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Precarias a la deriva 02/2005
Ein sehr vorsichtiger Streik um sehr viel Fürsorge
(Vier Hypothesen)
 

1. Geschlecht, Fürsorge[1] und Aufmerksamkeit sind keine natürlichen Tatsachen, sondern soziale Sedimentierungen, historisch durch Affekte determiniert und traditionell den Frauen zugeschrieben.

Die sedimentierte Geschichte des Geschlechts und der Fürsorge ist alt. Nahezu seit den Ursprüngen des Christentums waren beide verbunden mit einem bipolaren Frauenmodell, das einerseits (positiv) an die Jungfrau Maria als tugendhafte Frau und Mutter Gottes anknüpfte und das andererseits (negativ) an Eva anschloss, als große Sünderin der Apokalypse, als Gesetzesübertreterin und Hure. Der erste der beiden Pole spaltete sich recht bald in zwei weitere mögliche Entwürfe, die Mutterschaft und die Jungfräulichkeit, beide verknüpft mit der Jungfrau Maria und mit der Fürsorge, während das Bild von Eva und ihren Nachfolgerinnen (Maria Magdalena, Pelagia, Tais,…) sich in das Stereotyp der sexuell aktiven Frau wandelte und eben dadurch entwertet und stigmatisiert wurde.[2]

Offensichtlich entwickelte dieses bipolare Modell, während es die Zeit überdauerte und sich im Raum ausbreitete, wichtige Variationen und erschien in verschiedenen abgewandelten Funktionen der sozialen Klassen, des geografischen Raumes und konkreter kultureller Kontexte. Aber ganz sicher ist, dass es mit der bürgerlichen Kernfamilie eine perfekte Symbiose einging, die der Kapitalismus zum dominanten Reproduktionsideal machte und verbreitete, um das zu produzieren, was Betty Friedan den "Weiblichkeitswahn oder Die Mystifizierung der Frau" genannt hat: Die Hure wurde zum negativen Spiegel, in dem die gute Frau (Mutter und Ehefrau oder die den anderen ausgelieferte, alleinstehende Jungfrau) sich sehen musste, um in jedem Moment zu wissen, dass sie nicht vom rechten Weg abkommen durfte.

Die Aufklärung, wie auch die Prozesse der Industrialisierung und der Verstädterung (verbunden mit einer wachsenden Sorge um die "Hygiene" der Bevölkerungen), schufen in der Kontrolle der weiblichen Sexualität einen allmählichen Übergang von religiösen zu gesetzlichen Sanktionen, der in vielen Ländern (Vereinigte Staaten, Großbritannien, Australien,…) die Regulierung des Austausches sexueller Dienste für Geld beinhaltete. So entstand die Prostitution, wie wir sie heute kennen, also als spezialisierte/r Beschäftigung oder Beruf innerhalb der Arbeitsteilung des patriarchalen Kapitalismus, und als solche begrenzte sie festgelegte Räume und Subjekte (und hörte dabei auf, ein gelegentliches Mittel für Arbeiterfrauen oder Bäuerinnen zu sein).[3] Die Grenze zwischen der Hure und der guten Frau wurde so auf eine noch nie da gewesen rigide Weise hergestellt. Infolgedessen wurde eine Frau Hure genannt, wenn sie nicht angepasst war (oder ein außergewöhnliches Sexualleben hatte, alleinstehende Mutter oder eine war, der es gefiel, einfach so zu vögeln), und so etablierte sich eine klare Trennlinie, die ihr andere Möglichkeiten verschloss oder verwehrte (auf jeden Fall die Funktionen einer Ehefrau und einer ehrbaren oder würdigen Mutter). Auch wenn sie diesen Beruf zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatte, konnte sie ihn auf diese Weise leicht bekommen. Sie musste den Heiratsmarkt verlassen (den der "normalen", monogamen, reproduktiven und untergeordneten Beziehungen) und endete in irgendeiner Institution (Gefängnis, Kinderheim,…) oder auf der Straße, genauer: auf dem Strich.

Die Aufmerksamkeit als abgegrenzte Aktivität bildete so ihrerseits ein neues Moment. Diese mit den Modellen von Weiblichkeit assoziierte Fähigkeit des Zuhörens und des Einfühlens, aber auch die konkreten, historisch den Frauen zugeschriebenen Aktivitäten (sowohl im Bereich der Fürsorge als auch auf dem Gebiet des Sex), wurden als eine spezifische Funktion isoliert und sie wurden zu Arbeiten für die entstehende Aufmerksamkeitsindustrie in ihren verschiedenen Varianten gemacht: Telemarketing, Tele-Shopping, Telefonseelsorge, Kundenberatung,… Auf diese Weise wird die durch das Geld zu einer Funktion geregelter Zeitarbeit gewandelte Aufmerksamkeit von der eigentlichen Kommunikation getrennt. Während diese eine Beziehung herstellt und Dauerhaftigkeit wie Zusammenarbeit schafft, ebnet jene einem funktionalisierten und von Verhaltenscodes (Worten und Gesten) befreiten Austausch den Weg. In diesem Sinne sind die Geschichten, die die Call-Center-Arbeiterinnen von ihrer Arbeit erzählen, besonders aussagekräftig: Sie handeln vom Zuhören, vom Lächeln (Lächeln durchs Telefon, obwohl sie dich nicht sehen können – damit die Stimme freundlich klingt) und vom späteren Weiterleiten an eine andere Stelle, …oder dem einfühlsamen Hinhalten. So erzählte uns eine Genossin bei einer unserer Derivas[4]: "Du versuchst, die Sachen so gut zu machen, wie Du kannst, aber Du kannst es gar nicht gut machen, weil das nicht Deine Aufgabe ist. Es ist nur ein Aushalten; was hart ist, ist wenn Dir dabei jemand etwas erzählt, was Dir wirklich Leid tut, dass er schon seit zwei Tagen ohne Telefon ist beispielsweise, aber Du darfst ihm nicht sagen: geben Sie sich geschlagen, wir werden es nicht lösen können, also hältst Du ihn einfach hin und sagst, dass Du tun wirst, was Du kannst."[5] Die Empathie wird hier auf ein telefonisches Lächeln reduziert. Was sagen sie nicht alles zu Mara in "Hablar por hablar"[6]!

