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Die Nachwirkungen
des Nationalsozialismus und der Shoah prägen bis heute
die Mehrheitsgesellschaft, denn die Erfahrungen
schreiben sich über Generationen fort. Sie sind somit
Teil unserer Identitäten als Angehörige der
Vertriebenen und Deportierten, als Söhne und Töchter
der TäterInnen und MitläuferInnen. Gabriele
Rosenthal zeigt in ihrem Buch
anhand von Interviews mit Familien von Überlebenden der
Shoah und von Nazi-TäterInnen, wie die Erfahrungen von
Vertreibung, Emigration und Holocaust nachhaltig das
Leben von drei Generationen präg(t)en. Es wird
deutlich, dass einerseits eine Tradierung rassistischer
und antisemitischer Einstellungen eine Folge mangelnder
Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit
ist, andererseits eine Aufarbeitung der Vergangenheit
und die Thematisierung von Rassismen tabuisieren werden.
Durch diese Kontinuitäten und Brüche stößt die
Auseinandersetzung mit den Nachwirkungen des
Nationalsozialismus auch innerhalb linker Projekte und
Kontexte auf Widerstand. Es bleibt daher die Frage
offen, wie die Folgen des NS-Regimes visuell repräsentiert
werden können, ohne die TäterInnen und Opfer der
ersten Generation vor die Kamera zu bringen.
Im
Film "Things. Places. Years"
fragt Klub Zwei (Simone Bader und Jo Schmeiser) zwölf
in London lebende Frauen nach den Folgen und Auswirkungen
von Vertreibung, Emigration und Holocaust auf ihr Leben
und ihre Arbeit. Die Frauen werden zu unterschiedlichen
Themen wie ihren Beziehungen
zu persönlichen Dingen, ihren Besuchen in Österreich,
ihren Arbeitsschwerpunkten oder zur Weitergabe der Erfahrungen
von Vertreibung, Emigration und Holocaust an die nächsten
Generationen befragt. Die Antworten zeigen ein breites
Spektrum an unterschiedlichen, teilweise gegenteiligen
Meinungen und Positionen, wodurch das Dilemma der Zu-
und Festschreibungen auf eine jüdische Identität umgangen
wird. Es wird keine homogene weibliche Identität durch
narrative, lebensgeschichtliche Interviews konstruiert.
Das Publikum erfährt punktuelle Auszüge aus den Lebensgeschichten
der Frauen zu den unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten,
welche den Film strukturieren. Damit bricht "Things.
Places. Years" nicht nur mit der Erwartungshaltung
jener ZuschauerInnen, die sich psychisch labile Opfer
des nationalsozialistischen Regimes erwarten. Im Kapitel
"The Presence of Antisemitism" werden die
ZuschauerInnen durch die Reflexionen der Frauen über
den aktuellen offenen und subtilen Antisemitismus in
die Gegenwart geholt und mit Fragen nach antisemitischen
Kontinuitäten in der Gesellschaft konfrontiert. Das
Fortschreiben antisemitischer Ressentiments und Einstellungen
in der Dominanzkultur
zeigt sich nicht nur an einem "sekundären Antisemitismus",
der versucht, die die TäterInnengesellschaft belastenden
Folgen den Opfern anzulasten und der all jene zum potenziellen
Ärgernis erklärt, die Fragen der Schuld und Verantwortung
thematisieren, sondern auch am Israel-Palästina-Konflikt.
Nicht selten werden die Solidaritätserklärungen mit
Palästina benutzt, um antisemitische Vorurteile zu verbreiten.
Ob der Antisemitismus in den letzten Jahren jedoch eine
neue Form angenommen hat und ein "neuer Antisemitismus"
entstanden ist, der nicht mehr Juden und Jüdinnen im
eigenen Land zur Zielscheibe hat, sondern den angeblich
global agierenden und zerstörenden Zionismus, wird von
einigen der interviewten Frauen in "Things. Places.
Years" diskutiert.
