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"Étudiants, l'Odéon est ouvert."
Es
ist der 15. Mai 1968, elf Uhr abends. Eine Menge von
Studierenden, Künstlern und Künstlerinnen stürmt das
Pariser Theater Odéon. Das Publikum der Abendvorstellung
hat das Haus gerade verlassen, in das nun die Protestierenden
drängen. Sie informieren den Direktor Jean-Louis Barrault
- eine Legende des Avantgarde-Theaters und ein Freund
Artauds -, dass von nun an die Institution besetzt sei,
repräsentiere sie doch eine elitäre und bourgeoise
Vorstellung von Kultur und müsse in ein Zentrum der
Revolution verwandelt werden. Ein Monat lang wird das
Theater zu einem Drehpunkt der Studentenrevolte. Die
Aufführungen werden ausgesetzt. Dramatisches, theatrales
Handeln, d.h. Schauspielen
im engeren Sinn findet im Theaterraum selbst nicht
mehr statt; nicht einmal alternative Formen des Theaters
werden erprobt. Stattdessen wird das Theater restlos
transformiert in einen Raum politischen
Handelns. Und zwar in Form der Rede:
das Odéon wird in ein Forum, in eine Agora verwandelt.
Es wird zu einem öffentlichen Raum, in dem die vierte
Wand zwischen "Akteuren" und "Publikum"
niedergerissen ist und jedem/r erlaubt wird, frei zu
sprechen. "Non-stop", wie Barrault notiert,
"7 x 24 = 168 Stunden die Woche".
Und in einem Kommuniqué, das vom Comité
d'action révolutionnaire, einer Art Zentralkomitee
der Besetzung, herausgegeben wurde, hieß es: "Die
Aktion richtet sich gegen keine Person und gegen kein
Repertoire, sondern gegen eine bürgerliche Kultur und
ihre theatrale Repräsentation. Das Odéon hört für einen
unbegrenzten Zeitraum auf, ein Theater zu sein. Es
wird zu einem Ort des Zusammentreffens zwischen Arbeitern.
Eine revolutionäre Permanenz, ein Ort des ununterbrochenen
Meetings." Das Theater, das kein Theater
mehr war, sollte für einen unbestimmten Zeitraum zum
Treffpunkt einer Revolution in Permanenz werden. Was
an diesem Treffpunkt unter keinen Umständen unterbrochen
werden durfte, war der revolutionäre Redefluss. Das
Theater wandelte sich in einen mehr oder weniger strukturierten
Raum endloser Deliberation, in eine Tribüne, die jedem/r
offenstand, der oder die sie erklimmen wollte.
Michel
de Certeau hat, in Bezug auf die Besetzung der Sorbonne
und auf den Mai 68 im Allgemeinen, von einer "révolution
de la parole" gesprochen, einer Revolution
der Rede, in der die Menschen in Form exemplarischen
Handelns sich ihr Recht auf Rede nahmen. De Certeau
nennt dieses Ereignis "la prise de parole"
- die Eroberung der Rede: "Ein Ereignis: Die Eroberung der Rede. Im
vergangenen Mai nahm man die Rede wie man 1789 die Bastille
genommen hatte. (...) Die Einnahme der Bastille und
die Einnahme der Sorbonne, diese beiden Symbole trennt
eine entscheidende Differenz, die das Ereignis des 13.
Mai 1968 charakterisiert: Heute ist es die gefangene
Rede, die befreit wurde."
De
Certeau hat einen zentralen Punkt erkannt, der allerdings
komplementiert werden muss. Während "die Ereignisse"
in der Sorbonne und im Odéon tatsächlich auf die Eroberung
der Redemacht zielten, ging es zumindest im Fall des
Odéon nicht ausschließlich um das Reden. Denn die Besetzung
des Odéon wurde auch zurück auf die Straßen gebracht.
Dort kam es zu karnevalistischen Momenten der Transgression,
vor allem nachdem Theaterkostüme von Besetzern "konfisziert"
worden waren, die sich nun auf den Straßen der Polizei
in diesen Kostümen entgegenstellten. Wie sich ein damaliger
Beobachter erinnert, "wurde das Kostümlager geplündert,
und Dutzende stellten sich dem Tränengas verkleidet
als römische Legionäre, Piraten und Prinzessinnen. Das
Theater wurde auf die Straße gebracht."
Was an diesen Ereignissen beobachtet wurde, ist einerseits
das Ausbrechen des Theaters in die Öffentlichkeit des
Stadtraums und andererseits, was aus politischer Sicht
vielleicht noch bedeutsamer scheint, der Vorgang, der
in der Besetzung des Odéons bestand und nicht nur das
Theater in die Straße, sondern die Straße ins Theater
brachte. Natürlich ist diese Metapher der chiasmatischen
Verknüpfung von Theater und Straße, von "literarischer"
(im Habermasschen Sinne) und politischer Öffentlichkeit,
alles andere als originell. Sie wurde noch nicht einmal
1968 erfunden, sondern gehörte immer schon zum eigentlichen
metaphorischen Arsenal von Revolutionen. Ihr liegt die
Beobachtung einer gewissen Ähnlichkeit theatralen und
politischen Handelns zugrunde, die Annahme einer prinzipiellen
Vergleichbarkeit der Bretter, die die Welt bedeuten,
mit dem öffentlichen Raum der Politik. Und 1968 wurde
diese metaphorische Verschränkung von Bühne und Straße
zu einem allgemeinen Slogan, zum quasi-situationistischen
mot d'ordre,
das die Besetzung des Odéon-Theaters angeleitet hatte.
Tatsächlich
waren jene, die zuallererst in der Identifizierung des
Zielobjekts und der Planung und Durchführung der Odéon-Besetzung
die Hauptrolle gespielt hatten, KünstlerInnen und SchauspielerInnen,
unter ihnen der Maler Jean-Jacques Lebel, der zu dieser
Zeit in Frankreich das "Happening" zu promoten
versuchte, und Julian Beck, der Gründer des Living
Theatre. Julian Beck und Judith Malina, so heißt
es, "führten die aufständische Menge der rebellischen
Studenten, Arbeiter und Schauspieler an, die die Internationale
sangen und schwarze anarchistische Flaggen schwenkten."
