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Ich
werde hier den Begriff des öffentlichen Raums im Verhältnis
zum Konzept der sogenannten kulturellen Übersetzung
diskutieren. Dieses Konzept wurde in letzter Zeit (am
Ende der Achtziger und in den Neunzigern) innerhalb der
postmodernen – und vor allem postkolonialen –
Reflexion entwickelt, um einige ihrer drängendsten
Probleme zu lösen, wie etwa das Problem der Universalität
in der Kultur oder das Problem der Emanzipation im
sozialen und politischen Raum, den wir historisch – um
einen Begriff von Ernesto Laclau zu verwenden –
"jenseits der Emanzipation" sehen.
Lassen
Sie uns mit einer ganz konkreten Vision beginnen, die
die politische und kulturelle Zukunft der Europäischen
Union betrifft. In seinem letzten Buch, das dieses Jahr
auf deutsch veröffentlicht wurde, bearbeitet der französische
Philosoph und Postmarxist Étienne Balibar das Problem
einer gemeinsamen europäischen Kultur.
Er argumentiert, dass wir noch nicht sagen können, welche
Form eine solche europäische Kultur annehmen wird:
ob es eine mechanische Summe der nationalen Kulturen
der EU-Mitglieder oder – universalistischer – eine
Art Amalgam sein wird, das völlig neue Eigenschaften
besitzt.
Dennoch
gibt es etwas, das wir schon wissen: Eine gemeinsame
europäische Kultur – ebenso wie die europäische Demokratie
– braucht einen gemeinsamen europäischen öffentlichen
Raum. Und in der Konsequenz braucht dieser gemeinsame
öffentliche Raum, um zu funktionieren, eine gemeinsame
Sprache. Welche Sprache soll das sein? Englisch kann
diese Rolle nicht einnehmen, glaubt Balibar. Denn es
ist gleichzeitig mehr und weniger als eine gemeinsame
europäische Sprache. Es ist auf der einen Seite ein
globales Mittel der Verständigung, die unendlich viele
verschiedene Formen hat, und auf der anderen ist es
die nationale Sprache bestimmter Nationalstaaten.
"Die
‚europäische Sprache‘ ist kein Code, sondern eher ein
sich permanent veränderndes System verschiedener linguistischer
Gewohnheiten, die konstant in einem Prozess der Begegnung
involviert sind, mit anderen Worten: Es ist eine Übersetzung
(...), die Realität sozialer Übersetzungspraktiken (...)."
Wenn
eine Nation immer eine Sprachgemeinschaft ist, dann
kann Europa entsprechend dieser Idee nur als eine Art
Übersetzungsgemeinschaft vorgestellt werden. Natürlich
sehen wir uns hier sofort dem nächsten Problem gegenüber:
Wenn eine Nationalsprache – die, wie wir alle in unserer
Erziehung erfahren haben, immer schon national ist,
sowohl in ihrem Konzept als auch in ihrer Praxis – die
Eigenschaft hat, eine Nation zu errichten und sie zu
reproduzieren, was ist dann die soziale oder politische
Eigenschaft der Übersetzung als Sprache?
Balibar
gibt uns keine Antwort auf die Frage, welche neue Form
einer politischen Gemeinschaft in der Europäischen Union
entwickelt werden soll. Er schlägt stattdessen eine
neue kulturelle Revolution vor, von der er erwartet,
dass sie das Problem zu lösen vermag. Diese Revolution
soll damit beginnen, das immer noch dominante Konzept
der Erziehung aufzugeben, das auf Humboldts Sprachphilosophie
beruht, welche der Sprache eine wichtige Rolle im Prozess
der Nationenbildung zuschreibt. Balibars Gegenkonzept
– das der europäischen Sprache als Übersetzung – ist
nicht einfach eine Utopie. Balibar findet es schon praktisch
realisiert vor, nämlich auf zwei Ebenen: Die erste Ebene
ist die der intellektuellen Elite in der Tradition von
wurzellosen, exilierten Schriftstellern und Intellektuellen
wie etwa Heine, Joyce, Canetti, Conrad usw.; die zweite
Ebene ist die der MigrantInnen, die die unterste Stufe
in der Hierarchie des europäischen Arbeitsmarkts einnehmen.
Dennoch ist die größte und immer noch dominante mittlere
Ebene – die der monolingualen nationalen Schulsysteme
– noch nicht ernsthaft durch das Konzept der Übersetzung
herausgefordert worden, hebt Balibar hervor.