Der Film gibt den
Frauen Raum, über ihre politischen Einstellungen und
Identitäten zu sprechen, die komplexer sind als die
Feststellung, dass sie Jüdinnen sind. Eine
Feststellung, die im Nationalsozialismus zur Vertreibung
und Ermordung führte und Menschen mit jüdischem
Hintergrund zu Juden und Jüdinnen machte. Eine
Feststellung, die für Angehörige der Dominanzkultur
zur Konstruktion einer bis heute kaum diskutierten
homogenen Identität führte und die Idee eines
"ethnisch homogenen" österreichischen Staates
Wirklichkeit werden ließ. Diese homogene Identität ist
eine weiße Identität, die in den Diskursen über
Ethnizität weitgehend ausgeblendet bleibt. In den
1990er Jahren haben vor allem Schwarze TheoretikerInnen
darauf aufmerksam gemacht, dass wir Weiße ebenso Angehörige
einer Ethnie sind und aus dieser eine gesellschaftlichen
Position resultiert, die Weiße zahlreiche Vorteile und
Privilegien genießen lässt. Diese Theorien und
Debatten konzentrieren sich auf den us-amerikanischen
Kontext und auf die Konstruktion weißer Identitäten in
den USA. Es stellt sich daher die Frage, wie diese
Theorien im deutschsprachigen Raum angewendet werden können.
Übersetzung und Anwendung erfahren sie, wenn mit der
Frage nach dem weiß-Sein eine historische und
geografische Verortung einhergeht. Das bedeutet in Österreich
und Deutschland auch die Thematisierung der
nationalsozialistischen Vergangenheit und ihrer
Nachwirkungen, denn durch die "Rassenpolitik"
des NS-Regimes erfuhr die Identitätskonstruktion von
Mehrheitsangehörigen eine gewalttätige
Radikalisierung.
Hito Steyerl
holt in ihrem Video "Normalität 1-10" die
nationalsozialistische Vergangenheit in die Gegenwart,
indem sie antisemitische und rassistische Gewalttaten
seit Ende der 90er Jahre wie die mehrfache Bombardierung
von Heinz Galinskis
Grab zeigt. Damit stellt sie eine Verbindung zwischen
Angehörigen der Dominanzkultur und der Tradierung von
antisemitischen und rassistischen Einstellungen her.
Die gewalttätigen Übergriffe auf Minderheiten in Österreich
und Deutschland werden als sehr kurze Dokumentarfilme
chronologisch aneinandergereiht, mit Nummern versehen
und kontinuierlich um neue antisemitische und rassistische
Vorfälle erweitert. Für jedes der Dokumente verwendet
die Filmemacherin eine andere Kameraeinstellung und
Schnitttechnik; die Kommentare aus dem Off spricht sie
selbst. Diese sind Beschreibungen der gewalttätigen
Übergriffe und Reflexionen, um die Vorfälle historisch
und geografisch zu kontextualisieren. Die Gewalt wird
durch Bilder von brennenden Häusern oder verwüsteten
jüdischen Friedhöfen visualisiert. Diese Repräsentationen
verweisen auf eine "soziale Geografie",
denn die Unsichtbarkeit von antisemitischen und rassistischen
Übergriffen wird vor allem durch die Trennung der Lebenssphären
von Jüdinnen/Juden und MigrantInnen auf der einen Seite
und Mehrheitsangehörigen auf der anderen Seite hergestellt.
"Soziale Geografien" lassen Angehörige der
Dominanzkultur glauben, dass sie (wir) in einer völlig
homogenen Umwelt bewegen. So brauchen sie sich (wir
uns) selbst nicht als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft
und nicht als Weiße wahrzunehmen.
Antisemitische und
rassistische Strategien und Praktiken zeigen, dass verschiedene
Minderheiten zur Aufrechterhaltung der Dominanz der
Mehrheitsgesellschaft gezielt eingesetzt werden. Minderheiten
hatten/haben dabei jeweils verschiedene Bedeutungen
und wurden/werden für unterschiedliche Interessen von
Mehrheitsangehörigen funktionalisiert.
Überschneidungen und Unterschiede zwischen Rassismus
und Antisemitismus verdeutlichen die verschiedenen Interessen.
Philip Cohen
verortet den Unterschied zwischen Antisemitismus und
Rassismus in ihren Genealogien.