Und mit einem interessanten indirekten Julian Beck-Zitat
heißt es weiter:
"Diesem
Pulk gelang es, das ehrwürdige Gebäude in etwas zu
verwandeln, das Julian einen 'Ort des lebendigen
Theaters' nannte, 'in dem jeder zum Schauspieler' werden
könne. Die gesamte Theaterbühne wurde zu einer Bühne
für 24-stündige Perioden der Konfrontation und
Debatte, an der jeder frei teilnehmen konnte. (...) In
einer außerordentlich fruchtbaren und intensiven Atmosphäre,
die an die Französische Revolution erinnerte, in der Bürger
aller Klassen die Macht ergriffen und das Schicksal
des Staates in die Hand genommen hatten, sprachen
Studenten genauso wie Arbeiter, und andere
antworteten. Was im Odéon zu beobachten war, so glaubt
Julian, war das 'größte Theater, das ich je gesehen
habe'. Wie in Paradise
Now war die 'Architektur des Elitismus und
Separatismus', waren die 'Barrieren zwischen Kunst und
Leben', die das konventionelle Theater nur
falsifizierten, zusammengebrochen, und das Ergebnis
hatte 'das Theater in die Straßen und die Straßen ins
Theater' gebracht."
Selbst
wenn also dramatisches oder theatrales
Handeln im engeren Sinn aufhörte, sobald das
Theater in eine politische Öffentlichkeit verwandelt wurde, so treffen wir doch am
Beginn dieser Unternehmung auf eine gewisse
avantgardistisch-künstlerische Illusion, was die mögliche
harmonische Verschmelzung von Kunst und Leben, Theater
und Politik betrifft. Als der Direktor, Jean-Louis
Barrault, Beck unter der Menge, die ins Theater strömte,
ausmachte, rief er: "Was
für ein wundervolles Happening, Julian!" Für Barrault selbst
sollte es sich als weniger wundervoll herausstellen, als
er einen Monat später von seinem Minister André
Malraux gefeuert wurde. Aber auch die Bewegung zeigte während
ihrer einmonatigen Lebensspanne zunehmend Zeichen der
Desintegration und gab letztlich das Gebäude
widerstandslos auf. Dennoch, und ungeachtet Becks
Fantasie vom "größten Theater", das er je
gesehen hatte, war diese Desintegration eine politische
Desintegration, sie war Ergebnis der politischen und
nicht der künstlerischen Niederlage der Besetzung:
Fraktionskämpfe nahmen überhand, eine Kerngruppe
etablierte sich, politische Schismen splitteten die
Gruppe auf, ihr wurde vorgehalten, das Projekt
hegemonisieren zu wollen, und die letzten Mitglieder des
Komitees entschieden schließlich, das Gebäude zu
verlassen. Aber die Künstler,
unter ihnen Lebel und Beck, hatten bereits das Gebäude nach
nur zwei Tagen der Besetzung verlassen - und die
politischen Aktivisten hatten es ganz übernommen. Zu
keinem Zeitpunkt war irgendeine künstlerischen
Aktivität im engeren Sinn in der Odéon-Besetzung zu
beobachten. Sobald die Politik das Theater - in Form der
Rede - übernommen hatte, war Kunst von keinerlei
Interesse mehr.
Im
Folgenden wird es mir weniger um den Moment gehen, in
dem die Künstler das Gebäude verlassen, als um den Moment,
in dem sie zurückkehren. Mit anderen Worten: Selbst
wo es nicht der Realität entspricht, besteht, wie wir
gesehen haben, eine der Eigentümlichkeiten des öffentlichen
Raums in seiner wiederkehrenden Konzeptualisierung als
Theatralraum.
Die Komplizität zwischen der Öffentlichkeit der Politik
und jener des Dramas wurde seit den Zeiten der Französischen
Revolution beobachtet, und die Odéon-Besetzung ist ein
augenscheinliches Beispiel für die Verwandlung eines
tatsächlichen Theaterraums in ein politisches Forum
für öffentliche Debatten. Hier wurde Kultur (oder Kunst)
in Politik transformiert. Doch das ist nur ein Teil
der Story, denn noch kennen wir nicht die eigentliche
Quelle, den Grund dieser Politisierung. Ich behaupte,
dass dieser deliberativen Öffentlichkeit der Rede -
die man auch in Hannah Arendts Öffentlichkeitsmodell
antrifft - ein fundamentalerer Konflikt zugrunde liegt,
den man im Anschluss an Ernesto Laclau und Chantal Mouffe
als Antagonismus
bezeichnen kann. Dabei handelt es sich um eine Art
ontologische Kategorie des Politischen. Ohne Studentenrevolte,
ohne Generalstreik und Barrikaden im Quartier Latin
keine "Eroberung der Rede" und keine Besetzung
des Odéon-Theaters. Antagonismus geht - ontologisch
- vor. In dem Moment, in dem Antagonismus erscheint
und das Politische die Lage definiert, zieht sich das
Künstlerische zurück und die Künstler verlassen das
Gebäude. Wenn ich also sage, dass das Folgende mit dem
Moment ihrer Rückkehr beschäftigt sein wird, dann beziehe
ich mich auf ein seltsames Phänomen, das in der Folge
revolutionärer Umstürze regelmäßig beobachtet werden
kann: das Phänomen nämlich, dass Öffentlichkeit nach
ihrer Politisierung sich in
einem zweiten Schritt in einen theatralen Raum zurückverwandelt
und der ursprüngliche und gründende Antagonismus öffentlich
wieder-aufgeführt
wird - wie zum Beispiel in der 1920er Wiederinszenierung
der Stürmung des Winterpalais, auf die ich in wenigen
Augenblicken zurückkommen werde. Meine Hauptthese wird
dabei sein, dass das Politische, obwohl es nicht auf
einer theatralen Bühne inszeniert werden kann, da das
gründende Ereignis des Antagonismus sich jeder Repräsentation
entzieht, nichtsdestotrotz auf einer Bühne inszeniert
werden muss, um überhaupt post factum "sichtbar"
zu werden. Mit anderen Worten, jede Inszenierung des
Politischen kommt zu spät, ist immer eine a posteriori-Inszenierung von etwas, das bereits stattgefunden hat
(oder, wer weiß, jederzeit wieder stattfinden könnte).
Dieses "etwas" ist die eigentliche Sache
und Ursache
jeder Öffentlichkeit. Man könnte sagen, eine abwesende
Ursache, der politische Repräsentation dann einen Namen
zu geben versuchen wird. Die eigentliche Theatralizität
des Handelns - seine Rhetorizität, aber auch das
melodramatische Pathos, das in unterschiedlichem Ausmaß
in allen Formen wirklich politischen Handelns auftritt
- ist genau ein Symptom dieser Ursache.
