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Ich sehe meine
Rolle als Filmhistoriker in Rahmen dieser Veröffentlichung
vor allem darin, einige Materialien vorzulegen:
instruktive Beispiele filmischer Gegeninformation von
den 20er bis in die 90er Jahre. In der Kürze der Zeit
kann das nur in Schlaglichtern geschehen und ich beschränke
mich auf das Thema "Darstellung von Macht".
Wir werden sehen, dass viele der Fragen von heute sich
genau so bereits früher einmal gestellt haben, und wir
werden einige Lösungen der Filmautoren kennen lernen.
Der "politische
Film" wurde im Russland der Revolution zwischen
1919 und 1925 geboren, man denke an die Filme von Eisenstein,
Pudowkin usw. Aber auch in der Revolutionierung des
Non-fiction-Films kam der entscheidende Anschub aus
Russland. Im Zuge der zwanziger Jahren zeigt sich die
Linke zunehmend fasziniert von der Vorstellung, dass
technische Medien die Realität "dokumentarisch"
einzufangen vermögen, d.h. Filme und Fotos den Charakter
von Dokumenten annehmen und daher im politischen Kampf
als Argumente dienen können. Bei der Genese dieser Vorstellungen
spielt das Vorbild des sogenannten "Russenfilms"
eine nicht unwesentliche Rolle. Die Betonung von
sozialer Verantwortung und künstlerischem Experiment
im russischen Dokumentarfilm setzte neue Maßstäbe, die
auch eine neue Begrifflichkeit rechtfertigten. Aus den
Äußerungen in der deutschen Presse lässt sich entnehmen,
dass der Begriff "dokumentarischer Film"
Ende der 20er Jahre Eingang in das Fachvokabular findet,
inspiriert von den neuartigen sowjetischen Beispielen.
Die Sowjetkinematographie hatte mit den alten Formen
– z.B. dem Kulturfilm – gebrochen, um die neuen sozialen
Funktionen des Films durchzuführen. Theoretiker wie
Sergei Tretjakow sprachen von einer "operativen"
Kunst, die der gesellschaftlichen Bewegung nützlich
ist.
Als abendfüllende
Autorenfilme kamen solche Dokumentarfilme erst Ende
der 20er Jahre in die kapitalistischen Länder, wo sie
als "Gegeninformation" dienten. Der erste
bedeutende Dokumentarfilm, der nach Deutschland kam,
war Jakow Bliochs Schanchaiski
dokument (Das Dokument von Shanghai, SU 1928). Er
kann als Prototyp des operativen Filmes, eines Filmes
der Gegeninformation gelten. Er zeigt zunächst den Hafen
Shanghais und das Leben in den chinesischen und in den
europäischen Vierteln. Die harte Arbeit der lastenschleppenden
Kulis wird gegen das Nichtstun der besitzenden Europäer
und chinesischer Eliten gesetzt: Ein erschöpfter Kuli
späht durch einen Zaun und erblickt die europäische
Bourgeoisie bei Badefreuden und Cocktails, die Räder
seines Karrens gehen über in die sich drehenden Schallplatten
der tanzenden Müßiggänger, eine riesige, mit Kulis
betriebene Tretmühle verwandelt sich in ein Karussell
mit lachenden europäischen Kindern, gefolgt von harter
Arbeit chinesischer Kinder in Seidenspinnereien und
phosphorvergifteten Streichholzfabriken. Es gärt in
der Stadt, doch die europäische Militärmaschinerie schlägt
die Unruhen nieder. Die Straßen füllen sich nun mit
Revolutionären und die Europäer verschanzen sich in
ihren Enklaven hinter Sandsäcken, lassen Schlachtschiffe
auffahren, landen reguläre Truppen und Tanks an. Im
März 1927 übernimmt die Süd-Armee der Kuomintang unter
Tschiang Kai-schek die Stadt, bricht aber gleich danach
blutig mit den bislang verbündeten chinesischen Kommunisten,
lässt gefesselte Gefangene exekutieren. So wird Tschiang
Kai-schek am Ende des Films als Verräter der chinesischen
Revolution gebrandmarkt.
Das Epochale dieses
Films liegt in der "Entdeckung" der politisch
gefassten Parallelmontage, dem analytischen Kamerablick
und der politisch-publizistisch eindeutigen Haltung.
