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Jede Artikulation
ist eine Montage aus verschiedenen Elementen - Stimmen,
Bildern, Farben, Leidenschaften oder Dogmen - innerhalb
einer bestimmten Dauer in der Zeit und einer bestimmten
Ausdehnung im Raum. Davon abhängig ist die Bedeutung
der artikulierten Momente. Sie machen nur innerhalb
dieser Artikulation und abhängig von ihrer Position
Sinn. Wie also wird Protest artikuliert? Was artikuliert
er, und was artikuliert ihn? español
Die Artikulation
des Protestes hat zwei Ebenen: zum einen weist sie auf
das Zur-Sprache-Bringen von Protest, die Vokalisierung,
die Verbalisierung oder die Verbildlichung von politischem
Protest hin. Zum Zweiten bezeichnet diese Begriffskombination
aber auch die Gliederung oder interne Organisation von
Protestbewegungen. Es geht also um zwei verschiedene
Arten von Verkettungen verschiedener Elemente: einmal
auf der Ebene der Symbole, das andere Mal auf der Ebene
politischer Kräfte. Auf beiden entfaltet sich die Dynamik
von Begehren und Verweigerung, Anziehung und Abstoßung,
von Widerspruch und Verschmelzung verschiedener Elemente.
In Bezug auf Protest meint die Frage nach der Artikulation
also die Organisation seines Ausdrucks – aber auch den
Ausdruck seiner Organisation.
Natürlich artikulieren
sich Protestbewegungen auf vielen Ebenen: zum einen
auf der Ebene ihrer Programme, Forderungen, Selbstverpflichtungen,
Manifeste und Aktionen. Auch hier wird montiert – in
Form inhaltlicher Ein- und Ausschließungen, von Prioritäten
und blinden Flecken. Weiters sind Protestbewegungen
aber auch als Verkettungen oder Verbindungen verschiedener
Interessengruppen, NGOs, Parteien, Banden, Individuen
oder Gruppen artikuliert. In dieser Gliederung artikulieren
sich Allianzen, Koalitionen, Fraktionierungen, Fehden
oder auch Gleichgültigkeit. Auch auf politischer Ebene
gibt es also eine Form der Montage, eine Kombinatorik
von Interessen, organisiert in einer sich immer wieder
neu erfindenden Grammatik des Politischen. Auf dieser
Ebene bezeichnet die Artikulation die Form interner
Organisation von Protestbewegungen. Aber nach welchen
Regeln ist diese Montage organisiert? Wen organisiert
sie mit wem, durch wen und auf welche Weise?
Und was bedeutet
das für globalisierungskritische Artikulationen – sowohl
auf der Ebene der Organisation ihres Ausdrucks als auch
auf der Ebene des Ausdrucks ihrer Organisation? Wie
werden globale Zusammenhänge dargestellt? Wie werden
verschiedene Protestbewegungen miteinander vermittelt?
Werden sie nebeneinander gestellt, also einfach miteinander
addiert, oder anderweitig miteinander in Beziehung gesetzt?
Was ist das Bild einer Protestbewegung? Sind es die
addierten Köpfe von Sprechern und Sprecherinnen einzelner
Gruppen? Sind es die Bilder von Auseinandersetzungen
und Aufmärschen? Sind es neue Formen der Darstellung?
Ist es die Reflektion der Formen einer Protestbewegung?
Oder die Erfindung neuer Verhältnisse zwischen einzelnen
Elementen politischer Verkettungen? Ich beziehe mich
mit diesen Überlegungen über Artikulation auf ein ganz
bestimmtes Theoriefeld, nämlich die Theorie der Montage
bzw. des Filmschnitts. Dies auch, weil das Zusammendenken
von Kunst und Politik meist auf dem Feld politischer
Theorie abgehandelt wird und Kunst oft als deren Ornament
erscheint. Was aber passiert, wenn wir umgekehrt eine
Reflektion über eine künstlerische Produktionsweise,
nämlich die Theorie der Montage, auf das Feld der Politik
beziehen? Wie also wird das politische Feld montiert
und welche politischen Bedeutungen lassen sich aus dieser
Form der Artikulation ableiten?
Fertigungsketten
Ich möchte diese
Fragestellungen anhand zweier Filmausschnitte diskutieren
– und von der Form ihrer Artikulation her auf ihr implizites
oder explizites politisches Denken zu sprechen kommen.
