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Jürgen Schmidt 09/2003
another war is possible // volXtheater
 

Dieser Text handelt von Reisen. Fahrten zwischen politischem Aktivismus und artivistischer Praxis, künstlerischen und sozialen Räumen, über die Randlinien des Grenzregimes Europa. 2001 war das volXtheater auf einer sechswöchigen Tour und verband dabei geographisch die Orte des politischen Widerstands. Die Reise endete in der bekannt gewordenen Inszenierung der Gewalt des italienischen Staates in Genua.[1] 2002 machte sich die Gruppe auf den Weg nach Strasbourg, zu einem Camp, das vom internationalen noborder-Netzwerk organisiert worden war[2], um weiter zur documenta11 nach Kassel zu reisen.[3] 2003 ging die Fahrt vom Austrian Social Forum in Hallein zu einem Grenzcamp, das junge AktivistInnen in Rumänien organisiert hatten, weiter zu den Kunstevents des oberösterreichischen Festivals der Regionen und dem staatstragenden Spektakel der Kulturhauptstadt Europas, Graz 2003.

Von Anfang an war es die Idee der VolxTheaterKarawane, neue Formen von politischem Aktivismus, von Artikulation und Ästhetik zu finden. Die ständige Bewegung, das Hantieren mit modernsten Kommunikationswerkzeugen, Provokation und Intervention sind Ausdruck eines ständigen Versuchs, Praxen anzuwenden, die in der Lage sind, an der Inszenierung des öffentlichen Raums teilzunehmen und gestalterisch einzugreifen. Dieses Inszenieren von Öffentlichkeit und die damit verbundene Macht und Gewalt ist neben dem Nomadischen, dem Ausdruck der Bewegung, der zentrale Aspekt der Karawane. Ausgestattet ist das Projekt auf seinen Touren mit einem alten englischen Doppeldeckerbus, der als Bar, als Medienzone, als Chill-out, als Bühne und als Blickfang bei Demonstrationen und anderen Interventionen dient. In all diesen Definitionen arbeitet das Objekt als kommunikativer Faktor in der Öffentlichkeit.

Das Bild der Öffentlichkeit in verschiedenen Diskursen hat sich verändert. Lange wurde von feststehenden Machtverhältnissen ausgegangen, von Monumenten der Gewalt, die als eindeutig identifizierbare Objekte den öffentlichen Raum definieren. Heute wird dagegen von einem Fluss gesprochen, in dem alles einer ständigen Veränderung unterworfen ist. Die territorialen Abmachungen der Nationalstaaten verlieren an Kraft. Die verinnerlichten Identitäten, die sich an Kategorien wie Nationalität und Geschlecht, an sozialen Rangordnungen und einer neurotisch-faschistischen Körperlichkeit festmachen lassen, sind Veränderungen unterworfen.

Während also auf der einen Seite vieles in Bewegung gerät und dem Sesshaften entflieht, werden andererseits die Schranken, die Grenzen dieser Vielfalt in neuer Form sichtbar. Hier lässt sich die Auflehnung der Macht gegen derartige Verschiebungen erkennen. Migration wird als Bedrohung skizziert, und der "Strom der Flüchtlinge" trifft auf den Außenwall der Festung Europa. Im Zeichen der Terrorbekämpfung wird kanalisiert, überwacht, festgehalten und protokolliert. Getarnt als eine der Sicherheit der westlichen Zivilisation dienende Praxis werden Menschen vermessen und damit die rassistischen Stereotype, die körperlichen Zuschreibungen in eine neue Wissenschaftlichkeit gebracht. Es handelt sich dabei noch immer um faschistische Methoden, die Haarwurzeln röntgen und Gesichtsvermessungen zur Altersbestimmung von jugendlichen MigrantInnen heranziehen.

Für die VolxTheaterKarawane ist das Reisen, das Nomadische ein wesentlicher Ausdruck, um diesen Entwicklungen etwas entgegenzustellen: ein Leben nach der Urbanisierung, der Verfügbarmachung für die Ökonomie und damit letztlich der eigenen Unterwerfung. Nach den Gedanken von Deleuze/Guattari ist die Karawane eine Kriegsmaschine, die sich den Bedingungen nicht unterwerfen will, die geographische Verortung und identitäre Zuschreibungen auflösen will.[4] In ihrer Methodik durchbricht die Karawane dabei die Dichotomien von Kunst und Politik, sitzt quasi zwischen den Stühlen und wird von beiden Seiten skeptisch beobachtet. Als "aktivistische Autonome" im Kunstfeld kritisiert und als "blöde Künstler" im Raum des politischen Aktivismus dargestellt, versucht die Karawane, die jeweils herrschende Logik zu durchkreuzen.