 

2. Unsere Wege durch die Stadt, auf denen wir uns und andere nach den eigenen, alltäglichen Prekarisierungen gefragt haben, haben uns dazu gebracht, nicht mehr länger von all diesen Funktionen unabhängig voneinander zu sprechen. Viel besser lässt sich stattdessen vom Standpunkt eines kommunikativen Kontinuums "Geschlecht-Aufmerksamkeit-Fürsorge" her denken.

Wir sagen kommunikativ, weil diese drei Elemente (Sex, Aufmerksamkeit und Fürsorge) in Beziehung zueinander stehen und Arten der körperlichen Kommunikation sind. Aber warum reden wir von Kontinuum? Auf der einen Seite, um genau die Elemente der Kontinuität zu betonen, die unterhalb der Ablagerungen existieren, außerhalb der eingefrorenen Bilder, in den konkreten und alltäglichen Praktiken, die immer viel komplexer und fließender sind als jedes Symbol. Auf diese Weise beanspruchen wir, der angenommenen Natürlichkeit der Sedimentationen den Kampf anzusagen und Möglichkeiten für transversale Bündnisse und Konflikte zu eröffnen. Wie wir an anderer Stelle sagten: "Das Kapital fragmentiert das Soziale, um Wert abzuziehen, und wir fügen hinzu: um ihn zu steigern und an andere Orte zu verlagern"[7].

Auf der anderen Seite sprechen wir von einem Kontinuum, weil wir festgestellt haben, dass die traditionellen, festgelegten Positionen der Frauen (und der zwei Geschlechter im Allgemeinen) beweglicher geworden sind, dass sich auf einmal neue Positionen bilden. Die Hure ist nicht mehr allein und immer eine Hure, und die Heilige Mutter ist nicht mehr so heilig und auch nicht alleinige und einzigartige Mutter. Zur gleichen Zeit üben Telemarketing-Unternehmen und Gewerkschaften dieses Sektors Druck aus, um die Aufmerksamkeit zu einem eigenen Berufsfeld mit spezifischem Formationsprozess zu machen: So wurde die Aufmerksame geboren, diese Professionelle des Zuhörens und des Weiterleitens (an andere Telefone, an andere Dienste, an einen weiteren Anruf oder Besuch). Selbst zu einem Zeitpunkt, an dem der Arbeitsplatz immer weniger ein (individuelle und kollektive) Identität organisierendes Element ist, lässt sich erkennen, dass diese Position sich auf diese Weise verfestigen könnte.

Aber seien wir ein bisschen genauer und schlüsseln die Rekonfiguration der Verbindung zwischen Geschlecht (sexo), Sexualität und Fürsorge (oder, generischer, Reproduktion) auf, die Reorganisation der Fürsorgen, das Aufkommen von Sex als Geschäftsbeziehung weit über die sie beschränkenden Grenzen hinaus und ihre Beziehung zur Aufmerksamkeitsindustrie. Wer bietet mehr?[8]

Wir stellen tatsächlich eine Vervielfältigung in den Varianten dieses eigentümlichen Vertragstypus fest, der der "Geschlechtervertrag"[9] ist. An die traditionellen Verträge der Ehe und der Prostitution (getrennt durch das patriarchal heterosexuelle Modell) schließen auf jedes Mal verbreitetere Weise andere Modalitäten an, so zum Beispiel die Leihmütter (von Paaren, die keine Kinder bekommen können) oder die neuen Typen von Heiratsverträgen (die Ehefrauen auf Bestellung, meist aus den Ländern des Südens, die Homo-Ehe, die Hochzeiten als Form der Solidarität zwischen Einheimischen und Papierlosen,…), und diese zerstören die klassische Regulation von Geschlecht (sexo), Sexualität und Reproduktion. Wie zu erwarten war, hat diese Veränderung in den Vertragsformen eine materielle Entsprechung: Die Krise des Modells der fordistischen Kernfamilie und die Ausbreitung anderer Modalitäten des Zusammenlebens: Single-Wohnungen oder Wohngemeinschaften, transnationale Familien, nicht durch Blutsbande zusammengehaltene Gruppen,…

Auf die gleiche Weise erfährt die Organisation der Fürsorge starke Veränderungen, die wir, gemeinsam mit anderen Genossinnen, als Krise[10] verstehen, aber auch als Möglichkeit (für eine gesellschaftliche Transformation, die Fürsorge und Wunsch auf eine für alle gerechtere Weise miteinander verbindet). An anderer Stelle haben wir ausführlich über die Charakteristika dieser Krise der Fürsorge gesprochen[11], hier beschränken wir uns aus Platzgründen darauf, vier entscheidende Elemente ihres Auftretens zu nennen: An erster Stelle der Weg vom Wohlfahrtstaat (er garantierte mehr schlecht als recht den Zugang all jener, die er als StaatsbürgerInnen betrachtete, zu einer Reihe von Rechten) zur "Risikobewältigung" (oder, besser, zur Beherrschung der Risikosubjekte), die in die Hände eines sich ausbreitenden "Dritten Sektors" gelegt wird, in dem die konkrete Arbeit hauptsächlich von unbezahlten Frauen (und einigen Männern) und/oder Zeitarbeitsangestellten und Prekären bei steigendem Druck und hoher Verantwortung geleistet wird.

