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Gemeinplätze
und "General Intellect"
Um
den zeitgenössischen Begriff der Multitude
besser zu verstehen, ist es angebracht, eine tiefer
gehende Reflexion hinsichtlich der Frage anzustellen,
worin die essenziellen Ressourcen bestehen, auf die
man zählen kann, wenn man Schutz vor der Gefährlichkeit
der Welt sucht. Ich schlage vor, diese Ressourcen mittels
eines Begriffs auszumachen, der aus der aristotelischen
Sprachtheorie, genauer gesagt, aus dessen Rhetorik
stammt: mittels des Begriffs der "allgemeinen Gesichtspunkte"
(Gemeinplätze),
der topoi koinoi.
Wenn
wir heute von "Gemeinplätzen" sprechen, verstehen
wir darunter meist stereotype Aussagen ohne tiefere
Bedeutung, Banalitäten, tote Metaphern (zum Beispiel:
Morgenstund’ hat
Gold im Mund), abgedroschene Redewendungen. Dennoch
war dies nicht die ursprüngliche Bedeutung des Ausdrucks
"Gemeinplatz". Bei Aristoteles (Rhetorik,
I, 2, 1358a) sind die topoi
koinoi logische und sprachliche Formen von sehr
allgemeinem Wert, man könnte sogar sagen, das Skelett
einer jeden Rede, das, was jeden besonderen Ausdruck
ermöglicht und vorweg ordnet. Sie sind Gemein-plätze,
weil niemand ohne sie auskommt, weder die raffinierte
RednerIn noch der (oder die) Betrunkene, der mühsam
hervorgebrachte Worte lallt, weder Geschäftsmann/frau
noch PolitikerIn. Aristoteles führt drei davon an: die
Beziehung des Mehr und Weniger, die Gegenüberstellung
des Gegenteiligen und die Kategorie der Wechselseitigkeit
(Reziprozität) ("Wenn ich ihr Bruder bin, dann
ist sie meine Schwester").
Wie
jedes wirkliche Knochengerüst erscheinen diese drei
Kategorien nie als solche. Sie sind der Handlungsfaden
im "Leben des Geistes", ein dennoch unsichtbarer,
nicht erscheinender Handlungsfaden. Was aber gibt sich
dann in unseren Reden zu erkennen, was an ihnen wird
sichtbar? Die "spezifischen Gesichtspunkte",
die topoi idioi,
wie sie von Aristoteles genannt werden. Dabei handelt
es sich um Redewendungen - Metaphern, geistvolle Äußerungen,
Allokutionen usw. - die nur in einem jeweils bestimmten
Bereich des gemeinschaftlichen Lebens eine passende
Verwendung finden. "Spezifische Gesichtspunkte"
sind Rede- und Denkweisen, die etwa in Parteilokalen,
in der Kirche, im Hörsaal oder unter den Fans von Inter
Mailand zum Einsatz kommen. Sowohl das städtische Leben
als auch der Ethos
(gemeinsame Gewohnheiten) artikulieren sich über "spezifische
Gesichtspunkte", die untereinander sehr verschieden
und oft sogar miteinander unvereinbar sind. Ein bestimmter
Ausdruck funktioniert einmal und ein anderes Mal nicht,
ein Argumentationstyp dient dazu, diese Gesprächspartner
zu überzeugen, aber nicht jene, usw.
Die
Transformation hingegen, der wir uns heutzutage gegenüber
sehen, kann folgendermaßen zusammengefasst werden:
Die "spezifischen Gesichtspunkte" der Rede
und der Argumentation sind im Verschwinden bzw. in
Auflösung begriffen, während die "allgemeinen Gesichtspunkte",
die generischen, jede Rede zusammenhaltenden sprachlich-logischen
Formen, unmittelbar sichtbar werden. Das bedeutet, dass
wir uns, um uns in der Welt zu orientieren und uns vor
ihren Gefahren zu schützen, nicht auf Denk- und Redeweisen
verlassen können, die in dem einen oder anderen besonderen
Zusammenhang ihre Nische gefunden haben. Der Fußballfanclub,
die religiöse Gemeinschaft, die Parteisektion, der Arbeitsplatz,
all diese "Plätze"
wird es zwar weiterhin geben, keiner davon ist jedoch
von einer solchen Beschaffen- oder Bestimmtheit, dass
er uns als "Windrose" dienen könnte, als Orientierungsmuster
oder verlässlicher Kompass, als Zusammenspiel spezifischer
Gewohnheiten, Rede- und Denkweisen. Überall und zu jeder
Gelegenheit sprechen und denken wir auf dieselbe Art
und Weise, aufgrund sprachlich-logischer Konstrukte,
die ebenso grundlegend wie allgemein sind. Was dabei
verschwindet, ist eine ethisch-rhetorische Topographie.
