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1.
Kulturelle Globalisierung
Anthony
Giddens zählt zu jenen Autoren, die Anfang der 90er
Jahre den Begriff der Globalisierung in Umlauf brachten.
Als einer der organischen Intellektuellen des "Dritten
Weges" trug er zur Forcierung jener "Politik
der Globalisierung" (Bourdieu) bei, die im Gegenzug
zur Herausbildung einer transnationalen sozialen Bewegung
führte, die heute aus den unterschiedlichsten Motiven
Widerstand gegen eine Globalisierung unter neoliberalen
Vorzeichen leistet. Manchen erscheint die Globalisierung
außerhalb spezieller Bereiche (wie den Finanzmärkten)
nach wie vor als ein Mythos oder zumindest als ein weniger
eindrucksvolles Phänomen als in den Jahren von 1890
bis 1914, der Zeit des Goldstandardregimes, auch als
"Belle Époque der Globalisierung" bezeichnet.
Andere, die an die Realität der Globalisierung glauben,
sehen darin kaum etwas anderes als eine beschleunigte
Verbreitung US-amerikanischer oder westlicher Modelle.
Globalisierung wird
heute sehr unterschiedlich definiert, wobei entweder
materielle, kulturelle, zeitliche oder räumliche Aspekte
betont werden. Zu den Elementen solcher Definitionen
zählen das "Handeln bzw. die Effekte des Handelns
über Distanzen", die "Raum-Zeit Kompression",
die "globale Integration" und "beschleunigte
Interdependenz", die "Neuordnung interregionaler
Machtbeziehungen" und manchmal auch ein wachsendes
Bewusstsein der "globalen Bedingung".
Einer "globalistischen" Position im Sinne
der Metatheorie der Globalisierung neigen Michael Hardt und
Toni Negri zu, wenn sie von einer "unaufhaltsamen
und unumkehrbaren Globalisierung ökonomischer und kultureller
Austauschprozesse" ausgehen.
Sieht Giddens hinter den verschiedenen institutionellen
Dimensionen der Globalisierung - der kapitalistischen
Weltwirtschaft, dem System der Nationalstaaten, der
militärischen Weltordnung und der internationalen Arbeitsteilung
- nichts anderes als die "kulturelle Globalisierung",
so sprechen Hardt und Negri die Regulierung des globalen
Austausches einer neuen souveränen, globalen Macht zu
- dem Empire. Das Empire etabliere, so eines ihrer zentralen
Argumente, im Gegensatz zu den früheren imperialistischen
Strukturen kein territoriales Zentrum der Macht: "In
contrast to imperialism, Empire establishes no territorial
center of power and does not rely on fixed boundaries
or barriers."
Das Empire wird in Anknüpfung an postmoderne Theorien
vielmehr als ein dezentrierter und deterritorialisierender
Herrschaftsapparat verstanden.
Hardt und Negri schenken
der kulturellen Sphäre bzw. dem Diskurs der "kulturellen
Globalisierung" keine gesonderte Aufmerksamkeit.
Dieser Diskurs kam vor dem Hintergrund der Einsicht
auf, dass die einzelnen gesellschaftlichen Sphären
(z. B. Ökonomie, Politik, Ökologie, Kultur, Kunst) durch
spezifische Entwicklungsmuster gekennzeichnet sind,
die nicht einfach auf andere Sphären übertragen werden
können. Malcolm Waters z. B. behauptet, dass der kulturelle
Bereich, und die Hochkultur im Speziellen, noch deutlichere
Züge von Globalisierung aufweisen als etwa die Sphären
von Ökonomie und Politik.
Vor dem Hintergrund
der Verbreitung solcher und ähnlicher Annahmen in Verbindung
mit weitreichenden Deterritorialisierungs- und Dezentrierungsthesen
in der zeitgenössischen kulturwissenschaftlichen und
kunsttheoretischen Literatur, möchte ich mich Entwicklungen
im Feld der Kunst zuwenden. Vielfach wird die Position
vertreten, dass dieses kulturelle Subfeld durch ein
besonders hohes Maß an Globalisierung gekennzeichnet
sei. So gehen manche heute so weit zu behaupten, dass
"in kaum einer anderen Sphäre der Kultur die Verschränkung
von Nord und Süd, von Ost und West so intensiv (ist)
wie in der Bildenden Kunst."