An zweiter Stelle die Auslagerung des Heimes. Viele der Aufgaben, die früher zu Hause durchgeführt wurden, werden heute auf dem Markt erledigt und viele der Qualitäten der Heimarbeit durchdringen heutzutage, auf funktionalisierte Art, das Stadt-Unternehmen. Fastfood-Restaurants und Tiefkühlkost haben die Hände der Mutter ersetzt, die, mithilfe der Töchter, das Essen fertig hatten, wenn die Herren des Hauses nach ihrem Arbeitstag heimkehrten. Die Einstellung anderer Frauen (oft Migrantinnen aus den Ländern des Ostens oder Südens der Welt, in der Regel mit endlosen Arbeitstagen für sehr niedrige Löhne) wurde zur verbreiteten Hilfe, die die Last der häuslichen Arbeit erleichtern half und dazu beitrug, sie mit anderen Anstellungen außerhalb des Hauses vereinbar zu machen. Gleichzeitig trug sie damit zu einer Süd-Nord-Umverteilung auf dem Sektor der Affekte bei, die durch die Krise der Nachhaltigkeit des Lebens in vielen Ländern des Südens angespornt wurde. Die extreme Verbilligung der Kleidung dank der Auslagerungen der Textilindustrie in Länder, in denen die Produktionskosten viel niedriger sind (und die Ausbeutungsniveaus viel höher), entheben der Notwendigkeit, zu Hause zu weben, zu nähen und zu stopfen. Das Sorgentelefon spendet Konversation und Trost gegen die Einsamkeit der Großmütter, was deren Töchter zwischen so vielen Aufgaben und den vielfältigen Pflichten nicht schaffen. Die traditionellen Fähigkeiten der Hausfrau (widerstreitende Interessen ausgleichen, Wünsche erkennen, unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen, die Probleme anderer lösen, …), die in der Schaffung einer harmonischen und natürlich erscheinenden Umgebung bestehen, entfalten und verlagern ihre Virtuosität auf immer mehr segmentierte Unternehmen, weil dieses Netzwerk sonst zusammenbrechen oder auseinanderfallen würde.… die Beispiele ließen sich unendlich fortführen. All das zusammen macht das aus, was Donna Haraway die häusliche Ökonomie außerhalb des Hauses (la economia casera fuera del hogar)[12] genannt hat. Aber um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Diese Auslagerung des Heimes setzt nicht voraus, dass die Fürsorge-Arbeit vollständig vom Markt aufgesogen worden wäre. Ihre Koordinierung der Sicherung der Nachhaltigkeit des Lebens und ein guter Teil ihrer konkreten Aufgaben fallen weiterhin hauptsächlich unbezahlt in die Hände und Herzen der Frauen und der Netzwerke, die diese schaffen können. Es ist also noch nicht die vollständige Vereinnahmung des Privaten, sondern all das geschieht innerhalb eines dichten Netzes, das das Zuhause, andere Sphären und Länder durchdringt, und gelegentlich in der Telefonleitung und dem Modem die wichtigste Unterstützung findet.

Fahren wir fort mit unserer Physiognomie der Fürsorge-Krise: Das dritte Element, aus dem sie besteht, ist das Fehlen von Zeit, (Hilfs-)Mitteln, Anerkennung und der Bereitschaft, die unbezahlte Fürsorge-Arbeit anzuerkennen. Die Deregulierung der Arbeit macht es unmöglich, sie mit Aufmerksamkeitsleistungen denen gegenüber, die intensiver Fürsorge bedürfen (Kinder, Kranke, körperlich oder geistig Eingeschränkte, Alte,…), zu vereinbaren, und Frauen sind immer weniger bereit, diese unsichtbare "Last" alleine und ohne Anerkennung und Bezahlung zu übernehmen. Ergebnis ist eine fehlende Absicherung bei Krankheit und im Alter für all diejenigen, die nicht über das Geld verfügen, um sich die Pflege zu den Preisen des Marktes kaufen zu können.

Zuletzt kommen wir auf die Fragen der Urbanität: Die Krise (und Zerstörung) der ArbeiterInnenviertel und ihres starken Sinns für Gemeinschaft hat den Weg für einen Prozess der Privatisierung von öffentlichen Räumen frei gemacht, der seinen höchsten Ausdruck in den abgeschlossenen Wohnvierteln, den großen Einkaufszentren und der Hegemonie des Autos findet. Aber wie können wir neue Bindungen und von ihnen ausgehende Beziehungen der Solidarität und der Fürsorge schaffen, wenn wir nicht einmal ein "Wir" voraussetzen können, wenn unser alltäglicher Kontakt sich darauf reduziert, dass wir uns über den Ladentisch, durch verspiegelte Scheiben oder die Gitter des Innenhofgartens sehen, unter dem blendenden Glanz der Werbezäune oder eingetaucht in den atemberaubenden Rhythmus der Schaufenster? Vielleicht sind die Gangs des Viertels für uns so etwas wie das Grinsen des Cheshire-Katers für Alice, die uns den Weg weisen von der Straßenecke möglicher affektiver (und fürsorglicher) Territorialisierungen in die privatisierte Stadt…

