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"Wir haben keine Zukunft,
weil unsere Zukunft zu flüchtig ist. Die einzige Möglichkeit,
die uns bleibt, ist die Verwaltung des Risikos. Der
Kreisel der Szenarien des jeweiligen Jetzt. Erkennen
der Formen." (W. Gibson: Pattern recognition)
Arbeit
ohne Person
Im Februar 2003 veröffentlichte
der amerikanische Journalist Bob Herbert in der New
York Times die Ergebnisse einer Befragung, die er mit
Hunderten junger Arbeitsloser in Chicago durchgeführt
hatte. KeineR der Befragten ging davon aus, in den
nächsten Jahren Arbeit zu finden, niemand sah sich imstande,
gegen diesen Umstand Widerstand zu leisten oder eine
große kollektive Veränderung in Gang zu setzen. Aus
den Interviews geht ein allgemeines Gefühl der tiefen
Ohnmacht hervor. Die Wahrnehmung des gesellschaftlichen
Verfalls seitens der Interviewten ist nicht auf dessen
politische Dimension gerichtet, sondern auf scheinbar
darunter liegende Ursachen, auf eine psychische und
soziale "Rückentwicklung", die jede Möglichkeit,
Alternativen zu schaffen, zu verunmöglichen scheint.
Die Fragmentierung
der Gegenwart verkehrt sich in die Implosion der Zukunft.
In seinem Buch "Der flexible Mensch" reagiert
Richard Sennett auf diese existenzielle Lage der Prekarität
und Fragmentierung mit der nostalgischen Erinnerung
an eine vergangene Zeit, in der sich das Leben um relativ
stabile soziale Rollen herum gestaltete und die Zeit
eine lineare Verfasstheit aufwies, aus der sich entsprechende
Verläufe der Identität ergaben. Der lineare Zeitvektor
ist in Brüche gegangen: In einer sich ständig um- und
neugestaltenden Ökonomie, der jegliche Form von Routine
verhasst ist und die kurzfristig denkt, gibt es keine
vorweg bestimmten Verläufe mehr. Den Menschen fehlen
stabile Beziehungen und langfristige Ziele. Diese Nostalgie
bleibt jedoch ohne Folgen für die Gegenwart, und die
Versuche, entsprechende Formen von Gemeinschaft wieder
zum Leben zu erwecken, fallen meist künstlich und steril
aus.
Angela Mitropoulos
bemerkt in ihrem Artikel "Precari-us?", der
zuerst im Web-Journal Metamute erschien, der Begriff des "Prekariats" sei selbst
prekär. Einerseits werde der damit gemeinte Gegenstand
nur annäherungsweise bestimmt, und anderseits leiteten
sich daraus Strategien ab, die paradox und widersprüchlich,
also prekär seien. Was bezwecken wir eigentlich, wenn
unser kritischer Blick sich auf den prekären Charakter
der Beschäftigung richtet? Laufen unsere Bestrebungen
auf einen festen Arbeitsplatz mit lebenslanger Garantie
hinaus? Darum handelt es sich klarerweise nicht. Es
ist zwar inzwischen von Flexicurity
die Rede, womit Einkommensformen gemeint sind, die nicht
von Beschäftigungsverhältnissen abhängen, dennoch geht
es vielmehr darum, den thematischen Faden der Zusammensetzung
und Auflösung der sozialen Klassen wieder aufzunehmen,
wenn wir den Linien folgen wollen, entlang deren sich
eine mögliche künftige Neuzusammensetzung abzeichnet.
In den 1970er Jahren
setzten die Energiekrise, die wirtschaftliche Rezession
und schließlich die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft
durch computergesteuerte Maschinen eine große Masse
an Arbeitskräften frei, die sich jenseits der sozialstaatlichen
Garantien bewegte. Seither ist die Frage der Prekarität
ins Zentrum der soziologischen Analysen, aber auch der
Perspektiven verschiedener sozialer Bewegungen gerückt.
Schon damals begann man, Kämpfe für ein von der Beschäftigung
unabhängiges Grundeinkommen zu führen, um dem Umstand,
dass ein Großteil der Jugendlichen keine Aussichten
auf eine feste Anstellung hatte, etwas entgegenzusetzen.
Die Situation hat sich seitdem stark verändert, weil
das, was als marginale und vorübergehende Lage erschien,
zur vorherrschenden Form innerhalb der Arbeitsverhältnisse
geworden ist. Die Prekarität ist nicht mehr Randerscheinung
noch Provisorium, sondern die verallgemeinerte Form
der Beschäftigungsverhältnisse in einer digitalisierten,
netzwerkartigen und sich ständig neu entwerfenden Produktionssphäre.