Der Autor besteht darauf – nicht zuletzt mit Hinweis
des Titels –, dass es sich um "Dokumente"
von Unterdrückungs- und Ausbeutungspraktiken handelt.
Der Bruch mit dem im Reisefilm bis dato üblichen Postkartenidyll
ist scharf und endgültig, wie auch die Zeitgenossen
in ihren Rezensionen anerkannten: "Der Kulturfilm
muss dokumentarischen Wert bekommen. Dieser dokumentarische
Wert wird freilich nie ohne politischen Beigeschmack
sein können." (Film und Volk, Nr. 1, November 1928,
S. 4.) Bliochs Parallelmontage fügt Bilder zusammen,
die genaugenommen keine räumlichen oder zeitlichen Beziehungen
zueinander unterhalten, sondern diese erst in der Montage
herstellen. Gerade dadurch, dass dies für den Zuschauer
durchschaubar ist, wird letztlich thematisiert, dass
es sich um eine "Interpretation" der vorgefundenen
Welt handelt, und zwar aus sozialistischer Sicht: eine
"kommunistische Dechiffrierung des Sichtbaren". Der feine Unterschied
zwischen (berechtigter) Parteilichkeit und Propaganda
entsteht dort, wo ein urteilender Mensch hinter der
Schilderung zu spüren ist. Durch das Offenlegen der
eigenen Darstellungsstrategie verliert der Gegenstand
und gewinnt aber die Darstellung an Authentizität. Authentizität
ist also keine intentionslose Eigenschaft der Bilder,
kein von vorneherein gegebenes Naturereignis, sondern
muss als Form und Resultat medialer Darstellung verstanden
werden.
Für die Darstellung
von Macht ist interessant, dass der Autor die delikate
Rolle der Sowjetunion mit ihrer finanziellen und militärischen
Unterstützung Tschiang-Kai-Tscheks vergessen machte
und durch Beschwörung dessen "Verrats" aus
der faktischen Niederlage einen moralischen Sieg der
kommunistischen Arbeiterschaft werden ließ. Der Kern
der Gegeninformationen, nämlich die Ausbeutungspraktiken
und die rücksichtslose Gewaltanwendung, blieben davon
sowieso unangetastet und konnten mit größter Anschaulichkeit
verbreitet werden. Die unerhörte Resonanz des Films
vor allem in Deutschland, England und Amerika zeigte
dies.
Dies zeigt auch ein
wichtiger operativer Film der deutschen Arbeiterbewegung,
Phil Jutzis 1.
Mai – Weltfeiertag der Arbeiterklasse (D 1929),
der auch unter dem Titel Blutmai
1929 bekannt geworden ist. Das Zentrum des Films
besteht aus einem brutalen Polizeieinsatz in Berlin,
der das dort erlassene Demonstrationsverbot für den
1. Mai durchsetzt. Motorisierte Einsatzkommandos und
berittene Polizei treiben die Demonstranten vor der
KPD-Zentrale am Bülow- (heute: Rosa-Luxemburg-) Platz
auseinander. Nahaufnahmen zeigen den Einsatz von Gummiknüppeln
und die Jagd auf einzelne Demonstranten. In tumultartigen
Szenen sehen wir immer wieder flüchtende Demonstranten,
dann Verhaftungen und von Arbeitern errichtete Barrikaden.
Der nächste Teil zeigt die Lage am 2. Mai: Auch die
bürgerliche Presse empört sich über die 19 toten Demonstranten,
doch die Zahl wird sich noch um ein weiteres Drittel
erhöhen. Eingeschnittene Pressefotografien zeigen Schützenpanzer
und Schupos mit Gewehren, die Filmkamera schwenkt an
Häuserfassaden mit Einschüssen entlang. Im Barrikadenviertel
patroulliert nun überall Polizei und nimmt Ausweiskontrollen
vor. Die Reportage schließt mit dem feierlichen Begräbnis
der Toten, und einer flammenden Rede von Thälmann. Mit
der großangelegten Trauerkundgebung wird ein – für das
Medium Film geeignetes – dramaturgisches Modell vorgestellt,
die faktische Niederlage in einen politischen Sieg
umzumünzen.