Die
politische Ästhetik des Erhabenen
Kehren
wir kurz, um diese vielleicht noch zu abstrakten Behauptungen
argumentativ etwas zu unterfüttern, zum konstitutiven
Moment moderner Politik zurück: zur Französischen Revolution.
Wenn das, was über die Undarstellbarkeit des radikalen
Antagonismus gesagt wurde, zutrifft, dann kann kein
Zufall sein, dass die Französische Revolution historisch
in Begriffen der Ästhetik des Erhabnen erfahren wurde.
Das gesamte metaphorische Arsenal des Erhabenen (das
Kant das dynamisch Erhabene nennen würde) - Beschreibungen
der Revolution als Sturm, Hurricane, Malstrom, Landrutsch,
Vulkanausbruch - kann in den Berichten der "revolutionären
Touristen" der Ereignisse von 1789 und danach gefunden
werden und dient heute noch als Vokabular, um politische
Umbrüche zu beschreiben. All diese Metaphern gehören
zum Diskurs des Erhabenen, weil sie innerhalb
des Feldes der Repräsentation (also innerhalb des
Diskursiven) ein Ereignis indizieren, das genau dieses
Feld der Repräsentation durchbricht und disloziert,
ein Ereignis, dessen Ursprung uns unverfügbar bleibt
und in diesem Sinne jenseits der Repräsentation liegt.
Wenn
wir also unter dem "Erhabenen" kein Konzept
verstehen, das zu einer bestimmten historischen Ästhetik
gehört, sondern allgemeiner die Repräsentation einer
Sache, die als
solche immer unrepräsentierbar bleiben muss, dann
kann uns die politische Diskurstheorie, wie sie von
Ernesto Laclau entwickelt wurde, das enge und notwendige
Verhältnis zwischen der Rhetorik des Erhabenen, dem
Augenblick der Revolution und der eigentlichen Logik
politischer Diskurse verstehen helfen. In Laclaus Diskurstheorie
hängt die Frage der Repräsentation und Repräsentierbarkeit
untrennbar mit dem Konzept des Antagonismus zusammen.
Für Laclau kann die Systematizität eines Signifikationssystems
- und um Bedeutung zu generieren, muss ein bestimmter
Grad an Systematizität gegeben sein - nur gegenüber
einem radikalen Außen des Systems etabliert werden,
einer Grenze, die Laclau und Mouffe Antagonismus nennen.
Am Grund der sozialen (=diskursiven) Systeme liegt eine
rein negative Instanz, die in ein und derselben Bewegung
die Stabilität des Systems gewährleistet und
gefährdet: Wenn die Systematizität des Systems ein
direktes Resultat der ausschließenden Grenzen (des Antagonismus
) ist, dann wird das System als solches nur durch diese
Ausschließung gegründet. Daraus folgt, dass das System
keinen positiven Grund besitzt und sich dementsprechend
nicht mit einem positiven Signifikanten selbst bezeichnen
kann. Anders gesagt, die Grenze des Systems, obwohl
konstitutiv für das System, kann nicht direkt repräsentiert
werden (ansonsten wäre sie bereits Teil des Systems
der Bezeichnungen) - ihr korrespondiert kein positiver
Signifikant. Können die Grenzen des Systems also nicht
selbst bezeichnet werden, so können sie sich doch zeigen
"als die Unterbrechung
oder der Zusammenbruch
des Prozesses der Signifikation".
Wenn wir also "die Grenzen der Bezeichnung bezeichnen
wollen - das Reale im Sinne Lacans, wenn man so will
-, steht uns dafür kein direkter Weg offen. Die einzige
Möglichkeit besteht in der Subversion des Bezeichnungsprozesses
selbst. Durch die Psychoanalyse wissen wir, wie etwas
nicht direkt Repräsentierbares - das Unbewusste - als
Darstellungsmittel nur die Subversion des Bezeichnungsprozesses
finden kann."
In
der Politik ist der Name für diese unrepräsentierbare
Instanz Antagonismus - ein gründender Moment und Zusammenstoß
zwischen inkommensurablen Repräsentationen: "das
antagonistische Moment der Kollision zwischen unterschiedlichen
Repräsentationen (...) ist selbst unrepräsentierbar.
Es ist deshalb reines Ereignis, reine Temporalität."
Doch die Tatsache, dass dieses Ereignis nicht repräsentierbar
ist, heißt nicht, dass es keine Effekte hätte. Im Gegenteil.
Antagonismus wurde als konstitutiver Moment des Sozialen
(d.h. jedes Signifikationssystems) definiert. Das impliziert,
dass an der Wurzel jeder sozialen Bedeutung und damit
Ordnung eine konstitutive Ausschließung liegt - wenn
eine Grenze gezogen wird, fällt immer etwas aus dem
System heraus -, die im Laufe der Zeit vergessen und
naturalisiert wurde. Doch sobald diese naturalisierten
und sedimentierten sozialen Verhältnisse wieder von
einem Antagonismus reaktiviert werden, wird auch die
gründende Ausschließung - und mit ihr die eigentliche
Kontingenz des Grundes jedes Systems (die Tatsache,
dass die Dinge auch anders liegen könnten) - offensichtlich.
Aus diesem Grund spricht Laclau von der revelatorischen Funktion des Antagonismus: "Der Augenblick der
ursprünglichen Institution des Sozialen ist der Punkt,
an dem Kontingenz enthüllt
wird, denn diese Institution ist, wie wir gesehen
haben, nur möglich durch die Unterdrückung von Optionen,
die gleichermaßen offenstanden. Die ursprüngliche Bedeutung
eines Akts zu enthüllen, hieße den Moment seiner radikalen
Kontingenz zu enthüllen - mit anderen Worten, ihn wieder
dem System der realen historischen Optionen, die verworfen
wurden, einzuschreiben".
Aus diesem Grund "konstituiert der Moment des Antagonismus,
in dem die unentscheidbare Natur der Alternativen und
ihre Auflösung durch Machtverhältnisse vollständig
sichtbar wird, das Feld des 'Politischen'".
Und das ist, wie ich hinzufügen würde, genau der Moment,
in dem sich eine öffentliche Sphäre auftut, die all
das, was vorher unsichtbar war, sichtbar macht und ans
Licht bringt. Öffentlichkeit
ist der Name für diesen Ort, an dem Kontingenz durch
Antagonismus enthüllt wird.
Wenn
wir also zurück auf die Rhetorik des Erhabenen kommen,
dann erscheint sie nun als ein diskursives Werkzeug,
das uns in die Lage versetzt, über einen Moment sprechen
zu können, der als solcher unrepräsentierbar bleibt.
