|
Es
gibt nur eine Tugend: die Ohnmacht.
Robert Desnos
Ein
mikropolitisches Habitat
Im
Jänner 2001 haben Illegale - Sans-Papiers, die um ihre
Regularisierung
kämpften - das verlassene Gebäude der somalischen Botschaft
in Brüssel besetzt, um ihrem dringenden Bedürfnis nach
Unterkunft zu entsprechen.
Dieser
aufgrund des Bürgerkriegs in Somalia verwaiste Ort,
Eigentum eines verschwundenen Staates, sollte schnell
zur Universellen Botschaft
werden. Universell, weil sich die hier versammelten
Individuen der Diskriminierung bewusst sind, die durch
die Bindung an eine Nationalität produziert wird. Das
Gebäude wird seither ausschließlich von Sans-Papiers
bewohnt. Die Universal Embassy zielt auf Unterstützung
ab, und mithin auf Autonomie. Sie hilft ihren BewohnerInnen
bei ihren verschiedenen administrativen Gängen und
Wegen juristischer oder sozialer Art. Sie ist ein offener
Ort, an dem Personen, die an ihrem Aufenthaltsort illegal
sind und keine Unterstützung vonseiten der Behörden
ihrer Herkunftsländer zu erwarten haben, sich überschneidende
Informationen austauschen, anderen Gemeinschaften begegnen,
Maßnahmen des Kampfes treffen. Sie ist zur Botschaft
jener geworden, die keine Botschaft mehr haben.
Die
Universal Embassy bildet in Brüssel einen einzigartigen
Ort, an dem Sans-Papiers ihre Erfahrung miteinander
teilen, sich gegenseitig unterstützen und eine öffentliche
Stimme entwickeln können, an dem alle Arten von Begegnung
möglich sind, an dem verschiedene Gemeinschaften sich
vermischen, an dem ein soziales Leben zur Erscheinung
kommt und das Vielfache sich ausdrücken kann. Heute
leben ungefähr dreißig BewohnerInnen in der Universal
Embassy: Männer, Frauen und Kinder algerischer, marokkanischer,
ruandischer, ecuadorianischer, albanischer, iranischer,
ukrainischer Herkunft.
Das
Handeln in der Universal Embassy
bildet sich in der Artikulation zwischen dem
Elend der Klandestinität und einer politischen Fiktion
aus. Was darin entstehen kann, ist eine neue Sprache.
Die Sprache eines Volks im Kommen.
Die
Funktion der Aufnahme und Betreuung ist fundamental.
Sie ermöglicht es, die Entwicklung der Situation der
MigrantInnen zu erfassen: die Prozesse, die in die Klandestinität
führen, die Hindernisse, die der Regularisierung entgegenstehen.
Hierin liegt das Zentrum des Handelns. Von hier aus
baut sich, gemeinsam mit den BewohnerInnen, eine Expertise
des Überlebens, eine juristische und politische Expertise,
eine alltägliche Sensibilität auf. Die Gesamtheit der
Aktivitäten zielt darauf ab, die Sans-Papiers im Kampf
um die Anerkennung ihrer Rechte zu rüsten, ihnen das
Vertrauen in ihre Mittel wiederzugeben. Ein Jenseits
des Überlebens kristallisiert sich langsam heraus –
an einem Ort, der mehr ist als eine Notunterkunft. Die
BewohnerInnen sind das politische Subjekt, sie organisieren
ihr Leben.
Die
Sozialarbeit zieht sich auf ein individuelles Verhältnis
zurück, von UnterstützerIn zu Unterstütztem/r. Dieses
Verhältnis ist hoffnungslos unfähig, den Opfern der
Klandestinität zu helfen, die per definitionem ohne
Rechtssicherheit sind. Das Maß an Humanität der Politiken,
die den Illegalen entgegengebracht werden, ist variabel.
Einerseits haben sie Zugang zu bestimmten Rechten und
zu bestimmten Einrichtungen: etwa medizinische Behandlung
zu erhalten, ihre Kinder in die Schule einzuschreiben,
oder auch Rechte, prekäre Tätigkeiten auszuüben. Aber
im Übrigen können sie einer Razzia in der U-Bahn zum
Opfer fallen und in ein centre
fermé
gebracht werden. Der/die Sans-Papiers führt seinen/ihren
Kampf letztlich in diesem verengten juristischen Raum.
Die Willkür und der Mangel an einer Gesamtvision tragen
immer zur Isolierung von MigrantInnen bei, zur Entwicklung
von Gerüchten, zur Reproduktion von Akten der Unterwerfung
unter zukunftslose Prozeduren. Die politische Dimension
verschwindet. Am Ende bleibt fast nur noch, den Minimalstatus
eines menschlichen Wesens einzufordern …
Es
genügt nicht, die politische Dimension lauthals hinauszuschreien.
