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Nicht
Subjekt, sondern Subjektivierung
Ich
habe nicht vor, einen historischen Aufriss der Bewegung,
die man Autonomia nennt, zu geben, sondern möchte ihre
historische Spezifik durch einen Blick auf einige Begriffe
wie "Arbeitsverweigerung" und "Klassenkomposition"
verständlich machen. JournalistInnen verwenden oft das
Wort "operaismo", um eine politische und philosophische
Bewegung zu beschreiben, die in Italien in den 60ern
auftauchte. Ich kann diesen Begriff überhaupt nicht
leiden, weil er die Komplexität der sozialen Realität
auf das bloße Faktum der zentralen Stellung der IndustriearbeiterInnen
in der sozialen Dynamik der Spätmoderne reduziert.
Der
Ursprung dieser philosophischen und politischen Bewegung
kann in den Werken von Mario Tronti, Romano Alquati,
Raniero Panzieri und Toni Negri verortet werden, und
als ihr zentraler Fokus kann die Emanzipation von Hegels
Subjektkonzeption verstanden werden. Statt des historischen
Subjekts, das mit Hegels Vermächtnis ererbt wurde, sollten
wir vom Prozess der Subjektivierung sprechen. Die Subjektivierung
übernimmt den begrifflichen Ort des Subjekts. Diese
Veränderung des Begriffs ist nah verwandt mit der zeitgenössischen
Transformation der philosophischen Landschaft, die durch
den französischen Poststrukturalismus gefördert wurde.
Die Subjektivierung anstelle des Subjekts. Das bedeutet,
dass wir uns nicht auf die Identität konzentrieren,
sondern auf den Prozess des Werdens. Das bedeutet auch,
dass das Konzept der sozialen Klasse kein ontologisches
Konzept ist, sondern als vektoriales Konzept verstanden
werden muss.
Im Rahmen
des autonomen Denkens wird der Begriff der sozialen
Klasse neu definiert als Investition sozialer Begehren,
und das bedeutet Kultur, Sexualität, Arbeitsverweigerung.
In den 60ern und 70ern sprachen die Philosophen, die
in Magazinen wie Classe operaia und Potere operaio schrieben,
nicht über soziale Investitionen von Begehren: Sie sprachen
bei weitem mehr in leninistischer Diktion. Aber ihre
philosophische Geste produzierte eine wichtige Veränderung
in der philosophischen Landschaft, von der Zentralität
der Arbeiteridentität zur Dezentralisierung des Prozesses
der Subjektivierung. Félix Guattari, der dem "operaismo"
nach 1977 begegnete und dem die autonomen Denker nach
1977 begegneten, hat immer darauf insistiert, dass wir
nicht vom Subjekt sprechen sollten, sondern von einem
"Prozess der Subjektivierung".
Auf dieser
Basis können wir auch besser verstehen, was der Begriff
der Arbeitsverweigerung bedeutet. Arbeitsverweigerung
meint nicht so sehr die offensichtliche Tatsache, dass
ArbeiterInnen nicht gern ausgebeutet werden, sondern
mehr. Es bedeutet, dass die kapitalistische Restrukturierung,
die technologischen Veränderungen und die allgemeine
Transformation der sozialen Institutionen gerade durch
die tägliche Aktivität des Sich-der-Ausbeutung-Entziehens
produziert werden, sowie durch die Ablehnung des Zwangs,
Mehrwert zu produzieren, den Wert des Kapitals zu erhöhen
und somit den Wert des Lebens zu vermindern.
Ich
mag den Begriff "operaismo" wegen der impliziten
Beschränkung auf eine enge soziale Referenz (die ArbeiterInnen,
italienisch "operai") nicht, und würde es
vorziehen, den Begriff des "Kompositionismus"
zu verwenden. Der Begriff der sozialen Zusammensetzung/Komposition
(im italienischen Original "composizione")
oder der Klassenkomposition/Klassenzusammensetzung,
der von "operaistischen" Denkern gern verwendet
wurde, hat mehr mit Chemie zu tun als mit der Geschichte
der Gesellschaft.