Oder wie Slavoj Žižek in unübertreffbarer Kürze ausdrückt:
"Das Paradox des Erhabenen (...) besteht in der
Umkehrung der Unmöglichkeit von Repräsentation in die
Repräsentation von Unmöglichkeit."
In der politischen Sphäre wird das besonders augenscheinlich
am Fall von Revolutionen. Wenn das, was vom Erhabenen
"repräsentiert" wird, unrepräsentierbar ist,
dann ist das, was im Fall von Revolutionen "repräsentiert"
wird, nicht die eine oder andere spezifische Forderung,
sondern das völlig leere Konzept einer neuen Ordnung in Absetzung von der alten, vom Ancien Régime. Eine Revolution im strikten Sinn besitzt keine genaue
Verortung im Feld der Repräsentation, denn sie entfaltet
sich im antagonistischen Zeitloch zwischen dem Alten
und dem Neuen. Und insofern die zukünftige neue Ordnung,
auf die die Revolution hindeutet, diametral der existierenden
und allzu bekannten alten Ordnung entgegengesetzt ist,
kann sie auch keinen positiven Inhalt oder kein Objekt
besitzen. Denn sobald wir in der Lage sind, beschreiben
zu können, was "das Neue" tatsächlich ist,
ist es nicht mehr neu - es ist bereits Teil des bekannten
"Alten". In diesem Sinn deutet der Signifikant
"Revolution" in das Außen der Signifikation
und wird so zu dem, was Laclau einen leeren
Signifikanten nennt.
Nun
wird der revolutionäre Diskurs mit dieser strukturellen
Unmöglichkeit offenbar so umgehen, dass er einen einzigen
politischen Raum in zwei einander konfrontierende Felder
aufspaltet. Zum Beispiel wurde in der Französischen
Revolution die Spaltung der Gesellschaft in eine neue
Nation und ein altes Regime zum zentralen Ziel revolutionärer
Artikulation. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden etwa
Signifikanten, die royalistisch anmuteten oder mit dem
Ancien régime
assoziiert wurden, ausgelöscht. Ein neuer Kalender
wurde eingerichtet. Personennamen, die irgendwie mit
dem Ancien régime
identifiziert wurden, wurden oft von griechischen
oder römischen Namen klassischer Helden ersetzt. Neue
Kleiderordnungen wurden eingeführt, etc.
Im
Rest meines Textes möchte ich zwei unterschiedlich Möglichkeiten
diskutieren, wie sich in einer theatralen Form mit diesem
Paradoxon der Revolution, das heißt mit der Unmöglichkeit
und gleichzeitigen
Notwendigkeit der Repräsentation des Antagonismus umgehen
lässt. Ich werde diese Möglichkeiten als den mimetischen
und den melodramatischen
Aspekt erhabener Repräsentation bezeichnen. Da wir
hier mit Theatralizität und Öffentlichkeit beschäftigt
sind, werde ich mich auf Beispiele theatraler Wiederinszenierung
des gründenden Moments des Antagonismus konzentrieren.
Nochmals, solch eine mise-en-scène
des Undarstellbaren versucht natürlich das Unmögliche,
aber dennoch, wenn wir die historischen Beispiele betrachten,
scheint uns ein zwanghaftes Bedürfnis zu begegnen, dieses
Unmögliche zu versuchen und das konstitutive Ereignis
- den Augenblick außerhalb der linearen Zeit - der kalendarischen
Zeit des neuen Regimes wieder einzugliedern und repetitiven
Ritualen zu unterwerfen, kurzum: die Öffentlichkeit
des Ereignisses durch die Öffentlichkeit
der Repräsentation zu ersetzen.
Die
erneute Stürmung des Winterpalais im Jahre 1920
Das
Beispiel, das ich zur Illustration einer mimetischen
Wiederaufführung der Revolution heranziehen möchte,
ist das Massenspektakel, mit dem 1920 der dritte Jahrestag
der Stürmung des Winterpalais begangen wurde. Es wurde
inszeniert von Nikolai Evreinoff, dessen Hauptziel als
Regisseur es war, ganz wie Julian Beck, Theater mit
dem Leben zu verschmelzen. Sein Massenspektakel übertraf
alle früheren revolutionären Festivitäten. Es sollte
500 Orchestermusiker, 8000 "Darsteller" und
100.000 "Zuschauer" involvieren, die als
"Zuschauer" in gewissem Sinn am Spiel teilnahmen,
insofern sie nämlich sich selbst spielten: die revolutionären
Massen. Selbst das Winterpalais solle, nach Evreinoff,
als gigantischer Schauspieler an dem Schauspiel teilnehmen
und seine eigenen inneren Emotionen darstellen. Wie
also muss man sich das ganze Spektakel vorstellen? Ich
zitiere aus einem zeitgenössischen Artikel aus dem "Theaterkurier"
vom 30.November 1920:
"...
Gegen Abend legte sich der Regen und die Einwohner Sankt
Petersburgs fanden sich ein, vielleicht nicht in der
erwarteten Anzahl, aber dennoch, grob geschätzt,
zumindest 30.000. Und diese ganze Masse von Menschen,
die aus allen Ecken der Stadt herbeigeströmt war, stand
mit ihrem Rücken zum Winterpalais, den Bogen des
Generalstabsquartiers vor Augen, wo eine riesige Bühne
konstruiert worden war, die aus zwei Plattformen bestand
- einer weißen und einer roten -, verbunden durch eine
Brücke und gefüllt mit Architekturversatzstücken und
Szenerie, die Fabriken und Unternehmen auf der roten
und einen 'Thronraum' auf der weißen Seite repräsentierten.
Um
10 Uhr wurde eine Kanone abgefeuert und von der an der
Alexander-Säule angebrachten Plattform wurde das Signal
zum Anfangen gegeben. Die bogenförmige Brücke wurde
erleuchtet und acht Trompeter gaben eine
Eingangsfanfare. Dann verschwanden sie in die
Dunkelheit. In der Stille erklang großartig Litolfs
"Robespierre", dargebracht vom
Symphonieorchester der politischen Administration des
Petersburger Militärdistrikts. Und die Vorstellung
begann.
Sie
verlief wechselweise auf der weißen Plattform, der
roten und auf der Brücke zwischen ihnen. Die Charaktere
auf der weißen Plattform waren Kerenski, die
provisorische Regierung, Würdenträger und Granden
des alten Regimes, das Frauenbatallion, die Junker,
Bankleute und Händler, Frontsoldaten, Krüppel und
Invaliden, enthusiastische Damen und Herren des versöhnlerischen
Typus.