Besonders
interessant an Balibars Version eines neuen europäischen
öffentlichen Raums, der durch Übersetzungspraktiken
produziert wird, ist, dass er ihm einen genuin politischen
– sogar emanzipatorischen – Effekt zuschreibt. Er glaubt,
dass das Konzept der Übersetzung ein Modell für eine
neue Praxis eines globalen Informationsaustauschs bereitstellt,
das uns eine Möglichkeit dazu gibt, der Globalisierung
durch neue Formen kulturellen Widerstands entgegenzutreten
und eine Art Gegenmacht jenseits der hegemonialen identitären
Logik zu errichten, jenseits der, wie Balibar schreibt,
"nationalen Sprachkultur".
Lassen
Sie mich an diesem Punkt die zentrale Frage stellen:
Wie befreit, wie emanzipiert Übersetzung eigentlich,
wie bringt sie einen "positiven" sozialen
Wandel hervor?
In
der Antwort auf diese Frage werde ich mich auf die Übersetzungsmodelle
konzentrieren, die den Begriff der Übersetzung auf
eine direktere Art mit einer emanzipatorischen Potenzialität
aufladen und mit einer subversiven politischen und kulturellen
Wirkungsweise. Es gibt grundsätzlich zwei Modelle dieser
Art. Ich werde sie das dialektische und das transgressive
Modell nennen.
Das
erste gehört zur intellektuellen Tradition der Frankfurter
Schule und ihrer theoretischen Rezeption der Psychoanalyse.
Es ist bekannt, dass Habermas die Psychoanalyse als
paradigmatisches Beispiel einer kommunikativen Praxis
darstellt, die einen emanzipatorischen Effekt hat. In
Erkenntnis und
Interesse versteht er Verdrängung, einen der wichtigsten
psychoanalytischen Begriffe, gemäß dem so genannten
"Exkommunikationsmodell". Unter dem Druck
gegebener sozialer Normen werden einige Symbole aus
der Sphäre der öffentlichen Kommunikation entfernt oder
isoliert, etwa jene, die, um ein klassisches Beispiel
zu verwenden, die erotischen Gefühle des Jungen gegenüber
seiner Mutter symbolisieren.
Die Exkommunikation
dieser Symbole wird von Habermas auch als Privatisierung
ihrer Bedeutung beschrieben. Der psychoanalytische
Begriff der Verdrängung wird schließlich eine Art repressiver
Produktion einer Privatsprache.
Die Aufgabe
der Psychoanalyse ist also, diese Privatsprache, die
von den PatientInnen pathologisch verwendet wird, in
eine "öffentliche Sprache" rückzuübersetzen.
In der Traumdeutung
definiert Freud selbst die Interpretationen, die ihm
durch die Psychoanalyse angeboten werden, als "Übersetzungen
aus einer fremden Art des Ausdrucks in diejenige, die
uns bekannt ist".
Die Therapie
hilft den PatientInnen, den verkrüppelten, amputierten,
korrumpierten Text ihrer Privatsprache zu lesen und
diese verzerrte Form des Ausdrucks in die Ausdrucksform
des öffentlichen Ausdrucks zu übersetzen. Dies soll
jedoch auch einen emanzipatorischen Effekt haben. Die
Therapie emanzipiert die Erinnerungen der Patienten,
die durch ihre Krankheit blockiert waren, sodass sie
in die Lage gesetzt werden, ihre eigene Lebensgeschichte
zu rekonstruieren, was bedeutet, dass sie fähig werden,
den Prozess ihrer eigenen Formation oder ihres eigenen
Bildungsprozesses zu reflektieren.
Das hat
natürlich soziale Konsequenzen: Ein kranker Mann, der
wegen seiner Krankheit aus der Gemeinschaft ausgeschlossen
wurde, kommt aus dem Ghetto seiner Privatsprache heraus
und wird wieder ein Mitglied der Gemeinschaft, die immer
schon eine Sprachgemeinschaft ist, oder einer Gemeinschaft,
die durch Kommunikation generiert wurde.
