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"Selbstverständlich, das UND ist die Mannigfaltigkeit, die Vielheit,
die Zerstörung der Identitäten. [...] Nur sind Mannigfaltigkeit
oder Vielheit keineswegs ästhetische Sammlungen [...]
noch dialektische Schemata [...] Wenn Godard sagt, dass
alles sich in zwei teilt und dass es am Tag den Morgen
und den Abend
gibt, so sagt er damit nicht, dass es entweder das eine
oder das andere ist, noch dass das eine zum anderen,
zu zwei wird. Denn die Vielheit liegt niemals in den
Gliedern, wie viele es auch sein mögen, noch in ihrer
Gesamtheit oder der Totalität. Die Vielheit liegt gerade
im UND, das nicht dieselbe Natur hat wie Elemente oder
Gesamtheiten."
(Gilles Deleuze)
Here
In
ihrem exzellenten Essay zur "Artikulation des Protestes”
hat Hito Steyerl ebendiese Artikulation auf zwei Ebenen
thematisiert: einerseits auf der Ebene der Symbole,
also als Verbalisierung und Verbildlichung des politischen
Protests, andererseits aber auch als innere Organisation
und Gliederung der Bewegung. Sie beschreibt beide Ebenen
als Montagen, Zusammenstellungen in Form inhaltlicher
Ein- und Ausschließungen, von Prioritäten und blinden
Flecken. Gerade diese blinden Flecken analysiert sie
anhand der Indymedia-Produktion Showdown
in Seattle,
die anlässlich der Proteste gegen die WTO in Seattle
1999 noch während der Manifestationen gedreht und geschnitten
wurde. Produktionsweise wie auch Ergebnis entsprächen
paradoxerweise der Fertigungskette der kritisierten
Corporate Media, dem Mythos der Information in Mainstream-Medien
korreliere der der Gegeninformation bei Indymedia. Und
heraus käme "die Stimme des Volkes" (the voice
of the people), die Addition von Stimmen, die "einander
politisch teilweise radikal widersprechen, etwa die
von Umweltschützern und Gewerkschaften, verschiedenen
Minderheiten, feministischen Gruppen, etc."
Es
ist zweifellos eine wiederkehrende Herausforderung bei
der Darstellung von Bewegungen und Protestformen,
weder ihre fließende Heterogenität in filmischer Repräsentation
fest-, und damit anzuhalten, noch ihre Widersprüche als pseudo-synergetische
Addition zu verschleiern. Hito Steyerl kritisiert zu
Recht die naive Haltung der PionierInnen der
globalisierungskritischen Proteste und der Anfänge des
Medienaktivismus bei Indymedia. In Gegenüberstellung
der zweieinhalbstündigen Seattle-Doku und der
selbstkritischen (wie für meinen Geschmack auch
selbstverliebten) Strategie von Godard und Mieville in Ici et ailleurs (1974) fragt Steyerl, ob die Addition des UND nicht
völlig blind und daher eher ein Vorgang der Subtraktion
wäre, in der Widersprüche und Gegensätze mitnichten
vermittelt, sich vielmehr gegenseitig ausschließen würden.
Hier
muss aber in der Tat unterschieden werden. Zunächst
zwischen politischer Bewegung und bewegten Bildern: Was
bei Steyerl in anspruchsvoller Weise verflochten präsentiert
wird, die Montage des Films und die Montage der
Bewegung, funktioniert nicht ganz so analog, wie es
scheint. In der filmischen Repräsentation der
Heterogenität besteht - so sie als ungebrochene
Gegeninformation auf eine oppositionelle Wahrheit
insistiert - tatsächlich die Gefahr einer
Homogenisierung dieser Heterogenität, der Erzeugung
einer filmischen Totalität, die trotz gegensätzlicher
Intention ähnliche Effekte erzeugt wie die angegriffene
Spektakelmaschine. Im Bezug auf das aktivistische
Indymedia-Beispiel von Seattle wäre allerdings auf
einer anderen Ebene darauf hinzuweisen, dass
gegenhegemoniale Bilder von Wider- und Aufständen nicht
fundamentalkritisch abgekanzelt werden können, nur weil
sie CineastInnen zu wenig reflektiert sind. Die
notwendigerweise ebenso spontane wie prekäre Produktion
von Bildern des Aufstands ist eine Form, die genauso
spezifische und strukturell bedingte Probleme erzeugt
wie - in ganz anderer Weise - die des Autorenfilms,
sei er noch so reflektiert und ästhetisch
anspruchsvoll. Dementsprechend ist Steyerls Kritik als
konstruktive brauchbar zu machen, um eine
Weiterentwicklung medienaktivistischer Praxen zu befördern.
