen auf eine Transversalisierung
innerhalb und im Rahmen der Proteste gegen die ökonomische
Globalisierung, indem sie auch die Löcher zwischen den
Großereignissen mit Ausdehnungsexperimenten an den diversen
Grenzen zu füllen versuchen.
Die transnationale Praxis des Noborder-Netzwerks und
der Grenzcamps wiederholt zwar so manches Problem politischer
Organisierung,
ist jedoch ein starker Hinweis darauf, wie sehr sich
gerade jüngere AktivistInnen um nicht-reformistische
und nicht-repräsentationistische Ansätze der Selbstorganisation
bemühen.
Am prägnantesten zeichnet sich die Überwindung des multinationalen
Setzkastens in den seltenen Situationen ab, wenn MigrantInnen
und selbstorganisierte MigrantInnengruppen als ProtagonistInnen
in die Szenen des Aktivismus einsteigen, gleichermaßen
den nationalen Rahmen von innen sprengen wie sie auch
eine Linie
der Proteste gegen die ökonomische Globalisierung ziehen:
zumindest nachzuvollziehen seit dem Jahr 2001, etwa
in den Wahlkampfaktionen der Wiener Wahl Partie
oder in Genua am "Migrants’ International March"
im Rahmen der Manifestationen gegen den G8-Gipfel.
transsektoral:
eine Praxis des Durchquerens von gesellschaftlichen
Feldern
Wie die prekären
Praxen des noborder-Netzwerks, der Grenzcamps und Karawanen
darauf hinarbeiten, den nationalen Rahmen zu überwinden,
so durchbrechen deren transversale Linien auch die Hermetik
von partikularistischen Teilöffentlichkeiten und abgeschotteten
Subkulturen. Das meint nun wesentlich mehr und anderes
als die abgestandene Begrifflichkeit der Inter- oder
Transdisziplinarität und die Praxen, die diesen Begriff
akademisiert haben. Es meint etwa im Feld der Kunst
nicht mehr die Auflösung der Disziplinengrenzen in den
diversen Praxen zwischen Happenings und Performances,
sondern felderübergreifende Kooperationen von KünstlerInnen,
TheoretikerInnen, AktivistInnen, etc. Indem transversale
Linien tendenziell transsektoral mehrere Felder durchziehen,
verketten sie gesellschaftliche Kämpfe und künstlerische
Interventionen und Theorieproduktion und... Dieses UND,
die Addition ist nicht als wahlloses und widerspruchsverdeckendes
Aneinanderreihen von Zufälligem zu verstehen, als politisch-propagandistisches
Aufrollen verschiedener sozialer Felder, sondern als
Vielfalt temporärer Allianzen, als produktive Verkettung
von nie glatt Zusammenpassendem, ständig sich Reibendem,
durch diese Reibung Vorangetriebenem oder auch sich
wieder Auflösendem. Das UND wendet sich zugleich
gegen das Aufgehen in einer großen Einheitsfront wie
gegen Zersplitterung, Parzellierung und Fraktionierung.
Es arbeitet also nicht wie der gefräßige Inklusionsmechanismus,
der in nimmersatten Parteiapparaten Widerspruchsfreiheit
durch Anpassungsgebote erzeugt, auch nicht im Stil des
Mainstreams von attac, als Hybrid von Greenpeace und Gewerkschaft, einerseits geil
auf Mitglieder, andererseits besonders geschickt im
Gründen von Sektionen. Die Aufteilung der Bewegung in
wirtschaftspolitische, landwirtschaftliche, künstlerische,
feministische, etc. "Teilgewerkschaften",
die Beschränkung der einzelnen spezifischen Kompetenzen
auf die Klischees ihrer Subsektoren (etwa die (Selbst-)Beschränkung
von KünstlerInnen auf Illustrationen
oder das Rekrutieren von Promis) sind das genaue
Gegenteil der addierenden Funktion der Transversalität.
