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Im November des
letzten Jahres sind wir nach Buenos Aires gekommen, um
ein Projekt mit dem Arbeitstitel ExArgentina
zu beginnen. Das Projekt verstand sich zunächst als
eine Form von ökonomiekritischer Untersuchung zur
Wirtschaftskrise in Argentinien und zu den
internationalen Lobbys, die davon profitieren. Unsere
Investigation stützt sich als künstlerische Praxis auf
den Begriff der Genealogie, wie er von Foucault
entwickelt wurde – eine partikulare und lokale Kritik,
die wie ein Bremsklotz auf globale und zentrale
theoretische Produktionen wirken würde. Wenn Foucault
von einem Aufstand des unterdrückten Wissens mit den
Methoden einer nicht effektivierbaren Wissenschaft
spricht, dann geht es in erster Linie um die
Sichtbarkeit dieses Wissens. Diese Nichteffizienz der
Methoden, die sichtbar machen, scheint übertragbar zu
sein auf das Reservoir von künstlerischen Kategorien,
die ihre optischen Instrumente in ihrer Anmaßung von
Autonomie sehr fein geschliffen haben. Die Methoden der
Sichtbarmachung dieses Wissens sind nicht austauschbar,
sondern sie sind wie die Inhalte Ausdruck einer
Involviertheit. Es geht also um keine letztgültige
Analyse, eher geht es um die Suche nach einer
Darstellungsweise, wie man das Wahrgenommene und die
Schlussfolgerungen, die Empörung und die Solidarität
so erinnerlich halten kann wie ein Gedicht oder ein
Bild, das erst in dieser Form zur "aktuellen
Taktik" werden kann.
Bewegung
sichtbar machen
Wir
blieben sieben Monate in Buenos Aires, reisten auch
nach Posadas, Tucuman, Cordoba und Bahia Blanca. Nach
dieser Zeit war es klar, dass es nicht nur um eine Form
der Untersuchung geht, sondern darum, wie eine soziale
Bewegung geschildert werden kann, die hier so eindringlich
präsent ist und in die viele der bisherigen TeilnehmerInnen
des Projektes involviert sind. Wir stehen also vor dem Problem, wie wir diese Bewegung schildern können,
und zwar in einem hegemonialen Bereich, der so sehr
und so häufig die Bilder ausbeutet, ihre Mitteilungen
domestiziert und sie einer Universalität unterwirft,
die jede Aussage unsichtbar macht. Wir stehen auch vor
der Herausforderung, uns an eine integre künstlerische
Praxis zu erinnern, die beweist, dass es möglich ist,
solche Bewegungen in Würde sichtbar zu machen.
In Argentinien begannen
wir, Reisebriefe zu schreiben – wie dieses altmodische
Literaturgenre aus dem 18. Jahrhundert, als die Briefe
eine Art Spiegelfunktion für die eigene Gesellschaft
hatten. Das ist genau das, was die aktuelle Beschreibung
der Zustände in Argentinien dem europäischen Blick antut.
Ein Teil des letzten Briefe scheint uns ein präzise
Beschreibung von dem zu sein, was "real public
space" sein könnte, wenn öffentlicher Raum nicht
mehr existiert, weil er komplett besetzt ist von privaten
ökonomischen Interessen oder der Exekutive. Für uns
ist "real public space" kein Ort, sondern
eine Situation. Im Brief beschreiben wir die Besetzung
des öffentlichen Raums durch die Wahlkampagnen und –
am Ende – eine dieser seltenen Situationen von "real
public space". Wir schrieben den letzten Brief,
als wir schon wieder in Deutschland waren. So…
"… beginnen
wir die Erzählung der Eindrücke vom Ende her und von
dieser neuartigen Erfahrung von Entfernung, die so ist,
als ob ein optisches Gerät nun nicht mehr taugt und
neu eingestellt werden müsste. Aber man kommt mit dem
Einstellen nicht nach, weil man sich selbst währenddessen
immer weiter entfernt. Oder es ist so, wie von dem Hintersitz
eines Autos aus durch die Heckscheibe nach hinten zu
starren – in diese rasende Verkleinerung der Dinge,
Personen und Ereignisse bis zu ihrem bloßen Punktsein.