Bemerkenswert ist
, dass eine ganze Schar kommunistischer Kameramänner
auf die Tumulte vorbereitet war und die Ereignisse aus
zahlreichen Blickwinkeln, vor allem von den Dächern
aus, gefilmt hat. Der Film über den brutalen Einsatz
der von dem Sozialdemokraten Zörgiebel geleiteten Polizei
veranschaulichte für viele die Bereitschaft der SPD
zu Bündnissen gegen die Arbeiterschaft und vertiefte
die Spaltung der Arbeiterparteien. Die Artikel der Printmedien
und die Anschaulichkeit des Films führten zur Gründung
eines überparteilichen Untersuchungsausschusses. Blutmai
1929 muss daher als eines der gelungensten Beispiele
für operativen Medieneinsatz gelten. Der Film wird interessanterweise
auch im Zuge einer späteren Gerichtsverhandlung vorgeführt,
offenbar als etwas, das den Charakter eines Dokuments
besitzt: "Jedes Bild ist eine erschütternde Anklage",
schrieb die Rote Fahne (25.11.1931).
Die spektakulären
Aufnahmen werden in der Folgezeit immer wieder zitiert,
u.a. in einer Sonderausgabe der sowjetischen Wochenschau
Sojuskinojournal
Nr. 33 mit dem Titel Perwoje
maja w Berline (SU 1929), in Wladimir Jerofejews
kritischem Deutschlandportät K
stschastliwoi gawani (Zum glücklichen Hafen, SU
1930) und in Ivor Montagu’s Free
Thaelmann (GB 1935). Aber auch in nationalsozialistischen
Filmen erscheinen sie als Zeichen für die Instabilität
der Weimarer Republik, so in Johannes Häußlers Blutendes
Deutschland (D 1933) und Hans Weidemanns Jahre
der Entscheidung (D 1937-39).
Für die Geschichte
der filmischen Gegeninformation treten hier drei Momente
klar hervor: Erstens das präzise Vorbereitet-Sein auf
die (voraussehbaren) Aktionen der Polizeimacht und das
Prinzip der Kollektivität (also der Vervielfachung
der Standpunkte) beim Drehen ermöglichen die Subversion
der bestehenden Machtverhältnisse. Zweitens zeigt sich
das Problem, dass die meisten Bilder auch vom politischen
Gegner jederzeit umgemünzt werden können. Wie kann man
also so filmen, dass das Bild nicht vom Gegner umgedreht
werden kann, so wie man Agenten umdreht? Drittens vermittelt
der Film in seiner ganzen Anlage, dass sich der Regisseur
und seine Kameramänner in eins mit der kommunistischen
Bewegung und der Partei befinden, sie nicht von außen
darstellen, sondern direkt vertreten.
Das dritte Beispiel
aus der Weimarer Republik ist Werner Hochbaums Film
Zwei Welten
(D 1930), der anlässlich der Reichtagswahlen vom 14.9.1930
entsteht. Es ist zweifellos einer der interessantesten
Wahlfilme der SPD, der – in der Tradition des Dokuments
von Shanghai – ganz auf einer scharfen Kontrastmontage
zwischen reichen Müßiggängern und verarmten Proletariern
beruht. Mondäne Tennisspielerinnen der besseren Gesellschaft
üben sich in Small Talk, während in den Straßen ein
Heer von Arbeitslosen vorbeistampft. Ein monokeltragender
Golfspieler prostet den Sportskameraden zu, während
am öffentlichen Arbeitsnachweis die Arbeitssuchenden
Schlange stehen. Der wohlhabende, golfspielende Industrielle
lässt sich vom Chauffeur nach Hause kutschieren, während
einer der Arbeitslosen zu Fuß in seine triste Hinterhofwohnung
zurückkehrt. Weitere Mietskasernen, Hinterhofschächte,
enge Gassen, Verschläge und heruntergekommene Fachwerkhäuser
defilieren vorbei: die Wohnstätten des Proletariats.
Der Industrielle wechselt indes seine Kleidung mit einer
Nazi-Uniform und besucht im Salon seine gelangweilte
Gespielin. Wie so häufig bei Hochbaum enthalten Detailaufnahmen
wie das Überstreifen der Hackenkreuz-Armbinde die wesentliche
Charakterisierung. So knapp und scharf hatte selten
ein Film die enge Verbindung von Industriellen und Faschisten
beschrieben.