Ich
mag die Idee, dass der Ort, an dem sich das Soziale
ereignet, nicht der feste, steinige, historische Boden
Hegel'schen Ursprungs ist, sondern eine chemische Umgebung,
in der Kultur, Sexualität, Krankheit und Begehren kämpfen
und sich treffen und das Panorama kontinuierlich verändern.
Wenn wir den Begriff der Zusammensetzung benützen, können
wir besser verstehen, was in Italien in den 70er Jahren
passiert ist, und wir können besser verstehen, was Autonomie
bedeutet: nicht die Konstitution eines Subjekts, nicht
die starke Identifikation menschlicher Wesen mit einem
sozialen Schicksal, sondern die kontinuierliche Veränderung
sozialer Beziehungen, sexueller Identifikationen und
Entidentifikationen, und die Verweigerung der Arbeit.
Die Verweigerung
der Arbeit wird gerade durch die Komplexität der sozialen
Investitionen des Begehrens generiert. Demnach bedeutet
Autonomie, dass das soziale Leben nicht nur von den
disziplinären Regulierungen abhängt, die von der ökonomischen
Macht verhängt werden, sondern auch von den internen
Entortungen, Verschiebungen, Verortungen und Auflösungen
abhängig ist, die den Prozess der Selbst-Komposition
einer lebendigen Gesellschaft bilden. Kampf, Entzug,
Entfremdung, Sabotage, Fluchtlinien aus dem kapitalistischen
System der Herrschaft.
Autonomie
ist die Unabhängigkeit der sozialen Zeit von der Zeitlichkeit
des Kapitalismus. Arbeitsverweigerung heißt ganz einfach:
Ich will nicht zur Arbeit gehen, weil ich es vorziehe,
zu schlafen. Aber solche Faulheit ist auch die Quelle
von Intelligenz, von Technologie und Fortschritt. Autonomie
ist die Selbstregulierung des sozialen Körpers, in ihrer
Unabhängigkeit und in ihren Interaktionen mit der disziplinären
Norm.
Autonomie
und Deregulierung
Es
gibt eine andere Seite der Autonomie, die bislang wenig
ergründet wurde. Der Prozess der Autonomisierung der
ArbeiterInnen von ihrer Rolle in der Disziplinierung
hat ein soziales Erdbeben hervorgebracht, das seinerseits
die kapitalistische Deregulierung hervorrief. Die Deregulierung,
die in der Thatcher/ Reagan-Ära auf der Weltbühne erschien,
kann also als die kapitalistische Antwort auf die Autonomisierung
der ArbeiterInnen von der disziplinären Ordnung der
Arbeit angesehen werden. Die ArbeiterInnen forderten
Freiheit von der kapitalistischen Regulierung, dann
tat das Kapital dasselbe, nur umgekehrt. Die Freiheit
von der staatlichen Regulierung wurde zum ökonomischen
Despotismus über das gesamte soziale Feld. Die ArbeiterInnen
verlangten Freiheit von der lebenslangen Inhaftierung
im Gefängnis der industriellen Fabrik. Die Deregulierung
antwortete darauf mit der Flexibilisierung und der Fraktalisierung
der Arbeit.
Die
Autonomiebewegung der 70er setzte einen gefährlichen,
aber unumgänglichen Prozess in Gang: einen Prozess,
der sich von der sozialen Verweigerung gegenüber der
kapitalistischen disziplinären Herrschaft zur kapitalistischen
Vergeltung entwickelte, die die Form der Deregulierung,
der Freiheit der Unternehmen vom Staat, der Zerstörung
der sozialen Absicherungen, der Entlassungen und der
Auslagerung der Produktion, der Senkung der Sozialausgaben,
der Steuerfreiheit sowie schließlich der Flexibilisierung
annahm. Diese Bewegung der Autonomisierung löste die
Destabilisierung des sozialen Rahmenwerks aus, das durch
den ein Jahrhundert lang währenden Druck der Gewerkschaften
und der staatlichen Regulierung zustande gekommen war.