Die Filme werden unter einem ganz spezifischen Gesichtspunkt
verglichen: Beide enthalten eine Sequenz, in der die
Bedingungen ihrer eigenen Artikulation thematisiert
werden. In diesen Sequenzen werden die Fertigungsketten
und Produktionsabläufe vorgestellt, durch die diese
Filme hergestellt werden. Und anhand dieser selbstreflexiven
Thematisierung der Produktionsweisen von politischen
Bedeutungen, der Erzeugung von Ketten und Montagen ästhetischer
Formen und politischer Forderungen, möchte ich die politischen
Implikationen von Formen der Montage erläutern.
Der erste Ausschnitt
stammt aus dem Film Showdown
in Seattle, produziert 1999 vom Independent Media
Center Seattle, ausgestrahlt von Deep Dish Television.
Der zweite Ausschnitt stammt aus einem Film von Godard/Mieville
aus dem Jahre 1975 mit dem Namen Ici
et ailleurs. Beide behandeln trans- bzw. internationale
Verhältnisse politischer Artikulation: Showdown
in Seattle dokumentiert die Proteste gegen die Verhandlungen
der WTO in Seattle sowie die interne Artikulation dieser
Proteste als heterogene Kombination diverser Interessen.
Ici et ailleurs´
Thema sind hingegen die Irrungen französischer Palästina-Solidarität
der 70er Jahre im Besonderen, und eine radikale Kritik
der Posen, Inszenierungen und kontraproduktiven Verkettungen
der Emanzipation im Allgemeinen. Beide Filme sind als
solche eigentlich nicht vergleichbar – der erste ist
ein schnell produziertes Gebrauchsdokument, das im Register
der Gegeninformation funktioniert. Ici
et ailleurs hingegen spiegelt einen langen und auch
peinlichen Reflektionsprozess wider. Information steht
dort nicht im Vordergrund, sondern eher die Analyse
ihrer Organisation und Inszenierung. Der Vergleich beider
Filme ist also nicht als Aussage über die Filme an sich
zu lesen, sondern beleuchtet nur einen bestimmten Aspekt,
nämlich ihre Selbstreflexion über ihre je eigenen Formen
der Artikulation.
Showdown
in Seattle
Der Film Showdown
in Seattle ist eine leidenschaftliche Dokumentation
der Proteste rund um das WTO Treffen 1999 in Seattle.
In chronologischer Form werden die Tage des Protestes
und ihre Ereignisse montiert. Dabei werden die Entwicklungen
auf der Straße mit Hintergrundinformationen über die
Arbeit der WTO grundiert. Zu Wort kommen in zahlreichen
kurzen Statements eine Vielzahl von Sprechern und Sprecherinnen
verschiedenster politischer Gruppen, vor allem Gewerkschaften,
aber auch Indigenenbewegungen oder Bauernorganisationen.
Der Film (der aus fünf halbstündigen Einzelteilen besteht)
ist außerordentlich mitreißend und im Stile einer konventionellen
Reportage gehalten. Damit einher geht eine Vorstellung
filmischer Raumzeit, die mit Benjamin als homogen und
leer beschrieben werden könnte, organisiert durch chronologische
Abläufe und einheitliche Räume.
Gegen Ende der zweieinhalbstündigen
Filmserie findet sich auch ein Abschnitt, auf dem die
Zuseher auf eine Tour durch die Produktionsstätte des
Filmes, also das in Seattle aufgebaute Studio geführt
werden. Was wir sehen, ist beeindruckend. Der ganze
Film wurde während der Dauer der Proteste gedreht und
geschnitten. Jeden Abend wurde eine halbe Stunde Programm
ausgestrahlt. Dies erfordert einen erheblichen logistischen
Aufwand, und dementsprechend sieht die interne Organisation
des Indymediabüros nicht prinzipiell anders aus als
die eines kommerziellen Fernsehsenders. Wir sehen, wie
die Bilder von zahllosen Videokameras ins Studio kommen,
wie sie gesichtet werden, wie brauchbare Stellen exzerpiert
werden, wie sie in einem weiteren Schnitt montiert werden,
usw. Verschiedene Medien werden aufgezählt, auf denen
und durch die veröffentlicht wird, wie Fax, Telefon,
WWW, Satellit etc. Wir sehen, wie die Arbeit der Organisation
von Informationen, also Bildern und Tönen bewerkstelligt
wird: es gibt ein video
desk, Produktionspläne etc. Was präsentiert wird,
ist die Darstellung einer Fertigungskette von Information,
genauer gesagt in der Definition der Produzenten: Gegeninformationen,
die negativ durch ihren Abstand zu den Informationen
– der für ihre Einseitigkeit kritisierten Corporate
Media – bestimmt werden. Es handelt sich also um eine
spiegelverkehrte Replika konventioneller Informations-
und Repräsentationsproduktion mit allen ihren Hierarchien,
um einen detailgetreuen Nachbau der Produktionsweisen
von Corporate Media – nur anscheinend zu einem anderen
Zweck.
