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Synopsis:
Wir sind prekarisiert. Das
bedeutet ein paar gute Dinge (die Akkumulierung unterschiedlichen
Wissens und von verschiedenen Fähigkeiten und Kompetenzen
durch eine sich ständig neu konstituierende Arbeit und
Lebenserfahrung) und eine Menge negativer Dinge (Verletzlichkeit,
Unsicherheit, Armut, soziale Gefährdung). Doch unsere
Situationen sind so unterschiedlich, so singulär, dass
es uns schwer fällt, den gemeinsamen Nenner zu finden,
von dem wir ausgehen könnten, oder die eindeutigen Unterschiede,
durch die wir einander bereichern könnten. Es ist schwierig
für uns, uns auf der gemeinsamen Basis von Prekärität
auszudrücken und zu definieren, einer Prekarität, die
auf eine eindeutige kollektive Identität verzichtet,
in der sie sich simplifiziert und verteidigt, die aber
nach einer Form der gemeinsamen Verortung verlangt.
Wir müssen über die Entbehrungen und den Exzess unserer
Lebens- und Arbeitssituationen sprechen, um der neoliberalen
Fragmentierung zu entkommen, die uns von einander trennt,
schwächt und zu Opfern von Angst, Ausbeutung oder dem
Egoismus des "jede für sich allein" macht.
Allem voran wollen wir durch die Aufnahme eines gemeinsamen
und kreativen Kampfs die kollektive Schaffung alternativer
Lebensentwürfe ermöglichen.
Aus der Einladung zur Teilnahme
an der ersten deriva,
Oktober 2002.
Precarias
a la Deriva ist eine Initiative
zwischen Forschung und Aktivismus, die aus dem feministischen
Sozialzentrum La Eskalera Karakola in Madrid ursprünglich als Antwort auf den Generalstreik
in Spanien im Juni 2002 hervorging. Konfrontiert mit
einer Mobilisierung, die unsere fragmentierte, informelle
und unsichtbare Arbeit nicht repräsentierte – unsere
Jobs wurden weder von den Gewerkschaften, die den Streik
ausgerufen hatten, noch von der diesen auslösenden Gesetzgebung
berücksichtigt – beschloss eine Gruppe von Frauen, den
Streiktag zusammen zu verbringen, gemeinsam durch die
Stadt zu ziehen, die klassische Streikpostenkette in
eine Streikpostenuntersuchung umzuwandeln und mit Frauen
über ihre Arbeit und ihr Leben zu sprechen: Streikst
du? Warum? Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Welche
Instrumente stehen dir zur Verfügung, um mit dir ungerecht
erscheinenden Situationen umzugehen? …
Aus dieser ersten
tastenden Erfahrung entstand der Impuls zu einem kontinuierlichen
Forschungsprojekt. Es war klar, dass wir ein Instrumentarium
brauchen, um über die neuen Arbeitsformen zu sprechen
und in ein Arbeitsfeld zu intervenieren, das oft nicht
einmal einen Namen hat. Deshalb begannen wir, dieses
Feld zu vermessen - immer mit einem Auge auf die Möglichkeit
des Konflikts. Das ist ein Gebot des Überlebens, das
aus unseren eigenen Bedürfnissen entsteht: Bedürfnissen
nach Netzwerken, die die Einsamkeit durchbrechen, und
nach Worten, mit denen wir über das sprechen können,
was mit uns geschieht.
Aber wer sind "wir"?
Wir gehen aus von einer vorläufigen Kategorie, einer
Intuition beinahe: Können wir Prekarität als gemeinsame
Bezeichnung für unsere verschiedenen und singulären
Situationen verwenden? Wie können wir nach gemeinsamen
Namen suchen und gleichzeitig Singularitäten anerkennen,
Allianzen bilden und dabei Unterschiede verstehen? Eine
Freelance-Designerin und eine Sexarbeiterin haben bestimmte
Dinge wie die Unberechenbarkeit und Ausgesetztheit ihrer
Arbeit, das Ineinanderübergehen von Arbeit und Leben
sowie den Einsatz von Fähigkeiten und Wissen, die nicht
quantifizierbar sind, gemeinsam. Aber ebenso eindeutig
ist der Unterschied in Bezug auf soziale Anerkennung
und den Grad der Verletzlichkeit. Wie sollen wir unsere
gemeinsamen Bedürfnisse artikulieren, ohne auf eine
Identität zurückzufallen und ohne unsere jeweiligen
Situationen zu nivellieren und zu homogenisieren?