Kampagnen
als totale Besetzung des öffentlichen Raums
An
diesem Ende ist Kirchner mit 22 Prozent der Stimmen
Präsident von Argentinien. Trotz 2 Prozentpunkten mehr
an Stimmen hat Menem auf eine Kandidatur zum zweiten
Wahlgang verzichtet. Auf unserem Bildschirm in Berlin
bleiben die Gesichter vom Sieger und vom Verlierer so
undeutlich wie in Live-Bildern von Personen in einer
Raumkapsel. Sie werden von nervösen Linien attackiert,
und sie erinnern uns sofort an die Porträts von Menem,
die erst ganz kurz vor der Wahl von den Kampagnenmachern
zugelassen wurden, um eine Beschmierung zu verhindern.
Es war ein abgewandtes Gesicht im Profil, von eben diesen
horizontalen Linien durchzogen, so als ob die Kamera
nur mit äußerster technischer Anstrengung diese Gestalt
einfangen konnte. So vielbeschäftigt ist diese Person,
die gerade aus einem Wagen in ein Gebäude eilt. Diese
Anstrengung tragen nun beide Gesichter. Aber vor dem
Bildschirm in Berlin ist dies zugleich nur ein Phänomen
von Entfernung und Gleichgültigkeit – irgendwelche Präsidentschaftswahlen
in irgendeinem unruhigen, bankrotten Land.
Hier wird die Wahl mit der Floskel:
ein Stocken im dringend notwendigen Reformprozess abgehandelt.
Schlimmstenfalls kommt Lopez Murphy als Alternative
vor – ein Law-and-Order-Despot, dessen Gesetzesvorschläge
darauf aus sind, Aufträge wie für sein eigenes Security-Unternehmen
zu schaffen. Er hat in Buenos Aires gewonnen, er hat
den größten Anteil der Stimmen erhalten, ebenso wie
im ersten Wahlgang Menem. 80 Prozent aller ArgentinierInnen
haben sich der Wahlpflicht gebeugt. Diesmal haben sie
die Wahlzettel nicht bemalt – kein Clement ohne Arme
–, sie haben keine Flüche darauf gekritzelt, noch Parolen
darauf geklebt – all das, was in der vorherigen Wahl
passierte und was eine deutliche Absage an diese Ja/Nein-Gehorsamkeit
war, ‚Freiheit‘ aufzuführen.
Wir schreiben dies so ausdrücklich
hin, weil wir zunächst nicht begreifen können. In den
80er Jahren wurde in der Provinz Tucuman eine Person
namens Bussi wieder gewählt. Er ließ alle Obdachlosen
aus der Stadt San Miguel de Tucuman ins Umland aussetzen,
wo viele von ihnen verhungerten. In der Stadt war keine
Armut mehr sichtbar. Bussi war während der Juntazeit
bereits Gouverneur gewesen.
Was für eine Unterstellung
ist diese Geschichte? Wer wird damit als dumm verurteilt,
und wer als grausam? Die Unterstellung geht davon aus,
dass es eine Verbindung gibt – oder zumindest eine Projektion
von Verbindung – zwischen dem Wählen, den eigenen Absichten
und der eigenen alltäglichen politischen Situation.
Sie berücksichtigt nicht die Fiktionalität repräsentativer
Politik und die Gewalt, mit der diese Fiktionen sich
in die Wirklichkeit umsetzen.
Wir erinnern uns
nun an einzelne Wahlplakate mit ihrer Komik. Rodriguez
Saa stand vor Raffinerien mit der Überschrift ‚100 Prozent
Argentina‘, obwohl der Verkauf der Raffinerien an internationale
Konzerne die erste Welle von Massenarbeitslosigkeit
verursachte. Kirchner versprach ‚en serio‘ (im Ernst)
ein Land mit nationaler Industrie und einem funktionierenden
Gesundheitssystem. Menem, derjenige also, der eine Symbolfigur
für ‚die Krise‘ ist und der wegen Waffenschieberei und
Korruption voriges Jahr unter Arrest stand, bewarb sich
als Una Marca Registrada (eine eingetragene Marke).