Dieser
andere Zweck wird mit vielen Metaphern beschrieben: get the word across, get the message across, getting the truth out, getting
images out. Was verbreitet
werden soll, sind Gegeninformationen, die als Wahrheit
beschrieben werden. Die ultimative Instanz, die dabei
beschworen wird, ist die Stimme des Volkes, the
voice of the people, und dieser Stimme soll Gehör
verschafft werden. Sie wird als Einheit des Verschiedenen,
also verschiedener politischer Gruppen, gedacht und
ertönt innerhalb des Resonanzkörpers einer filmischen
Raumzeit, deren Homogenität nie in Frage gestellt wird.
Aber wir müssen uns
nicht nur fragen, wie diese Stimme des Volkes artikuliert
und organisiert ist, sondern auch, was diese Stimme
des Volkes überhaupt sein soll. In Showdown in Seattle wird dieser Ausdruck ohne jede Problematisierung
angewendet: als Addition von Stimmen einzelner Sprecherinnen
von Protestgruppen, NGOs, Gewerkschaften usw. Deren
Forderungen und Positionen werden auf weiten Strecken
des Filmes artikuliert – in der Form von talking
heads. Deren Positionen werden durch formal gleiche
Einstellungen standardisiert und somit vergleichbar
gemacht. Auf der Ebene standardisierter konventioneller
Formsprache verwandeln sich die verschiedenen Statements
somit in eine Kette formaler Äquivalenzen, die die politischen
Forderungen genauso aneinander addiert, wie in der medialen
Fertigungskette Bilder und Töne in konventionellen
Montageketten aneinander gereiht werden. Die Form ist
somit ganz analog der Formensprache der kritisierten
Corporate Media, nur der Inhalt ist anders, nämlich
eine additive Kompilation von Stimmen, die zusammengenommen:
the voice of the people, "die Stimme des Volkes", ergeben.
Wenn alle diese Artikulationen addiert werden, kommt
nach dieser Rechnung hinten "die Stimme des Volkes"
heraus – ungeachtet der Tatsache, dass die verschiedenen
Forderungen einander politisch teilweise radikal widersprechen,
etwa die von Umweltschützern und Gewerkschaften, verschiedenen
Minderheiten, feministischen Gruppen etc., und überhaupt
nicht klar ist, wie diese Forderungen denn miteinander
vermittelt werden könnten. Was anstelle dieser fehlenden
Vermittlung steht, ist hingegen eine bloße filmische
und politische Addition – von Einstellungen, Statements
und Positionen – und eine ästhetische Form der Verkettung,
die die Prinzipien ihrer Organisation unhinterfragt
vom Gegner übernimmt.
Im zweiten Film hingegen
wird diese Methode der bloßen Addition von Forderungen,
die zusammengenommen "die Stimme des Volkes"
ergibt, streng kritisiert – mitsamt des Konzeptes der
Stimme des Volkes schlechthin.
Ici
et Ailleurs
Die
Regisseure, oder vielmehr Monteure des Films Ici
et Ailleurs,
Godard und Mieville, verhalten sich radikal kritisch
gegenüber den Begriffen des Populären. Ihr Film besteht
aus einer Selbstkritik eines selbsterstellten Filmfragments.