Der
ganze Prozess dieser Reintegration des Ausgeschlossenen
– also beides: die Rückkehr des ausgeschlossenen symbolischen
Inhalts in die Sphäre der öffentlichen Kommunikation
und die Rückkehr des ausgeschlossenen Individuums in
die Gemeinschaft – wird von Habermas mit dem alten hegelianischen
Begriff der Selbstreflexion erklärt. Diese Selbstreflexion
identifiziert er explizit mit Übersetzung: "Übersetzung
des Unbewussten ins Bewusstsein". Es ist nur die
(Selbst-)Reflexion als Übersetzung, die die Verdrängung
schließlich aufheben kann. Was der Prozess der Selbstreflexion
schließlich hervorbringt, ist Transparenz: auf der einen
Seite die Transparenz der eigenen Existenz und auf der
anderen die der Gesellschaft als ganzes. Die rationale
Transparenz ist daher die conditio sine qua non des
öffentlichen Raums.
Dieser
Akt der Selbstreflexion als Übersetzung ist genau das,
was die Emanzipation hervorbringt – die rationale Wiederaneignung
des eigenen entfremdeten Selbst, das aufgrund einer
mentalen Störung verdrängt wurde und dadurch intransparent
und opak gemacht wurde. Dieses Konzept des öffentlichen
Raums stellt jedoch einen genuin dialektischen Prozess
dar. Es hat daher auch seine eigene Kraft, die nur in
dialektischen Begriffen vorgestellt werden kann – als
Subjekt, das sich seine entfremdete Substanz wiederaneignet.
Innerhalb
des so genannten postmodernen und postkolonialen Diskurses
wurde das Konzept der Übersetzung und ihre politische
Bedeutung völlig anders definiert. Zunächst hat sich
die Art, wie wir den historischen Raum und die politischen
Probleme verstehen, die diesen Raum dominieren, völlig
verändert. Statt des Habermas'schen öffentlichen Raums,
der seine fixierte politische Bedeutung innerhalb des
Nationalstaats hatte und die eigentliche Essenz seines
demokratischen Charakters darstellte, ebenso wie einen
normativen Erzeuger einer demokratischen Verbesserung
der breiteren internationalen politischen Gemeinschaft,
die nur in Kant'schen Begriffen einer Welt vorgestellt
werden kann, die fortschreitet und sich in Richtung
des ewigen Friedens fortentwickelt, haben wir es im
neuen postmodernen Raum mit einem endlosen politischen
Spiel verschiedener Identitäten zu tun, die fast vollständig
kulturell definiert sind.
Im
historischen Raum, der ausschließlich durch die wechselseitigen
Beziehungen dieser Identitäten geformt wird, gibt es
keinen Platz mehr für ein Subjekt der Geschichte oder
des politischen Wandels, es gibt keinen gemeinsamen
öffentlichen Raum mehr, der gemäß irgendeiner Art von
universalistischer Logik verstanden werden kann, es
gibt kein Fundament der Gesellschaft mehr, wie etwa
die bekannte materielle, ökonomische Basis der sozialen
Totalität in der marxistischen Theorie, es gibt keine
große Erzählung einer universalen Emanzipation mehr,
usw.
Innerhalb
dieses Kontextes hat sich der Begriff des öffentlichen
Raums ebenfalls verändert. Der öffentliche Raum nimmt
nun nicht mehr den zentralen Raum der Gesellschaft ein,
weder auf der Ebene des Nationalstaats noch auf der
supra- oder internationalen Ebene. Wenn wir über die
Bedeutung von öffentlichem Raum in unseren Gesellschaften
sprechen oder wenn wir über die sogenannte Weltöffentlichkeit
sprechen, verwenden wir den Begriff nur auf eine deskriptive
Weise. In der Wirklichkeit können wir ihm keinen wesentlichen
politischen Gehalt mehr zuschreiben. Der öffentliche
Raum, sowohl im nationalen wie auch im internationalen
Kontext, ist nicht mehr wie früher der Raum der politischen
Veränderung. Das passiert nicht, weil der öffentliche
Raum irgendwie schwach geworden ist, oder weil er einfach
seine Wichtigkeit und seine politische Bedeutung verloren
hat. Es ist die Idee der politischen Veränderung selbst,
die aus unserem politischen und historischen Horizont
verschwunden ist. Es ist das Konzept der sozialen Veränderung,
über das wir nicht mehr sprechen können, nicht nur der
Verlust an politischer Bedeutung des öffentlichen Raums.
Statt
der politischen Veränderung – die unvorstellbar geworden
ist – sprechen wir jetzt von kultureller Subversion.