Im künstlichen Hier
der medienaktivistischen Montage findet sich kein Ausweg
aus der Logik der Addition der Bilder, nur bestmögliche
Formen der Selbstkritik und Reflexion des Problems.
There
Dort, bei der Verkettung der Bewegung, handelt es sich im besten Fall dagegen
um einen Strom, bei dem es nichts zu montieren, und
daher auch nichts zu addieren gibt. Wie das Deleuze'sche
UND alle Relationen mit sich fortreißt, geht es auch
hier nicht um beliebige Addition (oder Subtraktion),
sondern um eine Bewegung, deren Glieder erst ex
post als solche dargestellt, repräsentiert werden
können. Erst auf den Ebenen der Organisation und Repräsentation
stellt sich Hito Steyerls Frage, was davon zu halten
sei, "wenn sich auf den Antiglobalisierungsdemos
Nationalisten, Protektionisten, Antisemiten, Verschwörungstheoretiker,
Nazis, Religiöse und Reaktionäre problemlos in die Kette
der Äquivalenzen einreihen”.
Nicht dass ich dieses evidente Problem der meisten kontemporären
Proteste nivellieren wollte, aber die Frage eines möglichen
Ausschlusses gewisser Positionen und, vorher noch: der
Vermittlung von Widersprüchen, stellt sich eben nur
im festen Rahmen einer dialektischen Methode, die vorhandene
Bewegungselemente in eine Beziehung bringen will, nicht
aber im Deleuzeschen Denken von Verkettung. Dass irgendwer
mit oder ohne (revolutionärem oder reaktionärem) Plakat
in einer Demo mitmarschiert, muss nicht notwendigerweise
zu tun haben mit dem, was Deleuze revolutionär werden
nennt. Deleuze’s Philosophie versucht dem EST (franz.
für <ist> als Platzhalter für <sein>) ein
ET (franz. für <und> als Hinweis auf ein <Werden>)
entgegenzustellen, und das ist keine philosophische
- und schon gar keine mathematische - Spielerei, sondern
ein Konzept, das die Logik von Identität und Repräsentation
durch ein Spiel von Differenz und Wiederholung ersetzen
will. "Das UND ist weder das eine noch das andere,
es ist immer zwischen den beiden, es ist die Grenze,
es gibt immer eine Grenze, eine Flucht- oder Stromlinie,
nur sieht man sie nicht, weil sie das Unsichtbarste
ist. Und doch spielen sich die Dinge, die Werden auf
dieser Fluchtlinie ab, zeichnen sich hier die Revolutionen
ab."
Andererseits:
Uneinheitlichkeit von Bewegung und Masse, das Fehlen von
expliziten und abgestimmten politischen Forderungen,
nicht aufgehobene, nicht aufhebbare Widersprüche, das
sind nicht nur die Ingredienzien spontaner politischer
Bewegungen, sondern auch die Grundlagen einer lange
verfeinerten Technik, diesen Bewegungen vor allem die
Legitimität und Seriosität abzusprechen.
Die gestalt- und formlose Masse ist schon seit
Jahrhunderten Bestandteil reaktionärer Propaganda: Das
Chaotisch-Anarchische war ebenso schon Gegenstand
theoretisch-polemischer Aggression bei Hegels
Interpretation der Französischen Revolution wie bei den
vielen bürgerlichen wie auch dogmatisch-marxistischen
Autoren, die die Pariser Commune als Hetzmasse
brandmarkten - um hier den Begriff Elias Canettis zu übernehmen,
der einiger der wenigen war, diesem negativen Begriff
der Masse einen positiven entgegenzusetzen.