Der Antisemitismus bezieht seine normativen Symbole
vielfach aus dem religiösen Diskurs (biblische Genealogie),
während das phänotypisch orientierte Vorurteil des Rassismus
seine Gründe zumeist aus dem wissenschaftlichen Rassismus
und von daher aus der Sprache der naturwissenschaftlich
ausgerichteten Anthropologie bezieht. Im deutschsprachigen
Kontext bezweckt(e) Rassismus primär die Ausbeutung
von Diskriminierten, während das Ziel des Antisemitismus
im NS die Vernichtung von Juden und Jüdinnen war.
Kontinuitäten
und Brüche
Eine Kontinuität
zwischen dem NS-Regime und dem heutigen Nationalstaat
ist die Eingliederung der Zwangsarbeit in die österreichische
und deutsche Einwanderungs- und Arbeitsmarktpolitik.
Der Nationalsozialismus verankerte mit der Zwangsarbeit
eine Ausbeutungsstrategie, die davon ausgeht, dass Menschen
bestimmter Herkunft als Arbeitskräfte für mindere, schlecht
bezahlte Arbeiten eingesetzt werden können. (Arbeits-)MigrantInnen
wurden und werden jene Rechte, wie sie Mehrheitsangehörige
beanspruchen, verwehrt, was den Zugang zu Lebenschancen
stark einschränkt(e). Ideologisch und faktisch knüpft
an die Zwangsarbeit im Nationalsozialismus die Anwerbungspolitik
der GastarbeiterInnen in der Nachkriegszeit an. Im Film
"nach österreich. Erinnerungen an Zwangsarbeit
und Arbeitsmigration"
werden die Kontinuitäten zwischen der Verpflichtung
zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus und den Praxen
heutiger Einwanderungs- und Arbeitspolitik am Beispiel
der Wiener Fischfabrik C. Warhanek sichtbar.
"nach österreich.
Erinnerungen an Zwangsarbeit und Arbeitsmigration"
beginnt mit den Erzählungen der polnischen Fabriksarbeiterinnen,
die durch die Besetzung Polens in die Wiener Fischfabrik
zur Zwangsarbeit versetzt wurden. Die Frauen schildern
die menschenverachtenden Arbeitsverhältnisse, die Bereicherung
des Fischfabrikanten mittels Ausbeutung ihrer Arbeitskraft
und die mangelnde "Wiedergutmachung" Österreichs
in Form von lächerlich geringen Entschädigungszahlungen,
die 2002 an die noch lebenden ehemaligen ZwangsarbeiterInnen
ausbezahlt wurden. Ein zentrales Element der Arbeitsorganisation
in der Fischfabrik war die strikte Trennung zwischen
deutschsprachigen und polnischen Arbeitenden. Jeglicher
Kontakt zwischen den ArbeiterInnen wurden verboten und
die Nichteinhaltung mit Essensentzug bestraft. Diese
Vorgangsweise ist ein Bespiel für die Herstellung einer
"sozialen Geografie", die zur gewaltsamen
Trennung von deutschsprachigen und polnischen ArbeiterInnen
führte. Die Wirksamkeit dieser unter dem NS-Regime eingeführten
"sozialen Geografie" zeigt sich bis heute
– an der Trennung der Lebenssphären zwischen MigrantInnen
und Mehrheitsangehörigen, an der Gettoisierung wie den
ethnisch getrennten Arbeitmärkten, an der Kriminalisierung
von Minderheiten in Österreich und Deutschland.
Durch die Zwangsarbeit
konnte die Fischfabrik C. Warhanek während des
Nationalsozialismus expandieren und insgesamt
drei Standorte in Österreich (Wien, Linz und Villach)
aufbauen, die nach Kriegsende neue Arbeitskräfte benötigten.
Um diesen Mangel zu kompensieren und die bisherigen
Ausbeutungsstrategien rechtlich zu verankern, wurde
1945 ein Arbeitsgesetz geschaffen, das die NS-Zwangsarbeit
in einen legalen Rahmen transformierte. Die damals neuen
Bestimmungen und Gesetze werden von den Filmemacherinnen
vor allem anhand von eingeblendeten Texten visualisiert.
Die interviewten Frauen bleiben in ihren Lebensgeschichten
jedoch auf die Erzählung vom erzwungenen Verlassen ihres
Heimatlandes über die Arbeit in der Fischfabrik bis
zur Rückkehr in ihr Geburtsland reduziert. Sie bekommen
kaum eine Möglichkeit, die Veränderungen der Gesetze
zu erklären und darüber zu reflektieren. Dadurch werden
sie in die Position der Opfer gedrängt, die in ihrer
Lebenssituation gefangen sind und kaum über ihre rechtliche
Position Bescheid wissen.