Die Deplatzierungen sind auch vom Gesichtspunkt des Güterkonsums und der sexuellen Dienstleistungen aus zu begreifen. Die Sexindustrie wächst, sie internationalisiert sich, sie differenziert sich aus, sie verkompliziert sich und sie mischt sich mit anderen (in Form der Erotik-Hotlines oder der Party-Lines zum Beispiel mit der Aufmerksamkeitsindustrie). Die Frauen bleiben nicht nur ihre hauptsächliche Arbeitskraft, sondern beginnen auch als Konsumentinnen aufzutauchen… klar, sofern sie das nötige Kleingeld haben, dafür zu bezahlen! Sex als Geschäftsbeziehung durchdringt andere Räume (Sex-Mode, Sex-Spektakel, Sex-Heimarbeit, Sex-Fürsorgedienstleistungen, Sex-Hostessen für Kongresse) und, der Reihe anderer Konsumgenüsse einfach eingegliedert, wird er immer mehr in der Werbung eingesetzt, seien es Hardcore- oder gemilderte Formen. Auf diese Weise wird sein Ort unsicherer, generalisierter, und wer sich schlecht benimmt, sieht sich nicht gleich auf die andere Seite der Barriere befördert, in einen anderen Beruf, in eine bestimmte Lebensweise… Diese paradoxe Hypersexualisierung, die die Sexualität gegenwärtiger und sichtbarer denn je macht – ohne die Stigmatisierung der direkten sexuellen Dienstleistungen (Prostitution) auch nur im geringsten abzuschwächen – und die tatsächlich neue interne Grenzen in der Sexindustrie selbst schafft (Porno-Sex, Straßen-Sex, Telefon-Sex), muss als Erfüllung eines festen und ausschließlich heteronormativen Plans gelten. Eins steht fest: Der Kapitalismus hat gelernt, auch andere Sexualitäten zu tolerieren und von ihnen zu profitieren, aber nur, wenn er sie begrenzen und sich irgendwie ihrer Intelligibilität versichern kann. Schließlich ist der Kapitalismus, außer einer festgelegten Art und Weise der Produktion, ebenso ein unhintergehbares Axiom, das heißt, er ist ein spezifischer Modus der Regulation der Ströme (von Personen, Dingen, Ideen, Bildern, Affekten,…) und er ist fähig, Differenzen zu verschlingen, jedes Mal wenn er sie seinem Konvertibilitätssystem unterwerfen kann.[13]

Die Verschiebung der Grenzen und die Verflüssigung der weiblichen Positionen, ebenso wie die Herausbildung von neuen Positionen und Sedimentationen sind real. Doch in all diesen Fällen ist unter jeder Schicht der Affekt wirksam: fähig, die Fürsorge zu pornoisieren/erotisieren, die Sexualität (und ihre Bilder) fürsorglich zu machen und die Aufmerksamkeit an die eingefleischte, fürsorgliche und erotische Kommunikation zwischen denkenden Körpern rückzubinden.

 

3. Die Fürsorge mit ihrer ökologischen Logik steht der Sicherheitslogik in der prekarisierten Welt entgegen.

Die gegenwärtige Situation zeichnet sich aus durch die Verbindung der Makropolitiken der Sicherheit mit ihren alltäglichen Gegenstücken, den Mikropolitiken der Angst. In großem Umfang beobachten wir, wie die westlichen Regierungen den Einsatz dieser Sicherheitspolitiken als eine Antwort auf die gegenwärtige geopolitische Lage rechtfertigen, die vor allem durch die "terroristische Bedrohung" bestimmt wird. Diese Makropolitiken artikulieren sich Tag für Tag mit den Mikropolitiken der Angst, direkt verbunden mit der Deregulierung des Arbeitsmarktes und der Instabilität, die diese hervorruft. Gleichzeitig wird versucht, den Konsum als einzige verbleibende öffentliche Aktivität durchzusetzen, und es verschwinden Räume organisierter Sozialität, die sich entlang anderer Achsen entwickeln. Die Sicherheitslogik triumphiert als Form, sich unserer Körper zu bemächtigen, und sickert so in die verschiedenen Schichten unserer Gesellschaften ein. In diesem Kontext der Unsicherheit und der Deterritorialisierung ist die Prekarität nicht mehr nur ein Merkmal der schlimmsten Arbeitsplätze. Heutzutage können wir von einer Prekarisierung der Existenz sprechen, um eine Tendenz zu benennen, die die gesamte Gesellschaft durchzieht und die mehr und mehr ein Klima der Instabilität nährt. Die Prekarität funktioniert wie eine Erpressung, weil wir verletzlich sind im Hinblick darauf, was sie morgen mit unserem Arbeitsplatz machen, auch wenn wir heute einen unbefristeten Vertrag haben, weil die Mieten, die Hypotheken und die Preise im Allgemeinen steigen, aber unsere Löhne nicht, und weil die sozialen Netze ziemlich ramponiert sind und die Herstellung von Gemeinschaft heutzutage eine schwierige Aufgabe ist und weil wir nicht wissen, wer sich morgen um uns kümmern wird… Die Sicherheitslogik gründet sich auf Angst, sie konkretisiert sich in Praktiken der Beherrschung und schafft Vereinzelung, indem sie darauf besteht, soziale Probleme als individuelle darzustellen. Die Praktiken der Beherrschung verwandeln die Subjekte, die Fürsorge und Rechte brauchen, entweder in arme Opfer oder in für den Rest der "normalisierten" Gesellschaft gefährliche Subjekte, die gebändigt und kontrolliert in abgegrenzten Nischen bleiben sollen. In der aktuellen Situation der Beschneidung von Rechten und der Verminderung sozialer Maßnahmen ist dieser Standpunkt allgegenwärtig und kontrollierend und sein Ziel ist es, zu versuchen, eine Ordnung aufrechtzuerhalten, die die Verkehrung zwischen einer Situation des Risikos oder der Verletzlichkeit und dem Gefährlich-Sein weiter fortsetzt. Um diese Aufgabe der Beherrschung zu leisten, vermehren sich neue soziale Agenten wie die privaten Sicherheitsunternehmen und die NGOs, die noch mit alten Dispositiven hantieren – die staatliche Sicherheitspolizei und die Disziplinarinstitutionen spielen weiterhin ihre Rolle.