Statt still zu sitzen
und all diese Zweifel beizulegen, entschieden wir uns
loszuziehen und uns unterwegs damit auseinander zu setzen.
Wir wählten eine Methode, die uns auf verschiedenen
Wegen durch die urbanen Kreisläufe feminisierter prekärer
Arbeit führte, einander gegenseitig unsere Alltagsumgebungen
zeigend, in der ersten Person sprechend, Erfahrungen
austauschend und gemeinsam reflektierend. Diese derivas durch die Stadt widersetzen sich der Trennung von Arbeit und
Leben, Produktion und Reproduktion, öffentlich und privat,
und zeichnen so das raum-zeitliche Kontinuum unserer
Existenzen, die doppelten (oder multiplen) Präsenzen,
nach. Konkreter: Über einige Monate hindurch wanderte
eine offene, sich verändernde, Gruppe von uns fast jede
Woche durch die wichtigsten Orte des täglichen Lebens
von Frauen (uns selbst, unseren Freundinnen und engen
Bekannten), die in prekären und in hohem Maße feminisierten
Bereichen tätig sind: Spracharbeit (Übersetzen und Unterrichten),
Hausarbeit, Call Centers, Sexarbeit, Gastronomie, Sozialarbeit,
Medienproduktion. Um unsere Reflexionen etwas zu strukturieren,
wählten wir einige Achsen partikulärer und gemeinsamer
Interessen, die uns leiten sollten: Grenzen, Mobilität,
Einkommen, Körper, Wissen und Beziehungen, unternehmerische
Logik, Konflikt. Sprechend und reflektierend, die Videokamera
und das Aufnahmegerät in der Hand, zogen wir los mit
der Hoffnung, die Erfahrung und die Hypothesen, die
wir daraus gewinnen würden, weitergeben zu können, wobei
wir unsere eigene Kommunikation nicht nur als Mittel
der Verbreitung, sondern als primäres politisches Material
ernst nahmen.
Die Erfahrung war
unglaublich reich und auch ein wenig überwältigend.
Die Fragen vervielfältigen sich, wenig ist sicher. Aber
einige vorläufige Hypothesen bildeten sich heraus. Erstens
wissen wir, dass Prekarität nicht auf die Arbeitswelt
beschränkt ist. Wir ziehen vor, sie als eine Verbindung
von materiellen und symbolischen Bedingungen zu beschreiben,
die eine Unsicherheit in Bezug auf den nachhaltigen
Zugang zu den grundlegenden Ressourcen für die volle
Entwicklung des Lebens bestimmen. Diese Definition ermöglicht
es uns, die Dichotomien von öffentlich/privat und Produktion/Reproduktion
zu überwinden und die Verbindung zwischen dem Sozialen
und dem Ökonomischen zu erkennen. Zweitens wollen wir
Prekarität weniger als Zustand oder festgeschriebene
Position ("prekarisiert sein"), sondern als
Tendenz denken. Tatsächlich ist Prekarität nicht neu,
der Großteil der von Frauen verrichteten Arbeit - bezahlt
und unbezahlt - war immer schon prekär. Was neu ist,
ist der Prozess, durch den sie sich auf immer mehr gesellschaftliche
Bereiche ausdehnt, zwar nicht in einer einheitlichen
Form (schwerlich ließe sich eine starre oder präzise
Linie zwischen den "prekarisierten" und den
"abgesicherten" Teilen der Bevölkerung zu
ziehen), aber als allgemeine Tendenz. Statt von einem
Zustand der Prekarität sprechen wir deshalb lieber von
"Prekarisierung" als einem Prozess, der die
gesamte Gesellschaft betrifft - mit verheerenden Konsequenzen
für das Sozialgefüge. Drittens ist der Ort des Zusammenschlusses
(und vielleicht des "Kampfes") mobiler und
prekarisierter Arbeiterinnen nicht notwendigerweise
der Arbeitsplatz (wie auch, wenn dieser oft gleichzeitig
das eigene Zuhause oder das einer anderen ist, oder
er alle paar Monate wechselt, und die Chance, mit einem
Team von KollegInnen lange genug zusammenzuarbeiten,
um einander kennen zu lernen, 1:1000 ist?), sondern
das großstädtische Umfeld, durch das wir täglich navigieren,
mit seinen Werbeflächen und Einkaufszentren, mit seinem
Fast Food, das wie Luft schmeckt, und jeder Menge sinnlosen
Verträgen.