In den 1950er Jahren
erreichte der Mangel an Arbeitskräften für schlecht
bezahlte und minder qualifizierte Arbeiten in Österreich
und Deutschland einen Höchststand, sodass eine massive
Anwerbung von ArbeiterInnen aus Ex-Yugoslawien und der
Türkei begann. Die dafür notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen
wurden bereits nach Kriegsende verankert, denn die ZwangsarbeiterInnen
unter dem NS-Regime mussten nun möglichst rasch und
kostengünstig durch eine industrielle Reservearmee,
die jederzeit verfügbar war, ersetzt werden. Um dieses
Vorhaben zu realisieren, wurden Anwerbestellen für ArbeitsmigrantInnen
in Ex-Yugoslawien und der Türkei errichtet. Im Film
"nach österreich. Erinnerungen an Zwangsarbeit
und Arbeitsmigration" erzählen die Frauen über
die Auswahlverfahren der Anwerbungsstellen. Die Frauen
mussten eine gesundheitliche Kontrolle über sich ergehen
lassen, die an die medizinischen Selektionsprozesse
des NS-Regimes erinnern. Entsprach ihre körperliche
Konstitution den gewünschten Anforderungen, erhielten
die ArbeiterInnen einen Reisepass sowie eine zeitlich
begrenzte Arbeitserlaubnis und wurden mit dem Bus nach
Österreich geschickt. Die Fischfabrik
C. Warhanek sorgte für ihre Unterkunft in kleinen, schäbigen
Zimmern. Die Arbeitsmigrantinnen waren und sind von
ihrem Arbeitsgeber abhängig, der über ihren Aufenthaltsstatus
verfügen konnte und kann. Wurden die Frauen entlassen
oder kündigten sie die Arbeit, weil die Ausbeutungssituation
unerträglich wurde, bekamen sie weder Aufenthalts- noch
Arbeitsberechtigung in Österreich. Mit dem Inkrafttreten
der Veränderungen der "Ausländergesetze" seit
1993 verschärfte sich die Situation für Migrantinnen
abermals drastisch. Sie sind nunmehr gezwungen, ihren
Arbeitsplatz für ein Jahr zu halten, um einen neuen
Anspruch auf Arbeitserlaubnis zu erhalten.
Im Film "nach
österreich. Erinnerungen an Zwangsarbeit und Arbeitsmigration"
zeigt sich die rechtlose Situation der Migrantinnen
deutlich, denn die Saisonarbeit bedeutet, dass die Frauen
keine Möglichkeit haben, eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung
in Österreich zu erlangen. Wird ihre Arbeitskraft nicht
mehr benötigt, kündigt sie der Arbeitgeber oder der
Arbeitsvertrag läuft aus und sie müssen zurück in ihr
Herkunftsland.
"Things. Places.
Years", "Normalität 1-10" und "nach
österreich. Erinnerungen an Zwangsarbeit und Arbeitsmigration"
sind Beispiele für filmische Reflexionen zum Nationalsozialismus
und seine Folgen. Die Filmemacherinnen thematisieren
die Kontinuitäten und Brüche der NS-Vergangenheit und
zeigen die Tradierung rassistischer und antisemitischer
Einstellungen und Gesetze in ihrem historischen und
geografischen Kontext. Die verschiedenen Herangehensweisen
der Filmemacherinnen zeigen ein Spektrum an möglichen
Methoden wie die thematischen und lebensgeschichtlichen
Interviews oder die eingeblendeten und aus dem
Off gesprochenen Texte, um die Folgen des NS-Regimes
visuell zu repräsentieren und das konstante Fortschreiben
von Antisemitismus und Rassismus durch die Dominanzkultur
zu problematisieren. Diese Filme sind Teile der Vergangenheitsaufarbeitung,
die Fragen nach einem Österreich aufwirft, wo selbst
im Jahr 2005 – 50 Jahre Staatsvertrag, 60 Jahre Befreiung
vom Nationalsozialismus – die Auseinandersetzung mit
den Nachwirkungen des NS-Regimes und die Thematisierung
von Rassismus auf Widerstand stößt.
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