Mit dem Wort "Prekariat"
meint man üblicherweise den Bereich der Beschäftigung,
in dem hinsichtlich des Arbeitsverhältnisses, des Lohns
und des Arbeitstages keine fixen Regeln mehr auszumachen
sind. Wenn wir jedoch in die Vergangenheit schauen,
so stellen wir fest, dass diese Regeln in der Geschichte
des Verhältnisses von Kapital und Arbeit nur eine begrenzte
Zeit gegolten haben. Nur in der Zeit, die durch gewerkschaftlichen
und politischen Druck von Seiten der ArbeiterInnen und
durch Vollbeschäftigung gekennzeichnet war, und dank
einer mehr oder weniger starken Rolle des Staates hinsichtlich
der Regulierung der Wirtschaft konnten der natürlichen
Dynamik des Kapitals rechtliche Beschränkungen auferlegt
werden. Diese rechtlichen Verpflichtungen, die in bestimmten
Zeiten die Gesellschaft vor der Gewalt des Kapitals
geschützt haben, gründeten stets auf einem als politisch
verstandenen Kräfteverhältnis. Dank der politischen
Stärke wurde es möglich, Rechte einzufordern, Regeln
festzusetzen und diese als Rechte der Person zu verteidigen.
Mit dem Schwinden des politischen Einflusses der ArbeiterInnenbewegung
sind die natürliche Prekarität der Arbeitsverhältnisse
und deren Brutalität wieder zum Vorschein gekommen.
Das Neue ist also
nicht der prekäre Charakter der Arbeit, sondern die
technischen und kulturellen Voraussetzungen, unter
denen sich die Info-Arbeit prekarisiert. Die technischen
Voraussetzungen bestehen in der digitalen Organisation
und Aufteilung der Info-Arbeit durch das Netz. Die kulturellen
Voraussetzungen bestehen sowohl in der massenhaft
verbreiteten Bildung als auch in den Konsumerwartungen,
die sich in den letzten Jahrzehnten in den Gesellschaften
herausgebildet haben und die ständig vom gesamten Werbe-
und Medienapparat geweckt werden.
Gehen wir daran,
den ersten Aspekt zu analysieren, der die technischen
Transformationen betrifft, die sich über die Digitalisierung
des Produktionszyklus vollzogen haben, so sehen wir,
dass die grundlegende Frage nicht die Prekarisierung
des Arbeitsverhältnisses ist (letztlich war die Arbeit
immer prekär), sondern die Auflösung der Person als
des Agenten des produktiven Handelns, als Arbeitskraft.
Wir müssen uns den Cyberspace der globalen Produktion
als ein immens ausgedehntes Plateau entpersonalisierter
menschlicher Arbeitszeit vorstellen.
Die Info-Arbeit, also die zur
Verarbeitung und Zusammensetzung von Segmenten der
Info-Ware aufgebrachte Zeit, ist der äußerste Punkt
des Abstraktionsprozesses der konkreten Tätigkeit,
eines Prozesses, den Marx als eine dem Verhältnis von
Arbeit und Kapital eingeschriebene Tendenz analysiert.
Der Prozess der Arbeits(zeit)abstraktion hat die Arbeitszeit
sukzessive von jeglicher konkreten oder individuellen
Besonderheit gereinigt. Das Zeitatom, von dem Marx
spricht, ist die kleinste Einheit der produktiven Arbeit.
Innerhalb der industriellen Produktion jedoch wurde
die abstrakte Arbeitszeit von einer physischen und juridischen
Trägerin, von einem Arbeiter (einer Arbeiterin) aus
Fleisch und Blut, der/die auch über eine rechtliche
und politische Identität verfügte, verkörpert. Das Kapital
kaufte natürlich nicht die Verfügbarkeit der ganzen
Person, sondern die Zeit, als deren Trägerin die Person
fungierte. Wenn das Kapital über die zur Schaffung des
Mehrwertes notwendige Zeit verfügen wollte, war es darauf
angewiesen, ein menschliches Wesen anzuheuern und dessen
gesamte Zeit zu kaufen, weshalb es auf die materiellen
Bedürfnisse und gewerkschaftlichen bzw. politischen
Forderungen eingehen musste, als deren Trägerin die
Person auftrat.