Sollen wir also die Aktionen der Sabotage und des Ungehorsams,
der Autonomie, der Arbeitsverweigerung bereuen, da diese
die kapitalistische Deregulierung provoziert zu haben
scheinen? Absolut nicht. Die Bewegung der Autonomie
kam nämlich der kapitalistischen Bewegung zuvor, aber
der Prozess der Deregulierung war in die Entwicklungslinien
des postindustriellen Kapitalismus eingeschrieben und
natürliche Implikation der technologischen Restrukturierung
und der Globalisierung der Produktion.
Es gibt
eine enge Verbindung zwischen der Arbeitsverweigerung,
der Informatisierung der Fabriken, den Entlassungen,
der Auslagerung von Arbeitsplätzen und der Flexibilisierung
der Arbeit. Aber dieses Verhältnis ist sehr viel komplexer
als eine Kausalkette von Ursache und Wirkung. Der Prozess
der Deregulierung war in die Entwicklung neuer Technologien
eingeschrieben, die es den kapitalistischen Unternehmen
ermöglichte, einen Prozess der Globalisierung zu entfesseln.
Ein ähnlicher
Vorgang ereignete sich während derselben Zeitspanne
im Feld der Medien. Denken Sie nur an die freien Radiostationen
der 70er. Im Italien dieser Jahre gab es ein Staatsmonopol,
und freie Radiosendungen waren verboten. 1975/76 begann
eine Gruppe von MedienaktivistInnen kleine freie Radiostationen
wie Radio Alice in Bologna zu schaffen. Die traditionelle
Linke (die italienische Kommunistische Partei usw.)
denunzierte diese MedienaktivistInnen und warnten vor
der Gefahr, das öffentliche Mediensystem zu schwächen
und den Weg für die privaten Medien zu ebnen.
Sollen
wir heute denken, dass die Leute von der traditionellen
Staatslinken Recht hatten? Ich glaube nicht, ich glaube,
dass sie damals Unrecht hatten, da das Ende der staatlichen
Monopole unvermeidlich war und die Freiheit der Rede
besser ist als zentralisierte Medien. Die traditionelle
Staatslinke war eine konservative Kraft, die dem Untergang
geweiht war und verzweifelt versuchte, ein altes Rahmenwerk
zu konservieren, das in der neuen technologischen und
kulturellen Situation der postindustriellen Transition
keinen Bestand mehr haben konnte.
Dieselben
Dinge könnten wir über das Ende des sowjetischen Reiches
sagen und über den so genannten "Realsozialismus".
Jeder weiß, dass die Menschen in Russland vermutlich
vor 20 Jahren besser lebten als heute und dass die angebliche
Demokratisierung der russischen Gesellschaft bislang
hauptsächlich in der Zerstörung sozialer Sicherung bestand,
sowie in der Entfesselung eines sozialen Albtraums aggressiver
Konkurrenz, der Gewalt und der ökonomischen Korruption.
Aber die Auflösung der sozialistischen Regimes war unvermeidbar,
weil diese Ordnung die Dynamik der sozialen Investition
der Begehren blockierte und weil das totalitäre Regime
die kulturelle Innovation aufhielt. Die Auflösung der
kommunistischen Regimes war in die soziale Zusammensetzung
der kollektiven Intelligenz eingeschrieben, in die Vorstellungskraft,
die durch die neuen globalen Medien geschaffen wurde
und in die kollektive Investition von Begehren. Das
ist der Grund, warum die demokratische Intelligenz und
dissidentische kulturelle Kräfte am Kampf gegen die
sozialistischen Regimes teilnahmen, obwohl sie wussten,
dass der Kapitalismus nicht das Paradies ist. Jetzt
verwildert die frühere sowjetische Gesellschaft durch
die Deregulierung, und die Menschen erfahren Ausbeutung,
Elend und Demütigung auf einem Niveau, das es früher
nie gegeben hat; aber diese Transition war unvermeidlich,
und in diesem Sinn muss sie als fortschrittliche Veränderung
angesehen werden.