Die
rote Plattform war 'unpersönlicher'. Hier regierte die
Masse, zuerst eintönig, tölpelig und unorganisiert,
aber dann zunehmend aktiv, geordnet und machtvoll.
Aufgestachelt von 'Milizen' wurde sie zur Roten Garde,
die sich um purpurrote Flaggen scharte.
Die
Handlung war auf dem Kampf zwischen den beiden
Plattformen aufgebaut. Sie begann mit dem
bolschewistischen Juniaufstand und endete mit dem Platz,
auf dem das Schicksal der machtlosen Minister
entschieden wurde.
Die
Brücke zwischen den beiden Welten war die Arena ihrer
Zusammenstöße. Hier kämpften die Menschen und töteten,
hier triumphierten sie und bliesen zum Rückzug.
Das
erste Licht, das auf die Weißen fiel, zeigte ihren
Triumph in karikierter Form. Zu den Klängen der
Marseillaise, als Polonaise arrangiert, erschien
Kerenski vor den erwartungsvollen Damen und Herren. Der
Schauspieler, der Kerenski spielte, gekleidet in
charakteristisches Khaki, fing die Gesten des Premiers
gut ein und konnte die Aufmerksamkeit der Masse
besonders gewinnen...
Aber
inzwischen ging die Revolution voran... Die rote
Plattform wurde, nachdem sie Verluste erlitten hatte,
organisierter; Truppen gingen zur Seite der 'Leninisten'
über. Und die Minister, die mit ihren Zylinderhüten
friedlich an einem Tisch saßen, schaukelten in ihren Stühlen
wie kleine chinesische Puppen.
Dann
kam der Moment der Flucht, und Fahrzeuge donnerten nahe
der Treppen, die von der weißen Plattform auf das hölzerne
Pflaster führten.
Dort
stürzten sie davon, verfolgt vom Strahl eines
Suchscheinwerfers, und die Artillerie brach los. Die
Luft hallte von den Schüssen, die von der Aurora
abgefeuert wurden, vom Geratter der Maschinengewehre.
Dann
verlagerte sich die Handlung auf das Winterpalais. Die
Fenster des schlafenden Giganten wurden erleuchtet, und
die Umrisse von kämpfenden Menschen wurden sichtbar.
Der Angriff endete. Das Palais war genommen. Das
Banner der Sieger erschien tiefrot aus der Dunkelheit über
dem Palais. Fünf rote Sterne leuchteten auf. Dann
stiegen Raketen auf, und wie Diamanten erhellten
Sterne den Himmel, und Wasserfälle von Feuerwerk
ergossen sich in einem Funkenregen.
Die
'Internationale' erklang, und der Siegeszug begann,
erleuchtet von Scheinwerfern und Feuerwerk..."
Nun
hat dieses Spektakel auf dem Platz vor dem Winterpalais
stattgefunden, aber entstand in irgendeiner Weise ein
öffentlicher Raum?
- gesetzt wir verstehen öffentlich
im strikten politischen Sinn? Wenn ein anderer zeitgenössischer
Beobachter hoffte, dass dies der "Beginn eines
neuen Weges" sei, der "über den Platz hinaus
in das Theater der Zukunft führen wird, das uns zurück
zur längst vergessenen griechischen agora
führen wird", dann war diese Hoffnung
vergeblich, denn wenn die Öffentlichkeit im strikten
Sinn eine Öffentlichkeit ist, die vom Ereignis des Antagonismus
erzeugt wurde, dann wird eine bloße "Repräsentation"
oder Neuaufführung nicht helfen. Der Grund ist, so simpel
es klingen mag, dass die Dramatisierung der Erstürmung
nicht die Erstürmung selbst ist. Und was noch wichtiger
ist: Die Inszenierung eines Antagonismus ist nicht der
Antagonismus - denn der Antagonismus selbst ist, wie
wir bei Laclau sahen, "uninszenierbar", unrepräsentierbar.
Vielmehr begegnen wir hier einer quasi-mimetischen Repräsentation
antagonistischen Konflikts, dargestellt durch den Kampf
zwischen der roten und der weißen Bühne, sowie einer
Öffentlichkeits-Mimikri, d.h. einer Quasi-Öffentlichkeit.
Vielleicht
ist der Platz in Evreinoffs Arrangement, der einer Öffentlichkeit
im radikalen Sinne des Antagonismus noch am nächsten
kommt, die Brücke. Jenes Element, das die beiden einander
gegenüberstehenden Kräfte einerseits verbindet und
andererseits trennt. Doch als
Brücke bleibt sie immer noch im Feld der Repräsentation.
Und als Repräsentationsformel kann sie leicht vom Theater
auf andere künstlerische Genres übertragen werden. Zum
Beispiel in Nikolai Kollis "Der rote Keil spaltet
den Weißen Block", einer Skulptur, die anlässlich
des ersten Revolutionsjubiläums im Jahr 1918 auf dem
Moskauer Revolutionsplatz ausgestellt wurde. Oder auf
andere Medien wie etwa Plakate, wie im Fall von El Lissitzkis
berühmtem Plakat für die Westfront: "Schlagt die
Weißen mit dem Roten Keil". So abstrakt diese Darstellungen
sein mögen, sie bleiben doch repräsentational - sie
repräsentieren
den Bürgerkrieg zwischen Weißen und Roten.
Das
Melodram
Das
klassische dramatische
Genre, das einer solchen Antagonisierung im Feld
der Repräsentation entspricht, ist das Melodram. Die
erhabene Situation der Französischen Revolution brachte
eine überbordende Lust an Theatrikalität und Theatralisierung
mit sich. Findet man vor der Revolution nur eine Handvoll
von Premieren, so wurden zwischen den Jahren 1789 und
1799 mehr als 1500 neue Stücke aufgeführt. Und im Fahrwasser
dieser Lust am Theatralen entstand ein neues dramatisches
Genre: das Melodram. Warum passt sich das Melodram,
als Genre, so perfekt in revolutionäre Situationen ein,
dass es auch für die Pariser Commune und für die bolschewistische
Revolution wichtig wurde? Es ist offensichtlich, dass
es zwischen dem Melodram und revolutionärer Rede eine
Analogie gibt. Wie Peter Brooks bemerkt hat: "Zu
sagen, das Melodram sei das künstlerische Genre der
Revolution, ist nahezu eine Binsenweisheit, denn die
revolutionäre öffentliche Rede (...) ist bereits melodramatisch."