Wenn wir zur Sphäre
der Info-Arbeit übergehen, so stellen wir fest, dass
es nicht mehr nötig ist, täglich acht Stunden der Zeit
irgendeiner Person zu kaufen. Das Kapital rekrutiert
keine Personen mehr, sondern kauft Zeitpakete, die von
ihren zufälligen und austauschbaren TrägerInnen getrennt
sind. Die entpersonalisierte Zeit wird zum wahren Agenten
des Wertschöpfungsprozesses, und diese Zeit hat weder
Rechte, noch kann sie Forderungen stellen. Sie kann
sich entweder zur Verfügung stellen oder eben nicht,
doch diese Alternative besteht bloß in der Theorie,
weil der physische Körper, auch wenn er nicht mehr als
juridische Person anerkannt wird, sich etwas zu essen
kaufen und die Miete zahlen muss.
Die informatischen
Verfahren, die dazu führen, dass die Arbeitsleistung
sich in die verschiedenen Formen der Kombination semiotischen
Materials verwandelt, bewirken eine Verflüssigung der
zur Herstellung der Info-Waren gesellschaftlich notwendigen
Zeit. Die gesamte Lebenszeit der "menschlichen
Terminals" steht, pulsierend und verfügbar, wie
eine einzige, unförmige Gehirnmasse auf Abruf bereit.
Die Zeitausdehnung wird minutiös auf Zellen
verteilt: Kleinste Einheiten der Produktionszeit können
auf punktuelle, zufällige und fragmentarische Weise
mobilisiert werden. Die Kombination dieser Elemente
wird automatisch durch das Netz durchgeführt. Das Mobiltelefon
(ital. cellulario)
ist das Instrument, das die Verbindung von Bedürfnissen
des Semio-Kapitals und der Mobilisierung der lebendigen
Arbeit des Cyberspace ermöglicht. Das Klingeln des Mobiltelefons
ruft die ArbeiterInnen dazu auf, ihre Zeit in den abstrakten,
vernetzten Fluss einzuspeisen.
Die Ideologie des
Übergangs in Richtung der digitalen Sklaverei trägt
den Namen Liberalismus. Die Freiheit ist ihr Gründungsmythos,
es fragt sich nur, wessen Freiheit? Die Freiheit des
Kapitals, natürlich. Das Kapital muss absolut frei sein,
in jeden Winkel der Erde vordringen zu können, um ein
Fragment an Zeit aufzutreiben, das sich womöglich zu
einem noch geringeren Lohn ausbeuten lässt. Der Liberalismus,
könnte man einwenden, predigt doch auch die Freiheit
der Person. Die juridische Person ist frei, sich zu
äußern, ihre VertreterInnen zu wählen, eine wirtschaftliche
oder politische Unternehmung in Angriff zu nehmen.
Das klingt zwar sehr interessant, doch leider ist die
"Person" verschwunden, sie ist zu einem passiven,
irrelevanten und sinnlosen Objekt degradiert worden.
Die Person ist frei, sicher. Aber ihre Zeit ist ein
Sklave. Wenn wir die Bedingungen, unter denen der Großteil
der proletarischen und kognitarischen Menschheit heute
seine Arbeit verrichtet, die durchschnittlichen Einkommensverhältnisse
weltweit und die zwar noch im Gang befindliche, jedoch
schon fast verwirklichte Aufhebung der in der Vergangenheit
erworbenen Rechte der ArbeiterInnen in Betracht ziehen,
so können wir ohne jede rhetorische Übertreibung feststellen,
dass wir in einem Regime leben, das sich auf Sklaverei
stützt. Der durchschnittliche Lohn auf globaler Ebene
reicht für die im Dienst des Kapitals stehenden Personen
kaum dazu aus, die zum Überleben unerlässlichen Güter
zu kaufen. Und die Personen haben in keiner Weise Rechte
bezüglich der Zeit, derer sie formal enteignet worden
sind. Einer Zeit, die niemandem gehört, weil sie von
der sozialen Existenz der Personen, die sie dem Produktionskreislauf
des Cyberspace zur Verfügung stellen, getrennt erscheint.
Die Zeit ist somit fraktalisiert, d. h. sie ist auf
kleinste, wieder zusammensetzbare Fragmente reduziert,
und die Fraktalisierung ermöglicht es dem Kapital,
sich konstant auf die Suche nach dem niedrigsten Lohn
begeben.
Wie kann man sich
nun der Dezimierung der ArbeiterInnenklasse und ihrer
systematischen Entpersonalisierung, der Sklaverei,
die sich als neue Form des Kommandos über die prekarisierte
und entpersonalisierte Arbeit etabliert, widersetzen?