2.
Kunst und kultureller Imperialismus
Unter den Vertretern
der Globalisierungsthese besteht weitgehende Übereinstimmung,
dass die Anfänge dieses Prozesses im 19. Jahrhundert
oder sogar früher anzusetzen sind.
Als der Begriff der "Globalisierung" für
diese Entwicklungen noch nicht verfügbar war, wurde
in diesem Zusammenhang von "Inter-" oder "Transnationalisierung"
gesprochen. So trug der britische Künstler Rasheed Araeen
in den 70er Jahren seine scharfe Kritik an den Exklusionen
des Kunstfeldes noch unter Rückgriff auf den Begriff
des "Internationalismus" vor. Ähnlich wie
die heute als "Skeptiker" oder "Traditionalisten"
apostrophierten Kritiker der Globalisierungsthese, wandte
sich Araeen damals gegen das, was er für einen Mythos
hielt, nämlich den der zeitgenössischen Kunst zugeschriebenen
"Internationalismus". In seinem 1978 im ICA
London präsentierten Manifest heißt es:
"Der Mythos des
Internationalismus der westlichen Kunst muss jetzt zerstört
werden. (...) Die westliche Kunst drückt ausschließlich
die Besonderheiten des Westens aus (...). Sie ist nur
eine transatlantische Kunst. Sie reflektiert nur die
Kultur Europas und Nordamerikas. Der derzeitige
"Internationalismus" der westlichen Kunst ist
nicht mehr als eine Funktion der politisch-ökonomischen
Macht des Westens, der seine Werte anderen Menschen
aufzwingt. (...) Das Wort international sollte mehr als
nur ein paar westliche Länder bedeuten (...)."
Aareen vertrat
nichts anderes als eine Version der Theorie des
kulturellen Imperialismus. In ihren gängigsten
Varianten geht sie von der Annahme aus, dass die globale
Kultur in Wirklichkeit eine partikulare Kultur sei, nämlich
eine westliche, kapitalistische oder US-amerikanische.
Allgemeinere Versionen der Theorie identifizieren den
Imperialismus nicht einfach mit dessen westlichen
Spielarten und formulieren komplexere Annahmen über
Mechanismen und Effekte. So wird unter Imperialismus in
der Zentrum-Peripherie Theorie von Galtung ein
hochdifferenzierter Typ von Herrschaftsverhältnis
verstanden, für den "Brückenköpfe" - des
"Zentrums des Zentrums" im "Zentrum der
Peripherie" - besonders wichtig sind.
Kennzeichnend für
Imperialismus im Sinne von Galtungs "struktureller
Theorie" ist eine Herrschaftsform, die auf eine
Aufspaltung von Kollektiven und auf bestimmte Interaktionsbeziehungen,
-muster und -strukturen hinausläuft. Einige Teile des
Systems werden in von Interessenharmonie gekennzeichnete
Beziehungen gesetzt, andere in Beziehungen, deren Merkmal
die Disharmonie von Interessen ist.
Interessenharmonie bedeutet unter anderem, dass sich
in der Peripherie Eliten herausbilden, die eng mit den
Eliten des Zentrums verbunden sind. Kulturelle Penetration
ist deshalb ein wichtiger Mechanismus. Ein Teil der
Eliten der Peripherie wird kooptiert und belohnt bzw.
entwickelt Bedürfnisse, die nur vom Zentrum befriedigt
werden können. Die kooptierten lokalen Eliten übernehmen
Lebensstile, Kultur und Ideologien des Zentrums. Dieser
Prozess intellektueller Penetration vollzieht sich auch
über den Besuch der Universitäten des Zentrums sowie
über den Import von kulturellen Artefakten, von Wissenschaft
und Theorie.