Deregulierung
bedeutet nicht nur die Emanzipation des privaten Unternehmens
von der staatlichen Regulierung und die Kürzung öffentlicher
Ausgaben und der sozialen Sicherung. Sie bedeutet auch
die wachsende Flexibilisierung der Arbeit. Die Realität
der Flexibilisierung der Arbeit ist die andere Seite
dieser Art der Emanzipation von der kapitalistischen
Regulierung. Wir sollten die Verbindung zwischen der
Arbeitsverweigerung und der Flexibilisierung, die darauf
folgte, nicht unterschätzen. Ich erinnere mich daran,
dass eine der starken Ideen autonomer ProletarierInnen
während der 70er darin bestand, dass "Prekarisierung
gut ist". Die Prekarisierung der Arbeit ist eine
Form der Autonomie von der kontinuierlichen regulären
Arbeit, die das ganze Leben dauert. In den 70ern arbeiteten
die Leute für einige Monate, gingen dann für einen Tag
weg und dann wieder für eine Weile zurück zur Arbeit.
Das war möglich in den Zeiten einer fast vollständigen
Vollbeschäftigung und in den Zeiten einer egalitären
Kultur jenseits von Wettbewerb und Konsumismus. Diese
Situation ermöglichte es den Menschen, in ihrem eigenen
Interesse zu arbeiten und nicht im kapitalistischen
Interesse, aber dies konnte offensichtlich nicht ewig
andauern. Die neoliberale Offensive der 80er zielte
darauf ab, die Kräfteverhältnisse umzukehren.
Die Deregulierung
und Flexibilisierung der Arbeit waren der Effekt und
die Umkehrung der Autonomie der ArbeiterInnen. Wir müssen
das nicht nur aus historischen Gründen erkennen. Wenn
wir verstehen wollen, was heutzutage, im Zeitalter der
vollständig flexibilisierten Arbeit, getan werden muss,
müssen wir verstehen, wie die kapitalistische Übernahme
der sozialen Begehren vor sich gehen konnte.
Aufstieg
und Fall der Allianz der kognitiven Arbeit und des rekombinanten
Kapitals
Während
der letzten Dekaden hat die Informatisierung der Maschinen
eine wichtige Rolle in der Flexibilisierung der Arbeit
gespielt, zusammen mit der Intellektualisierung und
der Immaterialisierung in den wichtigsten Zyklen der
Produktion. Die Einführung neuer elektronischer Technologien
und die Informatisierung der Produktionszyklen öffnete
den Weg für die Erschaffung eines globalen Netzwerks
der Info-Produktion, das deterritorialisiert war, delokalisiert
und depersonalisiert. Das Subjekt der Arbeit konnte
mehr und mehr mit dem globalen Netzwerk der Info-Produktion
identifiziert werden. Die IndustriearbeiterInnen verweigerten
ihre Rolle in der Fabrik und erlangten die Freiheit
von der kapitalistischen Herrschaft. Aber diese Situation
brachte die KapitalistInnen dazu, in arbeitssparende
Technologien zu investieren und die technische Zusammensetzung
des Arbeitsprozesses zu verändern, um die gut organisierten
IndustriearbeiterInnen hinauszuwerfen und um eine neue
Organisation der Arbeit zu schaffen, die flexibler sein
konnte.
Intellektualisierung
und Immaterialisierung der Arbeit sind die eine Seite
der sozialen Veränderungen der Produktionsweisen. Die
planetare Globalisierung ist die andere Seite. Immaterialisierung
und Globalisierung sind subsidiär und komplementär.
Die Globalisierung hat in der Tat eine sehr materielle
Seite, weil die industrielle Arbeit im postindustriellen
Zeitalter nicht einfach verschwindet, sondern in die
geographischen Zonen migriert, wo es möglich ist, niedrige
Löhne zu zahlen, und wo die Regulierungen ungenügend
umgesetzt werden.