Was hingegen in den Vordergrund rückt, sind die Gemeinplätze,
diese mageren Prinzipien des "Lebens des Geistes":
die Beziehung des Mehr und Weniger, die Gegenüberstellung
der Gegenteile, das Verhältnis der Wechselseitigkeit
usw. Nur diese bieten ein Kriterium für die Orientierung
und infolgedessen einigermaßen Schutz vor dem Lauf
der Dinge.
Nicht
mehr unsichtbar, sondern sogar ins Zentrum der Aufmerksamkeit
gerückt, sind die Gemeinplätze, die "Unheil abwehrende
Kraft" der zeitgenössischen Multitude. Sie tauchen
an der Oberfläche auf wie eine Kiste voller unmittelbar
einsetzbarer Werkzeuge. Was sind die Gemeinplätze also
anderes als der Grundkern des "Lebens des Geistes",
das Epizentrum jenes sprachbegabten Tieres, das der
Mensch nun einmal darstellt?
Man
könnte demnach behaupten, das "Leben des Geistes"
werde in sich selbst öffentlich.
Man greift auf allgemeinste Kategorien zurück, um sich
durch verschiedenste, jeweils anders bestimmte Situationen
hindurchzumanövrieren, und verfügt dennoch über keine
speziellen, bestimmten Sektoren zuzurechnenden, ethisch-kommunikativen
Codes mehr. Das Sich-nicht-zu-Hause-Fühlen und die vorrangige
Verwendung von "Gemeinplätzen" gehen Hand
in Hand. Der Intellekt als solcher, der reine Intellekt,
wird dort zur konkreten Orientierungshilfe, wo die substanziellen
Gemeinschaften verschwinden und man immer mehr der Welt
in ihrer Gesamtheit ausgesetzt ist. Der Intellekt stellt
sich auch in seinen verfeinerten Funktionen als etwas
Gemein(sam)es und Sichtbares dar. Die "Gemeinplätze"
sind kein nicht
erscheinender Hintergrund mehr, sie werden nicht
mehr vom Gewühl der "spezifischen Gesichtspunkte"
verdeckt. Sie sind eine allgemein zugängliche Quelle,
aus der die "Vielen" in jeglicher Situation
etwas schöpfen können. Das "Leben des Geistes"
ist das Eine, das der Seinsweise der Multitude untersteht.
Um es noch einmal und noch deutlicher zu sagen: Das
In-den-Vordergrund-Rücken des Verstandes als solchen,
die Tatsache, dass die allgemeinsten und abstraktesten
sprachlichen Strukturen zu Instrumenten werden, die
das eigene Verhalten auszurichten erlauben, stellt meines
Erachtens eine der Hauptbedingungen, die die zeitgenössische
Multitude bestimmen, dar.
Ich
habe eben begonnen, den "öffentlichen Intellekt"
zu erläutern. Der Ausdruck "öffentlicher Intellekt"
jedoch steht im Widerspruch zu einer langen Tradition,
laut der das Denken eine abseitige und einsame Tätigkeit
darstellt, die einen von Seinesgleichen trennt, eine
innerliche Tätigkeit ohne sichtbare Erscheinungsweisen,
die der Sorge um gemeinschaftliche Angelegenheiten äußerlich
ist. Eine Ausnahme hinsichtlich dieser langen Tradition,
gemäß der das "Leben des Geistes" sich dem
Öffentlichen entzieht, stellen meiner Meinung nach bloß
einige Seiten von Marx dar, die den Verstand als etwas
Äußerliches und Kollektives, als öffentliches Gut setzen.
Im "Fragment über Maschinen",
einem Text aus den Grundrissen, schreibt Marx über
den General Intellect. Er benutzt den englischen Ausdruck, um diesem Begriff
Kraft zu verleihen, so als wolle er ihn hervorheben.
Der Begriff General
Intellect kann sich aus verschiedenen Zusammenhängen
herleiten. Vielleicht handelt es sich dabei um eine
polemische Antwort auf die volonté
generale von Rousseau (Nicht der Wille, sondern
der Intellekt verbindet laut Marx die ProduzentInnen);
oder vielleicht ist der General
Intellect die materialistische Wiederaufnahme des
aristotelischen Begriffs nous
poietikos (der poietische, schaffende Verstand).
An dieser Stelle geht es uns aber nicht um philologische
Studien. Wichtig ist der äußerliche, soziale, kollektive
Charakter, der der intellektuellen Tätigkeit zukommt,
sobald diese laut Marx die wahre Antriebskraft der Produktion
von Reichtum wird.