 

strasbourg dsec // 2002 [http://dsec.info] 

Eingebettet in die Vorbereitungen zum ersten gemeinsam organisierten Camp des noborder-Netzwerks[5] sollte Database Systems to Enforce Control (dsec) in Zusammenarbeit mit dem Medienprojekt der VolxTheaterKarawane auf die Notwendigkeit einer Technologisierung der Bewegung hinweisen und gleichzeitig die Mythen zerstören, die rund um die Begriffe von Überwachung, Kontrolle und Technologie entstanden sind. Auf dem Strasbourger Camp wurden Workshops und Diskussionen zum SIS (Schengen Information System), zu technologischer Medienpraxis, zum Verhältnis von Geschlecht, Technologie und Empowerment abgehalten. Diskutiert wurden auch die Ansätze, mittels Technologien auf die durch Kommunikation produzierten öffentlichen Räume einzuwirken. Wenn wir davon ausgehen, dass Kommunikation den Raum produziert, wirkt jede Kommunikation in den Raum zurück: virtuelle ebenso wie so genannte reale. Sobald also virtueller Raum vorhanden ist, wird er unmittelbar und gleichzeitig im realen abgebildet.

dsec funktionierte auf dem Camp als eine Art Schnittstelle zu einer als "Außen" definierten Welt. Mittels Radiostreams, Text- und Bildberichten wurden die Aktionen von Strasbourg einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Bus der VolxTheaterKarawane war ein Satellit, der durch die ihm eigene Beweglichkeit nicht nur im Camp, sondern täglich auch am Bahnhof in Strasbourg anzutreffen war. Durch den Bus wurden, mittels Technologien im virtuellen und durch die physische Anwesenheit im realen Raum, eine Verbindung zum Camp geschaffen und gleichzeitig die virtuellen und die realen Kommunikationsräume miteinander in Verbindung gesetzt.

Zugleich ist das volXtheater in der Stadt unterwegs und versucht mit Provokationen und theatralen Inszenierungen in den Stadtraum zu wirken. Ein Bus der Fluglinie Lufthansa, für ihre Abschiebeflüge aus Deutschland mehr als genug bekannt, hält am Bahnhof und wartet auf Passagiere, um sie zum Flughafen zu befördern: ein Konzept der Mobilität für alle, die es bezahlen können und nicht deportiert werden. AktivistInnen der Karawane spannen vor dem Bus ein rot-weißes Band und vermitteln damit, dass das Wegfahren ausgeschlossen ist. Der Busfahrer ist sichtlich verwirrt. Die AktivistInnen sind in weiße Overalls gekleidet, mit Mundschutz vor dem Gesicht, und wirken erst auf den zweiten Blick wie eine Laiengruppe auf soziologischer Feldforschung. Der Busfahrer lässt sich durch das Auftreten und die Form der Kommunikation tatsächlich stoppen. Die Polizei wird geholt, das rot-weiße Band schließlich durchschnitten. Erst jetzt nimmt die Reise der Passagiere ihren weiteren Verlauf.[6]

 

provokativ und nicht verortbar

Ausgerüstet mit Computer, Kabel, Messinstrumenten, Kameras und einer Schaufel verlässt eine kleine Gruppe von AktivistInnen das Camp in Strasbourg. Ziel ist das Schengen Information System. Die Gruppe erreicht das Gebäude, ein kleines unscheinbares Anwesen, das nur durch die hohen Zäune auffällt, und beginnt am Rande des Zauns zu graben. Ein geeignetes Netzwerkkabel wird aus dem Loch befreit und an den mitgebrachten Computer gekoppelt. Die Polizei schreitet ein. Es sieht so aus, als ob Daten schnell vom SIS auf den Laptop übertragen werden, gleichzeitig durcheinander gebracht und damit den relationalen Logiken von Datenbanksystemen entrissen würden. Ein Polizist verlangt die Herausgabe des Geräts sowie das Einstellen des Filmens der gesamten Situation. Die Gruppe kann nach wenigen Minuten den Ort verlassen und zurück zum Camp fahren. Dort wird die Geschichte in etwa in dieser Chronologie einem Journalisten erzählt. Daraufhin erscheint ein Artikel in Le Monde, der davon spricht, dass AktivistInnen des Camps das SIS gehackt hätten. Die Unvorstellbarkeit dieser Tat bewirkt schließlich eine Mystifizierung. Auch innerhalb des Camps geht das Gerücht: Es ist gelungen. Die Frage, wohin die TäterInnen kommunizieren, in welche soziale Struktur sie intervenieren wollen, bleibt offen. In den Praxen auf dem Camp selbst und in den Diskursen der Reflexion über das Projekt wurde dsec als ein "silicon valley" am rande des Camps dargestellt, durch die imaginierte Grenze der AktivistInnen territorial der Fremde zugeordnet.[7]