Das Kollektiv Dziga Vertov (Godard/Morin) hat 1970 einen
Auftragsfilm über die PLO gedreht. Der heroisierende
Propagandafilm, der vom Volkskampf schwadronierte, hieß
"Bis zum Sieg" und ist nie fertiggestellt
worden. Er bestand aus mehreren Teilen, die Titel trugen
wie: der bewaffnete Kampf, die politische Arbeit, der
Wille des Volkes, der verlängerte Krieg – bis zum Sieg.
Gezeigt wurden Kampftraining, Turn- und Schießszenen
sowie Agitationsszenen der PLO, formal in einer nahezu
besinnungslosen Kette von Äquivalenzen, in der jedes
Bild, wie sich später herausstellen wird, mit Gewalt
in die antiimperialistische Phantasie gepresst wird.
Vier Jahre später nehmen Godard und Mieville das Material
noch einmal genau unter die Lupe. Sie stellen fest,
dass Teile der Aussagen der PLO-Anhänger nie übersetzt
wurden bzw. von vornherein gestellt waren. Sie reflektieren
die Inszenierungen und die blanken Lügen des Materials
– vor allem aber ihre eigene Mitwirkung daran bezüglich
der Art, in der sie die Bilder und Töne organisiert
haben. Sie fragen: wie funktionierte dabei die beschwörende
Formel von der "Stimme des Volkes" als populistischer
Lärm zur Beseitigung der Widersprüche? Welche Bilder
wurden dadurch zusammengezwungen? Welcher Ton zu welchem
Bild? Was bedeutet es, zu jedem beliebigen Bild die
Internationale zu montieren, etwa in der Art, wie Schmalz
auf ein Brot geschmiert wird? Welche politischen und
ästhetischen Vorstellungen werden unter dem Vorwand
der "Stimme des Volkes" zusammenaddiert? Warum
ist diese Rechnung nicht aufgegangen? Generell gelangen
Godard/ Mieville zu dem Schluss: das additive "Und"
der Montage, mit dem sie ein Bild an ein anderes schneiden,
ist kein unschuldiges und erst recht kein unproblematisches.
Der Film ist heute
erschreckend aktuell, aber nicht in dem Sinne, dass
er irgendwelche Positionierungen im Nahostkonflikt anbietet,
sondern im Gegenteil dadurch, dass er die Begriffe und
Schablonen problematisiert, in denen Konflikte und
Solidaritäten auf binäre Oppositionen von Verrat oder
Loyalität verkürzt und auf unproblematische Additionen
und Pseudokausalitäten reduziert werden. Was nämlich,
wenn das Modell der Addition nicht stimmt? Oder das
verbindende "Und" gar keine Addition darstellt,
sondern eine Subtraktion, eine Division oder gar kein
Verhältnis begründet? Was, wenn nämlich das "Und"
in diesem "Hier und Woanders", in diesem Frankreich
und Palästina keine Addition darstellt, sondern eine
Subtraktion?
Was wenn zwei politische Bewegungen sich nicht nur nicht
verbinden, sondern behindern, widersprechen, ausblenden,
oder gar gegenseitig ausschließen? Was, wenn es statt
"Und" "Oder" heißen muss, oder "Weil"
oder "Anstatt". Und was heißt dann noch eine
Floskel wie: der "Wille des Volkes"?
Auf die politische
Ebene übertragen lautet die Frage somit: Auf welcher
Basis können wir überhaupt politische Vergleiche zwischen
verschiedene Positionen ziehen, bzw. Äquivalenzen oder
gar Allianzen etablieren? Was wird überhaupt vergleichbar
gemacht? Was wird addiert, was wird zusammengeschnitten,
und welche Unterschiede und Gegensätze werden zugunsten
der Etablierung einer Kette von Äquivalenzen nivelliert?
Was, wenn dieses "Und" der politischen Montage
funktionalisiert wird, nämlich zu Gunsten einer populistischen
Mobilisierung? Und was bedeutet diese Frage für die
heutige Artikulation des Protestes, wenn sich auf den
Antiglobalisierungsdemos Nationalisten, Protektionisten,
Antisemiten, Verschwörungstheoretiker, Nazis, Religiöse
und Reaktionäre problemlos in die Kette der Äquivalenzen
einreihen? Gilt hier einfach das Prinzip unproblematischer
Addition, ein blindes Und, das davon ausgeht, dass bei
ausreichender Verrechnung verschiedener Interessen hinten
schon irgendwann das Volk rauskommt?