Gegenüber dieser herrschenden Logik besteht unser Einsatz darin, den feministischen Vorschlag der Logik der Fürsorge zu bergen und neu zu formulieren.[14] Eine Fürsorge, die hier als eine Art und Weise erscheint, die die Körper in Opposition zur Logik der Sicherheit berücksichtigt, denn an Stelle der Beherrschung sucht sie die Nachhaltigkeit des Lebens, und anstatt auf Angst basiert sie auf Kooperation und Interdependenz, der Gabe und sozialer Ökologie.

Auf der Suche nach einer Definition der Fürsorge lassen sich vier Schlüsselelemente ausmachen:

– Affektive Virtuosität: Es handelt sich um ein Kriterium der sozialen Ökologie, das mit der Idee einer Fürsorge bricht, die geschieht, weil jemand dich mag, und schlägt stattdessen vor, sie als ethisches Element zu verstehen, das jede Beziehung charakterisiert. Diese affektive Virtuosität hat mit Empathie zu tun, mit Intersubjektivität, und beinhaltet ein unerlässlich kreatives Merkmal, sie macht das Leben aus und den Teil der Arbeit (sowohl der bezahlten als auch der unbezahlten), der nur schwer gesetzlich einzuordnen ist. Das, was dem Gesetz entgeht, bringt uns zu dem, was bisher unberücksichtigt blieb, es öffnet den Bereich des Denk- und Lebbaren und ist das, was Beziehungen herstellt. Diese affektive Komponente muss notwendigerweise berücksichtigt werden, um den radikal politischen Charakter der Fürsorge herauszustellen. Denn wir wissen – diesmal ohne Raum für Zweifel –, dass das Affektive das Effektive ist.

– Interdependenz: Wir teilen das Bekenntnis der vielfältigen Abhängigkeit zwischen den BewohnerInnen dieses Planeten und begreifen die soziale Kooperation als unerlässliches Werkzeug, um diesen zu genießen und uns auf ihm wohl zu fühlen. Die Aufgabe, die Fürsorge zu politisieren, bedeutet, das Konzept zu öffnen und die Fäden zu zerreißen, an denen ihr Inhalt noch hängt: bezahlte Fürsorge, nicht entlohnte Fürsorge, Selbstfürsorge und schließlich jene Aktivitäten, die die Nachhaltigkeit des Lebens sichern. Als Menschen sind wir voneinander abhängig, die Positionen sind nicht statisch und es sind nicht nur "die anderen", die der Fürsorge bedürfen. Der Vorschlag besteht darin, jene Positionen zu destabilisieren, die eine Arbeitsbeziehung zum Maßstab nehmen und deshalb immer noch viel starrer sind. Denn wir wollen weit über die marktförmige Vermittlung hinausgehende Beziehungen denken, solche die der Logik der Gabe folgen, in der man nicht weiß, was, wie und wann man etwas als Gegenwert zurückbekommt.

– Transversalität: Wenn wir von Fürsorge sprechen, beziehen wir uns auf einen Begriff mit zahlreichen Dimensionen. Wie wir bereits gesehen haben, umfasst er bezahlte und nicht bezahlte Arbeit, er verwischt die beharrlich gezeichnete falsche Grenzlinie zu seiner als unabhängig vorgestellten Umgebung, und er durchkreuzt auf untrennbare Weise das Materielle und das Immaterielle (gefühlsmäßige, subjektive, sexuelle und Beziehungsaspekte) unserer Leben, unserer Bedürfnisse und Wünsche. Fürsorge existiert in geschäftlichen Sphären und in solchen, die sich aus dem Markt heraushalten, sie ist im Zuhause und außerhalb dessen, sie verbindet eine Menge von Aufgaben und beansprucht verschiedene spezifische Kenntnisse. Die Fürsorge macht von neuem augenfällig, dass wir Lebenszeit und Arbeitszeit nicht klar voneinander abgrenzen können, denn ihr Werk besteht genau darin, Leben zu erzeugen.

– Alltäglichkeit: Die Fürsorge ist jene kontinuierliche Linie, die immer gegenwärtig ist, denn wäre sie es nicht, könnten wir nicht weiterleben; sie variiert nur ihre Intensität, ihre Qualitäten und ihre Organisationsform (mehr oder weniger ungerecht, mehr oder weniger ökologisch). Wir sprechen von der Nachhaltigkeit des Lebens, das heißt, von affektiven Techniken für alltägliche Aufgaben, die wir als Rohstoff des Politischen sichtbar machen und aufwerten wollen. Denn wir wollen soziale Gerechtigkeit nicht denken, ohne die Situationen zu berücksichtigen, in denen sie Tag für Tag hergestellt wird.