Gegen das Prinzip des arbeitsteiligen Delegierens stellen
transversale Linien eine Praxis des Durchquerens. Gegen
die alten Vernetzungs-, Fragmentierungs- und Vereinheitlichungsstrategien
braucht die Verkettung der Mannigfaltigkeit weder Fragmentierung
noch Konsens, höchstens eine ständig erneuerte Differenzierung
zwischen Macht und Widerstand.
molekular:
Multitude und nonkonforme Masse
Deleuze und Guattari
fragten sich in den Siebzigern, wie die repressiven
Wunschverkettungen des kapitalistischen Systems, wie
eine die Kreativität, die Wunschproduktion und die Initiativen
der Massen zurückhaltende Politik zu überwinden wäre,
ohne an ihre Stelle die gleichfalls repressiven Wunschverkettungen
eines bürokratischen Systems zu setzen, ohne die Wunschenergien
der Massen für faschistische (Selbst-)Zerstörung zu
instrumentalisieren. Ihre Suche gilt den Ereignissen
und Orten, an denen "der Begriff der Masse zu einem
molekularen Begriff wird, der einem Typus der Segmentarität
vorgeht, der nicht auf die molare Segmentarität der
Klasse reduziert werden kann."
Die Bedeutung der Suche nach solchen nicht-molaren Begriffen
von Masse und Menge wie auch den dementsprechenden Phänomenen
in den Bewegungen nimmt mit zunehmender Deterritorialisierung
und Durchsetzung postfordistischer Arbeitsverhältnisse
und Kooperationsformen zu. Wenn alle, auch die konservativsten
Organisationen sich von Hierarchien in "dezentrale
Netzwerke" ummodeln, wird gerade die Möglichkeit
einer - wenn auch zeitlich begrenzten - Unterscheidbarkeit
der Organisationsformen von Empire und Multitude, von
Macht und Widerstand, von konstituierter und konstituierender
Macht die vorrangige Frage.
Im Gegensatz zu offen
hierarchischen Netzwerken und pseudo-nichthierarchischen
Netzwerken, die auch als poly-zentrische
die Hierarchien zu verdecken suchen, entwickeln transversale
Linien Gefüge, die a-zentrisch
sind, die sich nicht auf der Grundlage von vorgegebenen
Strängen und Kanälen bewegen, nie von einem Punkt zum
anderen, immer zwischen den Punkten hindurch, in eine
völlig andere Richtung. Transversalen sind also keineswegs
Verbindungen von mehreren Zentren oder Punkten, sie
sind Linien, die sich nicht einmal kreuzen müssen, Fluchtlinien,
Bruchlinien, die sich den Punktsystemen und ihren Koordinaten
kontinuierlich entziehen.
Die Vorstellung der
Verbindung von schon existenten Punkten entspricht,
wenn auch versteckt, der Struktur von hierarchischen,
molaren Systemen. Die azentrischen Organisationsformen
und Verkettungen des transversalen Protests arbeiten
dagegen mit temporären Überlappungen und Überlagerungen,
die auf einer fließenden politischen Organisierung mit
offenem Ausgang beruhen. Für diese Overlaps braucht
es geeignete metamorphe Gefäße, deren Entwicklung in
eher kadermäßige, geschlossene Formen oder offene Labels
situationsbedingt changiert. Die Verwandlungen dieser
Organisations- und Kommunikationsgefäße müssen gerade
den Mannigfaltigkeiten der Multitude Rechnung tragen;
der Multitude weniger als "Menge",
denn als "nonkonforme Masse: nonkonform als unfassbares
Ganzes in ihrem Auftreten gegen [...] die Staatsmacht,
nonkonform in ihrer Absage an die Vereinheitlichung,
in ihrem Bestehen auf die Differenz der Einzelnen",
und dennoch inmitten des Differenzkapitalismus und Wettbewerbsindividualismus
ihre Gesellschaftlichkeit wiedergewinnend: Die Aufhebung
von Masse und Individuum in der nonkonformen Masse der
Proteste ist eine, in der beide Pole tendenziell ihre
volle Bedeutung behalten, ohne nach dialektischem Muster
in etwas Höherem aufgehoben zu sein.
spezifisch:
neue Subjektivierungsweisen
"Die
kommenden Intellektuellen werden keine Individuen, keine
Kaste sein, sondern eine kollektive Verkettung, an der
Personen beteiligt sind, die manuell arbeiten, die intellektuell
arbeiten, die künstlerisch arbeiten".