In Uruguay gibt es einen Badeort, der Punta del Este
heißt und der zum größten Teil aus Apartmenthäusern
besteht, in denen reiche ArgentinierInnen wohnen. Dort
sahen wir einen Pavillon, der ganz zugeklebt war mit
Menem-Plakaten, ein Zirkuszelt mit einer geklebten blauweißen
Papierhaut und gekrönt von der Neonschrift ‚Menem‘ 2003.
Es kam uns so vor, als ob diese Plakate mit den Filmplakaten
von Familien- oder Anwaltsfilmen vor den großen Multiplexkinos
in den Einkaufscentern austauschbar geworden wären,
d.h. mit dem kollektiven Unterbewusstsein von Doris
Day, von Milchflaschen auf dem Rasen vor dem Bungalow,
von lichtdurchfluteten Versicherungsgebäuden, Schulen,
Hospitälern und Fabriken, von einem nationalen Wohlfahrtsstaat,
der die Bevölkerung pflegt und braucht. Diese Versorgung
hat ihre notwendige Ergänzung in der Bedrohung des Wohlstandes
von außen, im Ernstfall für Feinde von innen und in
einer Technik des Krieges, an dessen Produktion die
Familie beteiligt ist.
So weit zu dem Traum
der Wahlplakate in ihrer Nachbarschaft zum Kino. Wenn
dieser Traum die Wahrheit sein soll, dann nicht wegen
einer Nähe zur Realität, sondern wegen der Macht, die
seine öffentliche Präsenz durchsetzt. Die Wahrheit ist
unumstößlich, solange die Kampagne Wahlen ‚rollt‘ (wie
es in einem altmodischen Marketingdeutsch heißt). Dies
– diese unfehlbare Harmonie der Kampagne – wird finanziert
von IWF und Weltbank, weil ihr Ablauf sich selbst beweist.
Der IWF hat den Wahlboykott von vorigem Jahr als Mangel
an Bildung interpretiert. Das Geld für die Parteiapparate
ist also als eine Bildungsmaßnahme gedacht.
Es gab Kandidaten, die Reden
hielten, claquiert von einem ‚Volk‘, das aus den Provinzen
gecastet wurde und bezahlt mit Empanadas oder T-Shirts.
Man sagte, dass die Hochrechnungen in den Zeitungen
sich nach der Bezahlung der jeweiligen Parteien richteten,
ebenso wie manche Wetten anstellten, mit welchem Geldaufwand
wer wie viele Stimmen kauft. Es gab riesige Graffitis
auf Autobahnbrücken oder Unterführungen mit der Aufschrift
‚Menem / Romero‘ oder ‚Kirchner / Scioli‘. Gegen Ende
des Wahlkampfes wurden – im Auftrag derselben Peronistischen
Partei, aber des gegnerischen Lagers – Menem-Plakate
überklebt mit dem Slogan ‚Menem al Gobierno / Bush al
Poder‘ (‚Menem an die Regierung / Bush an die Macht‘).
Diese Polemik hat Raffinesse, weil sie einen gleich
lautenden Slogan kopiert, mit dem der Kandidat Hector
Campora sich 1973 nur an die Regierung wählen ließ,
damit der alte Peron an die Macht zurückkehren konnte.
So lautet der patriotische Mythos, der nun ‚beschmutzt‘
ist durch den Ersatz von Peron durch den verhassten
Bush. Dieselben Techniken also, die wir in Europa Kommunikationsguerilla
nennen mögen, sind in der Macht von Parteien, weil sie
bis in die Zeit zurückreichen, in der diese Parteien
verboten waren und Verbindungspersonen in den einzelnen
Barrios ihre Slogans an die Wand malten – nur dass sich
in den Jahren der Macht diese Subversivität in ein Instrument
von Kontrolle gewandelt hat.