Für das Prinzip der
Gegeninformation ist hier die hybride Filmform interessant,
also die Tatsache, dass dokumentarische Beobachtungen
mit inszenierten Spielszenen durchsetzt werden. Bei
der Darstellung von Personen der Macht sind viele Situationen
nicht ohne weiteres dokumentarisch zu filmen, da der
Zugang zum Drehen verwehrt wird. Darüber hinaus wird
hier die Macht mit Ironie dargestellt, mit feinem verdecktem
Spott, der unter dem augenfälligen Schein der eigenen
Billigung den politischen Gegner lächerlich macht.
Der beiläufige Wechsel der Kleidung geht noch darüber
hinaus und avanciert zu einem politisch zugespitzten
Denkbild. Mit dem Einsatz von Ironie und Denkbild tritt
eine Metaebene hinzu: die Bilder werden nicht mehr nur
auf der ersten Ebene der Bedeutung gelesen.
Chris Markers und
François Reichenbachs La
sixième face du Pentagone (Die sechste Seite des
Pentagon, F 1968) dokumentierte den Marsch auf das Pentagon
vom 21. Oktober 1967 im Zuge einer Demonstration gegen
den Vietnam-Krieg. In der entscheidenden Phase der Demonstration
gibt die Postenkette nach, und ein Teil der Menge bricht
durch und läuft auf den Eingang des Kriegsministeriums
zu. Nun zeigt die Polizeimacht ihre ganz Härte: Mit
Schlagstöcken werden die Studenten auf den Treppen des
Gebäudes empfangen und zurückgetrieben. Das Bild der
knüppelnden Polizeibeamten zwischen den Säulen des Pentagoneingangs
ist genau das Bild, das die Demonstranten ersehnten
– wie damals Hilmar Hoffmann analysierte: "[Es
geht] nicht darum, das Pentagon zu stürmen, sondern
das Symbol, für das es steht. Durch das Prinzip der
Gewaltlosigkeit, mit der die Hunderttausend die Aufmerksamkeit
auf ihre vom élan révolutionnaire inspirierte Bewegung lenkten, wollten sie die
legale Macht vor aller Welt diskreditieren, deren Repräsentanten
vor der Macht der Ohnmächtigen schließlich ihre eigene
Ohnmacht gegenüber dem hoch friedlichen Plebiszit bekennen
mussten."
Das interessante an
dieser Sequenz ist, dass Marker sie einige Jahre später
in seinem Film Le fond de l’air est rouge (1977) wieder aufnimmt und auf ihre
politische Funktion hin untersucht: "Nur einige wenige
Polizisten sind zu sehen, und die werden von der Masse
überrannt. Die tobt vor Freude darüber, dass sie eine
Grenze überschritten hat, die ihr überhaupt niemand
streitig machen wollte. Und dort auf der Treppe stellte
sich dann die Ordnung wieder her, nach einem symbolisch
zu nennenden Versuch, ins Innere einzudringen. Die
Polizisten hatten wirklich Angst, man hätte sie nicht
alarmieren sollen. Ich filmte damals diese Szenen, und
um Bluff mit Bluff zu begegnen, präsentierte ich sie
dann als Sieg der Bewegung. Aber wenn ich mir diese
Bilder heute ansehe, und sie mit den Berichten der
Polizisten vergleiche, die erzählten, dass sie im Mai
1968 selber Kommissariate angesteckt hätten, so frage
ich mich, ob nicht so mancher unser Siege der 60er Jahre
auf genau dieser selben Ebene lag."
Diese ehrliche und
selbstkritische Analyse ist wohl erst mit dem Abstand
einiger Jahre möglich gewesen. Der Filmautor hinterfragt
Bilder. Das Bild ist nicht mehr selbstverständlich Dokument
einer Situation. Es gibt Kontexte und Wahrheiten, die
– je nach geschichtlichem Zeitpunkt – ein- oder ausgeblendet
werden. Der Autor ist ein Einzelkämpfer geworden. Er
muss keine Rücksicht mehr auf die Parteiraison oder
die Ziele der Bewegung nehmen. Er kann sie sogar kritisieren,
wenn er die viel propagierten "Siege der 60er Jahre"
mit den Fabeleien pseudoradikaler Polizisten vergleicht.