Mit
Ausnahme dieser paar Seiten von Marx, ich wiederhole
es, sind dem Intellekt immer die Eigenschaften der
Reserviertheit und des Entzugs gegenüber der Öffentlichkeit
zugeschrieben worden. In einer der Jugendschriften von
Aristoteles
wird das Leben des Denkers (der Denkerin) mit dem des
(der) Fremden verglichen. Der Denker (die Denkerin)
muss sich seiner (ihrer) Gemeinschaft entfremden, er
(sie) muss sich vom Rauschen der Multitude entfernen,
dem Lärm der agorá
einen Dämpfer aufsetzen. Im öffentlichen Leben, in
der politisch-sozialen Gemeinschaft, fühlen sich weder
der Denker (die Denkerin) noch der (die) Fremde im engeren
Sinn heimisch. Dies ist ein geeigneter Ausgangspunkt,
um die Bedingungen der zeitgenössischen Multitude genauer
zu bestimmen, vorausgesetzt, wir ziehen aus der Analogie
zwischen dem (der) Fremden und dem Denker (der Denkerin)
andere Schlüsse.
Das
Fremdsein, also das Sich-nicht-heimisch-Fühlen, stellt
heute die unausweichliche und gemeinsame Lage der Vielen
dar. Daher müssen diejenigen, die sich nicht heimisch
fühlen, auf die Gemeinplätze, d. h. auf die allgemeinsten
Kategorien des sprachlichen Intellekts zurückgreifen,
um sich zu orientieren und zu schützen. In diesem Sinn
sind die Fremden immer DenkerInnen. Wie man sehen kann,
habe ich den Vergleich in umgekehrter Richtung angestellt:
Nicht der Denker (die Denkerin) wird gegenüber seiner
(ihrer) ursprünglichen Gemeinschaft zum (zur) Fremden,
sondern die Fremden, die Multitude der "Heimatlosen",
erlangen gezwungenermaßen den Status
von DenkerInnen. Die "Heimatlosen" können
sich nur als DenkerInnen verhalten. Nicht, weil sie
etwas von Biologie oder höherer Mathematik verstünden,
sondern weil sie auf die grundlegendsten Kategorien
des abstrakten Intellekts zurückgreifen, um den Zufällen
des Lebens zu begegnen und sich gegenüber der Kontingenz
und dem Unvorhergesehenen zu schützen.
Bei
Aristoteles ist der Denker (die Denkerin) zwar ein Fremder
(eine Fremde), aber nur vorläufig: Sobald er (sie) die
Metaphysik vollendet hat, kann er (sie) sich wieder
mit den allgemeinen Angelegenheiten auseinander setzen.
In gleicher Weise ist der (die) Fremde im strengen Sinn,
zum Beispiel der Spartaner, der nach Athen gekommen
ist, nur befristet fremd. Früher oder später wird er
in seine Heimat zurückkehren. Für die zeitgenössische
Multitude hingegen ist das Gefühl des "Nicht-zu-Hause-Seins"
ein ständiger, irreversibler Zustand. Das Nichtvorhandensein
einer substanziellen Gemeinschaft und der damit verbundenen
"spezifischen Gesichtspunkte" führt dazu,
dass das Leben des (der) Fremden, das Sich-nicht-heimisch-Fühlen
und der bios xenikós unausweichliche und dauerhafte Erfahrungen sind. Die
Multitude der "Heimatlosen" vertraut sich
dem Intellekt, den Gemeinplätzen
an: Sie ist auf ihre Weise eine Multitude von DenkerInnen
(auch wenn diese nur die Grundschule besucht und nie
im Leben ein Buch gelesen haben sollten).
Eine
Bemerkung am Rande: Oft wird auf abfällige Weise vom
Albern-Kindlichen an den Verhaltensweisen im urbanen Leben gesprochen.
Auch wenn wir davon ausgehen, dass diese Geringschätzung
nicht von besonderem Tiefsinn zeugt, scheint es uns
dennoch der Mühe wert zu sein, sich die Frage zu stellen,
ob in der Verbindung von städtischem Leben und Kindheit
nicht ein Kern an Wahrheit verborgen liegt. Vielleicht
ist die Kindheit ja die ontogenetische Matrix einer
jeden späteren Suche nach Schutz vor den Ein- und Auswirkungen
der uns umgebenden Welt. Sie stellt ein Beispiel für
die Notwendigkeit dar, eine konstitutive Unentschiedenheit,
eine ursprüngliche Unsicherheit zu überwinden (Unentschiedenheit
und Unsicherheit, die manchmal dem Gefühl der Scham
weichen, einem Gefühl, das den Tierjungen, die von Beginn
an wissen, wie sie sich verhalten sollen, fremd ist).