Zusätzlich zu diesen
ersten Hypothesen und einem Berg von Zweifeln haben
wir ein paar Ideen, wo wir als nächstes ansetzen wollen.
Erstens, und auch dank unserer Workshops zum Thema "Globalisierte
Pflegearbeit", ist es uns gelungen, einige Angriffspunkte zu erarbeiten. Die Krise der Pflegearbeit, oder besser
die politische Artikulation dieser Tatsache, die uns
alle betrifft - auf der einen wie der anderen Seite
des Ozeans -, ist einer dieser Punkte. Wir glauben nicht,
dass es eine einfache Form gibt, mit dieser Frage umzugehen,
bzw. eine einzige Formel wie Grundsicherung, Bezahlung
von Hausfrauen, Arbeitsteilung oder ähnliches. Jede
Lösung wird verknüpft werden müssen, denn es ist ein
verschütteter und vielschichtiger Konflikt, der Themen
wie Migrationspolitik, die Konzeption sozialer Dienstleistungen,
Arbeitsbedingungen, Familienstrukturen, Affekt etc.
umfasst, die wir in ihrer Gesamtheit, aber unter Berücksichtigung
ihrer Besonderheiten angehen müssen. Und dann gibt es
unsere Faszination von der Welt der Sexarbeit, auf die
wir allmählich gestoßen sind, und die uns wiederum in
einer komplexen Landkarte verortet, wo wir Migrationspolitik
und Arbeitsrecht ebenso wie imaginäre Rechte berücksichtigen
müssen. Es gibt hier ein Kontinuum, das wir vorläufig
Pflege-Sex-Aufmerksamkeit nennen, und das einen Großteil
der Tätigkeiten in allen von uns untersuchten Bereichen
umfasst. Affekt, in all seinen Quantitäten und Qualitäten,
steht hier im Zentrum einer Verkettung von Orten, Kreisläufen,
Familien, Bevölkerungen, etc. Diese Verkettungen produzieren
so unterschiedliche Phänomene und Strategien wie virtuell
arrangierte Ehen, Sextourismus, Heirat als Mittel der
Weitergabe von Rechten, die Ethnifizierung von Sex und
Pflegearbeit oder die Herausbildung mehrfacher und transnationaler
Haushalte.
Zweitens haben wir
über die Notwendigkeit gesprochen, Slogans
zu produzieren, die alle diese Punkte beschreiben können;
frühere sind uns zu eingeschränkt, zu allgemein und
zu vage. Im letzten Workshop zu "Globalisierter
Pflegearbeit" stellten wir fest, dass einige dieser
Slogans uns zu Räumen führen könnten, die so ambivalent,
aber auch so notwendig sind wie die erneuerte Forderung,
Kinder haben und aufziehen zu können, und die gleichzeitige
Entwicklung eines radikalen Diskurses über die Familie
als Mechanismus der Kontrolle, der Abhängigkeit und
der Kulpabilisierung von Frauen.
Drittens
zeigt sich deutlich, dass es notwendig ist, Orte
der Versammlung zu schaffen. Gerade der Prozess
des Durch-die-Stadt-Ziehens hat uns veranlasst, dem
verweigerten Recht der Selbstverortung einen höheren
Wert beizumessen. Wenn diese Verortung an einem mobilen
und sich verändernden Arbeitsplatz nicht stattfinden
kann, müssen wir offenere und weniger definierte Räume
innerhalb dieses Stadt-Unternehmens schaffen. Das Laboratorio de Trabajadores, das wir einrichten wollen, würde als
operativer Raum/Moment fungieren, um mit unseren Konflikten,
Ressourcen (rechtliche Ressourcen, Arbeit, Information,
gegenseitige Unterstützung und Betreuung, Unterkunft,
etc.), Informationen und unserer Geselligkeit zusammenzukommen
und damit Bewegung und Reflexion zu schaffen. Eine gute
Idee, und eine schwierige: Wir denken derzeit nicht
nur über die praktischen Aspekte nach, sondern vor allem
über seine Kapazität als Verbindungs- und Mobilisierungspunkt
für Frauen aus so verschiedenen Bereichen wie Haushalt
und Call Center.