Es scheint sich um politische Gegeninformation zu handeln,
doch in Wirklichkeit geht es um Bluff und Täuschung,
um Finten, Scheinangriffe und Trug. Alles ist ein wenig
doppelbödig geworden, auch die scheinbar so eindeutigen
Bilder – oder sollte ich sagen gerade
die scheinbar so eindeutigen Bilder? Markers Lehre lautet:
Nichts ist eindeutig. Nichts ist einfach.
Im Gegensatz zum
Film von 1967/68 ist Le
fond de l’air est rouge ein Essayfilm, wie er vor
allem in politischen Krisenzeiten entsteht, in denen
die Menschen aus ihren alten Bindungen freigesetzt werden.
"Vielleicht sollte man sagen: ›Zwischenzeit‹, weil
der Optimismus so dumm macht und der Pessimismus so
unbeweglich."[4]
Die Trennung zwischen dem Politischen und dem Privaten,
wie sie die operativen Filme der KPD der 20er Jahre
noch beständig aufrecht erhalten haben, wird im Essayfilm
untergraben.
1977 greift Marker
u.a. eigene früher gedrehte Bilder auf, kommentiert
sie mit dem zeitlichen Abstand neu, schafft noch mit
schlichten, künstlichen Einfärbungen Distanz. 1982 in
Sans Soleil wird die seit dem Drehen vergangene Zeit noch radikaler
am Körper der Bilder selbst sichtbar gemacht: Die Demonstrationsbilder
der 60er Jahre vom Flughafenprojekt Narita werden durch
einen Bildsynthesizer verfremdet, mit wechselnden Farbwerten
geflutet, so dass die Umrisse des Dargestellten sich
auflösen, ausfransen, verformen und das Bild in einer
ständigen, leichten Bewegung halten. Bilder von Demonstranten,
die immer wieder die Fäuste recken, sind durch den inflationären
Gebrauch im Zuge der Gegenöffentlichkeit der 70er Jahre
zur Konvention geronnen, haben sich festgefressen. Ähnliches
gilt für die vielgezeigten Bilder der Kamikaze-Flieger.
Gerade an diesen traumatischen Bildmotiven funktioniert
Markers Verfahren besonders gut. Im Kommentar nennt
er diese Bilder "weniger verlogen", da sie
nichts als "Bilder" sein wollen und nicht
die schon längst unerreichbare, vergangene Form einer
Wirklichkeit.
Wahrhaftig ist für
Marker nur der Blickwinkel des Augenblicks, der als
solcher ausgewiesen wird. Das Bildreservoir aber, das
auf Foto und Film gespeichert ist, hält nicht Schritt
mit dieser Umschrift der Vergangenheit, da es durch
die Abbildgenauigkeit an die Erscheinung des Augenblicks
gebunden bleibt. In den verfremdeten Bildern zeigt Marker
den unumgänglichen Abstand zu dem unmittelbaren Ereignis,
den unser Gedächtnis inzwischen längst, als unbewusste
Not-Operation, eingenommen hat: die Abdrift der Bilder.
Auch Markers Darstellung von Macht bzw. Ohnmacht der
aktuellen Demonstranten angesichts des inzwischen gebauten
Flughafens ist von der Souveränität eines unabhängigen
Geistes gekennzeichnet, für den das Ergebnis des Konflikts
nicht das einzige Kriterium ist: "Der Kampf war
am Konkreten gescheitert. Gleichzeitig hätten sie alles,
was sie an Einsicht ins Weltgeschehen und an Selbsterkenntnis
gewonnen hatten, durch nichts anderes als den Kampf
erwerben können."
In Deutschland erschütterten
die Ereignisse vom Herbst 1977 das optimistische Szenario
der "Gegenöffentlichkeit", wie es in der
68er-Bewegung vertreten wurde und der zufolge ein Filmemacher
für ein konkretes Publikum arbeitet, als Medium im
Dienst einer Sache. Nicht zufällig markiert der essayistische
Kollektivfilm Deutschland im Herbst (D 1978) die gewachsene Empfindlichkeit für
die Inszenierung der Realität, zwischen Schleyer-Beerdigung
und dem Terroristen-Begräbnis. Nicht zufällig nimmt
das Misstrauen in das, was die offizielle Sprachregelung
als "Realität" bezeichnet, ihren Ausgangspunkt
im "deutschen Herbst". Nicht zufällig vollzieht
sich seit dieser Zeit im Film eine zunehmende Aufwertung
des Autors und der subjektiven Filmform hin zum Essayfilm.