Wenn der öffentliche Raum in diesem Sinne immer noch
eine politische Bedeutung hat, kann diese nur in Begriffen
der kulturellen Subversion definiert werden. Es ist
dies jedoch nicht mehr der alte Begriff des öffentlichen
Raums, der die zentrale Rolle in der demokratischen
Reproduktion der alten modernistischen, aufgeklärten,
transparenten Gesellschaft spielte.
Dieser
Umstand bezieht sich auch auf die so genannte postkoloniale
Situation. Im Gegensatz zu Habermas und seiner spätmodernen
Vision der sozialen Rolle des öffentlichen Raums, ist
der Begriff der Übersetzung in der postkolonialen Theorie
nicht direkt mit dem Konzept des öffentlichen Raums
verknüpft. Es ist nunmehr der sogenannte Dritte Raum,
der auf eine völlig verschiedene Weise die politische
und soziale Rolle des öffentlichen Raums übernimmt.
Der Dritte Raum ist der Raum der Hybridität oder – wie
Homi Bhabha in The
location of culture schreibt – der Raum der Subversion,
der Transgression, der Blasphemie, der Häresie. Bhabha
glaubt, dass Hybridität – und kulturelle Übersetzung,
die für ihn ein Synonym der Hybridität ist – in sich
selbst politisch subversiv ist. Hybridität ist auch
der Raum, in dem alle binären Aufteilungen und Antagonismen,
die für moderne Konzeptionen typisch sind, inklusive
der alten Opposition zwischen Theorie und Politik, nicht
mehr funktionieren.
Statt
des dialektischen Konzepts der Negation spricht Bhabha
nunmehr über die Verhandlung oder Übersetzung als den
einzigen Weg, die Welt zu verändern und etwas politisch
Neues hervorzubringen. Eine emanzipatorische Erweiterung
der Politik ist für ihn nur auf dem Feld der kulturellen
Produktion möglich: "Formen der populären Rebellion
und der Mobilisierung sind oft am meisten subversiv
und transgressiv, wenn sie durch oppositionelle kulturelle
Praxen geschaffen werden."
Innerhalb
der postkolonialen Konzeption der kulturellen Übersetzung
verliert der öffentliche Raum seinen autonomen politischen
Status. Er verschwindet als ein unabhängiger Faktor
und wird durch eine erweiterte Sphäre der Kultur verschluckt,
die zum einzigen Ort politischer Veränderungen geworden
ist. Wir haben es hier mit der "durchdringenden
Hegemonie der Kultur selbst, als einem nicht transzendierbaren
Horizont"
zu tun.
Die
amerikanische feministische Philosophin Judith Butler
verwendet das Konzept der kulturellen Übersetzung,
um eines der traumatischen Probleme des postmodernen
Denkens zu lösen – das Problem der Universalität.
Für Butler gibt es keine Kultur, die universelle Bedeutung
beanspruchen könnte. Dies heißt jedoch nicht, dass es
nichts Universelles in der Art gibt, in der wir heute
die Welt wahrnehmen. Die Universalität ist für sie
zum Problem der interkulturellen Übersetzung geworden.
Butler erklärt sie ähnlich wie das Habermas'sche "Exkommunikationsmodell".
Der Effekt der Universalität wird durch die Dynamik
des Auschließungs-/Einschließungsprozesses produziert.
Butlers
Formel lautet: Universalität kann nur als Antwort auf
ihr eigenes ausgeschlossenes Außen formuliert werden.
Das, was aus dem existierenden Modell der Universalität
ausgeschlossen wurde, setzt dieses Konzept – von seinem
eigenen Außen her – unter Druck, weil es in das Konzept
eingeschlossen und davon akzeptiert werden will. Dies
kann jedoch nur dann passieren, wenn dieses Konzept
selbst, soweit wie es notwendig ist, verändert wird,
um das Ausgeschlossene einzuschließen. Als ein Resultat
dieses Drucks wird das existierende Konzept von Universalität
schließlich reartikuliert. Der Prozess, durch den das
Ausgeschlossene wieder in der Universalität zugelassen
wird, wird von Butler als Übersetzung bezeichnet. Die
kulturelle Übersetzung allein – als eine "Wiederkehr
des Verdrängten" – befördert die heutige Demokratie.
Sie fördert sie durch subversive Praxen, die die alltäglichen
sozialen Beziehungen verändern.
Lassen
Sie uns noch einmal hervorheben: Die Art, in der die
soziale Veränderung hervorgebracht wird, ist nicht dialektisch.