Affektive Virtuosität, Interdependenz, Transversalität und Alltäglichkeit machen also die wesentlichen Inhalte eines fürsorglichen Know-how aus, Ergebnis kollektiver und gemeinschaftlicher Intelligenz, das mit der Sicherheitslogik bricht und auf diese Weise Risse in den Mauern der Angst und der Prekarisierung hervorruft. Aber Vorsicht, dies ist kein Rezept für aufopfernde Frauen, sondern ein Weg, auf dem sich auf einer radikalen sozialen Transformation beharren lässt.

 

4. Aktuell besteht eine der fundamentalen biopolitischen Herausforderungen darin, eine Kritik der gegenwärtigen Organisation von Geschlecht, Aufmerksamkeit und Fürsorge zu formulieren. Zu entwickeln ist ebenso eine Praxis, die von diesen als Zusammenhang ausgeht und sie rekombiniert, um neue, freiere und kooperative Formen des Affekts zu produzieren, in deren Zentrum die Fürsorge steht, ohne sie aber von Geschlecht und Kommunikation zu separieren.

Und was bedeutet es, die Fürsorge ins Zentrum zu stellen, und in welchem Sinne ist dieser Vorschlag dazu angetan, sich in eine biopolitische Herausforderung zu verwandeln?

Wenn wir von ins-Zentrum-stellen reden, meinen wir eigentlich, genauer, zurückholen: Denn die Fürsorge, so wie wir sie verstehen, ist tatsächlich bereits im Zentrum. Und mehr noch: Sie war immer Zentrum und wird es bleiben. Das Zentrum im Sinne von Anfang und Hauptsache, verstanden als Arche der menschlichen Existenz und der sozialen Beziehungen. Denn die Fürsorge ist das, was das Leben möglich macht (sie lässt es entstehen, sie nährt es, sie lässt es wachsen, sie heilt es,…), sie ist das, was es freundlicher machen kann (indem sie Beziehungen der Interdependenz zwischen den Körpern herstellt) und interessanter (indem sie Austauschverhältnisse aller Arten von Strömen, Wissen und Übertragungen schafft), und sie ist schließlich das, was dem Leben so etwas wie Sinn geben kann.[15] Aber diese Realität, die bislang im gering geschätzten Bereich der Reproduktion verborgen wurde, und die bereits tausendmal vor den patriarchalen Mystifikationen durch feministische Kritiken der politischen Ökonomie gerettet worden ist, sie verbreitet sich heute wieder, übrigens integriert in die unentbehrlichen Analysen des italienischen Postoperaismus über die immaterielle Arbeit, die Formen der Ausbeutung und die subversiven Möglichkeiten der neuen Arbeitsformen. Einer der schlimmsten Fehler dieser Analysen besteht laut Negri/Hardt in der "Tendenz, ausschließlich die intellektuellen und körperlosen Aspekte der neuen Arbeitstätigkeiten in der biopolitischen Gesellschaft zu behandeln. Die Produktivität der Körper ist, ebenso wie der Wert des Affekts, in diesem Kontext absolut zentral."[16] Insofern würde unser Vorschlag, die Fürsorge ins Zentrum zu stellen, unter anderem darin bestehen, die affektive Komponente der immateriellen Arbeit von der Peripherie oder aus dem Schweigen zu retten und sie vor denen zu bewahren, die sie aus der Analyse der Realität auszuklammern pflegen. Und es bestünde darin, die Unmöglichkeit zu erkennen, sie von der Materialität der Körper zu trennen – auch wenn der Kapitalismus darum bemüht ist, diese Trennung aufrechtzuerhalten bzw. herzustellen. Und es bestünde schließlich darin, die Fürsorge wieder an der Stelle zu verorten, die ihr entspricht und die sie – wir bestehen darauf – bereits einnimmt.

Zurück zum Kontinuum: Nur wenn die Hausmädchen, die Huren, die Telefonsexarbeiterinnen, die Stipendiatinnen, Telefonistinnen, Sozialarbeiterinnen, Krankenpflegerinnen, Freundinnen, Mütter, Töchter, Genossinnen, Geliebte,…nur wenn die Fürsorgerinnen, die wir alle sind und die wir alle sein müssen, nur wenn wir die fundamentale Rolle der (bezahlten oder unbezahlten) Fürsorge-Arbeit und den sozialen Reichtum, den sie produziert, wiederentdecken, und nur wenn wir sie aus der Unsichtbarkeit, der Hyperausbeutung, der Bedeutungslosigkeit und der sozialen Schmach, deren Objekt sie ist, reißen, nur dann werden wir vorbereitet sein, aus ihr die in ihr liegende, transformatorische Kraft ziehen zu können.

Einmal ans Licht gezerrt, könnte das revolutionäre Potenzial der Fürsorge diejenige Logik werden, die unser Leben regelt, indem sie nicht nur die Logik der Sicherheit ersetzt, sondern auch jene andere, darunter liegende Logik: die der Nutzen- und Gewinnimperative. Momentan sind es die Interessen des Kapitals, die die Produktion (was, wie und wann produziert wird), die Räume (die Häuser, die wir bewohnen, die Entwürfe unserer Städte und Dörfer, selbst die globale Geografie und ihre Grenzen), und die Zeiten (die Arbeit und die Muße, das Tempo und die Zeitausbeute) bestimmen. Aber warum nicht damit anfangen, sich eine Organisierung des Sozialen vorzustellen und sie aufzubauen, die die Menschen an die erste Stelle setzt, die unsere Nachhaltigkeit berücksichtigt – vom Zugang zur Versorgung bis zum Recht auf Affekte –, die sich an unserer Entfaltung als menschliche Wesen orientiert – vom Zugang zum Wissen, zur Bildung und zur Information bis zu weltweiter Bewegungsfreiheit – und die sich nach unseren Wünschen richtet? Das ist die biopolitische Herausforderung.