Der Rückzug in eine "innere Öffentlichkeit",
wie man ihn als Reaktion auf die Todesnachrichten aus
Stammheim beschrieben hat, vollzieht sich unter den
Bedingungen von Nachrichtensperre und urplötzlichem
Informationsfluss. Die verbreitete Hilflosigkeit und
Unsicherheit gegenüber den offiziellen und inoffiziellen
Darstellungen führt dazu, dass man nur noch bei sich
selber Geborgenheit, Gelassenheit und den "Rhythmus
selbstbestimmter Wahrheitssuche" findet.
Nur vor diesem Hintergrund
ist z.B. Alexander Kluges scharfe Kritik an der Zeichenhaftigkeit
von Bildern zu verstehen, wie sie das Fernsehen vermittelt:
Paraden, Politiker-Rituale, inszenierte Öffentlichkeit.
In dem von Kluge, Böll, Aust und Schlöndorff gedrehten
Kollektivfilm Krieg
und Frieden (D 1982/83) entwickeln sie Gegenstrategien.
Indem z.B. solche Ereignisse "vom Rande her"
aufgenommen werden. Die zur Konvention geronnene Tagesschauaufnahme
eines anreisenden Politikers, der aus dem Flugzeug steigt
und über einen Roten Teppich schreitet, wird hier vom
Rande des Geschehens, aus der Sicht des Personals,
gezeigt: Hubschrauber mit europäischen und amerikanischen
Spitzenpolitikern landen in schneller Folge. Indem sich
der Film auf die jeweils erneut den Teppich ausrollenden
Helfer konzentriert, die – ebenso wie die anwesende
Presse – unter den Luftverwirbelungen leiden, wird die
Inszenierung des Rituals deutlich und zugleich dem
Spott preisgegeben.
Ein "von Rand
her" arbeitendes Verfahren lässt also die Kamera
auf den Nebenschauplatz blicken, dreht sie regelrecht
um, um z.B. auf die fotografierende Presse zu schauen.
In dem Moment, wo sich die offiziellen Kameras des
Staatsfernsehens einschalten, schalten diese Kameras
der Gegeninformation aus. Das klassische Zentrum, das
"Hauptstück", wird nicht gefilmt. Dafür aber
davor und danach. Das Aufbauen, das Abbauen, eben der
Rand des Geschehens. Der Kommentar gibt zusätzlich recherchierte
Informationen, etwa dass die Landung der Hubschrauber
in der Reihenfolge des Bruttosozialprodukts der Staatoberhäupter
erfolgt. Für eine gelungene Gegeninformation sind heute
Vorbereitung (z.B. die Akkreditierung als Journalist)
und Nachbereitung (nachträgliche Recherche von Informationen)
unerlässlich geworden. Die Zeiten eines einfachen solidarischen
Begleitens der gesellschaftlichen Bewegung sind ein
für alle mal vorbei.
Das gleiche Verfahren
wenden die Autoren aber übrigens auch auf konventionalisierte
Bilder der Demonstrationen an. Die Großdemo der Friedensbewegung
mit 300.000 Teilnehmern in Bonn wird aus der Sicht der
"Toilettenmänner" geschildert. In einem anliegenden
Edelhotel regeln mehrere Hotelangestellte umständlich
den Zugang der Demonstranten zu den Toiletten. Die Schlangen
vor der Tür sagen ebenso viel über den zahlenmäßigen
Erfolg der Demonstration aus wie die konventionellen
Platztotalen oder die Verlautbarungen über die Teilnehmerzahlen.
Auch Johan van der
Keuken dreht zumindest in einigen Passagen "vom
Rande her". In Der flache Dschungel (NL 1978) sehen und hören wir ein Gespräch des
hinter der Kamera befindlichen Filmautors mit einem
Gewerkschafter, der die gesundheitsbedrohende Expansion
der Industrie an der Küste zu rechtfertigen sucht. Für
das Prinzip der Gegeninformation fällt zunächst auf,
dass van der Keuken den Gewerkschafter nicht einfach
reden lässt, sondern mit ihm argumentiert, ihm mit harten
Fragen regelrecht zusetzt ("Wo bleibt denn da
der Sozialismus, wenn man dem Unternehmer so hinterherläuft?").