Die Brückenkopfthese findet sich ansatzweise auch in
Araeens Manifest, wenn er auf die dominante Rolle westlicher
Werte in den urbanen Milieus der Dritten Welt verweist
und die geteilte Loyalität jener indigenen Eliten hervorhebt,
die ein Interesse an dem "Mischmasch von westlichen
Techniken und einheimischen Bildern" zeigen, die
er als "neokoloniale Kunst" bezeichnet.
3.
Wandel des Kunstfeldes
Es stellt sich die
Frage, inwieweit ein solches Herrschaftsmodell die Realität
nach wie vor adäquat beschreiben kann. Zur Zeit von
Araeens Intervention im Kunstfeld exemplifizierte es
Galtung auf Makroebene am Verhältnis der USA bzw. der
Sowjetunion und den Ländern, die sich in deren Einflussbereich
befanden. Die teils bipolare, teils tripolare Konstellation
(mit der "Dritten Welt") der 70er Jahre hat
sich Galtungs Theorie zufolge nach Ende des Kalten Krieges
in eine siebenpolige Welt verwandelt, deren Regionen
"zu einem gewissen Grad vom Hegemon der Hegemonen,
den Vereinigten Staaten von Amerika dominiert werden."
Außerdem wird postuliert, dass unter Bedingungen forcierter
Globalisierung die Eliten der Peripherie tendenziell
an Bedeutung als Brückenköpfe für das Zentrum verlieren. Am Begriff des Imperialismus
wie auch am Zentrum-Peripherie-Modell wird im Gegensatz
zu Hardt und Negri und zahlreichen anderen postmodernen
Theoretikern
trotz dieses Wandels festgehalten.
Auch im Kunstfeld
ergaben sich in den letzten Jahrzehnten Veränderungen,
wenngleich keine vergleichbar tiefgreifenden wie im
Weltsystem. So konstatiert Araeen in einem neueren Text
eine Öffnung des Kunstfeldes gegenüber "anderen"
Künstler/innen seit Mitte der 80er Jahre, die er mit
der Kontextveränderung vom eurozentrischen Modernismus
zum Postmodernismus in Zusammenhang bringt.
Die "jungen, postkolonialen Künstler/innen afrikanischer
oder asiatischer Herkunft” seien nicht mehr von ihren
"weißen/europäischen Zeitgenossen” segregiert:
"Both of them display and circulate within the
same space and the same art market, recognized and legitimated
by the same institutions.”
Solche und ähnliche Beobachtungen, die auf einen Wandel
des Kunstfeldes hindeuten, finden sich in jüngerer Zeit
gehäuft in Texten von Kritikern und Kuratoren.
So behauptet etwa
Marc Scheps, Kurator der in großem Stil angelegten Kölner
Ausstellung "Global Art" aus dem Jahre 2000,
in einem Beitrag, der eine Reihe kulturwissenschaftlicher
Autoren überzeugte, eine forcierte Globalisierung
der Kunst in den beiden vergangenen Jahrzehnten. 1980
sei die Kunst in die "globale Gegenwart" eingetreten,
nach einer langen Geschichte des "interkulturellen
Dialogs" im 20 Jahrhundert, eine Phase, die andere,
wie etwa Adrian Piper, in weniger euphemisierender Form
als eine Geschichte der Appropriation nicht-westlicher
Kulturen durch die "euroethnische Kunst" deuten.
Seit 1989 führe die Kunst, so Scheps, einen "globalen
Dialog", der durch die neuere visuelle Sprache,
also Medien und Praxisformen wie Video oder Computer,
aber auch Installationskunst und Performance, möglich
geworden sei. Die Globalisierung des Kunstfeldes wird
von Scheps insbesondere festgemacht an der erhöhten
Mobilität von Künstler/innen, an Ausstellungen nicht-westlicher
Kunst im Westen sowie an der Verbreitung von Kunstbiennalen
und Kunstinstitutionen in nicht-westlichen Ländern,
die in symmetrische weltweite Netzwerkverbindungen
eingebunden seien.