Und um dies zu bewerkstelligen, brauchen wir Werkzeuge. Eines davon ist der Fürsorge-Streik. Ja, es scheint ein Paradox zu sein, denn der Streik ist immer eine Unterbrechung und eine Sichtbarmachung, und die Fürsorge ist jene kontinuierliche und unsichtbare Linie, deren Unterbrechung verheerend sein würde. Aber um zu sehen, dass das Paradox keines ist, fehlt nur noch ein Wechsel der Perspektive: Nicht der Fürsorge-Streik wäre dann paradox, sondern jene Unterbrechung der Ordnung, die er unweigerlich in dem Moment produziert, in dem wir tatsächlich die Fürsorge ins Zentrum stellen und sie politisieren.

Demnach erscheint uns der Streik in erster Linie als Anfrage: "Welcher Art ist Dein Fürsorge-Streik?" Eine Interpellation, die sich an alles richtet: an alles, was wir als Hausmädchen, als Hausfrauen, als Huren, als Krankenpflegerinnen, als Telefonistinnen… tun. Sie richtet sich auch daran, wie wir die Fürsorge denken, weil dies das Zusammenkommen ermöglicht, daran, wie wir Brücken bauen, weil die Affekte diese überqueren, daran, wie wir uns Welten vorstellen, weil in ihnen die Nutzenökonomie durch die Ökologie der Fürsorge ersetzt wird… Und, warum nicht, auch an die Männer. Oder ist es so, dass wir niemals mit der Mystik aufhören werden, die die Frauen dazu zwingt, sich auf eigene Kosten um die anderen zu kümmern, und die den Mann unfähig macht, sich zumindest um sich selbst zu kümmern? Oder ist es so, dass wir niemals aufhören werden, traurige Männer oder Frauen zu sein, und niemals anfangen werden, die aufgezwungenen Geschlechtsattribute hinter uns zu lassen?

Zweitens erscheint uns der Streik als eine vielfältige und alltägliche Praktik: diese Praktiken werden es sein, die vorschlagen, den öffentlichen Raum, der heute zu einem Konsum-Raum geworden ist, in einen Ort der Zusammenkünfte und der Spiele umzuwandeln, indem sie ein "reclaim the streets" vorbereiten, sie werden es sein, die vorschlagen, einen Streik im Krankenhaus zu organisieren, wenn die Arbeitsbedingungen es nicht mehr erlauben, sich so um die Kranken zu kümmern, wie es ihnen zusteht, und sie werden es sein, die heute den Wecker ausmachen, sich eine Auszeit nehmen und sich dem Tag widmen und die sich mit anderen verbünden, um Nein zu sagen zu den Freiern, die sich weigern, Kondome zu benutzen… Es werden diese Praktiken sein, die sich der Vertreibung von Minderheiten aus dem Zentrum der "Zuflucht" widersetzen, in dem sie arbeiten; sie werden es sein, die sich trauen – wie die Vereinigung der Betroffenen der Attentate vom 11. März (2004) –, die Fürsorge in die politische Debatte einzubringen, indem sie Maßnahmen vorschlagen und parteipolitische Vereinnahmungen ihrer Situation zurückweisen; sie werden es sein, die die Schürze aus dem Fenster werfen und sich fragen "Wofür soviel Sauberkeit?", und die die Kräfte vereinigen, um zu fordern, dass sie wie Gehandicapte und nicht wie Bemitleidenswerte behandelt werden, als Personen ohne ökonomische Mittel und nicht wie Stumpfsinnige, als MigrantInnen ohne Papiere und nicht wie potenzielle DelinquentInnen, als autonome Personen und nicht wie institutionalisierte Abhängige. Diese Praktiken werden es sein…

Darum ist die Fürsorge kein häusliches Problem, sondern eine öffentliche Angelegenheit und ein Generator für Auseinandersetzungen.

Aus dem Spanischen/Castellano von Jens Kastner

 
Der Text wurde auch publiziert in: Kulturrisse 02/05.


[1] Anmerkung des Übersetzers: Das im Deutschen etwas antiquiert wirkende Wort Fürsorge scheint mir trotz allem am ehesten geeignet, den spanischen Begriff cuidado zu übertragen, um sowohl verschiedene Handlungen wie pflegen, sich sorgen, sich kümmern, etc. als auch ein Prinzip beschreiben zu können. Dieses Prinzip umfasst so Unterschiedliches wie auf der einen Seite eine besondere, an vergeschlechtlichte Körper gekoppelte moralische Kompetenz, wie sie im Text in Abgrenzung zur Debatte der 1980er Jahre um Carol Gilligans Konzept der Care- oder eben Fürsorge-Ethik entwickelt wird. Auf der anderen Seite beinhaltet es aber auch eine explizit gesellschaftliche Dimension. Diese äußert sich u. a. in Form von Ansprüchen, Rechten und für legitim erklärten Forderungen nach Versorgung – im Sinne einer selbst eroberten Fürsorge –, wie sie beispielsweise die im Text erwähnten Betroffenen des 11M artikulieren. Der Fürsorge-Begriff wird hier also auch im Sinne der Autorinnen eingesetzt, denen es um eine Bedeutungsverschiebung hin zum Sozialen geht, der von verwandten Begriffen (Pflege, Hilfe, etc.) nicht geleistet und durch die Verwendung von Anglizismen (care) nur scheinbar geklärt werden kann.