Das Kind findet in der Wiederholung
Schutz (noch einmal dasselbe Märchen, dasselbe Spiel,
dieselbe Geste). Die Wiederholung muss als Schutzstrategie
gegenüber der schockhaften Einwirkung des Neuen und
Unvorhergesehenen verstanden werden. Das damit verbundene
Problem muss folgendermaßen formuliert werden: Kann
es nicht sein, dass sich die Erfahrung der Kindheit
über die in den großen städtischen Agglomerationen vorherrschenden
Verhaltensweisen in die Erfahrung des Erwachsenseins
übertragen hat (Verhaltensweisen, die von Benjamin,
Simmel und vielen anderen beschrieben wurden)? Die kindliche
Erfahrung der Wiederholung setzt sich im Erwachsenenalter
fort, da sie die grundlegende Form des Schutzes dort
konstituiert, wo feste Gewohnheiten, substanzielle
Gemeinschaften, ein Ethos
fehlen. In den traditionellen Gesellschaften (wenn man
so will, in der Erfahrung des "Volkes") wurde
die dem Kind so wichtige Wiederholung durch komplexere
und artikuliertere Formen des Schutzes ersetzt: den
Ethos, d. h. die Bräuche und Gewohnheiten, die das die
substanziellen Gemeinschaften zusammenhaltende Geflecht
bilden. In den Zeiten der Multitude kommt es nicht mehr
zu dieser Art der Ersetzung. Die Wiederholung, weit
davon entfernt, von anderen Formen abgelöst zu werden,
besteht weiter. Walter Benjamin hat diesbezüglich den
entscheidenden Punkt erkannt: Er hat der Kindheit große
Aufmerksamkeit geschenkt, dem kindlichen Spiel, der
Leidenschaft, die das Kind für die Wiederholung hegt.
Zugleich hat er in der technischen Reproduzierbarkeit
des Kunstwerks den Bereich ausgemacht, in dem sich neue
Formen der Wahrnehmung herausbildeten. Es ist also davon auszugehen,
dass zwischen diesen beiden Aspekten ein Zusammenhang
besteht. In der technischen Reproduzierbarkeit lebt
die kindliche Instanz des "Noch einmal" in
potenzierter Form wieder auf, es kommt zu einem Wiederauftauchen
des Bedürfnisses nach Wiederholung als Schutz. Das Öffentlichsein
des Geistes, das Sichtbarwerden der "Gemeinplätze",
der General Intellect
offenbaren sich auch als versichernde Wiederholung.
Es stimmt, die heutige Multitude hat etwas Infantiles,
dieses Etwas ist aber außerordentlich ernst.
Öffentlichsein
ohne Öffentlichkeit
Wir
sagten, die Multitude sei durch das "Sich-nicht-heimisch-Fühlen"
bestimmt, sowie durch ihre Vertrautheit mit den "Gemeinplätzen",
mit dem abstrakten Intellekt. Es muss nun hinzugefügt
werden, dass die Dialektik zwischen Furcht und Schutz
in eben dieser Vertrautheit mit dem abstrakten Intellekt
verwurzelt ist. Der öffentliche und allgemeine Charakter
des "Lebens des Geistes" nimmt demnach ambivalente
Züge an: Er enthält in sich auch negative Möglichkeiten,
Furcht erregende Figuren. Der öffentliche Intellekt
ist die einheitliche Wurzel, aus der sowohl schreckliche
Formen des Schutzes als auch solche Formen, die imstande
sind, wirkliches Wohlergehen zu erzeugen (insofern sie
uns, wie gesagt, vor den ersteren bewahren), entstehen
können. Der öffentliche Intellekt, aus dem die Multitude
schöpft, ist Ausgangspunkt für höchst gegensätzliche
Entwicklungen. Das In-den-Vordergrund-Rücken der grundlegenden
Fähigkeiten menschlichen Daseins (Denken, Sprache, Selbstreflexion,
Lernfähigkeit) kann einen beunruhigenden und bedrückenden
Aspekt annehmen, oder aber es kann daraus eine neue
Form der Öffentlichkeit entstehen, eine nichtstaatliche
Öffentlichkeit, die sich fernab von den Mythen und
Riten der Souveränität konstituiert.