Es ist sicher, dass
niemand an die Versprechungen der Plakate glaubte. Vielleicht
war die Entscheidung, zu wählen und die Wahlscheine
nicht in Unordnung zu bringen, nicht einer Logik der
Verheißung, sondern einer Logik jener Angst zu verdanken,
die die Kampagnen erregten wegen ihrer Allgegenwärtigkeit
und wegen der Drohungen, mit denen sie eskortiert wurden.
In der Fernsehwerbung wurden oft Armenviertel wie eine
Ermahnung gezeigt, es nicht dahin kommen zu lassen und
die eigene Haut noch einmal mit der eigenen Stimme vor
einem Sein in dieser Armut zu retten. Uns kam es so
vor, als ob diese Warnung von den reichen Funktionären
an eine Schicht von kleinen Leuten gerichtet wurde,
die ihre frische Dezimierung noch spürten und deren
ehemalige Nachbarn die letzte Welle von Obdachlosen
bildeten. Sie halten wie eine schmerzhafte Erinnerung
den Raum in der Stadt besetzt.
Kampagnen
der Vertreibung
Also
nun zur Stadt selbst, zu diesem physischen, von Armut
besetzten Raum. In der Stadt begann gleichzeitig mit
der Macht, Fiktionen präsent zu machen, eine Kampagne
der Vertreibung, eine Kampagne der Auslöschung von allen
Formen der Selbstorganisation, die als Symptom der Krise
betrachtet wurden. Zuerst wurden die besetzten Häuser
in Buenos Aires geräumt, die als Orte für Stadtteilversammlungen,
Volksküchen, kulturelle und politische Initiativen dienten.
Indymedia, die Chronistin dieser Vertreibungen und selbst
vertrieben bei der Räumung einer ehemaligen Bankfiliale,
zitiert Menems Versprechen: ‚die Straßen von Kommunisten
und anderen Delinquenten zu säubern, um das soziale
Chaos zu stoppen‘, die mit ähnlichen Äußerungen der
Konkurrenten austauschbar sind.
Einige Wochen vorher begann eine
Debatte in den Medien der etablierten Intelligenz über
die neuen sozialen Bewegungen und die westliche Rezeption,
die man unter dem Stichwort Turismo Piquetero zusammenfassen
kann. In dieser Diskussion gelang eine endgültige Verschiebung
der bisherigen Ursache der ‚Krise‘ – von der Korruption
einer Politikerkaste, die sich zusammen mit den internationalen
Finanzkonzernen bereicherte, hin zu den ‚Symptomen‘:
der Armut, dem Protest, der Selbstorganisation von Armen,
um weiterzuleben, den Forderungen nach Ermöglichung
des Überlebens, die sich eben nicht ausschließlich
an einen Staat richten, sondern an das Eigentumsparadigma
einer gesamten Klasse, der Impertinenz dieser Symptome,
nicht zu verschwinden. Dies alles wird zum Objekt des
Voyeurismus von Fremden. Aber welche Lust des Betrachtens
verbindet die Fremden mit den Personen, die sich organisieren?
Welche Majestätsbeleidigung ist es, nicht die Macht,
sondern ihr Abjekt zu studieren? Wir stellen diese Fragen
mit dem Nachdruck der Voyeure.
Als erstes wird ‚el Padelai‘
geräumt, ein seit 20 Jahren besetztes Haus, in dem zur
Zeit der Räumung über 500 Personen lebten. Die meisten
davon waren jünger als 18 Jahre. 300 Polizisten räumen
das Gebäude mit Tränengas und Gummigeschossen. Sie nehmen
86 Personen fest und verletzen mehr als 40. Es folgen
die Treffpunkte der Arbeitslosenorganisation San Telmo
und Florencia Varela, die Gemeinschaftsküche in Almirante
Brown, der Treffpunkt der H.I.J.O.S., das Haus der Asamblea
Paternal, das soziale Zentrum ‚Azucena Villaflor‘, um
nur einige der ersten zu nennen.
