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In meiner künstlerischen
Praxis spielt Video seit Mitte der 90er Jahre eine
wichtige Rolle. In themenspezifischen, in
Kunstinstitutionen realisierten Installationen wie
"Gelernte Heimat" (1996), "Institutionelle
Rassismen" (1997), "The global 500"
(1999) und "Nachhaltige Propaganda" (2000)
bildet Video ein zentrales Element, das in
Kombination mit Text/Bildmontagen oder Fotografien in
Wand- und Rauminstallationen eingesetzt wird.
Diese Videos basieren auf Interviews, die zu
inhaltlichen Abschnitten der Ausstellungen realisiert
wurden.
Seit dem Jahr 2000
entstehen auch unabhängig von Ausstellungen Videos,
die außerhalb des unmittelbaren Kunstfeldes präsentiert
werden können. Diese Videos bewegen sich zwischen Kunst
und politischem Aktivismus und greifen Themen und Praxen
des Widerstandes einer nicht-institutionalisierten Linken
auf.
In diesem Text formuliere
ich Überlegungen zu zwei 2002 fertiggestellten Videos,
die Teilbereiche jener Bewegung fokussieren, die im
vorherrschenden medialen Diskurs zumeist als "Antiglobalisierungsbewegung"
bezeichnet wird.
Das Video "This
is what democracy looks like!" (38 Min., 2002)
thematisiert Ereignisse rund um eine polizeilich verbotene
Demonstration gegen das World Economic Forum am 1. Juli
2001 in Salzburg, im Zuge deren 919 DemoteilnehmerInnen
ohne unmittelbaren Anlass sieben Stunden lang von den
martialisch auftretenden Polizeikräften eingekesselt
wurden. Das demokratische Grundrecht auf freie öffentliche
Meinungsäußerung wurde unterbunden, während die demokratisch
nicht legitimierten Führungsschichten der Konzerne im
Rahmen des WEF unter Ausschluss der Öffentlichkeit ungestört
den neoliberalen Umbau der Gesellschaft vorantreiben
konnten. Als Teilnehmer der Demonstration geriet ich
in den Polizeikessel und versuchte, aus der Demonstration
heraus mit der Videokamera die Geschehnisse aufzunehmen.
Kurze Zeit nach dem
1. Juli entschied ich mich, von meinem Videomaterial
ausgehend die Ereignisse rund um die Einkesselung der
DemoteilnehmerInnen zum Ausgangspunkt eines Videos zu
machen. Dabei war ich mit der Tatsache konfrontiert,
ein Ereignis zu thematisieren, das in seinem Ablauf
und in seiner Dramaturgie stark von repressiven Polizeitaktiken
und dem willkürlichen Vorgehen von Politikern und Polizisten
bestimmt wurde. Die DemoteilnehmerInnen wurden nämlich
durch den Polizeikessel in eine Zwangslage gedrängt,
in der sie in ihren Möglichkeiten, auf die sich stündlich
ändernden Verhandlungspositionen und das repressive
Vorgehen der Polizei zu reagieren, stark eingeschränkt
waren. Dieses ungleiche Kräfteverhältnis bestärkte
mich, die Ereignisse ausschließlich aus der Sicht der
DemoteilnehmerInnen zu thematisieren und jene der Polizisten,
des Bürgermeisters oder von "neutralen" Beobachtern,
die die mediale Berichterstattung ohnehin dominieren,
auszuklammern. Ich führte daher einige Wochen später
für das Video Interviews mit sechs DemoteilnehmerInnen
durch, deren Beschreibungen und Einschätzungen durch
die zeitliche Distanz und eine kritische Reflexion geprägt
sind.
Mit der Entscheidung,
das Video "This is what democracy looks like!"
zu realisieren, ging die Absicht einher, zusätzlich
an einem weiteren Video über einen anderen Teilbereich
der antikapitalistischen Bewegung zu arbeiten, das
stärker politische Praxen und Handlungsoptionen in den
Vordergrund rücken sollte, die über die unmittelbare
Reaktion auf Polizeitaktiken hinausgehen. Ich entschied
mich für ein Video über die für mich interessanteste
Gruppierung, die italienischen Disobbedienti (die Ungehorsamen),
die damals noch unter dem Label "Tute Bianche"
Aktionen gegen Abschiebegefängnisse in Italien durchführte
und an den Mobilisierungen für eine demokratische Globalisierung
teilnahmen. Die Disobbedienti zeichnen sich nicht nur
durch ihre politischen Analysen aus, sondern zeigen
auch Handlungsmöglichkeiten und Wege einer alternativen
gesellschaftlichen Entwicklung auf. Mit dem Video wollte
ich die Aktionen und theoretischen Überlegungen der
außerhalb Italiens viel zu wenig bekannten Disobbedienti
thematisieren, weshalb ich in Zusammenarbeit mit dem
Autor Dario Azzellini im Sommer 2002 eine Reihe von
Interviews mit ProtagonistInnen der Disobbedienti für
das Video aufnahm.
Sowohl im Video "This
is what democracy looks like!" als auch im Video
"Disobbedienti" (54 Min., 2002) kommen ausschließlich
Beteiligte aus der "Bewegung der Bewegungen"
zu Wort und nehmen im Video die Rolle von aktiven SprecherInnen
ein. Während bei "This is what democracy looks
like!" die Bildebene ausschließlich aus von mir
und VideoaktivistInnen in Salzburg bei der Demonstration
aufgenommenem Videomaterial besteht und die InterviewpartnerInnen
nicht zu sehen sind, sondern zu den durch Videobilder
repräsentierten Ereignissen sprechen, wird im Vergleich
dazu im Video "Disobbedienti" die physische
Präsenz der GesprächspartnerInnen hervorgehoben. Alle
Interviews wurden im Stehen aufgenommen an Orten, die
für die Praxis der Disobbedienti von unmittelbarer Bedeutung
sind. Die Inszenierung der GesprächspartnerInnen und
die im Gehen aufgenommen Sequenzen streichen die Bedeutung
des Körpers für das Konzept der Tute Bianche hervor.