Hou Hanru, der gleichfalls
auf die Proliferation von Kunstbiennalen außerhalb Europas
und Nordamerikas seit Mitte der 80er Jahre hinweist,
führt als Beispiel für die Globalisierung von Kunstinstitutionen
die Expansionsbestrebungen des New Yorker Guggenheim
Museums an.
Georg Schöllhammer konstatiert in den europäischen Kunsthäusern
eine "Vielzahl von Ausstellungen zum Beispiel mit
afrikanischer Gegenwartskunst" und spricht von
den "neuerdings hofierten KünstlerInnen aus Afrika,
Lateinamerika und Asien".
Yilmaz Dziewior unterstreicht für die 90er Jahre die
stärkere Beteiligung von nicht-okzidentalen Künstler/innen
an den großen Mainstream-Ausstellungen des Kunstfeldes
wie der Biennale von Venedig und der Documenta in Kassel,
eine Tendenz, die auf der Documenta11 des Jahres 2002
noch augenfälliger wurde.
In den Bezugsrahmen
der Globalisierungstheorie gestellt, verweisen diese
Texte von Kuratoren und Kritikern auf die räumliche
Ausdehnung der sozialen Beziehungen der Kunstfeldakteure,
auf die Vergrößerung der Dichte von Interaktionen,
nicht zuletzt gestützt auf die neuen elektronischen
Kommunikationsnetzwerke, auf die gewachsene kulturelle
Interpenetration im Kunstfeld in Form erhöhter Inklusion
bzw. Mobilität von Akteuren wie von Produkten sowie
auf die Globalisierungsprozesse im Bereich der Infrastruktur.
Vor dem Hintergrund
dieser Veränderungen erscheint manchen bereits ein von
alten Strukturierungen befreites globales Zeitalter
angebrochen, das ein Denken in Zentrum-Peripherie Kategorien
obsolet machen würde. Andere sind ambivalent
bis kritisch in der Bewertung dieses Wandels. So hebt
Schöllhammer hervor, dass die Ausstellungen und Handelstransporte
zwar bislang im Westen unbelichtete Kunstszenen sichtbar
machen, andererseits aber auch zur Verdunkelung der
Einschluss- und Ausschlussverhältnisse im Kunstbetrieb
beitragen würden.
Martha Rosler beklagt am Beispiel der "Ankunft
von Identitätspolitik und Multikulturalismus in der
Kunstwelt" eine modische Einbindung von Randgruppen
und kommt zum Schluss, dass "diese marginalen Verschiebungen
(..) die ‚weiße’ Machtstruktur (...) nicht verändern."
Und Araeen nimmt trotz der Öffnung des Systems eine
Kontinuität der Apartheid wahr, weil die Inklusion post-kolonialer
Künstler/innen mit deren Stigmatisierung verbunden sei,
müssten ihre Arbeiten doch "Identitätskarten, mit
afrikanischen oder asiatischen Zeichen” zeigen.
4.
Die Beständigkeit des Zentrums
Cochrane und Pain
zählen zu den Vertretern der Globalisierungstheorie,
die vor allem Prozesse der Dehnung, Intensivierung und
Beschleunigung der Interdependenz und Integration des
sozialen Lebens vor Augen haben. Von den prozessorientierten
Zugängen zu unterscheiden sind Theorien, die Globalisierung
eher als einen idealtypischen Zustand einer globalen
Ordnung verstehen, der auch als Maßstab herangezogen
werden kann, um Grad und Grenzen von Prozessen der Globalisierung
abzuschätzen.
Auf Daten über ökonomische Parameter der Weltwirtschaft
und einen idealtypischen Maßstab der Globalisierung
gestützt, kamen etwa Hirst und Thompson zur Einschätzung
vom Mythos einer Globalisierung der Ökonomie.