Indymedia schreibt: ‚Der Repressionsapparat ist überall
und ständig präsent. Vor jedem Supermarkt und jeder
Bank stehen Polizeitruppen mit ihren schusssicheren
Westen. Straßensperren gehören genauso zum Alltagsbild,
wie oftmals mit Maschinenpistolen ausgerüstete Robocops
auf politischen Protesten.‘ Wir haben diese Bilder
auch gesehen, aber sie haben uns zuerst nicht erschreckt
– so alltäglich war ihre Präsenz, und so unbedroht
lebten wir selbst hinter unserem Guckloch. Alle Maßnahmen
werden durch eine neue ‚Antiterror‘-Gesetzgebung legitimiert,
die genau ein Jahr nach dem 11. September durch
die US-Botschaft und die dazu autorisierten Beamten
der Legislative abgeschlossen wurde. Das Gesetz soll
eine Zusammenarbeit von Sicherheits- und Armeekräften
und den Geheimdiensten ermöglichen. Es ermächtigt diese
Organisationen, gegen ‚terroristische Kriminalität‘
auf bloßen Verdacht hin vorzugehen. Terroristische
Kriminalität kann alles bedeuten. Es ist dieselbe Willkür
und Entrechtung, die seit dem 11. September in beinahe
allen ‚Demokratien‘ passiert und einen neuen Standard
von Staatsgewalt setzt.
Ein
Sänger als Souverän seiner Präsenz
Die
Räumung der Anzugfabrik Brukman ist das zentrale Ereignis
im Wahlkampf von Buenos Aires. Brukman gehört zu den
ungefähr 180 selbstverwalteten Betrieben des Landes,
die täglich die Möglichkeit einer Produktion ohne Chef
und ohne Eigentümer beweisen. Am Karfreitag drangen
um 2 Uhr nachts circa 150 schwer bewaffnete Polizisten
in die Fabrik ein, auf Befehl des neuen Richters Grimoldi,
der ein Mitglied der Junta war. Die Clique des Präsidenten
Duhalde hatte diesen Richter in den Tagen zuvor in das
Amt eingesetzt und die Akten von Brukmann für geheim
erklärt. Sie bewies wieder einmal ihre schnelle Bereitschaft,
Politik zu militarisieren. Die Arbeiterinnen konnten
in kurzer Zeit eine große Menge von Personen mobilisieren,
die gegen diese Räumung vier Tage lang protestierten,
bis die Polizei die 7000 Menschen vor der Fabrik vertrieb,
verfolgte und viele gefangen nahm.
Die Tage zwischen der Räumung,
dem Protest und der Vertreibung machten deutlich, dass
es nicht so ist, als ob es zwei getrennte Parteien von
Macht und Empörung gibt, sondern dass sie verbunden
sind durch ein Gewebe von Vermittlungs- und Rechtsprechungsapparaten,
die von der einen Seite angerufen und von der anderen
Seite benutzt werden. In dem Bereich der Fiktionalität
des Wahlkampfes war die Räumung von Brukman ein Schauprozess,
der im Auf- und Abtreten der Instanzen und Einsprüche
die Unantastbarkeit des Privateigentums und den damit
einhergehenden Sinn von Staatsgewalt als dessen Schutz
beweist. Die Erklärung der beiden Richter, die die Räumung
anordneten, war, dass ‚in Hinblick auf ökonomische Interessen
keine Souveränität des Lebens und körperliche Unversehrtheit
gegeben ist‘. Sie ruft große Empörung hervor und wird
danach zurückgenommen, aber sie steht wie eine neue
Säule im Raum, wie eine Präambel zu einer neuen Verfassung.
Es ist aber nicht
richtig, zu sagen, dass ein Schauspiel aufgeführt wurde,
in dem nach und nach all diese Instanzen die Bühne betreten,
argumentieren und ihre Verbeugung machen. Man würde
dann alle gleichsetzen: das Arbeitsministerium, verschiedene
Polizeichefs, Richter, Staatsanwälte, Abgeordnete, Anwälte,
Journalisten, Arbeiterinnen, Männer, Frauen und Kinder.