Den kommenden Intellektuellen, wie sie Guattari hier
beschreibt, entsprechen zwar auch dreißig Jahre später
nicht die alltäglichen Bilder von Intellektuellen; im
Gegenteil, der Typus des "Medienintellektuellen"
und seine Funktion der ebenso spektakelhaften wie entpolitisierten
Kommentierung von allem und jedem haben sich mehr und
mehr durchgesetzt.
Und dennoch haben vor allem die kollektiven Erfahrungen
von mehreren Generationen immer neue alternative Vorstellungen
von Kompetenz- und Wissensverkettungen hervorgebracht:
Transversale Kämpfe erzeugen spezifische Subjektivierungsweisen,
erfordern spezifische Kompetenzen, verlangen spezifische
Potenziale, nicht das universelle eines universellen
Proletariats oder "des universellen Intellektuellen".
In gewisser Weise wird der Begriff der Transversalität
in dieser Hinsicht zum Gegenpol eines totalisierenden
Begriffs von Universalität. Deleuze greift Foucaults
Verständnis der Nachordnung des Universellen gerade
am sich wandelnden Status des Intellektuellen auf, der
"sich für einen
langen Zeitraum vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des
Zweiten Weltkriegs (über Zola, Rolland ... vielleicht
bis zu Sartre) zum Sachwalter des Allgemeinen aufspielen
konnte: in dem Maße, in dem die Einzigartigkeit des
Schriftstellers mit der Position des 'Notablen-Juristen'
zusammenfiel, der den Berufsjuristen Widerstand leisten
und folglich einen Universalisierungseffekt erzielen
konnte. Wenn der Intellektuelle (und auch die Funktion
des Schreibens) andere Gestalt angenommen hat, so deshalb,
weil seine Position selbst sich gewandelt hat und jetzt
eher von einem bestimmten Ort zum anderen, von einem
singulären Punkt zum nächsten verläuft, wenn er 'Atomphysiker,
Genetiker, Informatiker, Pharmakologe...' ist und somit
Transversalitäts- und nicht mehr Universalitätseffekte
erzielt oder als bevorzugtes Relais oder Kreuzungspunkt
fungiert. In diesem Sinne können der Intellektuelle
und sogar der Schriftsteller (das ist nicht mehr als
eine Möglichkeit) um so besser an den Kämpfen teilnehmen,
am aktuellen Widerstand, als sie 'transversal' geworden
sind."
In Absetzung von
der hermetischen Autonomie von ElfenbeinturmkünstlerInnen
und Paradeintellektuellen entsteht erst durch die Verknüpfung
oder Überlagerung spezifischer Kompetenzen Transversalität.
Dieses Modell hat vor allem den Vorzug, dass transversale
Subjektivierungsweisen sich auch über die Stellung der
Intellektuellen hinaus denken lassen: Intellektuelle
haben keine Monopolfunktion mehr, die Welt zu erklären
und sich für die Welt einzusetzen. Diese Funktionen
diffundieren oder werden gar unbrauchbar in Zusammenhängen,
in denen spezifische Kompetenzen in Kollektiven und
a-zentrischen Netzwerken ineinandergeschichtet werden.
Transversalität
impliziert damit schließlich auch eine Voraussetzung
für die Herausbildung neuer Formen der Kollektivität,
oder besser: für die Auflösung des Gegensatzes zwischen
dem Individuellen und dem Kollektiven. Es gibt kein
künstlich produziertes Subjekt der Äußerung mehr, klar
wird, dass jeder Name, jede Verkettung, jedes Label
immer schon kollektiv war und immer wieder neu konstruiert
werden muss. Vor allem insofern transversale Kollektive
nur als mehrstimmige Gruppen zu verstehen sind, geht
Transversalität einher mit einer Kritik der Repräsentation,
mit einer Verweigerung des Sprechens für andere, im
Namen anderer, mit einer Preisgabe von Identität, mit
einem Verlust des einheitlichen Gesichts, mit der Unterwanderung
des gesellschaftlichen Drucks, Gesichter zu produzieren.
vgl. Wolfgang Welsch, Vernunft. Die zeitgenössische
Vernunftkritik und das Konzept der transversalen
Vernunft, Frankfurt/Main 1996
|