Für so ein – mit großer Geistesgegenwart geführtes –
Argumentationsgespräch muss allerdings der Filmemacher
gut vorbereitet sein und in der Lage, seinem Gesprächspartner
Paroli zu bieten. Marcel Ophüls etwa beherrscht das
perfekt; eine gewisse Souveränität, eine schauspielerische
und eventuell sogar physische Präsenz gehört allerdings
dazu.[5]
In van der Keukens
Fall ist allerdings der Gewerkschafter das "kleine
Würstchen", der sich merklich unter dem Druck der
Fragen windet, zugleich aber als verantwortlicher Gewerkschafter
eine Machtfigur ist und eine bedeutende Institution
vertritt (an deren Tradition und Verantwortung van der
Keuken durch ein Insert und einen Schwenk auf ein Gewerkschaftsplakat
"90 Jahre Kampf" hinweist). Nachdem der Gewerkschafter
in einem vielleicht fünf Minuten dauernden Gespräch
als Büttel der Unternehmer geoutet wurde, macht van
der Keuken etwas Unerwartetes: Er fügt noch eine Minute
an, in der man den Gewerkschafter nicht in seiner beruflichen
Funktion erlebt, sondern als Privatier, der während
der Autofahrt laut singt, als Sohn, der seine auf dem
Land lebenden alten Eltern einmal wöchentlich besucht
und mit ihnen Hühner füttert. Auch das gehört zu einem
"vom Rande her" arbeitenden Verfahren: Das
dargestellte Zentrum – der Beruf und die Funktion und
Macht als Gewerkschafter – wird (zumindest für
einen Moment) durch die anderen Seiten der Persönlichkeit
ergänzt. Van der Keuken schwächt dadurch keinesfalls
seine Argumentation, nimmt aber den Menschen in Schutz.
Schauspielerische
Präsenz, Witz und Schlagfertigkeit weist auch Michael
Moore in Roger and me (1989) auf, man hat ihn gar als "politischen Stand-up-Comedian"
bezeichnet. Moore versucht in seinem Film Roger Smith,
den damaligen Chef von General Motors, zur Rede zu stellen,
der in Moores Heimatstadt Flint 30.000 Arbeitsplätze
gestrichen hatte. Natürlich wird Moore in diesem ungleichem
Duell zwischen David und Goliath ständig abgewiesen.
Doch im Finale kommt es doch zu einer – per Montage
hergestellten – Begegnung des Konzernobersten
mit den Opfern seiner Entscheidung: Eine selbstgerechte,
salbadernde Weihnachtsrede vor Aktionären wird mit einer
gleichzeitigen Zwangsräumung in Flint parallel montiert.
Die mehrköpfige Familie konnte Schulden in Höhe von
150 $ nicht mehr zahlen und räumt nun ihre Habseligkeiten
Stück um Stück auf einen Wagen. Stammt das Verfahren
der politischen Parallelmontage auch aus dem Anfang
des Jahrhunderts (etwa im Dokument von Shanghai), so hat es noch lange nicht ausgedient.
Filme der Gegeninformation
von heute zeichnen sich durch ein umfangreiches Arsenal
an Stilmitteln aus: Selbstkritik, Bluff, Ironie, Witz,
der Blick vom Rande auf das Geschehen, die Briefform,
dialogische Filmformen.
Behandelte
Filme:
Schanchaiski
dokument (Das Dokument von
Shanghai, SU 1928, 60’) – Jakow Blioch
Blutmai
(D 1929, 12‘) – Phil Jutzi
Zwei
Welten (D 1930, 15’) –
Werner Hochbaum
Le
fond de l‘air est rouge
(Rot ist die blaue Luft, F 1977, 179’) – Chris
Marker
Sans
Soleil
(F 1982, 100’) – Chris Marker
Krieg
und Frieden (D 1982/83,
107’) – Kluge, Böll, Aust, Schlöndorf
De
platte Jungle (Der flache
Dschungel, NL 1978, 90‘) – Johan van der Keuken
Roger
and me (USA 1989, 90‘) –
Michael Moore
Der
Renegat Nr. 2 (D 1995, 97’)
– Abbildungszentrum
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