Sie ist stattdessen transgressiv. Sie geschieht nicht
als Ergebnis von Zusammenstößen zwischen sozialen Antagonismen,
also durch den Prozess der Vermittlung, sondern durch
eine unendliche Transgression der existierenden sozialen
und kulturellen Begrenzungen, durch gewaltfreie, demokratische,
übersetzende Verhandlungen. Dieses Modell beschreibt
präzise, wie das postmoderne Konzept des öffentlichen
Raums funktioniert. Tatsache ist, dass wir dieses Konzept
als selbstständigen politischen Agenten nicht mehr brauchen.
Dieses
Verständnis politischer Veränderung wurde einer Kritik
ausgesetzt, die unter ähnlichen Voraussetzungen der
postmodernen und/oder postkolonialen Reflexion artikuliert
wird, und die ebenfalls mit dem Begriff der Übersetzung
arbeitet. Ich spreche hier von Gayatri Spivaks Konzept
des "strategischen Essenzialismus". Spivak
weiß sehr gut, dass wir durch die heutige theoretische
Reflexion jede mögliche Identität radikal dekonstruieren
und ihren Essenzialismus einfach als Imagination, Konstruktion,
usw. entlarven können. Die Politik jedoch arbeitet noch
mit diesen essenzialistischen Identitäten – wie etwa
der Nation –, als wüsste sie nicht, dass es sich dabei
nur um Illusionen handelt. Wenn wir also eine reale
politische Veränderung herbeiführen wollen, schlägt
Spivak "einen strategischen Gebrauch des positivistischen
Essenzialismus in einem deutlich sichtbaren politischen
Interesse"
vor.
Das
ist der Grund, warum das Konzept des "strategischen
Essenzialismus" ebenfalls als Übersetzung verstanden
werden sollte. Denn die historische Situation, in der
wir leben, artikuliert sich in zwei verschiedenen Sprachen:
Die eine ist die der postmodernen anti-essenzialistischen
Theorie, die andere die einer parallelen, alten, essenzialistischen
politischen Praxis. Spivaks Konzept des "strategischen
Essenzialismus" erkennt einfach an, dass es keine
direkte Übereinstimmung zwischen beiden Sprachen gibt
– sie können nicht auf herkömmliche dialektische Weise
in einem dritten universellen Begriff aufgehoben werden,
der als eine dialektische Einheit der beiden funktioniert.
Es gibt daher nur einen möglichen Weg der Kommunikation
zwischen den beiden: den einer Art Übersetzung.
An diesem
Punkt sehe ich immer noch die Notwendigkeit der alten
politischen Kraft des öffentlichen Raums als einem Ort
der Übersetzung zwischen, sagen wir, einem tatsächlichen
Akt der kulturellen Subversion und der altmodischen
Machtpolitik. Denn Nationen – in der politischen Form
der Nationalstaates und der nationalen politischen Öffentlichkeit
– existieren immer noch, zumindest innerhalb der politischen
Realität, mit der wir es zu tun haben. "Nationalstaaten
bedeuten für die Geopolitik das, was Briefe für das
Alphabet bedeuten", schreibt Spivak. Sie findet,
dass der Nationalstaat immer noch "eine gute abstrakte
Kategorie für transnationale Diskriminierung ist",
die die tatsächlichen Machtverhältnisse artikuliert
und verständlich macht. Die existierende Weltordnung
ist immer noch als ein System von Nationalstaaten gegliedert.
Die Lösung
des Problems, das durch die Globalisierung gestellt
wird, kann jedoch nicht innerhalb eines einzelnen Nationalstaats
gefunden werden. Daher brauchen wir das, was Spivak
als "transnationale Lesefähigkeit"
bezeichnet. Das ist ein Weg, um mit unserer historischen
Situation in beiden Sprachen umzugehen: mit der der
theoretischen anti-essenzialistischen Dekonstruktion
und der anderen der altmodischen essenzialistischen
Machtpolitik. Dieser Weg der "transnationalen Lesefähigkeit"
suggeriert, dass der öffentliche Raum, mit dem wir uns
befassen und den wir (re)produzieren, etwa – um ein
Beispiel von besonderem Interesse zu wählen – im Rahmen
unserer Antiglobalisierungsproteste, schon immer ein
Raum der Übersetzung ist.
Aus
dem Englischen von Hito Steyerl
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