In
der letzten Nummer des Magazins Classe
operaia 1967 schrieb Mario Tronti, das wichtigste
Phänomen der nächsten Dekaden werde die Entwicklung
der Arbeiterklasse auf globaler und planetarischer Ebene
sein. Diese Intuition war nicht auf einer Analyse des
kapitalistischen Produktionsprozesses begründet, sondern
basierte auf dem Verständnis der Transformation der
sozialen Zusammensetzung der Arbeit. Die Globalisierung
und die Informatisierung konnten als ein Effekt der
Arbeitsverweigerung in den westlichen kapitalistischen
Ländern vorhergesagt werden. Während der letzten zwei
Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts wurden wir Zeugen
einer Art von Allianz zwischen dem rekombinanten Kapital
und der kognitiven Arbeit. Ich nenne jene Sektoren des
Kapitalismus rekombinant, die nicht eng mit einer bestimmten
industriellen Anwendung verbunden sind, sondern schnell
von einem Ort zum anderen transferiert werden können,
von einer industriellen Anwendung zur anderen, von einem
Sektor der ökonomischen Aktivität zum anderen, usw.
Das Finanzkapital etwa, das die zentrale Rolle in der
Politik und in der Kultur der 90er einnimmt, kann rekombinant
genannt werden.
Die Allianz
der kognitiven Arbeit und des Finanzkapitals hat wichtige
kulturelle Effekte hervorgebracht, wie die ideologische
Identifikation von Arbeit und Unternehmen. Die ArbeiterInnen
wurden dazu angehalten, sich als UnternehmerInnen zu
sehen, und das war nicht ganz falsch, in der Dotcom-Periode,
als der kognitive Arbeiter sein eigenes Unternehmen
gründen konnte, indem er bloß seine intellektuelle Arbeitskraft
als Einsatz zu investieren brauchte (eine Idee, ein
Projekt, eine Formel). In dieser Periode definierte
Geert Lovink in seinem bemerkenswerten Buch Dark Fiber
die Dotcom-Mania. Was war die Dotcom-Mania? Wegen der
Massenbeteiligung am Zyklus der Finanz-Investitionen
in den 90ern kam ein breiter Prozess der Selbstorganisierung
von kognitiven ArbeiterInnen in Gang. Kognitive ArbeiterInnen
investierten ihre Expertise, ihre Wissen und ihre Kreativität
und fanden am Aktienmarkt Mittel, um Unternehmen zu
gründen. Für einige Jahre wurde die Unternehmensform
der Punkt, an dem sich Finanzkapital und hochproduktive
kreative Arbeit trafen. Die libertäre und liberale Ideologie,
die die (amerikanische) Cyberkultur der 90er dominierte,
idealisierte den Markt, indem sie ihn als bloße Umwelt
darstellte. In dieser Umwelt, die so natürlich war wie
der Kampf um das Überleben der Stärksten, der die Evolution
möglich macht, würde die Arbeit die nötigen Mittel dazu
finden, um an Wert zu gewinnen und ein Unternehmen zu
werden. Einmal seiner eigenen Dynamik überlassen, war
das netzförmige ökonomische System dazu bestimmt, die
ökonomischen Gewinne für jedermann zu optimieren, sowohl
für die BesitzerInnen als auch für die ArbeiterInnen;
auch deswegen, weil die Unterscheidung zwischen BesitzerInnen
und ArbeiterInnen zunehmend schwer wahrzunehmen ist,
wenn jemand in den virtuellen Produktionskreislauf eintritt.
Dieses Modell, das von Autoren wie Kevin Kelly theoretisiert
wurde und vom Magazin Wired in eine Art digital-liberalistischer, arroganter und triumphalistischer
Weltanschauung verwandelt wurde, ging in den ersten
paar Jahren des neuen Millenniums bankrott, gemeinsam
mit der New Economy und einem großen Teil der Armee
der selbstständigen kognitiven UnternehmerInnen, die
die Dotcom-Welt bevölkerten. Es ging bankrott, weil
das Modell eines perfekten freien Marktes eine praktische
und theoretische Lüge ist. Was der Neoliberalismus auf
Dauer beförderte, war nicht der freie Markt, sondern
das Monopol. Während der Markt als ein Freiraum idealisiert
wurde, in dem sich Wissen, Expertise und Kreativität
treffen, zeigte die Realität, dass die großen herrschenden
Gruppen auf eine Weise arbeiten, die weit davon entfernt
ist, libertär zu sein, technologische Automatismen einführt,
sich selbst mit der Macht von Geld oder Medien durchsetzt
und schließlich die Masse der AnteilseignerInnen und
kognitiven ArbeiterInnen schamlos enteignet.