Godard und Mieville
beziehen ihre Kritik aber eben nicht nur auf die Ebene
politischer Artikulation, also den Ausdruck der internen
Organisation, sondern eben auch auf die Organisation
ihres Ausdrucks. Diese steht mit jenem in engem Zusammenhang.
In der Art, wie die Bilder und Töne organisiert, montiert und angeordnet werden,
liegt ein wesentlicher Bestandteil dieser Problematik.
Eine fordistische, nach den Prinzipien der Massenkultur
organisierte Artikulation wird die Schablonen ihrer
Herrschaft blind reproduzieren, so ihre These; daher
muss sie durchkreuzt und problematisiert werden. Daher
beschäftigen sich auch Godard/Mieville mit der Fertigungskette
von Bildern und Tönen, wählen aber im Vergleich zu indymedia
eine ganz andere Szene – sie zeigen eine Anzahl von
Menschen mit Bildern in der Hand, die an einer Kamera
vorbeiwandern wie auf einem Fliessband und sich dabei
gegenseitig verdrängen. Eine Reihe von Menschen, die
Bilder des "Kampfes" vor sich hertragen, wird
maschinell, in der Logik von Fließband und Kamera-Mechanik
miteinander verkettet. Godard/Mieville übersetzen die
zeitliche Anordnung der Filmbilder hierbei in eine räumliche
Anordnung. Was hierbei sichtbar wird, sind Ketten von
Bildern, die nicht hintereinander ablaufen, sondern
gleichzeitig gezeigt werden. Sie stellen die Bilder
nebeneinander und rücken ihre Rahmung in den Fokus der
Aufmerksamkeit. Offen gelegt wird hier das Prinzip ihrer
Verkettung. Was in der Montage als oftmals unsichtbare
Addition erscheint, wird hier problematisiert und mit
der Logik maschineller Produktion in ein Verhältnis
gesetzt. Durch diese Reflektion der Fertigungskette
von Bildern und Tönen wird in dieser Sequenz über die
Bedingungen der Repräsentation auf Film überhaupt nachgedacht.
Die Montage entsteht innerhalb eines industriellen Systems
von Bildern und Tönen, deren Verkettung schon im Vorhinein
organisiert ist – so wie das Prinzip der Produktionssequenz
von Showdown in
Seattle durch ihre Übernahme konventioneller Schemata
der Produktion geprägt ist.
Godard/Mieville hingegen
fragen: Wie hängen die Bilder an der Kette, wie werden
sie verkettet, was organisiert deren Artikulation, und
welche politischen Bedeutungen werden dadurch generiert?
Wir sehen hier eine experimentelle Situation der Verkettung,
in der Bilder relational organisiert werden. Wild werden
Bilder und Töne aus Nazideutschland, Palästina, Lateinamerika,
Vietnam und anderen Orten durcheinandergemischt – und
mit einer Anzahl von Volksliedern bzw. Liedern, die
das Volk beschwören, aus rechten und linken Kontexten
addiert. Zum Ersten, das ist evident, ergibt sich der
Eindruck, dass natürlich die Bilder ihre Bedeutung abhängig
von ihrer Verkettung erlangen. Aber das Zweite ist viel
wichtiger – dass unmögliche Verkettungen entstehen:
Bilder vom Konzentrationslager und Venceremoslieder,
Hitlerstimme und My Lai Bild, Hitlerstimme und Golda
Meir Bild, My Lai und Lenin. Es wird klar, dass die
Basis dieser Stimme des Volkes, die wir in ihren verschiedenen
Artikulationen hören, und auf deren Ebene das Experiment
der Darstellung passiert, eben keine Basis ist, um Äquivalenzen
zu schaffen, sondern im Gegenteil jene radikalen politischen
Widersprüche aufwirft, die sie zu kaschieren bemüht
ist. Sie erzeugt schroffe Diskrepanzen, innerhalb des
– wie Adorno sagen würde – stummen Zwangs der Identitätsbeziehung.
Sie bewirkt Entgegensetzungen statt Gleichsetzungen
und jenseits der Entgegensetzungen sogar blankes Entsetzen
– alles Mögliche, nur keine problemlose Addition politischer
Begehren. Denn was diese populistische Kette der Äquivalenzen
an diesem Punkt hauptsächlich anzeigt, ist die Leere,
um die herum sie strukturiert ist, das leere inklusivistische
UND, das jenseits aller politischen Kriterien blind
vor sich hin addiert.