Man würde alle als bloße Spieler vor der Kulisse von
Macht abtun, die schon am ersten Tag ihre Polizeitruppen
aufgestellt hat. Bevor man von Aufführung, Zweck und
Ausgang spricht, muss man sich erinnern an einzelne
Tage oder Stunden, an ihre Empörung und Schönheit. Wir
erinnern uns zum Beispiel an eine Nacht, in der ein
großes Tango-Orchester vor den Absperrungen spielte,
mit denen die Polizisten die Fabrik blockierten. Es
war anscheinend direkt vom Konzertsaal dorthin gekommen.
Der Sänger benutzte nur dann ein Megaphon, wenn bestimmte
Stellen des Liedes an die Polizisten gingen. Er sang
dann eigenartig leise und gespreizt. Es war klar, dass
der Sänger ein Souverän seiner Präsenz war, dass er
seine Präsenz nur zum Teil der Beschimpfung in das Verhältnis
zur Staffage von Macht stellte. Den großen Rest behielt
er denen vor, die auf den Bordsteinkanten der Straße
saßen oder auf dem Rasen im nah gelegenen Park."
Resümee
Wie viele andere
sind wir damit beschäftigt, Kohärenzen herzustellen
zwischen politischem Aktivismus, politischer Theorie
und politischer Kunst. Aber oft kommt uns das vor wie
ein Raum, der nur in unserem eigenen Kopf existiert,
oder so als ob es eine Einbahnstraße von politischen
Informationen und Debatten gibt, die wir im Bereich
der Kunst aufnehmen und zeigen können.
Vielleicht ist diese
Vermutung auch in sich falsch, weil sie von einem Austausch
ausgeht, der von Identität zu Identität geschmiedet
wird. So als ob wir als "Künstler" von "Argentinien"
berichteten vor "Hausbesetzern", "Medienaktivisten"
und "Philosophen". Nehmen wir diese Identitäten
als gegeben an, so ordnen sie sich automatisch zu einer
Pyramide, die auf dem Kopf steht. Die Aktivisten würden
die untere Spitze bilden – sozusagen "das Reale",
von der eine Linie zur Theorie abzweigt – eine normative
Beziehung, in der die Theorie die politische Aktion
beurteilt. Die andere würde zur Kunst abzweigen – eine
Beziehung der Verwertung, in der die künstlerische Arbeit
sich mit dem gesellschaftlichen Sinn der politischen
Aktivität auflädt. Sie wären zu vergleichen in ihrem
Aufbau mit den Gemälden in dem Raum des Istituto per
gli Studi Filosofici, in dem wir beim Workshop in Napoli
saßen, die von den banalen Wolkenrändern immer mehr
in die Höhe der Geisteswelt verwiesen.
Diese Schematisierung
wird schon von den verschiedenen Tätigkeiten und Engagements
der einzelnen Personen, die berichten, erschüttert.
So sind wir hier nicht als "Künstler" aufgetreten,
sondern eher als Reisende, die einen Bericht zur Zurichtung
und Freisetzung von öffentlichem Raum in Argentinien
vortragen. Und es wäre utilitaristisch, nun zu fragen,
wer etwas davon gebrauchen konnte, ob Adressen ausgetauscht
oder Kooperationen geplant wurden. Die Tage in diesen
Räumen taugen zu keinem schnellen Sinn, weil sie eben
zu dieser Ansammlung von nicht effektivierbarem Wissen
gehören.
Wir müssen uns aber
fragen, was passiert, wenn sich die Treffen wiederholen,
wenn sich viele von uns immer wieder treffen, berichten,
reden. Welcher Raum entsteht da und wie vermeidet man
es, sich aneinander abzunutzen? Ein Freund von uns
meinte, dass es eine politische Aufgabe sei, die Themen
lebendig zu halten. Wir glauben, dass das nur geht,
wenn man sie in ihrem aktuellen antagonistischen Verhältnis
denkt.
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