Die Sans-Papiers sind keine Körperschaften, die bestimmte
Ansprüche geltend machen könnten. Und doch wird die
Mobilisierungsarbeit allzu oft in solchen Begriffen
gedacht. Die Klandestinität löst jedes Lebensprojekt
auf. Es ist einfach, den Sans-Papiers einen Korporatismus
des Überlebens vorzuwerfen. Es ist Zeit, über den eindimensionalen
Charakter des Kampfes hinauszugehen.
Verengter
Alltag
Die
Universal Embassy ist ein Stern.
Die
Klandestinität ist eine absurde Reise, die am Ende des
Identitätsverlusts steht. Ein Bewohner aus Somalia,
jenem verschwundenen Land, irrt mit einer Zorro-Maske
in der Stadt herum. Im centre
fermé hätte er unzusammenhängende Reden geführt …
Eine migrantische Großmutter läutet, in der Überzeugung,
dass ihre Tochter dort wohnt, an der Tür des benachbarten
Gebäudes: der Botschaft von Saudi-Arabien. Sieben Jahre
lang verbringt sie auf einer Reise, auf der die Realität
sich auflöst … Sie ist 77 Jahre alt. Die
Klandestinität wird zu einem Schwebezustand, einem Zustand
der Suspension in einer Parallelwelt, einem Verdunsten
der eigenen Substanz.
Die
Universal Embassy ist ein Konzentrat der Schwäche. Wenn
sich hier jemand vorstellt, um Unterkunft zu finden,
dann deshalb, weil die Prekarität seiner/ihrer Situation
unerträglich geworden ist.
Die
Furcht ist der Schatten des/der Klandestinen. Furcht
vor allem und jedem: den Bus zu nehmen, zu arbeiten,
sich zu bewegen. Man muss Acht geben, sich nicht auffällig
benehmen, sich nicht in den Einkaufszentren herumtreiben.
Wenn man nichts zu kaufen hat, hat man sich dort nicht
herumzutreiben … Jede Handlung birgt ihr
eigenes Maß an Risiko.
Es
ist das Justizsystem, das eine/n zusammenhält. Die Hoffnung
ist winzig, und jede/r richtet sich im Warten ein. Immer
und immer warten, alles konzentriert sich auf dieses
Warten. Sich im Ausschöpfen des Verfahrens zu erschöpfen,
monate-, jahrelang. Man ermutigt sich, indem man sich
sagt, dass das immer noch besser ist, als die sichere
Abschiebung zu riskieren. Obszöner Irrgarten.
20,
30 Jahre alt sein, ohne Zukunft, ohne möglichen Lebensentwurf.
Die klandestine Migration verlängert die bittere Erfahrung
einer verlorenen Jugend. Um einer bleiernen Gesellschaft
oder der Arbeitslosigkeit zu entfliehen, wird die Migration
in sich selbst zum Lebensprojekt, zur Hoffnung auf eine
Möglichkeit. Dieser Traum zieht sich auf sich selbst
zurück. Das Projekt entwirklicht sich. Es gibt kein
Begehren mehr, das artikuliert werden könnte. Der hypothetische
Tag der Regularisierung entleert sich seines Sinnes,
er kann nicht besetzt werden. Dass es keine Lösung gibt,
das ist die Konstante.
Selbstverlust
ist hier am Werk. Ein getriebenes, ausgebeutetes Tier
werden, ein/e Kriminelle/r und ein Opfer. Nicht mehr
lesen, nicht mehr schreiben, drei Euro in der Stunde
verdienen, als Frau noch weniger.
Die
Universal Embassy zu gründen und aufzubauen heißt, eine
konkrete Hoffnung wiederzufinden. Das ist die Artikulation,
um die es hier geht: dieser verengten Realität etwas
entgegenzusetzen und sich jenseits der Nationen und
ihrer trostlosen Territorien zu bewegen; Vertrauen in
die eigenen Mittel fassen zu können, zu begehren, sich
zu entwerfen.
Die
Universal Embassy ist eine Ermöglichung. Zunächst ging
es um eine Unterkunft, die renoviert werden musste:
von oben bis unten putzen, für Wasser und Strom sorgen,
eine Küche einrichten, die Sanitäranlagen reparieren,
das Dach wieder instandsetzen etc.
Dennoch
kann dieser - in jeder Hinsicht offene und allen möglichen
Einflüssen ausgesetzte - Ort nur ein Ort der Krise sein.
Der Wohnraum allein ist nicht lebensfähig, wenn nicht
die Gesamtheit der Probleme seiner BewohnerInnen durchmessen
wird. Ohne irgendeine Autorität zu haben, ohne irgendetwas
delegieren zu können. Jede Schwierigkeit erfordert es,
Gestaltungen zu finden, um sie zu überwinden. Sehr oft
außerhalb der Medizin, außerhalb des Rechts, durch die
Verwirklichung des Lebensortes. Langsam zeichnet sich
ein heterogenes Mosaik von Involvierten ab, das sich
auf Respekt und den Austausch von Wissen gründet. Zur
gleichen Zeit, wie der Lebensort sich anreichert, durchbricht
er jene soziale Isolierung, die durch die Repression
so wirkungsvoll organisiert wird. Er autonomisiert sich.