Der prozessorientierte Zugang tendiert dazu, Ausmaß
und Reichweite der Globalisierung zu übertreiben, da
er die Gegenwart mit der (jüngeren) Vergangenheit vergleicht
und auf die Berücksichtigung von idealtypischen Modellen
der Globalisierung verzichtet. Die Frage nach der Relevanz
und nach den Effekten der seit den 80er Jahren erfolgten
Veränderungen im Kunstfeld, die in Richtung Globalisierung
deuten, wird hier deshalb nach der Logik des prozessorientierten
Ansatzes in Verbindung mit der Berücksichtigung idealtypischer
Modelle behandelt.
Als empirische Indikatoren
bieten sich vor allem die Daten der seit 1970 (mit wenigen
Ausnahmen jährlich) veröffentlichten Künstler/innen-Ranglisten
der Wirtschaftszeitschrift Capital an. Mit diesen Ranglisten
der Top 100 Künstler/innen des Kunstfeldes wird beansprucht,
das symbolische Kapital von Künstler/innen nach dem
Kriterium ihrer Sichtbarkeit im internationalen Ausstellungsbetrieb
zu erfassen. Auf diese Weise wird zugleich das Zentrum
des Kunstfeldes - die vom Kunstestablishment in höchstem
Maße anerkannten Künstler/innen - von der Peripherie
der breiten Masse der Produzent/innen getrennt.
Das Verfahren zur Bestimmung des symbolischen Kapitals
der Künstler/innen erscheint trotz mancher Probleme
hinreichend valide und zuverlässig, um fundierte Schlüsse
über Prozesse der Globalisierung zu erlauben, die sich
nicht bloß auf symbolpolitischer Ebene oder in den eher
sekundären Bereichen des Kunstfeldes abspielen.
Von Anfang an wurden
im Capital Kunstkompass die Herkunftsländer der Künstler/innen
ausgewiesen, sodass es möglich ist, Fragen der Inklusion
und Exklusion nach territorialen Kriterien nachzugehen.
Ein idealtypischer Begriff von Globalisierung impliziert
eine hohe Entropie der sozial-räumlichen Rekrutierung
der Akteure, die wichtige Positionen im Kunstfeld einnehmen.
Territoriale Grenzen und räumliche Fixierungen sollten
in einer globalisierten Welt, die letztlich auf die
Schaffung einer "Weltbevölkerung" hinausläuft,
von geringer Bedeutung sein, keine der Populationen
der größeren Weltregionen sollte in dieser Hinsicht
gegenüber den anderen deutlich dominieren.
Um das Ausmaß sozial-räumlicher
Konzentrationen und deren Veränderungen in der Zeit
zu ermitteln, reicht es, ein einfaches Modell des Raumes
heranzuziehen. Für die empirischen Analysen bot sich
deshalb eine Weltkarte von Galtung an, in welcher der
Norden und der Süden mit dem Osten und dem Westen gekreuzt
und demgemäß "vier Ecken der Welt" unterschieden
werden. Der "Nordwesten" umfasst gemäß der
zu Grunde gelegten Kartographierung Nordamerika und
Westeuropa, der "Nordosten" die ehemalige
Sowjetunion, Osteuropa, die Türkei, die ehemaligen Sowjetrepubliken
mit mehrheitlich muslimischem Bevölkerungsanteil sowie
Pakistan und Iran. Der "Südwesten" schließt
Lateinamerika, die Karibik, Westasien, die arabische
Welt, Afrika, Südasien und Indien ein, der "Südosten"
Südostasien, Ostasien, die Pazifischen Inseln, China
und Japan. 20% der Weltbevölkerung leben im Norden,
80% im Süden.
Die Globalisierungsthese
impliziert bei prozessorientierter, diachroner Interpretation
einen Zuwachs an Entropie, was die Herkunft der Künstler/innen
aus den vier Weltregionen betrifft. Ein möglicher idealtypischer
Maßstab wäre die Irrelevanz der territorialen Herkunft,
also die gleichmäßige Rekrutierung von erfolgreichen
Künstler/innen aus den vier Ecken der Welt, im Gegensatz
zu ihrer Herkunft aus "nur ein paar westlichen
Ländern", wie Araeen in den 70er Jahren formulierte.
