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republicart Manifesto
Gerald Raunig, [07/08 2002]
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"Ein wirkungsvoller Begriff des postmodernen Republikanismus wird nur au milieu zu bestimmen sein, auf der Grundlage der gelebten Erfahrung der globalen Multitude." (Michael Hardt/Antonio Negri)

Republik zielt nicht auf die Reform einer Staatsform, auf Überlegungen zu einer Rettung des in die Krise geratenen Nationalstaates oder zu dessen Transformation in einen oder mehrere Superstaaten. Im Blickpunkt unserer Untersuchungen stehen die konkreten Erfahrungen von nicht-repräsentationistischen Praxen, die konstituierenden Aktivitäten vor allem in den Bewegungen gegen die ökonomische Globalisierung. Die Kunst der res publica soll dabei nicht implizieren, mit revolutionär-romantischem Pathos die Gründung einer neuen globalen Gemeinschaft zu bejubeln. Es geht um die experimentellen Formen von Organisierung, die sich im Kleinen und meist in prekären und zeitlich begrenzten Situationen entwickeln, die neue Modi der Selbstorganisation und deren Verkettung mit anderen Experimenten erproben. Die "organisierende Funktion" der Kunst (Walter Benjamin) schafft sich neue Räume in den überlappenden Nachbarschaftszonen zu politischem Aktivismus und Theorieproduktion.


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"Wir erleben eine Politisierung, die viel radikaler als jede uns bisher bekannte ist, weil sie dazu tendiert, die Unterscheidung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten aufzulösen - nicht im Sinne des Eingriffs in das Private durch einen einheitlichen öffentlichen Raum, sondern im Sinne einer Vermehrung radikal neuer und verschiedener politischer Räume." (Ernesto Laclau/Chantal Mouffe)

Öffentlichkeit ist weder vorgängige Substanz noch unveränderliches Terrain. Was zählt, ist nicht das Einklagen oder auch nur die Vorstellung einer einzigen Öffentlichkeit (sei sie nun eine exklusive für privilegierte Schichten, sei sie eine allumfassende Metaöffentlichkeit), sondern die permanente Konstituierung von pluralen Öffentlichkeiten, die den vielen Facetten der Multitude entsprechen: eine Vielheit von Öffentlichkeiten, nicht statisch gedacht, sondern als bewegliche Produkte artikulatorischer und emanzipatorischer Praxen.

In solchen raumzeitlichen Situationen wird das Differente in Bezug zum Differenten gebracht, wird die Voraussetzung geschaffen, dass differente Positionen zum Austausch kommen. Die Grenzen solcher Räume sind durchlässig, sie selbst dadurch weder exklusiv-ausschließend noch inklusiv-vereinheitlichend.

Es geht also nicht um die konsensuelle Identitarisierung von Öffentlichkeit, sondern um deren konfliktuelle Öffnung. Es geht nicht um Homogenisierung und totale Transparenz, sondern um Konflikt in Permanenz, die ständige Neuverhandlung differenter Positionen. Ein Publicum als konsumierend-voyeuristische Figur ist hier undenkbar, gegen die Rezeption des Spektakels setzt sich die Produktion singulärer Ereignisse, gegen die "Person der Öffentlichkeit" eine Pluralisierung der Subjektivierungsweisen.


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Public Art boomte schon zu Beginn der 90er Jahre in vielfältigen Spielarten: partizipatorische Praxen, Community Arts, New Genre Public Art, Kommunikationsguerilla, konkrete Intervention, Aktivismus etc. brachten eine Verschiebung der künstlerischen Interessen von Erkenntnisfragen auf soziale und politische Aktivitäten. Statt Objekten traten temporäre Projekte in den Vordergrund, statt EinzelkünstlerInnen Communities, statt Kunstkonsum Partizipation.

Ab der Mitte der 90er häuften sich kritische Stimmen, die diesen politischen Kunstpraxen vorwarfen, depolitisierend zu wirken oder reformistisch an der Durchsetzung neuer Formen der neoliberalen Expansion mitzuwirken. Als Argumente angeführt wurden u.a.: die zweifelhafte Funktion der Projekte in Prozessen der Gentrification oder im Verschleiern des Rückbaus sozialstaatlicher Strukturen, die Vereinnahmung als Mittel der Tourismuswerbung zugunsten der Aufwertung von Städte-Image, die Instrumentalisierung der Differenz von marginalen Themen und Gruppen, die Rückkehr des "Künstler-Vaters" durch die Hintertür. Als Teilaspekt und Effekt dieser kritizistischen Welle kam es auch im Kunst-Mainstream zu einem merklichen Backlash, einem Rückzug in die alten Räume, einer Rückkehr zu den Fragen von Erkenntnis und Erfahrung in der Rezeption.

Nun lassen sich Anzeichen eines neuerlichen Umschwungs bemerken. Was den Praxen der 90er gefehlt hat, scheint in einer neuen Situation gegeben: die Einbettung in einen größeren Kontext, die Anknüpfung an soziale Bewegungen. In Zusammenhang mit den heterogenen Formen der Kritik an der ökonomischen Globalisierung scheint sich eine Transformation der alten Formen von Interventionskunst und die Entstehung neuer Praxen anzukündigen. Das Wieder-Öffentlich-Werden von Kunst im Kontext politischer Bewegungen zeichnet sich ab. Um die Themenbereiche und aktivistischen Stränge von Globalisierung, Grenzregimes und Migration entstehen die Bedingungen dafür, dass "revolutionäre Maschine, Kunst-Maschine und analytische Maschine wechselseitig Bestandteile und Räder voneinander werden" (Gilles Deleuze/Félix Guattari).

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