In
der zweiten Hälfte der 90er fand ein veritabler Klassenkampf
innerhalb des Produktionskreislaufs der Hochtechnologie
statt. Die Entstehung des Internet wurde durch diesen
Kampf geprägt. Der Ausgang des Kampfes ist im Moment
noch unklar. Sicherlich erwies sich die Ideologie eines
freien und natürlichen Marktes als grober Fehler. Die
Idee, dass der Markt als bloße Umwelt für eine auf gleicher
Ebene stattfindende Konfrontation der Ideen, Projekte,
die produktive Qualität und die Nützlichkeit von Dienstleistungen
funktioniert, wurde von der bitteren Wahrheit des Kriegs
weggefegt, den die Monopole führten gegen die Menge
der selbstständigen kognitiven ArbeiterInnen und gegen
die etwas lächerliche Masse der "micro-traders".
Der Kampf ums Überleben wurde nicht von den Besten und
Erfolgreichsten gewonnen, sondern von denjenigen, die
ihre Waffen zogen; die Waffe der Gewalt, des Raubs,
des systematischen Diebstahls und der Verletzung jeder
legalen und ethischen Norm. Die Bush-Gates-Allianz sanktionierte
die Liquidierung des Marktes, und an diesem Punkt endete
die Phase des internen Kampfes der virtuellen Klasse.
Ein Teil der virtuellen Klasse trat in den techno-militärischen
Komplex ein, ein anderer Teil (die große Mehrheit) wurde
aus den Unternehmen hinausgeworfen und an den Rand der
offenen Proletarisierung gedrängt. Auf der kulturellen
Ebene tauchen die Bedingungen für die Entstehung eines
sozialen Bewusstseins des Kognitariats auf, und das
könnte das wichtigste Phänomen der nächsten Jahre sein,
der einzige Schlüssel für die Lösung des Desasters.
Die Dotcoms
waren das Trainingslaboratorium für ein Modell der Produktion
und für einen Markt. Am Schluss wurde jedoch der Markt
besiegt und von den Großunternehmen erstickt, und die
Armee der selbstständigen UnternehmerInnen und MikrokapitalistInnen
wurde ausgeraubt und aufgelöst. So begann eine neue
Phase: Die Gruppen, die im Zyklus der Netzökonomie die
Vorherrschaft erlangten, schmieden eine Allianz mit
den herrschenden Gruppen der Old Economy (dem Bush-Klan,
einem Repräsentanten der Öl- und Rüstungsindustrie),
und diese Phase signalisiert eine Blockade des Projekts
der Globalisierung. Der Neoliberalismus brachte seine
eigene Negation hervor, und die, die seine am meisten
begeisterten UnterstützerInnen waren, wurden seine marginalisierten
Opfer.
Mit dem
Dotcom-Crash hat sich die kognitive Arbeit vom Kapital
entfernt. Die digitalen HandwerkerInnen, die sich in
den 90ern wie UnternehmerInnen ihrer eigenen Arbeit
fühlten, erkennen nun langsam, dass sie enttäuscht und
enteignet worden sind, und dies wird die Bedingungen
für ein neues Bewusstsein der kognitiven ArbeiterInnen
bilden. Die Letzteren werden erkennen, dass sie, obwohl
sie über die gesamte Produktivkraft verfügen, um deren
Früchte betrogen wurden von einer Minderheit von ignoranten
SpekulantInnen, die nur gut darin sind, die legalen
und finanziellen Aspekte des Produktivprozesses zu betreuen.