[2] Siehe Dolores Juliano, La Prostitución: El espejo oscuro, Icaria, Barcelona 2002, S. 37-43.

[3] Carole Pateman, El contrato sexual, Editorial Anthropos, Barcelona 1995, S. 269-270.

[4] "La deriva" wird hier verstanden als eine Form der Aneignung städtischen Raumes, die die Precarias mit Kamera und Mikrofon ausgestattet ausführen. Die von den SituationistInnen erstmals praktizierte Technik wird gemeinhin im Deutschen mit "Umherschweifen" übertragen. (Anm. d. Übers.)

[5] Die komplette Version der Interviews mit rebellischen Call-Center-Arbeiterinnen von Qualytel vom 1. Dezember 2002, siehe "Sin el mute. Relato de una deriva con teleoperaroras rebeldes", in: Precarias a la deriva, A la deriva (por los circuitos de la precariedad feminina), Traficantes del sueño, Madrid 2004, S. 111-117.

[6] "Hablar por hablar" ("Reden um zu reden") ist eine bekannte spanische Radiosendung, in der die HörerInnen der Moderatorin Mara Torres täglich ihre alltäglichen Geschichten erzählen. (Anm. d. Übers.)

[7] "Encuentros en la segunda fase. El continuo comunicativo: sexo, cuidado y atención", in: Precarias a la deriva, A la deriva (por los circuitos de la precariedad feminina), Traficantes del sueño, Madrid 2004, S. 64.

[8] Dies sind nur einige der Aspekte, hinsichtlich derer die soziale und technologische Maschine der Geschlechter sich öffnet und reorganisiert, konkret diejenigen, die uns im Hinblick auf das Kontinuum Geschlecht-Aufmerksamkeit-Fürsorge und bezüglich der Prekarisierungsprozesse am relevantesten erschienen. An anderer Stelle würden wir gern andere Aspekte der Rekonfiguration dieser Maschine innerhalb des Gebietes der Krise der traditionellen Bedeutungen dessen, was Weiblichkeit und Männlichkeit heißt, entwickeln, und ebenfalls – wie es selbstverständlich nichts anderes sein kann – Aspekte des Kampfes.

[9] Zum "Geschlechtervertrag" siehe Carole Pateman, El contrato sexual, Editorial Anthropos, Barcelona 1995.

[10] Siehe Amaia Pérez Orozco y Sira del Río, "La economía desde el feminismo:trabajo y cuidados", in: Rescoldos. Revista de diágolo social, Nr. 7, Winter 2002.

[11] Siehe "Cuidados globalizados", in: Precarias a la deriva, A la deriva (por los circuitos de la precariedad feminina), Trafiantes del sueños, Madrid 2004, S. 217-248.

[12] Siehe "Manifesto para cyborgs: ciencia, tecnología y feminismos socialista a finales del siglo XX", in: Donna J. Haraway, Ciencia, cyborgs y mujeres. La reinvención de la naturaleza, Ediciones Cátedra, Madrid 1995, S. 251-311.

[13] "Ein Grundsatz (axioma) ist ein Vorgang, der Qualitäten und Funktionen nicht näher spezifizierter Natur angleicht: so die Ebenen der öffentlichen Ausgaben, die Regulation der Migrationsströme, die Selbstregulierung der Finanzmärkte und ein langes etc. (…) Die Flexibilität des Kapitals besteht genau in seiner Fähigkeit, Axiome hinzuzufügen und abzuziehen, um gleichzeitig alle Ströme und alles fließende Materielle, Soziale, Kulturelle einer unhintergehbaren Voraussetzung (axiomática) zu unterwerfen, indem er sie in zählbare Quantitäten verwandelt (Güter, symbolisches Kapital, relationales Kapital)". Emmanuel Rodriguez, "Ecología de la metrópolis", Archipiélago Nr. 62.

[14] Unser Konzept der Logik der Fürsorge unterscheidet sich radikal von der Ethik der Fürsorge, für die einige Feministinnen (unter ihnen vor allem Carol Gilligan) in den 1980er Jahren eingetreten sind. Während die Idee einer Ethik der Fürsorge die Betonung auf das individuelle Verhalten derer legt, die sorgen/pflegen, und sie als transzendenten Wert konzipieren (das heißt, mehr als Moral denn als wirkliche Ethik), ist die Logik der Fürsorge für uns transindividuell und immanent, sie hängt nicht von einer ab, sondern von vielen, und geht untrennbar aus den sozialen, materiellen und konkreten Organisationsformen der Fürsorge-Aufgaben hervor.

[15] Warum sprechen wir von Möglichkeiten? Weil die Fürsorge als Motor für einige glücklichere und interessantere Leben genau von der Infragestellung und ihrer permanenten Redefinition abhängt; das ist es, was ihre Politisierung ausmacht: Fürsorge ja, aber gerechter organisiert und verteilt, und mit Qualitäten ausgestattet, die die von der Fürsorge in Beziehung gesetzten PartnerInnen zu bereichern vermögen. Von paternalistischer, besitzergreifender und dominierender Fürsorge halten wir zum Beispiel nichts.

[16] Michael Hardt und Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung, Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2002, S. 44

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