Zusammenfassend können
wir sagen, dass das Prinzip der Stimme des Volkes in
beiden Filmen eine ganz andere Rolle einnimmt. Im Film
über Seattle ist sie zwar das organisierende Prinzip,
dasjenige, das den Blick konstituiert, selber aber nicht
problematisiert wird. Die Stimme des Volks funktioniert
darin wie ein blinder Fleck, eine Leerstelle, die, so
Lacan, das gesamte Feld des Sichtbaren konstituiert,
aber selbst nur als eine Art Verdeckung sichtbar wird.
Sie organisiert die Kette der Äquivalenzen, ohne Brüche
zuzulassen, und verdeckt, dass ihr politisches Ziel
nicht über eine unhinterfragte Vorstellung von Inklusivität
hinausgeht. Die Stimme des Volkes ist somit gleichzeitig
das organisierende Prinzip einer Verkettung, als auch
eine Ausblendung. Was aber blendet sie aus? Im zugespitzten
Fall können wir formulieren, dass der leere Topos der
Stimme des Volkes überhaupt nur eine Leerstelle verdeckt,
nämlich die Leerstelle der Frage nach den politischen
Maßstäben und Zielen, die durch die Anrufung des Volkes
legitimiert werden sollen.
Wie steht es also
um die Artikulation einer Protestbewegung, die sich
nach dem Modell eines "Und" zusammensetzt
– als sei Inklusion um jeden Preis ihr maßgebliches
politisches Ziel? In Bezug worauf ist die politische
Verkettung organisiert? Wozu eigentlich? Welche Ziele
und Kriterien müssen formuliert werden – auch wenn sie
vielleicht nicht so populär sind? Und muss dazu nicht
eine viel radikalere Kritik der Artikulation von Ideologie
mittels Bildern und Tönen erfolgen? Bedeutet eine konventionelle
Form nicht eine mimetische Anschmiegung an die Verhältnisse,
deren Kritik zu leisten wäre? Eine populistische Form
nicht einen blinden Glauben an die Kraft der Addition
beliebiger Begehren? Ist es somit nicht manchmal besser,
die Kette zu sprengen, als um jeden Preis alle mit allem
zu vernetzen?
Addition
oder Potenzierung?
Was
also macht eine Bewegung zu einer oppositionellen? Denn
viele Bewegungen, die sich Protestbewegungen nennen,
sind zumindest als reaktionär, wenn nicht rundheraus
als faschistisch zu bezeichnen, oder inkludieren problemlos
solche Elemente. Dabei handelt es sich um
Bewegungen, in denen sich das Bestehende in atemloser
Überschreitung radikalisiert und in seinem Kielwasser
fragmentierte Identitäten wie Knochensplitter hinter
sich verstreut. Bruchlos geht die Energie der Bewegung
von einem Element zum anderen über – die homogene leere
Zeit durchquerend, wie eine Welle, die durch eine Menge
geht. Bilder, Töne und Positionen verketten sich reflektionslos
in der Bewegung blinder Inklusion. In diesen Figuren
wird eine ungeheure Dynamik entfaltet – um alles beim
Alten zu belassen.
Welche Bewegung der
politischen Montage ergibt also überhaupt eine oppositionelle
Artikulation – anstatt einer bloßen Addition von Elementen
zu Gunsten der Reproduktion des Bestehenden? Oder anders
gefragt: welche Montage zwischen zwei Bildern/Elementen
ließe sich vorstellen, die zwischen und abseits dieser
beiden ein Anderes entstehen lässt, das keinen Kompromiss
darstellt, sondern einer anderen Ordnung angehört- in
etwa wie wenn jemand beharrlich zwei stumpfe Steine
aneinanderklopfend einen Funken aus dem Dunklen schlägt?
Ob dieser Funken, den man auch den Funken des Politischen
nennen kann, entstehen soll, ist eine Frage jener Artikulation.
Dank
an Peter Grabher / kinoki für den Hinweis auf die
Filme.
Showdown in Seattle, Deep Dish Television. USA
1999. 150 min.
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