Der unproduktive Sektor der virtuellen Klasse, die RechtsanwältInnen
und BuchhalterInnen eignen sich den kognitiven Mehrwert
der PhysikerInnen und IngenieurInnen, der ChemikerInnen,
SchreiberInnen und MedienoperatorInnen an. Diese können
sich aber aus dem juristischen und finanziellen Rahmen
des Semiokapitalismus loslösen und ein direktes Verhältnis
mit der Gesellschaft aufbauen, mit den UserInnen: Dann
wird vielleicht der Prozess der autonomen Selbstorganisierung
der kognitiven Arbeit beginnen. Dieser Prozess ist übrigens
bereits im Gange, wie die Erfahrungen des Medienaktivismus
und die Erschaffung von Netzwerken der Solidarität für
die migrantische Arbeit zeigen.
Wir mussten
durch das Dotcom-Fegefeuer gehen, durch die Illusion
einer Fusion zwischen Arbeit und kapitalistischem Unternehmen,
und dann durch die Hölle der Rezession und des endlosen
Krieges, um das Problem klar zu sehen: Auf der einen
Seite das nutzlose und obsessive System der finanziellen
Akkumulation und der Privatisierung des öffentlichen
Wissens – die Erbschaft der alten industriellen
Gesellschaft. Auf der anderen Seite die produktive Arbeit,
die sich zunehmend in die kognitiven Funktionen der
Gesellschaft einschreibt: Die kognitive Arbeit beginnt
damit, sich als Kognitariat zu sehen, und Institutionen
des Wissens, der Kreativität, der Aufmerksamkeit, der
Erfindung und der Erziehung zu errichten, die unabhängig
vom Kapital sind.
Fraktalisierung,
Verzweiflung und Selbstmord
In
der Netz-Ökonomie hat sich die Flexibilisierung in eine
Form der Fraktalisierung der Arbeit verwandelt. Fraktalisierung
bedeutet die Fragmentierung der zeitlichen Aktivitäten.
Der Arbeiter existiert nicht mehr als Person. Er ist
nur der austauschbare Produzent von Mikrofragmenten
rekombinanter Zeichen, der in den kontinuierlichen Fluss
des Netzwerks eingespeist wird. Das Kapital bezahlt
nicht mehr für die Verfügbarkeit des Arbeiters, um ihn
über einen Zeitraum hinweg auszubeuten, es bezahlt kein
Gehalt mehr, das die gesamte Bandbreite ökonomischer
Bedürfnisse einer arbeitenden Person abdeckt. Der Arbeiter
(bloß Maschine, die ein Gehirn besitzt, das für ein
Zeitfragment benutzt werden kann) wird für seine pünktliche,
gelegentliche, zeitlich begrenzte Leistung bezahlt.
Die Arbeitszeit wird fraktalisiert und in Zellen aufgeteilt,
zellularisiert. Zeitzellen sind im Internet zu kaufen
und das Großunternehmen kann erwerben, wie viele es
will. Das Handy (cell
phone, cellulario) ist das Werkzeug, das die Beziehung
zwischen dem fraktalen Arbeiter und dem rekombinanten
Kapital am besten charakterisiert. Die kognitive Arbeit
ist ein Ozean von mikroskopischen Zeitfragmenten, und
die Aufteilung in Zellen ist die Fähigkeit, Zeitfragmente
im Rahmenwerk eines einzigen Semio-Produkts zu rekombinieren.
Das Handy kann als Fließband der kognitiven Arbeit angesehen
werden.