Die beiden Videos
"Disobbedienti" und "This is what democracy
looks like!" kommen weitgehend ohne Off-Kommentare
aus, die als Überleitungen, Vergleiche und Fragestellungen
in vielen Dokumentationen bewerten, Distanz schaffen
oder im Falle einer militanten Gruppierung die Distanzierung
von den Aktionen ausdrücken können. Durch diese formale
Reduktion und die starke Präsenz der ProtagonistInnen
nähern sich Dario Azzellini und ich als Filmemacher
der inhaltlichen Position der GesprächspartnerInnen
an. Die konzeptionelle Anlage des Videos verweist auf
unsere grundsätzliche Übereinstimmung mit den Analysen
und Praxen der Disobbedienti, wodurch das Video zum
politischen Statement wird.
Die Videos stehen
somit in einem grundlegenden Gegensatz etwa zum investigativen
Journalismus bürgerlicher Medien, der auf seine angebliche
Neutralität pocht. Auch der "demokratisch-ausgewogene"
Nachrichtenbeitrag im Fernsehen, der trotz seiner behaupteten
Objektivität etwa den Ausschluss linker Sichtweisen
betreibt und festschreibt, stellt nur insofern einen
direkten Bezugspunkt dar, als er in dieser Videopraxis
seine unmittelbare Umkehrung erfährt. So bildet etwa
das in der Fernsehberichterstattung beliebte Motiv des
politischen Aktivisten als "gewaltbereiter Demonstrant"
(die Zuschreibung kommt ausschließlich in der männlichen
Form vor) in den beiden Videos den Ausgangspunkt der
Auseinandersetzung mit dem Gewaltdiskurs, durch den
versucht wird, die antikapitalistische Bewegung in "gewaltbereite"
und "friedliche" DemonstrantInnen zu spalten,
gegeneinander auszuspielen und damit zu schwächen.
In Diskussionen wird
das Video "Disobbedienti" manchmal für seine
Informationsdichte bei gleichzeitiger Komplexität des
Gesprochenen kritisiert, da das Video während der gesamten
Dauer von 54 Minuten den ZuseherInnen vollste Konzentration
abverlangt. "Disobbedienti" wiederholt durch
den Schnitt die hohe Sprechgeschwindigkeit der GesprächspartnerInnen
als formales Element und unternimmt kaum den Versuch,
diese durch Pausen aufzulösen. Um die Aufmerksamkeit
der ZuseherInnen noch stärker auf die Argumente der
ProtagonistInnen zu konzentrieren, wird an einigen Stellen
im Video der kontinuierliche Bilderfluss durch weiße
Flächen durchbrochen. Diese weißen Flächen stehen im
direkten Bezug zu den weißen Overalls der Tute Bianche,
deren Funktion im Video ausführlich erläutert wird,
sind aber auch Ausdruck des Wunsches, die BetrachterInnen
anzuregen, die visuellen Leerstellen mit ihren persönlichen
Vorstellungen zu füllen. Sie stellen also den Versuch
dar, für eine Entwicklung, die – dem Konzept der
Disobbedienti entsprechend – fragend und ohne
vorgefertigte Modelle voranschreiten soll, eine offene
visuelle Entsprechung zu finden.
Weniger oft
taucht die Kritik auf, das Video würde eine Heroisierung
der Disobbedienti bewirken. Fragt man jene zum Teil
politisch selbst aktiven Leute nach dem Grund für diese
Einschätzung, erfährt man, dass die Ablehnung mit dem
spektakulären Erscheinungsbild der Aktionen und einem
behaupteten avantgardistischen Auftritt der Tute Bianche
bzw. Disobbedienti (den diese übrigens selbst negieren)
begründet wird. Wie die VertreterInnen der Disobbedienti
im Video eloquent beschreiben, wird das Spektakel jedoch
gezielt eingesetzt, um von den Medien wahrgenommen zu
werden. Es ist also kein Selbstzweck, sondern kalkulierte
Strategie. Gegen das Heroisierungsargument spricht auch
die im Video von Francesco Raparelli thematisierte Kritik
an den Disobbedienti, dass es ein Problem darstelle,
wenn der soziale Ungehorsam der Disobbedienti zu einem
Logo oder zur verbalen Darstellung von Praxen wird,
die bereits vorher von anderen Subjekten des Konflikts
ausgeübt wurden.
Diesen Einwänden
halte ich die Wichtigkeit entgegen, die politische Praxis
und die Einschätzungen der Disobbedienti zu thematisieren
und einem Publikum außerhalb Italiens dadurch die Möglichkeit
zu geben, aus diesen Erfahrungen zu lernen, sie kritisch
zu reflektieren und vielleicht sogar die eine oder andere
Facette in die eigenen Überlegungen oder die eigene
Praxis einfließen zu lassen.
Aufgrund ihrer Inhalte
werden die Videos "This is what democracy looks
like!" und "Disobbedienti" auch außerhalb
des unmittelbaren Kunstbetriebs gezeigt und rezipiert.
Neben Präsentationen in politischen Zusammenhängen
finden auch Präsentationen in Kinos und bei Videofestivals
statt. Für mich ist es aber eminent wichtig, die Videos
auch weiterhin in Kunstinstitutionen zu zeigen, da ich
diese für zentrale Orte halte, an denen ein gewisser
Freiraum für die Thematisierung marginalisierter politischer
Sichtweisen und Praxen besteht.
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