Masse
weniger als Hetzmasse denn als Strom und Fluchtlinie,
weniger als formlos denn als nonkonform
zu beschreiben, heißt, die Kriegsmaschine nicht mit
Reterritorialisierung zu bedrohen, sie nicht zum
Instrument eines Staatsapparats werden zu lassen und
gleichzeitig die Wildheit ihrer Deterritorialisierungen
zu begrüßen.
Hier kann es sich nicht um eine "problemlose
Addition politischer Begehren" drehen. Zugleich aber müssen
wir ein Denken aufgeben, das einen grundgelegten und
grundlegenden Sinn von Bewegungen voraussetzt, der alle
ihre Teile in eine Identität zusammenspannt und damit
auch kohärent macht.
Everywhere
"To
lead a better life I need my home to be HERE..."
So beginnt
der musikalisch wunderbare Beatles-Song namens "Here,
There and Everywhere", in der Tendenz leider eine
Hymne auf die Reterritorialisierung. Ganz im Gegensatz
des totalisierenden <everywhere> in Text und Titel
des Songs steht das <in every place> von Antonio
Negri und Michael Hardt: Überall könne das Empire angegriffen werden, an jeder beliebigen Stelle. Das ist eine der stärkeren Ansagen in
"Empire": dass es keine horizontale Verkettung
der Kämpfe geben müsse, um das Empire anzugreifen. Im
Gegenteil: Wenn die Mechanismen der Macht ohne Zentrum
und ohne zentrale Steuerung funktionieren, müsste es
auch möglich sein, sie von jedem Ort aus, aus jedem
lokalen Kontext anzugreifen. "Wenn es also keinen
Ort mehr gibt, der als Außen gelten kann, so müssen
wir an jedem Ort dagegen sein."
In Tausend Plateaus haben Deleuze und Guattari mit dem glatten Raum,
der durch den Staatsapparat zum eingekerbten Raum zu
werden droht, die theoretische Grundlage für solche
Überlegungen geschaffen: "[...] die Verbindung
des Ortes mit dem Absoluten vollzieht sich nicht in
einer zentrierten und gezielten Globalisierung oder
Universalisierung, sondern in einer unendlichen Folge
von lokalen Vorgängen."
Der glatte Raum ist zugleich lokal und dennoch nicht
eingegrenzt. Damit wird der Angriff der Kriegsmaschine
auf den Staatsapparat aus jeder lokalen Position gleich
möglich.
Die
Dichotomie von Realem und Repräsentation oder der
politischen Bewegung und deren bildlicher Darstellung
wird hier durchbrochen durch die Forcierung eines
anderen Paradigmas. Statt des Paradigmas der Repräsentation
im gekerbten Raum entfaltet sich im glatten Raum das
Paradigma von Ereignis und Mannigfaltigkeit. Hier
fungieren die Bilder, Zeichen und Aussagen nicht, um
Objekte, um die Welt zu repräsentieren, sondern dazu,
die Welt sich ereignen zu lassen. Maurizio Lazzarato hat
gerade am von Hito Steyerl aufgegriffenen Kontext
Seattle 1999 die strategische Rolle der Bilder, Zeichen
und Aussagen betont: "Sie tragen dazu bei, das Mögliche
entstehen zu lassen, und sie tragen zu seiner
Verwirklichung bei." Nicht als Lösung des Problems (auch nicht des
Problems der Addition von Widersprüchen), sondern als
Eröffnung des Möglichen wirkt das Gefüge der Zeichen.
So wird etwa durch das Erfinden und Aussprechen des
Slogans "Eine andere Welt ist möglich" die Möglichkeit
einer anderen Welt eröffnet und gewissermaßen auch zur
Wirklichkeit. In diesem Kontext wird auch Showdown in Seattle eine Linie im Ereignis, das sich in der
Verkettung der Körper, aber auch der Slogans, der
Internet-Kommunikation, der Bilder und Aussagen des
Indymedia-Videos aktualisiert.
vgl.
Klaus Neundlinger, Einübung ins Aufbegehren. Ein
Beitrag zur Materialgeschichte des Glases, Wien:
Turia+Kant 2004
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