Sehr verkürzt dargestellt, lässt sich meine These folgendermaßen umschreiben:
Wenn sich das Öffentlichsein des Intellekts nicht einer
Öffentlichkeit unterstellt, einem politischen Raum,
innerhalb dessen die Vielen sich um die gemeinschaftlichen
Angelegenheiten kümmern können, zeitigt dieses Öffentlichsein
schreckliche Effekte. Ein Öffentlichsein
ohne Öffentlichkeit, darin besteht die negative
Seite - das Schlimme, wenn man so will - in der Erfahrung
der Multitude. Freud zeigt in seinem Aufsatz über das
Unheimliche,
wie die veräußerte Macht des Denkens beängstigende Gestalten
annehmen kann. Er führt aus, dass die Kranken, für die
Gedanken eine äußere, praktische, unmittelbar wirksame
Macht haben, fürchteten, von den anderen beeinflusst
und überwältigt zu werden. Dabei handelt es sich übrigens
um dieselbe Situation, zu der es in einer spiritistischen
Sitzung kommt, in deren Verlauf die TeilnehmerInnen
sich zusammendrängen, als ob sie miteinander verschmelzen
wollten, sodass sich jeder individuelle Zug auflöst.
Der von Freud erforschte Glaube an die "Allmacht
der Gedanken" und die Grenzsituation der spiritistischen
Sitzung exemplifizieren bestens, was ein Öffentlichsein
ohne Öffentlichkeit sein kann, was ein "allgemeiner
Intellekt", ein General
Intellect, der sich nicht in einem öffentlichen
Raum artikuliert, darstellt.
Wenn
der General Intellect
oder "öffentliche Intellekt" nicht zur Republik,
zur Öffentlichkeit, zur politischen Gemeinschaft wird,
vervielfältigt er ungebremst Formen der Unterdrückung.
Um diesen Punkt zu klären, ist es nötig, einen Blick
auf die zeitgenössische Produktionsordnung zu werfen.
Dass alle an den sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten
in gleicher Weise teilhaben, ist das konstitutive Element des postfordistischen Produktionsprozesses.
Alle ArbeiterInnen treten als SprecherInnen/DenkerInnen
in den Produktionsprozess ein. Das hat wohlgemerkt nichts
mit "Professionalität" oder mit antikem "Handwerk"
zu tun: Sprechen und Denken sind allgemeine Fähigkeiten
des menschlichen Wesens, das Gegenteil jeglicher Form
der Spezialisierung. Diese ursprüngliche Teilhabe
charakterisiert einerseits die "Vielen" als
"Viele", die Multitude, andererseits stellt
sie die eigentliche Grundlage der heutigen Produktionsordnung
dar. Die Teilhabe
als technische Voraussetzung widersetzt sich der Arbeitsteilung, sie zersetzt sie und läuft ihr zuwider. Das bedeutet natürlich
nicht, dass die Tätigkeiten nicht mehr unter-, auf-,
eingeteilt usw. wären; es bedeutet vielmehr, dass die
Segmentierung der einzelnen Tätigkeiten nicht mehr nach
objektiven, "technischen" Kriterien vorgenommen
wird, sondern ausgesprochen arbiträr, reversibel und
ständig in Veränderung begriffen ist. Was für das Kapital
wirklich zählt, ist die ursprüngliche Teilhabe an den
sprachlich-kognitiven Fertigkeiten, da eben diese das
schnelle Reagieren auf die Innovation, die Anpassungsfähigkeit
usw. garantiert. Es ist nun offensichtlich, dass diese
Teilhabe an allgemeinen kognitiven und linguistischen
Fertigkeiten innerhalb des realen Produktionsprozesses
nicht zur Öffentlichkeit noch zur politischen Gemeinschaft
oder zu einem konstitutionellen Prinzip wird. Was geschieht
demnach wirklich?
Das
Öffentlichsein des Intellekts, die Tatsache, dass alle
an ihm Anteil haben, wirft zwar einerseits jede strenge
Arbeitsteilung über den Haufen, fördert aber andererseits
die persönliche
Abhängigkeit. "General Intellect", Ende
der Arbeitsteilung, persönliche Abhängigkeit: diese
drei Aspekte hängen zusammen. Das Öffentlichsein des
Verstandes geht, wenn es sich nicht in einer Öffentlichkeit
artikuliert, in eine unkontrollierte Ausbreitung
von Hierarchien über, die ebenso willkürlich wie
robust sind. Die Abhängigkeit ist im doppelten Sinn
eine persönliche:
In der Arbeit ist man von dieser oder jener Person abhängig,
nicht von Regeln, die eine anonyme Verfügungsgewalt
ausüben. Darüber hinaus wird die eigene Person in ihrer
Gesamtheit unterworfen, in ihren grundlegenden kommunikativen
und kognitiven Fähigkeiten. Hierarchien, die sich rasch
ausbreiten, minutiös funktionieren und auf die einzelne
Person abgestimmt sind: So sehen die negativen Konsequenzen
des Öffentlichseins bzw. der Teilhabe am Intellekt aus. Die Multitude, betonen wir es noch einmal,
ist eine ambivalente Seinsweise.