Es
ist möglich, gemeinsam "Ailleurs" ("Anderswo")
von Henri Michaux zu lesen, die Geschichte von den Arpedren:
"Die Arpedren sind die unnachgiebigsten Menschen,
die es gibt, besessen von Rechtschaffenheit, von Rechten
und noch mehr von Pflichten. Respektable Traditionen,
gewiss. Das Ganze ohne Horizont." – Der Ausdruck
befreit sich, tritt aus dem Stigma heraus, man kann
sich austoben, Feste feiern, und Feste feiern heißt
auch essen. Es ist möglich, die Politik zu besetzen
und daraus eine Kraft des Begehrens zu entwickeln, wieder
einen Platz in der Welt zu finden, wo die Meinungen
bedeutungsvoll und die Handlungen wirkungsvoll sind.
Autonome
MigrantInnen
Als
MigrantInnen ohne Protokoll sind Sans-Papiers von der
Evidenz des Rechts dazu getrieben, Rechte zu haben.
Sie sind weder Opfer noch Kriminelle. Die Autonomie
ihrer Bewegungen lässt den Ruf nach einem neuen Verhältnis
des Rechtssubjekts zum produktiven Subjekt erklingen.
Was kann das historische Band zwischen dem Staatsbürger
und dem Arbeiter noch bedeuten, wenn doch Fremde hier
in Sklaverei sind? Überzählige der Biomacht, erfindet
ihre Existenz in der transnationalen Welt heute neue
Diasporas ohne ursprünglichen Bruch und konstituiert
vielfältige Netzwerke der Solidarität und der Ausbeutung,
in denen sich, über mehrere Generationen, Herkunft,
Niederlassung und Transit berühren. Das Territorium
wird zum Lokalen, das mit der Reise verknüpft ist.
Wir
haben hier die Unmittelbarkeit eines Rechtssubjekts,
das transnational ist, weil es die kleinen Vereinbarungen
zwischen Nationen transzendiert; ein anderes Interesse
als den Wechsel der Staatsbürgerschaft oder die (zwangsläufig
immer verdächtige) doppelte Staatsbürgerschaft, das
Begehren nach etwas anderem: einer Autonomie persönlicher
und kollektiver Konstitutionsgeschehen und den Wegen
neuer Solidaritäten, die von Territorien und der Grenze
entbunden sind.
Europa
bleibt blind gegenüber dieser wesentlichen Grundlage
der Welt, die im Kommen ist. Indem sich die verschiedenen
europäischen Länder auf eine zu Ende gehende Konzeption
von Nationalität versteifen, geben sie sich der Illusion
hin, die Migrationen, deren Motivationen allein in der
Initiative der MigrantInnen ruhen, kontrollieren und
ihnen Einhalt gebieten zu können. Was hier ins Werk
gesetzt wird, ist eine neue Landschaft des Krieges.
Und man dachte doch eigentlich, sich der Negativität
der Mauer entledigt zu haben.
Indem
die Staaten es hinnehmen, dass Menschen existenzielle
Krisen durchleben, weil sie keine Papiere haben, rufen
sie uns in Erinnerung, was unter Identität zu verstehen
ist. Die Existenz einer Identität zwischen den Staaten
ist ein Identitätsverlust, der bis zum Verlust des Namens
geht, aber sie kann auch ein Ort des Universellen werden,
das sich an der Kreuzung der Wege neu zusammensetzt.
Die Universal Embassy versucht, in diesem Übergang voranzuschreiten:
von der ausgelöschten Identität hin zum Universellen,
das es zu konstituieren gilt; die Affirmation kraft
der Negation einer Existenz ohne Papiere zu überschreiten
und das konstituierende Begehren zu säen; die obligatorische
Vermittlung des Staates hinter sich zu lassen, um ein
direktes Hinwirken auf ein transnationales Recht hervorzurufen.
Wie jede Botschaft ist die Universal Embassy ein Ort
der Repräsentation, aber ohne figurierten Staat. Was
repräsentiert wird, ist im Kommen. Ihre BewohnerInnen,
die Sans-Papiers, neue Parias der freien Welt, setzen
die Bestreitung einer Staatsbürgerschaft, die mit der
Nation blutsverwandt ist, in die Tat um. Indem die Botschaft
in die Konturen staatlicher Repräsentationen interveniert,
hebt sie die Limitation der Grenze lokal auf. Ihre BewohnerInnen
sind die bereits Angekommenen eines in der Welt gegenwärtigen
Lokalen.
Übersetzung
aus dem Französischen: Stefan Nowotny
|