 

documenta11 // Nichtrepräsentation im öffentlichen Raum

Nach ihrer Teilnahme am Camp in Strasbourg reiste die Karawane nach Kassel zur documenta11: "einer Einladung folgend", stand in der Presseaussendung, die über die Medien verbreitet worden war. In Kassel angekommen, wurde der Platz vor dem Fridericianum besetzt. Eine Gruppe von Roma-Familien forderte ihr Bleibe- und Selbstbestimmungsrecht in einem 24-Stunden-nobordercamp[8], der documenta-Plattform6. Auf der Wiese vor dem Fridericianum wurden Zelte aufgeschlagen und sternförmig ausgerichtet. Der Infopoint beim Fridericianum war Anlaufstelle, Diskussionszone und oftmals Streitplattform mit dem Sicherheitsbeauftragten der documenta, mit Presse und BesucherInnen.

 

timisoara .ro 

Beim noborder-Treffen in Wien im Dezember 2002 waren zum ersten Mal AktivistInnen aus Rumänien dabei. Nach Wien gekommen waren sie mit der Idee, ein Grenzcamp nahe der ungarisch-rumänischen Grenze zu errichten. Gemeinsam mit vielen anderen Leuten wollten sie die Situation in Rumänien thematisieren, die durch den Zerfall der kommunistischen Regimes, den "großen Aufstand" der Menschen in Rumänien und schließlich die Erweiterung der EU gekennzeichnet sind. Das nächste Treffen des noborder-Netzwerks fand dementsprechend im Mai in Timisoara statt und war auch als Vorbereitungstreffen für das Camp geplant.

Im Juni 2003 reisten ca. 70 Personen nach Timisoara, um sich an dem Camp zu beteiligen. An dieser Stelle trafen sich auch geographisch die Wege der "freedom of movement tour" und der VolxTheaterKarawane. Gemeinsam sollte ein Medienlabor entstehen, das unabhängig von den staatlich organisierten Anbindungen ans Netz arbeiten kann. Zu diesem Zweck wurde eine Satellitenverbindung vom nobordercamp aufgebaut. Der Bus der Karawane diente als eine Art Internetcafe mit Dauerbetrieb in der Bar. In erster Linie wurde am Camp aber diskutiert, Formen der Vernetzung und der Zusammenarbeit ausgetauscht und erarbeitet. Über die Medienlounge war es möglich, die Ereignisse im Camp mit anderen, gleichzeitig stattfindenden Ereignissen zu verknüpfen. Nach wenigen Tagen scheiterte das Experiment: Die Anlage ging zu Bruch.

Am letzten Tag des Camps kam es zu einer Demonstration in Timisoara, im Mittelpunkt stand die Forderung: "freedom of movement // globalisation now // freedom of communication".[9]

 

festival der regionen // die kunst der feindschaft 

Nach Timisoara reiste die VolxTheaterKarawane weiter, zum Festival der Regionen in Oberösterreich. Fünf Tage Zeit, um entlang der B1 zu reisen, mit Ausstellung, Videos und Erzählungen das Projekt und die Arbeitsweisen zu präsentieren. So lautete die Abmachung zwischen dem Kunstfestival und der Karawane. Besonders die Aufgabe, die eigenen Arbeitsweisen innerhalb des Festivals präsentieren zu können, erwies sich als eine Herausforderung, auf die die Karawane gerne eingehen wollte. Noch ein Wort, das Thema lautete "Die Kunst der Feindschaft".

Der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer ist ein besonders geeigneter Feind. Er war eingeladen worden, die Eröffnungsrede für das Festival zu halten. Die Karawane lud sich selbst ein, als Fanclub, der "ihren Peppi, ihr großes Vorbild" begrüßen wollte. Dabei kam es zum ersten Eklat. Während die Festgäste den Worten lauschten, waren im Wald Dutzende Polizisten versteckt worden, wohl um für bevorstehende Terrorangriffe gewappnet zu sein. Dem Festivalleiter, der während der Veranstaltung eher kreidebleich erschien, wurde zur gelungenen Inszenierung der Feindschaft gratuliert und Landeshauptmann Pühringer konnte seine Rede nicht halten. Niedergesungen von seinen Fans, die es nicht lassen konnten, ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Überschwänglich wurde Josef mit einem hübschen Spruchband als "geile Sau" bezeichnet. Das brachte das erste Fass zum Überlaufen. Der Landeshauptmann konnte mit dieser Sexualisierung seiner eigenen Person nicht wirklich umgehen und folgerte: "Wenn das Kunst ist, so ist es an mir vorüber gegangen."[10]