Viertens
hoffen wir, die von uns im Laufe dieses Prozesses herausgebildeten
lokalen und internationalen Allianzen zu stärken. Ein Buch und ein
Video, die wir gerade publiziert haben, sind als Mittel
dafür gedacht. Mit dem Video können wir an die Orte,
die wir im Laufe des letzten Jahres durchwandert haben,
zurückkehren, zu den Gesundheitszentren und Nachbarschaftsvereinen
auf der Plaza und im Cyberspace, um die Gespräche, die
wir begonnen haben, weiterzuführen.
Fünftens
unterstreichen wir die Bedeutung öffentlicher
Äußerungen und der Sichtbarkeit: Wenn wir die soziale
Atomisierung durchbrechen wollen, müssen wir uns wirksam
in den öffentlichen Raum einmischen, andere Slogans
in Umlauf bringen, große Ereignisse produzieren, Prekarität
als Konflikt platzieren und sie mit Fragen der Pflege
und Sexualität verknüpfen. Es gibt einige Ideen, noch
nicht ganz ausgereifte Möglichkeiten dieser Art der
Intervention sowohl auf lokaler als auch internationaler
Ebene, die wir gemeinsam mit den vielen Frauen und Kollektiven,
mit denen wir bisher in Kontakt waren, verfolgen wollen.
Derzeit stellen wir drei Typen latenter - bzw. existenter,
aber unsichtbarer oder bisher nur individueller - Konflikte
fest: 1. verallgemeinertes
Fernbleiben von nicht-professioneller Arbeit
(Telemarketing, Einzelhandel in großen Ladenketten und
Dienstleistungen), 2. die Forderung nach anderen Inhalten
und anderen Formen in prekären Berufen (Krankenpflege,
Kommunikationsbereich) und 3. die Forderung nach Anerkennung
in traditionell unsichtbaren Berufen (Haus- und Sexarbeit).
Einerseits müssen wir eine Hybridisierung dieser Typen
beachten, andererseits müssen unsere Strategien auf
die Ressourcen, Modalitäten und Möglichkeiten zurückgreifen,
die diese spezifischen Arbeitsformen bieten. Hier haben
wir einige interessante Experimente gesehen - von rebellierenden
Call-Shop-ArbeiterInnen bis zu den MedienarbeiterInnen,
die die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel für ganz
andere Mitteilungen nutzten -, und durch die Zusammenarbeit
hoffen wir noch mehr Experimente hervorzubringen.
Sechstens
beginnen wir bewusst dem Bedürfnis zu begegnen, gemeinsame
ökonomische und infrastrukturelle Ressourcen zu
mobilisieren. Wir wollen wie die Parteien in der Lage
sein, Menschen zu "befreien": von Illegalität
befreien, von Prekarität befreien. Wir könnten eine
Heiratsagentur einrichten und den Gehorsam verweigern,
Dokumente fälschen, raubkopieren, Schutzraum bieten
und was auch immer uns einfällt. Ebenso wie die meisten
anderen Ideen auch brauchen wir für jene eines Laboratorio de Trabajadores finanzielle Mittel. Wir wollen aber weder
in ein Star-System verfallen und nur herumfahren und
reden, anstatt das lokale Netzwerk, das so wichtig für
uns ist, weiterzuentwickeln, noch wollen wir von Subventionen
abhängig werden. Die für uns maßgeblichen Ressourcen
sind ebenso immateriell und affektiv wie materiell.
Es geht uns darum, etwas für die Allgemeinheit zu schaffen.
Dafür ist es notwendig, Wissen und Netzwerke zu kollektivieren
und die Logik individueller Maximierung zu durchbrechen,
an die uns die intellektuellen Agenturen der Stadt
von Ansehen gewöhnt haben.
Eines
führt zum anderen. Von den derivas
zu weiteren derivas,
von einzelnen Workshops zu tausenden mehr von Auseinandersetzungen
und Diskussionen, Demonstrationen, öffentlichen Räumen
und der Möglichkeit von Zusammenschlüssen. Über eine
Politik der Geste hinaus: Dichte, Geschichte, Verknüpfungen,
Erzählung, Orte .... wir werden weitermachen.
Übersetzung aus
dem Englischen: Therese Kaufmann
Der Text wird in
Feminist Review
publiziert.
Precarias
a la Deriva, A
la deriva por los circuitos de la precariedad feminina.
Madrid: Traficantes de Sueños, 2004.
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