Welches
Eine für die Vielen?
Aus
dem bisher Argumentierten geht klar hervor, dass sich
die Multitude des Einen als des Universellen, Gemeinsamen
der Teilhabe nicht entledigt, sondern dieses neu bestimmt.
Das Eine der Multitude hat nichts mehr mit dem Einen,
das sich durch den Staat konstituiert, oder das mit
dem "Volk" in eins fällt, zu tun.
Das
Volk ist das Resultat einer zentripetalen Bewegung:
von den atomisierten Individuen hin zur Einheit des
"politischen Körpers", zur Souveränität. Das
Eine ist das äußerste Ende dieser zentripetalen Bewegung.
Die Multitude hingegen ist das Resultat einer zentrifugalen
Bewegung: vom Einen zu den Vielen. Aber um welches Eine
handelt es sich, von dem aus die Vielen sich differenzieren
und als solche fortbestehen? Es kann natürlich nicht
der Staat sein, also muss es sich um eine andere Form
der Einheit bzw. Universalität handeln.
Die
Einheit, von der die Multitude ausgeht, konstituiert
sich durch die "Gemeinplätze" des Geistes,
durch die sprachlich-kognitiven Vermögen, die der menschlichen
Spezies gemein sind, durch den General Intellect. Es handelt sich um eine Einheit bzw. Universalität,
die sich sichtlich von der staatlichen unterscheidet.
Es sei noch einmal deutlich unterstrichen: Die sprachlich-kognitiven
Fähigkeiten der Spezies rücken nicht deshalb in den
Vordergrund, weil jemand das so beschließen würde, sondern
aus schierer Notwendigkeit, weil sie eine Form des Schutzes
in einer Gesellschaft darstellen, die über keine substanziellen
Gemeinschaften mehr verfügt (und daher auch über keine
"spezifischen Gesichtspunkte").
Das
Eine der Multitude ist also nicht das Eine des "Volkes".
Die Multitude geht nicht in einer volonté
generale auf, und zwar aus einem einfachen Grund:
weil sie schon über einen General
Intellect verfügt. Der öffentliche Intellekt, der
im Postfordismus als schlichte produktive Ressource
erscheint, kann jedoch ein alternatives "konstitutionelles
Prinzip" bilden, er lässt eine nichtstaatliche
Öffentlichkeit durchscheinen. Für die Vielen als
Viele gibt das Öffentlichsein des Intellekts entweder
einen beständigen Hintergrund oder einen Stützpunkt
ab: im Guten und im Schlechten.
Es
besteht sicherlich ein beträchtlicher Unterschied zwischen
der zeitgenössischen und der von den politischen Philosophen
des 17. Jahrhunderts erforschten Multitude. An den Ursprüngen
der Moderne fällt der Begriff der Vielen mit den BürgerInnen
der Kommunalrepubliken, die schon vor dem Entstehen
der großen Nationalstaaten existierten, zusammen. Jene
Vielen beriefen sich auf das Recht zum Widerstand, das
ius resistentiae.
Dieses Recht ist nicht gleichbedeutend mit dem Notwehrrecht,
es ist feiner und komplizierter. Das "Widerstandsrecht"
besteht darin, dass die Vorrechte eines (einer) Einzelnen,
einer lokalen Gemeinschaft, oder eines Standes gegen
die Zentralmacht geltend gemacht werden, indem bereits
bestehende Lebensformen verteidigt und bereits
verwurzelte Gewohnheiten geschützt werden. Es geht also
darum, für etwas Positives zu kämpfen: eine konservative
(im guten, noblen Sinn des Worts) Gewalt. Vielleicht
ist das ius
resistentiae, also das Recht, etwas zu schützen,
das bereits existiert und wert ist, weiterhin zu bestehen,
das, was die multitudo
des 16. Jahrhunderts und die postfordistische Multitude
am ehesten vereint. Auch für diese handelt es sich sicher
nicht darum, die "Macht zu übernehmen", einen
neuen Staat aufzubauen und ein neues politisches Entscheidungsmonopol
zu schaffen, sondern darum, die Erfahrungen in ihrer
Vielfalt, Formen nicht-repräsentativer Demokratie, nicht-staatliche
Bräuche und Gewohnheiten zu verteidigen. Was den Rest
betrifft, so ist es nicht schwierig, die Unterschiede
auszumachen. Die heutige Multitude hat als Voraussetzung
ein "Eines", das nicht weniger universell,
sondern im Gegenteil viel universeller als der Staat
ist: den öffentlichen Verstand, die Sprache, die "Gemeinplätze"
(man denke ans Web …). Zudem trägt die zeitgenössische
Multitude die Geschichte des Kapitalismus in sich, sie
ist aufs Engste mit den tragischen Erfahrungen der ArbeiterInnenklasse
verbunden.