Die Anteile der unter den Top 100 der Welt platzierten
Künstler/innen, die nicht aus den "nordwestlichen"
Ländern stammen, können somit als Indikatoren für die
Globalisierung des Kunstfeldes dienen.
Grafik
1 weist die Anteile der auf den Top 100 Ranglisten platzierten
Künstler/innen aus dem Nordosten, dem Südwesten und
dem Südosten der Welt einzeln und als Summe für den
im Weltmaßstab überaus dynamischen Zeitraum 1970-2001
aus.
Außerdem enthält sie eine Trendlinie für den nicht dem
Nordwesten angehörenden "Rest der Welt" auf
der Grundlage des "gleitenden Durchschnitts".
Der zentrale Befund ist darin zu sehen, dass der summierte
Anteil aller nicht aus dem Nordwesten stammenden Künstler/innen
auch in den Jahren 2000 und 2001, dem Gipfel der Kurve,
sich lediglich auf 10% beläuft. Damit wurden die in
den frühen 70er Jahren bereits erreichten Anteile nur
um 2% überboten. Im Vergleich dazu stieg der Anteil
weiblicher Künstler von 4% im Jahre 1970 auf 22% im
Jahre 2000 an.
Auch im "global age" (Albrow) zu Anfang des
21. Jahrhunderts belaufen sich die Anteile von Künstler/innen
aus drei der vier Ecken der Welt auf lediglich jeweils
2-4%, ein krasses Bild der Exklusion u. a. von Osteuropa,
Lateinamerika, Australien sowie von Asien und Afrika,
auf deren "postkoloniale Künstler/innen"
Araeen vor allem abhebt. Statistisch gesehen handelt
es sich jedoch um marginale Inklusionsprozesse, jedenfalls
was die Dynamik im Zentrum des Feldes betrifft.
Eine markante Gegenposition
zur Globalisierungstheorie stellt die These der "trilateralen
Regionalisierung" dar. Sie kann sich auf den Befund
stützen, dass die "kapitalistische Triade"
von USA, EU und Japan lediglich 15% der Weltbevölkerung
umfasst, in den 90er Jahren aber zwischen zwei Dritteln
und drei Vierteln der weltweiten ökonomischen Aktivitäten
auf sich konzentrieren konnte.
Grafik 2 verdeutlicht, in welch hohem
Maße sich das Zentrum des Kunstfeldes aus zwei der drei
dieser ökonomisch mächtigen Triaderegionen rekrutiert,
und zwar den USA und der EU.
Summiert man über alle Triaderegionen, ergeben sich
Anteile in einer Spannweite von 95% bis 82% für den
betrachteten Zeitraum. Diese Zahlen übertreffen die
Anteile der Triade an den weltweiten ökonomischen Aktivitäten
noch deutlich. Analog zur ökonomischen Globalisierung
(außerhalb der Finanzmärkte) ließe sich auf dieser Grundlage
somit vom Mythos der Globalisierung des Kunstfeldes
sprechen.
Auch Details verdienen
Aufmerksamkeit. Ungeachtet des ökonomischen Aufstiegs
Japans in den 70er und 80er Jahren erhöhte sich die
globale Sichtbarkeit der Künstler/innen dieses Landes
nicht. Nicht weniger interessant erscheint, dass die
Veränderung der Position der US-Kunst nicht unmittelbar
dem Wandel der Position der USA im Weltsystem folgt.