Jedem/r, der (die) sich den Sinn für menschliche Würde
erhält, stellt sich diese Frage mit einiger Dringlichkeit.
Und dennoch ist diese Frage kaum zu beantworten, da
die Widerstands- und Kampfformen, die sich im 20. Jahrhundert
als wirksam erwiesen haben, nicht mehr die Fähigkeit
zu haben scheinen, sich auszubreiten und zu konsolidieren,
und folglich können sie den Absolutismus des Kapitals
auch nicht aufhalten.
Eine Erfahrung der
Kämpfe der vergangenen Jahre ist, dass die Kämpfe der
prekarisierten ArbeiterInnen keine Zyklen ergeben.
Die fraktalisierte Arbeit mag sich da und dort erheben,
das bewirkt aber noch lange keine Protestwelle. Der
Grund dafür ist leicht zu finden. Damit die Kämpfe sich
zyklisch organisieren, ist die räumliche Kontiguität
der arbeitenden Körper und die zeitliche Kontinuität
der Existenzen vonnöten. Ohne diese Kontiguität und
Kontiuität entstehen keine Voraussetzungen dafür, dass
die zellenartig aufgeteilten Körper zu einer Gemeinschaft
werden. Es kommt zu keiner Welle, weil die ArbeiterInnen
nicht in einer Zeit zusammenleben, und die einzelnen
Verhaltensweisen können nur dann zur Protestwelle anwachsen,
wenn eine fortdauernde Nähe gegeben ist, die die Info-Arbeit
nicht mehr kennt.
Das
Wissen als autonomer Raum und als Kapitalfunktion
Sitzen wir also in
der Scheiße? Um ehrlich zu sein, es sieht fast so aus.
Die Zivilisierung der sozialen Sphäre, die ihren Höhepunkt
in den 60er Jahren erreicht hatte, wurde durch zwei
Bedingungen erreicht, die mit der Ökonomie selbst verwoben
sind: Die erste war die Kultur des bürgerlichen UnternehmerInnentums
und die zweite war die politische Stärke der IndustriearbeiterInnen,
die sich im Verlauf eines ganzen Jahrhunderts entwickelt
hatte.
Beide Bedingungen sind zu Ende
des 20. Jahrhunderts verschwunden. Zuerst hat das bürgerliche
UnternehmerInnentum mit seiner Orientierung am Rationalismus,
der Aufklärung und dem Protestantismus abgedankt, mit
seinem Zugehörigkeitsgefühl zu einer territorialen,
lokalen und städtischen Gemeinschaft. Diese Schicht
ist von der von Burnham so genannten "managerial
class" abgelöst und dann durch das entpersonalisierte,
delokalisierte Aktionärskapital pulverisiert worden,
das nur einen Beweggrund kennt: die Suche nach dem
höchsten Profit und deshalb das Interesse, den Anteil
am geschaffenen Reichtum, der der Gesellschaft und vor
allem den ArbeiterInnen zusteht, möglichst gering zu
halten. Die kapitalistische Klasse ist nicht mehr menschlich,
und zwar in dem Sinne, dass sie nicht aus Menschen besteht,
sondern aus technischen Automatismen, unpersönlichen
Funktionen. Der bürgerliche Kapitalist (die Kapitalistin)
mochte geizig oder großzügig sein, reaktionär oder progressiv,
auf jeden Fall jedoch hatte er (sie) Interesse an der
Prosperität und an der Ordnung dessen, was wir als das
allgemein Menschliche betrachten, denn diesem universell
Menschlichen gehörten auch die Bourgeoisie und ihre
Kinder an. Heute ist dies nicht mehr so. Diejenigen,
die heute ökonomische Entscheidungen treffen, gehören
nicht zur Bourgeoisie, sie haben keine erkennbare kulturelle
Prägung, sie sind nicht einmal unbedingt menschliche
Wesen, oder zumindest ist ihre Denkweise nicht so, als
ob sie zur menschlichen Gattung gehörten. Es handelt
sich um mathematische Funktionen, und die menschlichen
Wesen, die diese mathematischen Funktionen verkörpern
(Funktionäre, Broker, Mafiabosse) nehmen am Schicksal
der Menschheit keinen Anteil, noch interessiert sie
die Zukunft des Planeten. Das Verbrechen ist kein Auswuchs
mehr, der sich am Rand der legalen ökonomischen Aktivität
abspielt, sondern es ist die grundlegende Aktivität
des postindustriellen Wirtschaftssystems, innerhalb
dessen die kulturellen und ethischen Verankerungen
der traditionellen Bourgeoisie abhanden gekommen sind,
und vor allem ist jene Beziehung zum sozialen, menschlichen
und natürlichen Umfeld abhanden gekommen, die allen
die Beachtung allgemein menschlicher Regeln auferlegte.