Dennoch muss man
mit Analogien vorsichtig umgehen, um keine voreiligen
Schlüsse aus dem Vergleich zwischen dem Alten und dem
Allerneuesten zu ziehen. Es geht in diesem Sinn darum,
das Profil der historisch ursprünglichen Charakterzüge
der zeitgenössischen Multitude nachzuzeichnen und sich
gleichzeitig davor zu hüten, sie als eine schlichte
Neuauflage von etwas, was schon einmal da war, zu betrachten.
Dazu ein Beispiel: Typisch für die postfordistische
Multitude ist das Vorantreiben des Zusammenbruchs der
politischen Repräsentation; nicht als anarchische Geste,
sondern als überlegte und realistische Suche nach neuen
politischen Formen. Sicher, schon Hobbes warnte vor
der Tendenz der Multitude, sich irreguläre politische
Organismen zu schaffen: "Unregelmäßige Vereinigungen
sind ihrer Natur nach nur Bündnisse oder bisweilen
bloße Volksansammlungen, ohne zu einem besonderen Zweck
vereint zu sein, und kommen nicht durch gegenseitige
Verpflichtung, sondern allein durch die Ähnlichkeit
von Willen und Neigung zustande."
Es
ist aber offensichtlich, dass die nicht-repräsentative
Demokratie, die auf dem General
Intellect gründet, eine völlig andere Tragweite
hat: Nicht das Vorübergehende, das Marginale, oder die
Überbleibsel vergangener Lebensformen überwiegen in
ihr, sondern vielmehr die konkrete Aneignung und Neuformulierung
des Wissens
und Könnens,
das heute in den administrativen Staatsapparaten begraben
ist.
Wenn
man von der "Multitude" spricht, nimmt man
es mit einem komplexen Problem auf: Man hat es mit einem
Begriff ohne Geschichte, ohne Vokabular zu tun, während
der Begriff "Volk" einen vollständig kodifizierten
Term darstellt, mit dem wir über zusammenhängende Ausdrücke
und alle Arten von Abschattungen verfügen. Ich habe
an anderer Stelle ausgeführt, dass sich in der politischen
Philosophie des 17. Jahrhunderts der Begriff "Volk"
gegenüber der "Multitude" durchsetzte. Das
"Volk" konnte also auf ein angemessenes Vokabular
zurückgreifen. In Bezug auf die "Multitude"
müssen wir hingegen gegen den absoluten Mangel an Kodifizierung
ankämpfen, dagegen, dass wir über kein exaktes begriffliches
Vokabular verfügen. Wir sind dennoch geneigt, diesen
Mangel als eine Herausforderung für PhilosophInnen und
SoziologInnen zu betrachten, vor allem im Hinblick auf
die Feldforschung. Es geht demnach darum, einerseits
am konkreten Material zu arbeiten und es detailliert
zu analysieren, andererseits aber auch theoretische
Kategorien daraus abzuleiten. Eine doppelte Bewegung:
von den Dingen zu den Wörtern, von den Wörtern zu den
Dingen, das verlangt uns die postfordistische Multitude
ab. Und dabei handelt es sich, noch einmal, um eine
spannende Aufgabe.
Es
ist wohl wahr, dass "Volk" und "Multitude"
zwei Kategorien sind, die mehr zum politischen Denken
als zur Soziologie gehören (Sie verweisen in der Tat
auf alternative politische Existenzformen). Meiner Meinung
nach ist der Begriff "Multitude" jedoch außerordentlich
fruchtbar, wenn es darum geht, die Seinsweisen der
abhängigen postfordistischen Arbeit zu verstehen und
einzuordnen, bestimmte Verhaltensweisen, die auf den
ersten Blick rätselhaft erscheinen mögen. Ich werde
an anderem Ort genauer ausführen, wie ausgerechnet eine
Kategorie des politischen Denkens, die seinerzeit in
der theoretischen Debatte unterging, heute als wertvolles
Instrument der Analyse der lebendigen Arbeit im Postfordismus
wieder auftaucht. Wir können davon ausgehen, dass die
Multitude ein vielseitig verwendbarer Begriff ist: Einerseits
erzählt sie von der sozialen Produktion, die auf dem
Wissen und der Sprache gründet, andererseits von der
Krise der Staatsform. Und vielleicht besteht zwischen
diesen beiden Dingen ein handfester Zusammenhang. Carl
Schmitt, der sicherlich das Wesen der Staatsform erkannt
und als einer der größten politischen Theoretiker des
letzten Jahrhunderts zu gelten hat, schrieb in den 60er
Jahren eine bittere Bemerkung, deren Sinn auf die Aussage:
"Die Multitude kehrt zurück, das Volk geht unter"
hinausläuft: "Die Epoche der Staatlichkeit geht
jetzt zu Ende. (...) Der Staat als das Modell der politischen
Einheit, der Staat als der Träger des erstaunlichsten
aller Monopole, nämlich des Monopols der politischen
Entscheidung (...), wird entthront."