Doch die deutlichsten Ähnlichkeiten, wie Brooks spezifiziert,
sind in der Performativität und im, wie man vielleicht
sagen könnte, vereindeutigenden Effekt (in der "Klarheit"
und "Frontalität") der revolutionären Rede
zu finden. Man denke nur an das berühmteste revolutionäre
Melodram, an Sylvain Maréchals Le
Jugement dernier des rois. Der Plot ist alles andere
als kompliziert: Das Stück versammelt die europäischen
Könige auf einer Insel und lässt sie am Ende des Stückes
durch einen Vulkanausbruch umkommen. Natürlich ist der
Vulkanausbruch eine Metapher für die Revolution als
dem dynamisch Erhabenen. Peter Brooks argumentiert
nun, dass die Rhetorik des Stücks performativ sei und
in der folgenden Formel zusammengefasst werden könne:
"Le Jugement
dernier des rois sagt effektiv: 'Es geschehe ['be
it enacted'], dass keine Könige mehr seien.'"
Und er fügt hinzu, das Melodram sei das Genre und die
Rede des revolutionären Moralismus, da es "seine
moralische Botschaft in klaren, unzweideutigen Worten
und Zeichen ausspricht, ausagiert und durchsetzt".
Aber diese Klarheit und Unzweideutigkeit ist nicht einfach
gegeben, sondern muss produziert werden: Alle Ambivalenzen
müssen zu einer manichäischen Unterscheidung zwischen
dem "wir" und dem "sie" synthetisiert
werden, zwischen den "Freunden des Volkes"
und den Konterrevolutionären. Der Mechanismus, über
den das erreicht wird, ist exakt der Mechanismus des
Melodrams - weshalb, so ist zu schließen, das Melodram
das politische Theatergenre par excellence darstellt.
Um
diese Behauptung zu untermauern, müssen wir Robert B.
Heilman konsultieren, der, um zwischen Tragödie und
Melodram unterscheiden zu können, das einflussreiche
Konzept der Monopathie (des Monopathos)
in die Literaturwissenschaft eingeführt hat: "Unter
Monopathie ["monopathy"] verstehe ich die
Singularität eines Gefühls, die einem den Sinn von Ganzheit
gibt."
Das ist typisch für den melodramatischen Charakter:
"In der Struktur des Melodrams ist der Mensch wesentlich
'ganz'", was heißt, "dass der grundlegende
innere Konflikt abwesend ist",
den man im tragischen
Menschen finden kann, der zwischen differierenden
konfliktuellen Kräften - wie etwa zwischen Pflicht und
Leidenschaft, Freiheit und Schicksal - hin und hergerissen
ist. Der Unterschied besteht nach Heilman darin, dass
in der Tragödie der Konflikt im
Menschen lokalisiert ist, während er im Melodram
zwischen den
Menschen besteht. Oder wie James L. Smith,
Heilman kommentierend, den Umstand fasst: "Es ist
seine völlige Angewiesenheit auf einen externen Gegner,
der letztlich das Melodram von allen anderen seriösen
dramatischen Genres unterscheidet." Externe Gegner
können zum Beispiel "ein böser Mensch, eine soziale
Gruppe, eine feindliche Ideologie, eine Naturkraft,
ein Unglück oder Zufall, ein Schicksalsschlag oder eine
übelwollende Gottheit" sein.
Im Melodram lautet die Frage nicht, welches
Sentiment im Zuschauer produziert wird - sei es
Mut, Enthusiasmus, Glück, Triumph, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit
-, sondern was alleine zählt, ist, dass
nur ein einziges Sentiment produziert wird, was
ja der Grund dafür ist, dass Heilman von Mono-pathie
spricht.
Wenn
also im Melodram innere "Zerrissenheit von eine
Quasi-Ganzheit" ersetzt wird, und Monopathie in
diesem Sinne eine Ordnungsfunktion erfüllt,
dann kann diese Vereinheitlichung des inneren Selbst
nur gegenüber einem Äußeren, gegenüber einem Anderen
etabliert werden. Eine Grenze und, in Laclaus Worten,
ein Antagonismus muss errichtet werden, soll eine gewisse
Stabilität und Systematizität einkehren. So kommt es
auch nicht überraschend, dass Heilmann selbst diese
Parallele zieht, wenn er bemerkt, dass das "Melodram
Affinität zur Politik, die Tragödie zur Religion"
habe.
Und weiters:
"Im
Wettstreit um öffentliche Macht, der pragmatische
Politik ausmacht, erobert man oder wird erobert: Was in
der öffentlichen Positionierung jeder Partei, auf der
Operations-'Plattform' jedes Herausforderers vor sich
geht, ist ein Konflikt zwischen richtig
und falsch (...) 'Unsere Seite' gehört zu den 'Guten', und 'deren
Seite' ist der 'Makel'; der aristotelische tragische
Held ist in zwei Konkurrenten zerbrochen, deren Kampf
die öffentliche Form politischer Aktivität, wie wir
sie kennen, darstellt. Im Unterschied zum tragischen
Helden, ist der politische Held ein Teil des menschlichen
Ganzen, der für das Ganze seine Pflicht erfüllt, das
heißt, er repräsentiert diese oder jene
Kristallisation von Gefühl oder Begehren, die mit 'dem
Guten' identifiziert wird, und strebt danach, die
Gegenkräfte aus dem Geschäft zu drängen."
Die
Pointe daran ist, dass das melodramatische Subjekt ganz
klar Akteur ist, das tragische Subjekt aber ein
paralysierter Zuschauer seiner eigenen inneren
Zerrissenheit. Die Passage von der Zerstreuung zur
Homogenität, von der Zerrissenheit zur Ganzheit ist
auch eine Passage vom Zuschauer zum Akteur. Solch
Produktion eines einzigen Gefühls innerhalb des
Zuschauers - mit dem Zweck, ihn oder sie zum Akteur zu
machen - liegt genau der Idee von Agit-Prop und jener
fast hundert Sub- und Sub-Sub-Genres von Agit-Prop
zugrunde, die im Repertoire-Index der UdSSR von 1929 zu
finden sind: von Agit-Hygiene, Agit-Groteske und
atheistische Satire über Agit-Gerichtsverhandlung bis
zu Rote-Armee-Performance-Stücken.