So konnte der Aufstieg zum "Hegemon der Hegemonen"
den in den späten 70er Jahren einsetzenden relativen
Bedeutungsverlust der US-Kunst nicht aufhalten. Der
Anteil von Künstler/innen aus den USA im Zentrum des
Kunstfeldes erreichte seinen Gipfel im Jahre 1978 mit
nahezu 50%, sank seit dieser Zeit aber bis auf ein Drittel
ab. Trotz eines leichten Bedeutungsverlustes in der
zweiten Hälfte der 90er Jahre, bleibt die EU-Kunst mit
Anteilen um die 50% hingegen in einer besonders starken
Stellung.
Das Zentrum des Feldes
befindet sich nach wie vor fest in der Hand des Nordwestens,
dominiert von der US-EU Dyade. In den letzten Jahren
gab es Anzeichen für eine leichte Abschwächung der extrem
hohen Konzentrationen auf diese Regionen und einen Trend
in Richtung Globalisierung, der allem Anschein nach
ausgeprägter ist als der in den späten 60er und frühen
70er Jahren. Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass
die präsentierten Daten die räumliche Inklusivität des
Kunstfeldes in einer Hinsicht überschätzen: Die Mehrzahl
der nicht aus dem Nordwesten stammenden Künstler/innen
lebt(e) und arbeitet(e) nichtsdestoweniger in dessen
Kunstmetropolen, vor allem in New York, aber auch in
London, Paris, Köln und Berlin. Anerkennung im Feld
setzt nach wie vor die reale Integration in diese territorial
abgrenzbaren Zentren der künstlerischen Produktion und
Kommunikation voraus.
Für Globalisierungstheorien,
welche die Entbettung und Dehnung sozialer Beziehungen
betonen und für postmoderne Theorien (einschließlich
der des "Empire"), die eine umfassende Entterritorialisierung
der sozialen Beziehungen behaupten, sind starke räumliche
Konzentrationen, wie die aufgezeigten, schwer zu integrierende
"Anomalien". In manchen Versionen der Globalisierungstheorie
werden die räumlichen Konzentrationen von Macht - wie
etwa in den "global cities" - deshalb einfach
als Indizien für eine wachsende Globalisierung umgedeutet. In den Modellen, die Zentrum-Peripherie-Vorstellungen
verabschieden und die Entterritorialisierung betonen,
gibt es wiederum die Neigung, die Evidenz für räumlich
abgrenzbare Zentren der Macht
zu ignorieren. Zentrum-Peripherie-Modelle erinnern an
die Verdichtung und räumliche Konzentration von Macht,
sei es in Finanzmärkten, sei es in Feldern wie dem der
Kunst. Sie führen zu anderen Interpretationen als die
typischen Zugänge im Rahmen von Globalisierungstheorien.
So folgen die Wanderungen von Wissenschaftler/innen
und Künstler/innen von der Peripherie in die Zentren
des Nordwestens aus der Perspektive von Zentrum-Peripherie-Theorien
klassischen Braindrain-Mustern, von denen das Zentrum
und das Zentrum der Peripherie stärker profitieren als
die Peripherie der Peripherie. Auch erscheint die Proliferation
von Kunst-Biennalen
und Kunstinstitutionen außerhalb der Länder des Nordwestens
nicht einfach als ein zu feierndes Indiz für zunehmende
Globalisierung. Es stellen sich vielmehr Fragen wie
etwa die, in welchem Maße es sich dabei um die Errichtung
von Brückenköpfen des Nordwestens mit Hilfe kulturell
durchdrungener indigener Eliten handelt, und in welchem
Maße um den Aufbau von Gegenmacht
in Ländern, deren Eliten aufgrund der Globalisierung
tendenziell an Macht verlieren.
Mein
Dank gilt Sophia Prinz (Lüneburg) für die Herstellung
der Grafiken.
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Grafik 1: Drei Ecken der Welt. Die
Sichtbarkeit ihrer Kunst 1970 – 2001 (Anteile an Top
100 Künstler/innen in %, Sekundäranalyse Kunstkompass
Capital)
Grafik 2: Die Sichtbarkeit der Kunst
der Triade 1970 – 2001 (Anteile an Top 100 Künstler/innen
in %, Sekundäranalyse Kunstkompass Capital)

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