Dieses Entscheidungsmonopol wird dem Staat jedoch nur
unter der Voraussetzung entzogen, dass er ein für alle
Male darauf verzichtet, Monopol zu sein, wenn also die
Multitude ihren zentrifugalen Charakter geltend machen
kann.
Abschließend
möchte ich, soweit es möglich ist, einem Missverständnis
zuvorkommen, das weit verbreitet ist, nämlich der Ansicht,
das Auftauchen der Multitude falle mit dem Ende der
ArbeiterInnenklasse zusammen. Im Universum der "Vielen"
gebe es keinen Platz mehr für die "blue collars",
die einen einheitlichen "Körper" formen und
für das Kaleidoskop an "Differenzen" wenig
Verständnis aufbringen würden. Eine solche Dummheit
wird natürlich nur von Leuten vertreten, die auf grobe
Vereinfachungen und Effekthascherei angewiesen sind.
Die ArbeiterInnenklasse wird weder bei Marx noch bei
irgendeinem anderen ernsthaften Denker (oder Denkerin)
mit einer bestimmten Bekleidung oder gewissen Gebräuchen
und Gewohnheiten usw. identifiziert. "ArbeiterInnenklasse"
ist ein theoretischer Begriff, kein Erinnerungsfoto.
Er verweist auf das Subjekt, das den absoluten und den
relativen Mehrwert produziert. Die zeitgenössische ArbeiterInnenklasse,
die abhängige lebendige Arbeit und ihre sprachlich-kognitive
Kooperation weisen nun die Züge der Multitude und nicht
mehr die des "Volks" auf. Folglich fühlt sich
diese Klasse auch nicht mehr berufen, "staatstragend"
zu handeln. Der Begriff "Multitude" schwächt
den Begriff der ArbeiterInnenklasse nicht in seiner
Homogenität, weil Letzterer nicht per definitionem an den des "Volks" gebunden war. Insofern
die ArbeiterInnenklasse nicht mehr in der Seinsweise
des "Volkes" auftritt, sondern in jener der
Multitude, ändert sich vieles: Mentalitäten, Organisationsformen,
die Art und Weise, in der Konflikte ausgetragen werden.
Alles verkompliziert sich. Wie einfach es doch wäre,
uns vorzusagen, dass dort, wo früher die ArbeiterInnenklasse
war, nun die Multitude ist … (Wer aber Einfachheit
um jeden Preis nötig hat, greift vielleicht besser zu
einer Flasche Rotwein).
Es
gibt übrigens auch bei Marx Stellen, in denen die ArbeiterInnenklasse
die Erscheinungsform des "Volks" ablegt und
jene der "Multitude" annimmt. Dazu nur ein
Beispiel: Man denke an jene Seiten des letzten Kapitels
im ersten Band des Kapitals,
auf denen Marx die Lage der ArbeiterInnenklasse in den
Vereinigten Staaten analysiert. Dort finden sich großartige
Passagen über den amerikanischen Westen, über den Exodus
und die individuelle Initiative seitens der "Vielen".
Die durch Epidemien, Hunger, wirtschaftliche Krisen
aus ihren Ländern vertriebenen europäischen ArbeiterInnen
finden Arbeit an der Ostküste der USA. Sie bleiben
dort wohlgemerkt nur
einige Jahre. Dann ziehen sie, die Fabriken hinter sich
lassend, weiter nach Westen, in Richtung der unbesiedelten
Gebiete. Die Lohnarbeit stellt sich nicht als lebenslange
Bürde, sondern als Zeit des Übergangs dar. Wenn auch
nur für zwanzig Jahre, hatten die LohnarbeiterInnen
damals die Möglichkeit, Unordnung in die eisernen Gesetzmäßigkeiten
des Marktes zu bringen. Indem sie sich aus der eigenen
Ausgangslage befreiten, sorgten sie für einen relativen
Mangel an Arbeitskraft und infolgedessen für höhere
Löhne. Marx zeichnet mit der Beschreibung dieser Situation
das äußerst lebendige Bild einer ArbeiterInnenklasse,
die zugleich Multitude ist.
Übersetzung:
Klaus Neundlinger
Der
Text ist ein Ausschnitt aus Grammatica della Moltitudine,
das in deutscher Übersetzung Ende 2005 im Verlag Turia
+ Kant erscheinen wird.
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