All diese Genres sind Erben des klassischen Melodrams,
das seinerseits für das russische Revolutionstheater
von nicht geringer Bedeutung war. Und wie James L. Smith
behauptete, blieb diese politische Rolle des Melodrams
bis hin zum Protesttheater der 1960er und 70er Jahre
intakt: "Das Protesttheater hat viele Ziele:
politisches Bewusstsein zu stimulieren, etablierte Werte
in Frage zu stellen, Ungerechtigkeiten offen zu legen,
Reformen zu unterstützen, Argumente bezüglich der Wege
und Mittel beizubringen und manchmal um direkte Unterstützung
für eine blutige Revolution zu werben. Das Resultat
mag eine Satire, eine Predigt, ein Cartoon, eine Revue
oder ein einfaches Stück-mit-Botschaft sein, doch
hinter allen modischen Garnituren ist die eigentliche
Form das Melodram."
Warum
kann das Melodram das leisten? Bislang wurde eine Reihe
von Gründen angeführt: Das Melodram ist agitatorisch
und setzt die Leute in Bewegung, indem es sie emotionalisiert.
Es ist politisch, da es ein Drama zwischen Akteuren ist und nicht innerhalb
eines Akteurs. Die anderen Akteure agieren als Antagonisten des melodramatischen "Helden" und geben seiner/ihrer
Identität damit einen Sinn von Einheit oder Ganzheit
- selbst wo sie zugleich die Identität bedrohen. Ich
möchte abschließend einen letzten Grund anführen, der
zu tun hat mit dem Umstand, dass die melodramatische
Handlungsform eine Antwort auf das Problem des revolutionären
Erhabenen darstellt, also auf das Ereignis des radikalen
Bruchs mit der Vergangenheit, des radikalen Antagonismus,
der als solcher
nicht repräsentiert werden kann.
Wie
reagiert also der melodramatische Akteur auf die unmögliche
Aufgabe, das Undarstellbare darzustellen? Die Antwort
wird nun eben nicht auf der Ebene der Repräsentation
gegeben, nicht auf der Ebene der Rede oder verbalen
Sprache. Sie wird gegeben auf der somatischen Ebene
der Aktion in Form des bekannten Phänomens der Hysterisierung
des melodramatischen Körpers. Wie Peter Brooks gezeigt
hat, benehmen sich die hysterisierten Körper des Melodrams
auf eine Weise, die an das psychoanalytische Konzept
des acting out
erinnert. Dergestalt agieren
sie etwas aus - den Antagonismus, die Revolution,
die Neue Ordnung -, das als solches der Repräsentation
entkommt.
Die Unmöglichkeit, die Erfahrung von etwas zu verbalisieren,
das jenseits der Verbalisierung liegt (das revolutionäre
Erhabene), führt zur Hysterisierung des Körpers, das
heißt zum somatischen Ausagieren, oder besser: zum acting
out. (Für Brooks ist das, nebenbei gesagt, auch
der Grund für die wichtige Rolle der Pantomime im Melodram.)
Und Heilman spricht, bezogen auf solch körperliches
Agieren, von einer melodramatischen "Katharsis",
die aus der Freisetzung bestimmter Impulse resultiert:
"Wo ich den Begriff verwende, würde ich ihm die
Bedeutung von 'working off' oder 'working out' oder einfach 'working' geben".
Was ist dieses working out anderes als das acting
out, das Peter Brooks am Melodram beobachtete?
Um
das Phänomen vollständig zu erfassen, kann es hilfreich
sein, auf den psychoanalytischen Ursprung des Begriffs
acting out
zurückzukommen. Analytisch gesprochen bedeutet acting out zuallererst den Versuch, den Rahmen der Analyse (als Form
der Übertragung) auf nicht-verbale Weise zu sprengen,
zum Beispiel indem man konstant zu spät zur Sitzung
erscheint. A forteriori
kann es als Wiederholungszwang auf Basis eines unbewussten
Phantasmas eine traumatische Erfahrung symptomatisch
reflektieren.
Im politischen
Fall entspräche dem acting
out somit die Unfähigkeit, das "traumatische"
Ereignis des Antagonismus und des radikalen Bruchs
angemessen zu verbalisieren, durchzudenken und durchzuarbeiten.
Aus dieser Perspektive betrachtet, wird Antagonismus
als das, was nicht direkt repräsentiert werden kann,
dennoch symptomhaft in Form eines melodramatischen acting
out reflektiert, das nicht auf dieselbe Weise "bewusst"
ist wie die (immer zum Scheitern verurteilten) künstlerischen
Repräsentationen des Antagonismus, die ich beschrieben
habe. Es handelt sich um keine Repräsentation, sondern
um einen somatischen und zwanghaften Effekt, der von
einer abwesenden Ursache ausgelöst wurde. Das könnte
dann die physische Konvulsion und nahezu Cartoon-hafte
Deformation erklären, die revolutionäre Rede (aber auch
die revolutionäre journée
und ihre karnevalistischen Aspekte) immer begleitet,
so dass die "Eroberung der Rede" zugleich
vom somatischen Ausagieren von etwas begleitet wird,
das eo ipso nicht verbalisiert werden kann und jeder "Rede"
entkommt.
Wie
ich zu Beginn sagte, zeigt sich das, was nicht direkt
signifiziert werden kann, nur durch den eigentlichen
Zusammenbruch von Signifikation. Peter Brooks Punkt
wäre, dass das hysterische somatische Ausagieren, das
so typisch für Melodramen ist, als genau das Symptom
eines solchen Zusammenbruchs verstanden werden muss.
Unser Punkt ist, dass jedes politische Handeln einen
Moment des acting out besitzt, und zwar in dem Ausmaß, in dem es mit dem Antagonismus
verknüpft ist als jener Instanz, die als solche nicht
darstellbar ist und deshalb nicht verbalisiert werden
kann.
Das
Argument dieses Abschnitts lässt sich also in der Behauptung
zusammenfassen, dass wir zum Antagonismus im strikt
ontologischen Sinn keinen Zugang haben; und dennoch
bedeutet das nicht, dass die ontologische Kategorie
des Antagonismus deshalb schon nutzlos wäre oder radikale
Antagonismen nicht existieren würden. Vielleicht ist
das theoretische ontologische Konzept des Antagonismus
nützlich, weil es uns mit einem Grenzbegriff versorgt,
der die Bedingungen der Möglichkeit und Unmöglichkeit
"real existierender" Antagonismen und Konflikte-im-Plural
absteckt - wie auch jene der Öffentlichkeiten (im Plural). Und das, gerade weil der Antagonismus existiert, nämlich in Form seiner dislokatorischen
Effekte in der Realität.