Auf der anderen Seite
ist auch die ArbeiterInnenklasse aufgelöst, zerstört
und dezimiert worden. Die Bastionen der gewerkschaftlichen
und politischen Organisation, die ein Jahrhundert lang
das zentrale Element der gesellschaftlichen Solidarität
gebildet haben, sind durch die technologischen Umstrukturierungen
und die darauf folgende Deterritorialisierung zerstört
worden. Es gibt keine Arbeitsfront mehr, weil an den
Platz der ArbeiterInnen ein Plateau abstrakter, beliebig
zusammensetzbarer Zeit getreten ist.
Worin sollen wir
also einen Anhaltspunkt dafür finden, wie wir uns einen
Prozess der Re-Humanisierung der gesellschaftlichen
Produktion vorstellen können? Der wesentliche Aspekt
der Transformation der Produktion besteht in der Subsumtion
der Intelligenz unter den Wertschöpfungsprozess. Der
General Intellect
ist, wie Marx vorausgesehen hatte, die zentrale
produktive Kraft geworden, aber die Erbringung intellektueller
Arbeit hängt nicht vom bewussten Willen der kognitiven
ArbeiterInnen ab, insofern diese zum allergrößten Teil
den Bedingungen einer prekären, entpersonalisierten
Arbeit unterworfen sind.
Die kollektive Intelligenz
hat, wenn sie auf das soziale Leben angewandt wird,
immense Potenzialitäten, die durch die Unterwerfung
unter das Prinzip des privaten Profits vergeudet und
pervertiert werden. In den fünfzehn Jahren, die zwischen
1989 und 2004 liegen, ist die globale kollektive Intelligenz
als integrierte Kraft in Erscheinung getreten, und
zwar durch das Netz und dank der Digitalisierung, die
die unzähligen Fragmente der Info-Arbeit kompatibel
und integrierbar macht. In diesen Prozess aber schreibt
sich auch die Apokalypse der Moderne als sein ureigenes
Versagen ein. Die Prinzipien des Humanismus und der
Aufklärung, jene Grundsätze also, die in den zwei Jahrhunderten
der bürgerlichen Gesellschaft und der ArbeiterInnenbewegung
als Gesetze und gesellschaftliche Regulierungsmechanismen
wirksam waren und einigermaßen respektiert wurden,
sind innerhalb zweier Jahrzehnte der Lächerlichkeit
preisgegeben, ihres Sinns entleert und aufgehoben worden.
Das Wissen ist die
entscheidende Funktion, die den Übergang zur allgemeinen
Deregulierung und zur Herausbildung entpersonalisierter
Mechanismen ermöglicht hat, und zugleich die verantwortliche
gesellschaftliche Kraft, die in sich das größte Vermögen
zur Veränderung birgt.
Die globale Bewegung,
die in Seattle zum ersten Mal in Erscheinung getreten
ist, hat dort ihren Widerstand gegen die transnationalen
Unternehmen zum Ausdruck gebracht. In dieser Richtung
hat die Bewegung wichtige Erfolge erzielt, sie hat
es zustande gebracht, den Konsens hinsichtlich der
Privatisierung der fundamentalen Ressourcen zu durchbrechen.
Sie war jedoch nicht imstande, die enorme subjektive
Energie, die sich über die internationalen Treffen und
Foren der Bewegung und über die Basisorganismen angesammelt
hat, die sie innerhalb der realen Produktionszyklen,
der technologischen Forschung und des täglichen Lebens
unterstützt und getragen haben, in andere Formen umzusetzen.
So viele ForscherInnen auch in der Bewegung aktiv sind,
ist es doch bislang nicht gelungen, Organismen selbstorganisierter
Forschung zu etablieren, abgesehen von der Gemeinschaft
der ProgrammiererInnen freier Software, die schon vor
der Bewegung existierte und bis heute deren einzige
konsolidierte soziale Ausdrucksform darstellt. Dennoch
ist dies die Perspektive, die sich für die Zukunft abzeichnet:
der Übergang von einer Protestbewegung zu einer Bewegung
der Selbstorganisation seitens der ProduzentInnen
von Wissen und Informationen.
Übersetzung:
Klaus Neundlinger
Der Text wurde auch publiziert in: Kulturrisse 02/05.
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