Das ist
der Effekt der Flexibilisierung und der Fraktalisierung
der Arbeit: Was früher die Autonomie und die politische
Macht der Arbeiterschaft war, wurde zur totalen Abhängigkeit
der kognitiven Arbeit von der kapitalistischen Organisation
des globalen Netzwerks. Das ist der zentrale Kern der
Erschaffung des Semiokapitalismus. Was früher die Arbeitsverweigerung
war, ist jetzt eine vollständige Abhängigkeit der Emotionen
und des Denkens vom Informationsfluss. Und der Effekt
ist eine Art Nervenzusammenbruch, die den globalen "Geist"
(mente globale)
befällt und auch das hervorrief, was wir gewöhnlich
den Dotcom-Crash nennen. Der Dotcom-Crash und die Krise
des Finanzkapitalismus der Massen kann als Effekt des
Zusammenbruchs der ökonomischen Investition sozialer
Begehren verstanden werden. Ich verwende das Wort Zusammenbruch
in einem nicht-metaphorischen Sinn, als klinische Beschreibung
dessen, was im "Geist" der westlichen Gesellschaften
vor sich geht. Ich verwende das Wort Zusammenbruch,
um einen realen pathologischen Zusammenbruch des psychosozialen
Organismus auszudrücken. Was wir in der Periode gesehen
haben, die den ersten Anzeichen des ökonomischen Crashs
in den ersten Monaten des neuen Jahrhunderts folgte,
ist ein psychopathologisches Phänomen, der Zusammenbruch
des globalen "Geistes". Die intensive und
verlängerte Investition des Begehrens und der mentalen
und libidinösen Energien in Arbeit haben das ideale
psychische Umfeld für den Zusammenbruch geschaffen,
der sich nun auf dem Feld der Ökonomie in der Rezession,
auf dem Feld der Politik in der militärischen Aggression
und auf dem Feld der Kultur in Form einer Tendenz zum
Massenselbstmord manifestiert.
Die
Ökonomie der Aufmerksamkeit wurde während der ersten
Jahre des neuen Jahrhunderts zu einem wichtigen Thema.
Virtuelle ArbeiterInnen haben immer weniger Aufmerksamkeitszeit
zur Verfügung, sie sind in eine zunehmende Anzahl intellektueller
Aufgaben eingebunden, und sie haben keine Zeit mehr,
die sie ihrem eigenen Leben, der Liebe, der Zärtlichkeit
und der Zuneigung widmen können. Sie nehmen Viagra,
weil sie keine Zeit für das sexuelle Vorspiel haben.
Die Zellularisierung hat eine Art der Besetzung der
Lebenszeit bewirkt. Deren Symptome sind ziemlich evident:
Millionen von Schachteln Prozac, die jeden Monat verkauft
werden, die Epidemie von Aufmerksamkeitsstörungen unter
Jugendlichen, die Verbreitung von Drogen wie Ritalin
unter Schulkindern und eine sich verbreitende Epidemie
der Panik.
Das
Szenario der ersten Jahre des neuen Milleniums scheint
von einer wahren Welle der psychopathischen Erscheinungen
geprägt zu sein. Das Phänomen des Selbstmords ist weit
über die Grenzen des fanatischen islamischen Märtyrertums
verbreitet. Seit dem 11. September wurde der Selbstmord
zu einem wichtigen politischen Akt auf der globalen
politischen Bühne. Der aggressive Selbstmord darf nicht
als bloßes Phänomen der Verzweiflung und der Aggression
verstanden werden, sondern muss als Deklaration des
Endes gesehen werden. Die Welle des Selbstmords scheint
nahe zu legen, dass die Menschheit keine Zeit mehr hat
und dass Verzweiflung die verbreitetste Art ist, über
die Zukunft nachzudenken.
Und
nun? Ich habe keine Antworten. Was wir tun können, ist
nur das, was wir schon tun: Die Selbstorganisierung
der kognitiven Arbeit ist der einzige Weg, die psychopathische
Gegenwart zu überschreiten. Ich glaube nicht, dass die
Welt durch Vernunft beherrscht werden kann. Die Utopie
der Aufklärung hat versagt. Aber ich denke, dass die
Verbreitung selbstorganisierten Wissens ein soziales
Rahmenwerk schaffen kann, das eine unendliche Anzahl
von autonomen Welten enthält. Der Prozess der Erschaffung
des Netzwerks ist so komplex, dass er nicht durch menschliche
Vernunft gelenkt werden kann. Der globale "Geist"
ist zu komplex, um durch untergeordnete und auf einen
Ort beschränkte "Geister" erkannt und beherrscht
zu werden. Wir können die gesamte Kraft des globalen
"Geists" weder erkennen, noch kontrollieren,
noch beherrschen. Aber wir können den singulären Prozess
der Produktion einer singulären Welt des Sozialen lenken.
Das ist heute Autonomie.
Übersetzung
aus dem Englischen: Hito Steyerl
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