Wenige Tage später nahm sich die Karawane der Biometrie an, ging als biologisches Vermessungsamt in das Lambacher Stiftsgymnasium und begann damit, die Kinder zu vermessen. Dabei wurde die Funktionsweise von Autorität und identitärem Denken sichtbar. Der Direktor der Schule konnte bis zum Schluss nicht verstehen, dass es sich um eine Theateraktion handelte, die sich als Bühne seine Schule gesucht hatte. ProfessorInnen wiesen die Kinder an, die den Braten bereits gerochen hatten, sich brav zu beugen und sich vermessen zu lassen. Nach kurzer Zeit wurde die Aktion abgebrochen und mit den SchülerInnen diskutiert. Die Gruppe verließ die Schule wieder und kehrte zum Bus zurück, der im Ortskern von Lambach stand. Kurze Zeit später tauchten Bürgermeister, Schuldirektor und einige besorgte Eltern auf. Nach langwierigen Diskussionen mit den Verantwortlichen konnte schließlich auch der Direktor wieder ein wenig Boden unter den Füßen erlangen und verstand letztlich auch simple Dinge wie die Tatsache, dass er Darsteller in einem Stück gewesen war, dessen Drehbuch er nicht verstehen konnte. Via Internet wurde die Kommunikation fortgesetzt. Der werte Schuldirektor schrieb Briefe und erboste sich über die Darstellung seiner Rolle.[11]

Staatsschutz und Festivalleitung, bereits in großer Aufregung und mit permanenten Anfragen konfrontiert, erbrachten beste Leistungen bei der Ausführung ihrer Aufgaben. Während die Karawane in Wels Station machte, sich einen Tag Pause gönnte und der Außenministerin via Internet den Krieg erklärte, war andernorts wieder ein panikähnlicher Zustand ausgelöst worden. Durch die Geschwindigkeit von Kommunikation schaukelte sich das Bild der Karawane bis zu Allmachtsphantasien auf. Erst als der Festivalleiter in Wels bei der Karawane sitzt und ihm die Polizei mitteilt, dass das gleiche volXtheater sich gerade in Linz auf eine Aktion vorbereite, wird das Spiel transparent.

Bei Donna Haraway ist das Spiel mit Kommunikation vor dem Hintergrund der Transformation einer "organischen Industriegesellschaft" zur "Informatik der Herrschaft" zu verstehen: ein Übergleiten von bekannten Hierarchisierungen und identitären Logiken zu einem Netzwerk, das in seiner Komplexität nicht zu begreifen ist. Diese "Informatik der Herrschaft" übersetzt alles in eine Sprache, in Code. Wenn diese Sprache angewandt wird, wenn versucht wird, auf dieser Ebene über Kommunikation in den öffentlichen Raum zu wirken, dann können dabei die Vorteile der Virtualität ausgenützt werden, um die Inszenierung der Öffentlichkeit zu beeinflussen. Auf dieser Ebene versuchte auch das Festival der Regionen, die Wahrnehmung des volXtheaters aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Unmittelbar nach der Kriegserklärung an die Außenministerin nahmen die BetreiberInnen den Link auf ihrer Website zum volXtheater aus dem Netz. Erst als dezidiert erklärt wurde, dass diese Aktion nicht im Zusammenhang mit dem Festival stehe, normalisierten sich die Beziehungen wieder. Nach langen Diskussionen über Vertrag und Umfang der Arbeit durfte schließlich auch virtuell wieder eine Öffentlichkeit über den Zusammenhang zwischen Festival der Regionen und dem volXtheater hergestellt werden.

In diesem Sinn wird die Reise auch weitergehen, immer einen Bezug zur Realität herstellend und sich dabei in virtueller und realer Öffentlichkeit frei bewegend: freie Bewegung auch im Überlegen von Aktionen jenseits der Wünsche von Festivalleitungen ("Auch die Kunst muss sich an die gesetzlichen Schranken halten"), die sich eben nicht von Gesetzen in die Schranken weisen lassen, die die Differenzen zwischen Kunst und Politik, zwischen Aktivismus und Theorismus nicht anerkennen. the caravan goes on...

http://no-racism.net/noborderlab 
http://zone.noborder.org
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http://no-racism.net/nobordertour 
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