Der
Sprung
Allerdings
möchte ich, um zu einem Ende zu finden, abschließend
genau das Gegenteil dessen behaupten, was ich gerade
gesagt habe. Es gibt in der Tat eine Möglichkeit, direkten
Zugang zum Antagonismus zu finden (wenn auch nur
im Ausnahmefall). Auf diese Möglichkeit weist in der
Psychoanalyse ein weiteres Konzept hin, das sorgfältig
vom Konzept des acting
out unterschieden werden muss: das Konzept des "passage
à l'acte". Die Differenz besteht darin, wie es
Jacques-Alain Miller klar gemacht hat, dass acting out - wie etwa bei Melodramen - immer auf einer Bühne stattfindet,
unter den Blicken des Anderen. So können wir, Miller
zufolge, nur dann von acting
out sprechen, wenn es eine Bühne gibt, auf der das
Subjekt vor einem Publikum zu agieren beginnt.
Doch im Fall eines passage
à l'acte ist das Subjekt nicht mit dem eigenen Agieren
oder Handeln konfrontiert, sondern mit dem
Akt im radikalen Sinn. Eine Bühne gibt es nicht
mehr. Jeder Akt, der diesen Namen verdient, besteht
für Miller in der Überschreitung eines Codes, eines
Gesetzes, eines symbolischen Ganzen. Das Subjekt riskiert,
den Anderen (das Symbolische, bzw. die zum Publikum
versammelten anderen) hinter sich zu lassen. Es entkommt
jeder Dialektik, jeder Ambivalenz des Denkens, des Wortes,
der Sprache und Rede. Es handelt sich beim Akt, wie
Miller sagt, um ein dem Anderen entgegengeschleudertes
Nein. Das
lässt sich tatsächlich nur verwirklichen, indem man
von der Bühne springt und das Theater verlässt. Doch
da kein Subjekt weit genug springen kann, um gleichsam
den Bühnengraben zu überwinden und das andere Ufer der
Nicht-Bühne zu erreichen, fällt es in einen Abgrund.
Jeder wahre Akt ist eine Überschreitung, aber wahre
Überschreitung ist unmöglich (weshalb das Modell sich
signifikant von jenem Bachtins oder anderer Freunde
der Transgression unterscheidet, die den ersten Teil
des Satzes wohl unterschreiben, den zweiten aber empört
zurückweisen würden). Sie ist, aus psychoanalytischer
Sicht, unmöglich - außer in einem einzigen Fall: im
Selbstmord.
Wenn
wir das auf das Feld der Politik übertragen, dann
taucht natürlich die Frage auf, ob Revolution, wird sie
ernst genommen, nicht gerade der Name für solch einen
suizidalen Bruch wäre. Es war Saint Just, der sagte,
die Republik könne nur durch die totale Zerstörung all
dessen konstituiert werden, was gegen sie gerichtet sei.
Und zu einem bestimmten Zeitpunkt stellte sich heraus,
dass damit die Revolutionäre selbst mitgemeint waren.
In gewissem Ausmaß ist es die suizidale Logik von
Revolutionen - verdichtet im Versuch, antagonistisch
in reinster Form zu agieren -, die die fortschreitende
Selbstauslöschung der französischen Revolutionäre
erklärt. Dieser Akt der Überschreitung der
symbolischen (alten) Ordnung auf etwas hin, dessen
Zugang uns versperrt ist, wurde durch die Idee
angetrieben, den Antagonismus in Großbuchstaben
auszuagieren, einen totalen Bruch mit der Vergangenheit
zu bewerkstelligen und das Alte komplett zu verlassen,
um ins Neue einzutreten. Doch ein direktes Ausagieren
des Antagonismus und des radikalen Bruchs ist selbstmörderisch.
Ein Antagonismus mag in einem hoffnungslosen Repräsentationsversuch
auf die Bühne gebracht werden, aber es wird sich nie um
"the real thing" handeln; es wird sich immer
um eine Art der Sublimierung, Dramatisierung und repräsentationalen
Antagonismusversion zweiter Ordnung handeln. In die
wirkliche, reale Sache
des Antagonismus zu springen, hieße vom Dach in die
Tiefe zu springen. (Das entbindet uns aber nicht von der
Notwendigkeit, radikalen Antagonismus - oder den
radikalen Akt - als Grenzbegriff beizubehalten. Wollte
man das Argument nochmals in dekonstruktive Begriffe
fassen, könnte man sagen, dass der "passage à
l'acte" die Bedingung der Möglichkeit allen
Agierens ist - so wie das konstitutive Außen der
Signifikation die Bedingung der Möglichkeit von
Signifikation ist. Andererseits kann es ein graduales Agieren oder Handeln nur geben, weil ein letztlich
erfolgreicher "passage à l'acte" unmöglich
ist. Es kann "Aktionen" geben, weil der
Akt im ontologisch radikalen Sinn nie glückt -
jedenfalls nicht, ohne seine eigenen Möglichkeitsbedingungen
damit zugleich zu zerstören.)
Aus
diesem Grund muss die Politik genauso wie die Psychoanalyse
das Phantasma eines radikalen Bruchs und eines existentiellen
Sprungs in das Politische aufgeben und sich mehr oder
weniger auf eine Passage
hin zu einem immer nur partiell glückenden, notwendigerweise
erfolglosen Akt beschränken. Der Name für solch eine
Politik müsste nicht Revolution, aber könnte "radikale
Demokratie" sein. Nur, wie würde diese Politik
sich zum Theater verhalten - bzw. ein radikal-demokratisches
Theater zur Politik? Wie Janelle Reinelt es in ihren
Notes for a Radical
Democratic Theater ausdrückt, würde das einen Theaterraum,
eine Theateröffentlichkeit aus "Bürger-Zuschauern"
("citizen-spectators") implizieren, die "zu
Inszenierungen des sozialen Imaginären zusammenkommen,
um die Affirmation, Anfechtung und Durcharbeitung unterschiedlichster
Materialien und diskursiver Praktiken, die der Konstitution
einer demokratischen Gesellschaft angemessen sind,
zu erfahren." Und es würde eine "wahrhaft
radikale Form des Zivilpublikums ['civic spectatorship']"
implizieren, Verhandlung und Streit - und "einen
fundamentalen Wandel der traditionellen Funktion des
Publikums vom Konsumenten zum Akteur."
Wenn dieses Theater noch eine Bühne besitzen sollte,
dann wird es jene des Politischen sein.
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